Witt | Winterwundenland | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 500 Seiten

Witt Winterwundenland

Angst ist ein Weihnachtsgefühl
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-5429-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Angst ist ein Weihnachtsgefühl

E-Book, Deutsch, 500 Seiten

ISBN: 978-3-6951-5429-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



24 Geschichten voll festlicher Furcht Weihnachten. Das ist Geborgenheit, Vorfreude, Vertrautheit ... und das furchtsame, verdrängte Warten auf den unausweichlichen Moment, wenn niemand mehr bei dir ist, außer der Dunkelheit. Folge mir in 24 Geschichten in die Lücken der Harmonie: Zu entlaubten Tannen, gefrorenen Herzen und vergessenen Türchen, hinter denen sich alles verbirgt - nur keine Schokolade.

Seit 2016 schreibt Christian Witt (auch unter dem Pseudonym "Angstkreis Creepypasta") Kurzgeschichten und Romane irgendwo in der Twilight Zone zwischen Horror, Dark Fantasy und Sci-Fi, garniert mit philosophischen oder gesellschaftlichen Überlegungen über Dystopien, Utopien und das allgemeine (Un)Menschsein. Neben den Romanen "Knochenwald" und "Hüter des Verfalls" und der Kurzgeschichtenreihe "Angstlust" gilt sein Herzblut vor allem der Fortgeschritten-Saga um den Dimensionsreisenden "Adrian".
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NICHT WIE BESTELLT


Was für eine Unverschämtheit. Ja, ich weiß, es ist Weihnachtszeit und alle tun immer so, als wäre das ein unplanbarer Ausnahmezustand. Aber fuck it! Wenn ich von meinem Chef eine Deadline kriege, muss ich mich da auch daran halten. Außerdem habe ich dieses blöde Geschenk immerhin schon vor einer Woche bestellt und heute, am Samstag, den 22. Dezember um 17:32 Uhr muss ich noch immer darauf warten. Während meine Freundinnen sich entspannt auf dem Weihnachtsmarkt ihren Glühwein kippen, muss ich zu Hause bleiben, Däumchen drehen und darauf warten, dass dieser vollkommen inkompetente Furz von einem Paketboten mich mit seiner Anwesenheit beehrt. Vielen Dank auch! Wenn diese verfluchte Bluray-Box für Thomas heute nicht kommt, bin ich echt am Arsch.

Ich kenne diesen Kerl erst seit ein paar Monaten und das wird unser erstes gemeinsames Weihnachten. Wenn ich da ohne Geschenk auftauche, war’s das. Morgen ist Sonntag und damit mich am Heiligen Abend durch die Geschäfte zu kämpfen, brauch ich es gar nicht erst zu versuchen. Dort gibt es garantiert nichts, was ihn auch nur im Ansatz interessieren würde oder was er nicht längst schon hätte. Selbst online musste ich mir die Finger wund suchen. Aaarrgh! Es ist echt zum Kotzen. Dabei hätte ich das Paket bereits am Dienstag erhalten sollen. Das hat zumindest die Sendungsverfolgung behauptet. Aber dieser versoffene Paketbote hat genau einmal geklingelt und das ausgerechnet, als ich gerade auf dem Klo war. Als ich mit halb hochgezogener Hose zur Tür gestürmt war, war er auch schon wieder verschwunden. Echt fantastisch. Halleluja! Süßer die Glocken nie klingen.

Jedenfalls hatte ich dem ‘ne gepfefferte E-Mail geschrieben. Also natürlich nicht ihm persönlich. Seine Adresse hatte ich ja nicht. Aber an den Paketdienst, mit der Bitte, diese Worte an den Typen weiterzuleiten, der am Dienstag um 11:48 Uhr nicht in der Lage war, eine Klingel mehr als einmal zu betätigen. An den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr, aber die Mail ging ungefähr so:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

ich weiß, dass es schwer ist, gutes Personal zu finden. Aber wenn sie jetzt schon den degenerierten Matsch aus dem Rinnstein in eine Uniform stecken und ihm Pakete in die Hand drücken müssen, muss es schlimmer um sie stehen, als ich dachte. Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären, wie ihr sogenannter Paketbote sich nach nur einmaligem Klingeln mit Lichtgeschwindigkeit wieder aus dem Staub machen konnte. Vielleicht irre ich mich ja auch und das war gar kein Zustellversuch, sondern ein lustiger Klingelstreich. Ich jedenfalls habe nicht gelacht.

