Wittekindt | Der Unfall in der Rue Bisson | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Wittekindt Der Unfall in der Rue Bisson


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-96054-019-9
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-96054-019-9
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein literarischer Krimi über die Unschärfen der Wahrheit - der neue Roman des Krimipreisträgers Matthias Wittekindt! Ein betrunkener Fahrer, Regen, eine alte Straße mit wassergefüllten Spurrillen. In der Rue Bisson hat es einen tödlichen Autounfall gegeben. Doch war es wirklich ein Unfall? Warum ist Michel Descombes so schnell gefahren, als sei er auf der Flucht? Lieutenant Ohayon beginnt, im Freundeskreis des Fahrers zu ermitteln. Diese Leute gehören zu den Gewinnern im aufstrebenden Fleurville: Sie treffen sich regelmäßig zu Sport und Drinks im Lacombe, dem exklusivsten Club der Stadt. Sie arbeiten als Makler, Versicherer, Psychiater, eine hat ein Tonstudio. Ganz offenbar die typische aufstrebende Schickeria, aber was wissen sie selbst über sich, über einander, und was davon geben sie preis? Und was bereitet Alain Chartier, dem besten Freund des Toten, solche Sorgen, dass sein Leben aus der Spur zu geraten scheint wie Michels Auto? Einige Leute aus dem Kreis scheinen sofort verdächtig, aber schon bald ist nichts mehr so, wie es zuerst schien in diesem Gespinst aus Spekulationen, aus Freundschaftsdiensten und Angst vor Gesichtsverlust, in dem sich selbst Ohayons Intuition zu verheddern droht. Und der allwissende Erzähler ist zwar kommentierfreudig, aber eher unzuverlässig. Wittekindt'sche Unschärfenarration at its best!

Matthias Wittekindt wurde 1958 in Bonn geboren. Nach dem Studium der Architektur und Religionsphilosophie arbeitete er in Berlin und London als Architekt. Es folgten einige Jahre als Theaterregisseur. Seit 2000 ist er als freier Autor tätig, schreibt u.a. Radio-Tatorte für den NDR. Für seine Hörspiele, Fernseh-Dokumentationen und Theaterstücke wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2004 erschien sein Romandebut 'Sog' (Eichborn), bei Nautilus hat er die Kriminalromane 'Schneeschwestern' (2011), 'Marmormänner' (2013), 'Ein Licht im Zimmer' (2014), 'Der Unfall in der Rue Bisson' (2016) und 'Die Tankstelle von Courcelles' (2018) veröffentlicht. Für 'Marmormänner' wurde Matthias Wittekindt mit dem 3. Platz des Deutschen Krimipreises 2014 ausgezeichnet.
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Am Freitagabend um zehn nach sieben ist noch nichts entschieden.

Alain hat zwei Stunden lang gegen June Tennis gespielt. In der Halle des , denn draußen regnet es in Strömen.

Die Frauen aus seinem Freundeskreis verstehen nicht, warum er ausgerechnet mit ihr so regelmäßig spielt. June ist weder schön noch auffallend geistreich und selten von irgendetwas zu begeistern. So spielt sie auch Tennis. Mit einer Zähigkeit, die ihre Gegner am Ende einfach zermürbt. Alain tritt gegen keine lieber an als gegen sie.

Beim Duschen nach dem Spiel spürt er, wie sein Herz das Blut durch die Adern drückt, wie schnell sich sein Körper von der Anstrengung erholt. Einen Moment lang fühlt er sich aus allem herausgehoben, ja beinahe unsterblich.

Nach dem Duschen trocknet er sich ab, was er stets etwas hastiger tut als die anderen Männer. Obwohl er gut aussieht und einen durchtrainierten Körper hat, wäre er niemals auf die Idee gekommen, sich langsam abzutrocknen, sich womöglich ein paar Sekunden lang unverhüllt zu zeigen. Manche tun so was ja gerne.

Vielleicht hängt sein scheues Benehmen damit zusammen, dass er jünger ist als die meisten Männer, die ins gehen, um sich auszupowern. Vor zwei Wochen ist er 28 geworden, wirkt aber eher wie Anfang 20. Dazu kommt, dass Alain eher weibliche Gesichtszüge hat. Wohl deshalb trägt er immer teure und geschäftsmäßige Anzüge. Solche, wie nur Männer sie tragen. Seine Schuhe sind noch edler, wobei er stets welche wählt, die ausgesprochen rustikal wirken.

Nachdem er sich angezogen hat, blickt Alain durch ein Fenster nach draußen. Viel ist nicht zu sehen, denn es wird bereits dunkel. Es ist kurz vor Ostern, die Möglichkeit eines vorgezogenen Frühlings hatte sich Mitte März angedeutet, doch es war wieder kälter geworden. Jetzt regnet es seit Tagen bei Temperaturen um die zehn Grad, und die Böden sind so vollgesogen, dass nichts mehr versickert. Auf den gepflügten Äckern hat er von der Straße aus große Wasserflächen gesehen. Wasser sammelt sich auch in den selten bepflanzten Balkonkästen der Cité Nord, auf den geteerten Flachdächern und in den Spurrillen älterer Straßen.

Es ist jetzt Viertel nach sieben.