Falls das alles wirklich ernst gemeint war, könnte man natürlich auch annehmen, dass ihr Bote einfach nur Angst vor Kunden hat. Vielleicht hat er ja auch die letzten Jahrzehnte in einer Höhle im tiefsten Wald gelebt und vergessen, wie Menschen aussehen oder dass diese lauten Dinger mit den schrillen Stimmen ihn nicht fressen wollen. In diesem Fall sollten sie es mal mit einem guten Psychologen versuchen oder besser noch: diese Ausgeburt an Unfähigkeit hochkant rauswerfen!

Ich verlange jedenfalls von Ihnen, dass Sie diese Nachricht an Ihren sogenannten „Mitarbeiter“ weiterleiten, und vor allem verlange ich, dass ich mein Paket noch vor Weihnachten bekomme, und wenn Sie dafür Santa Claus auf seinem Schlitten durch meinen Schornstein prügeln müssen.

Hochachtungsvoll
Caroline Liefert“

Allein der Gedanke daran, wie dieser Vollidiot meine Worte las und sich tierisch darüber aufregte, erfüllte mich mit Genugtuung und war – neben dem heißen Kakao mit Schuss auf meinem Schoß – der einzige Grund, aus dem meine Laune noch nicht vollkommen auf dem Tiefpunkt angekommen war.

Dennoch wurde es höchste Zeit, dass das Paket endlich eintraf. Draußen war es bereits dunkel geworden und zumindest ein mäßiger Schneefall mit feinen Flocken hatte eingesetzt. Vor meinen beiden großen Fenstern gingen immer mal wieder Menschen vorüber, die ihren Weihnachtsbesorgungen nachgingen oder die einfach die winterliche Atmosphäre genossen. Man konnte die beiden Gruppen leicht unterscheiden. Letztere hatten die Hände frei und wirkten relativ entspannt, erstere waren schlecht gelaunt und konnten vor lauter Tüten kaum laufen.

Ich hingegen hatte es mir auf meinem Sessel bequem gemacht. Der Baum war bereits mit sauteuren aber extrem schicken roten und goldenen Designer-Kugeln geschmückt, die Fenster mit Lichterketten dekoriert und im Ofen warteten ein paar Bratäpfel darauf, verzehrt zu werden, die bereits ihren verführerischen Duft verströmten. Auf Weihnachtsmusik musste ich hingegen verzichten, um die Klingel nicht zu überhören. Auch meinen Toilettengang verkniff ich mir jetzt schon seit gefühlten vier Stunden. Verdammt, ich traute mich nicht einmal, meine Social-Media-Accounts zu checken oder auch nur ein Buch zu lesen, aus Angst, mich zu sehr darin zu vertiefen.

Ich sah erneut auf mein Display. 17:43 Uhr. Normalerweise wurden die Pakete am Samstag nur bis 18 Uhr zugestellt. Die Wahrscheinlichkeit, dass man mich wieder versetzen würde, wuchs mit jeder Minute. Ich ertappte mich dabei, wie ich inzwischen schon die Sekunden halblaut mitzählte und meine Finger sich in einer Mischung aus Nervosität und Wut in die Lehne meines weißen Ledersessels krallten.

Genau 36 Sekunden danach klingelte es tatsächlich. Vor lauter Schreck fiel mir die Kakaotasse aus der Hand, zerschellte scheppernd auf dem Boden und verursachte einen hässlichen braunen Fleck auf meinem blütenweißen Teppichboden. All das nahm ich jedoch nur am Rande wahr, denn ich rannte einfach nur wie ein Wahnsinniger auf die Tür zu und zog sie auf, bereit, demjenigen, der dahinter warten würde, all meinen Frust ins Gesicht zu kotzen und …

Aber hinter der Haustür wartete … niemand. Absolut niemand. Hektisch stürmte ich aus dem Haus und blickte links und rechts die verschneite, von Laternen erleuchtete Straße hinunter, wobei ich mich beinah auf die Nase gelegt hätte. Aber auch dort konnte ich keine Menschenseele entdecken. Ich sah zur anderen Straßenseite, doch dort ging lediglich ein alter Mann mit seinem Hund Gassi, dem ich ganz bestimmt nicht zutrauen würde, mal eben bei mir zu klingen, und sich dann direkt wieder zu verziehen. Unter anderen Umständen hätte ich angenommen, dass der Klingelterrorist in irgendeiner schmalen Seitengasse verschwunden oder in sein Auto gestiegen wäre, aber die nächste Querstraße war recht weit entfernt und die einzigen beiden Fahrzeuge, die ich sah, bewegten sich auf mich zu, nicht von mir weg.

Nachdem ich noch einige Sekunden ratlos in der Kälte gestanden hatte, ohne auf eine logische Erklärung zu stoßen, beschloss ich, einfach wieder reinzugehen. Gab es nicht auch Magier, die Tricks aufführten, die auf den ersten Blick nicht zu durchschauen waren, sich aber letztendlich immer als nichts weiter als gut durchdachte Blendwerke entpuppten? Gerade zur Weihnachtszeit waren ja eh genug Spinner unterwegs und einer davon lachte sich wahrscheinlich gerade scheckig über mich. Tatsache war, dass ich jetzt das Desaster auf meinem Teppich beseitigen musste. Mein Paket konnte ich wahrscheinlich wirklich …

Moment, was war das? Auf der Schwelle meiner Haustür lag etwas. Im Dunkeln konnte ich es nicht direkt einordnen, aber als ich mich herunterbeugte, entdeckte ich, dass es sich in der Tat um ein Paket handelte. Allerdings war es deutlich zu klein, um alle acht Staffeln von „Dinosaur Warrior“ in der limitierten Director’s Cut Edition zu beherbergen. Es war quadratisch, pechschwarz und maß gerade einmal zehn Zentimeter in Höhe, Breite und Tiefe und erinnerte mich an eines dieser Kästchen, in denen man Ringe aufbewahrte. Einen Poststempel, eine Adresse oder eine sonstige Kennzeichnung besaß es nicht.

Was konnte das nur sein? Womöglich war auch das Teil des Streiches. Vielleicht fand sich darin ein Springteufel, Juckpulver, eine Stinkbombe oder irgendein anderer infantiler Witz. Einen Moment lang dachte ich darüber nach, das Päckchen einfach in den Müll zu pfeffern, aber dafür war meine Neugier dann doch zu stark.

Also hob ich das Paket – welches unerwartet schwer war – vorsichtig auf, schloss die Tür und stellte es auf den Wohnzimmertisch, vor dem sich inzwischen eine eindrucksvolle, hässliche, braune Kakaopfütze ausgebreitet hatte. Keine Ahnung, ob ich das je wieder wegbekommen würde. Notfalls musste ich am Montag wohl einfach einen Teppich kaufen, um diese Sauerei zu kaschieren. Zunächst einmal aber konzentrierte ich mich voll und ganz auf meine unerwartete Lieferung.

Das kleine Paket lag ruhig und harmlos auf dem Marmortisch und doch beugte ich mich so vorsichtig darüber, als würde es sich um eine schlafende Giftschlange handeln. Mit spitzen Fingern hob ich den Deckel ein wenig an, zögerte noch einen Moment und hob ihn dann ganz herunter, wobei ich ihn sofort wieder auf den Tisch fallen ließ und hektisch zurücksprang in Erwartung irgendeiner lauten oder stinkenden Überraschung. Aber nichts davon passierte. Also trat ich wieder vor und beugte mich langsam über die geöffnete Schachtel.

In ihrem Inneren lag eine Christbaumkugel. Auch sie war schwarz, aber...



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