Nachdem Alain sich angezogen und sorgfältig gekämmt hat, geht er ins , eine Mischung aus Restaurant und Kneipe, zu der nur Mitglieder des Zugang haben. Eine gut gekleidete Frau, die er nicht kennt, kommt an seinen Tisch, beginnt ein Gespräch. Dabei zeigt sie nach draußen und sagt, es würde wohl noch ein paar Tage so weitergehen mit dem Regen. Alain bleibt wie immer höflich, gibt ihr aber, als sie das Gespräch in eine andere Richtung lenkt, zu verstehen, dass er an einer näheren Bekanntschaft nicht interessiert ist.

Um zwanzig nach sieben kommt sein Freund Michel und setzt sich zu ihm. Sie bestellen zwei Bier, und Alain fragt, ob sie nicht noch zum Bahnhof gehen sollen. Michel hat keine Lust. Also trinken sie. Später kommen noch Nina und ein paar aus dem Freundeskreis. Yvonne sitzt alleine an der Bar, was sie sonst nicht tut, und Nina erzählt etwas Lustiges, über das auch gelacht wird. Alain lacht nicht über Ninas Geschichte. Vielleicht hat sie zu viel getrunken. Er findet jedenfalls, dass sie ein bisschen merkwürdig, ein bisschen überdreht ist.

Und doch hat nichts auf eine Bedrohung hingedeutet.

Wäre Alain unter normalen Umständen drei Tage später nach dem Abend befragt worden, er hätte vermutlich gesagt, es sei wie immer gewesen. Zehn Tage später hätte er sich möglicherweise an nichts mehr erinnert.

Es geht alles zu schnell.

Weil sie wütend ist. Auf eine Art, die ihr guttut, denn sie hat sich durchgesetzt und ist dabei, in Ordnung zu bringen, was sie angerichtet hat.

Wie gut, dass sie sofort gehandelt und sich reingestürzt hat, denn sie kennt sich. Wenn sie erst mal damit begonnen hätte, alles abzuwägen, die Gefühle der anderen, die Gefahren, die Möglichkeit zum Beispiel, dass am Ende die Polizei vor ihrer Tür steht, hätte sie angefangen zu zweifeln und am Ende nichts unternommen. Yvonne gehört zu den Frauen, die sich auf ihre Intelligenz verlassen, auf ihre Fähigkeit zu kommunizieren. Aggressiv eingreifen, das gehört für gewöhnlich nicht zu ihrem Repertoire. Wie hat sie neulich gesagt: ›Es mag Frauen geben, die stolz darauf sind, sich bei allem durchzusetzen. Ich gehöre nicht zu der Sorte.‹

Ein paar Tage noch, dann ist Ostern. Sie wird eine Freundin besuchen. Das ist lange abgemacht und wird, da ist sie sich sicher, auch stattfinden. Wir denken uns ja oft ganz unbesorgt in eine konkrete Zukunft hinein. Wahrscheinlich wird sie ihrer Freundin wieder einen Korb mit blühenden Pflanzen mitbringen, weil die einen Garten hat. Sie wird auch dem Sohn ihrer Freundin etwas mitbringen, denn sie ist seine Patentante. Sie selbst hat noch keine Kinder, aber sie ist auch erst 29. Trotzdem hat sie zu dem Sohn ihrer Freundin ein so nahes Verhältnis, kümmert sich so liebevoll um ihn, als würde sie schon jetzt wissen, dass sie nie Kinder haben wird. Solche Vorahnungen hat sie manchmal. Und niemand rechnet natürlich damit, dass ein Leben mitten im Normalen auf einmal zu Ende sein könnte.

Ihr Zorn hat Einfluss auf die Geschwindigkeit, und im Moment denkt sie weder an Ostern, noch an ihr Patenkind und schon gar nicht an den Tod. Alles in Yvonnes Kopf geht wahnsinnig schnell, aber natürlich wägt sie auch in diesem Tempo noch immer Möglichkeiten ab. Möglichkeiten, in denen die Polizei eine zwar ungenaue, aber doch bedrohliche Rolle spielt.

Rot. Man sieht ihr Auto trotz des Regens. Sie hat die Scheinwerfer eingeschaltet. Deren Licht sieht man im Regen. Deren Licht sogar am besten.

Sie steuert ihren Alfa Romeo auf einen Kreisverkehr zu, sieht dort ein Auto und erschrickt. Sie beschleunigt, schafft es und verlässt den Kreisverkehr gleich an der ersten Ausfahrt.

Die Rue Bisson.

Alleebäume.

Als sie die Scheibenwischer auf eine höhere Stufe stellen will, vertut sie sich und schaltet versehentlich auf die höchste. Die Wischerblätter rasen über die Scheibe, sie sieht nur noch Licht und erschrickt. Wie eben beim Anblick des Autos. Und verliert die Orientierung. Sie schaltet erneut. Zu hastig. Die Scheibenwischer bleiben stehen. Innerhalb von zwei Sekunden sieht sie nichts mehr außer einem wilden Geprassel. Der Tod, ja … Aber doch nicht in diesem Moment. Nur zwei Stufen hoch, nicht drei … Die Zeit kann sich nicht dehnen, aber man hat manchmal das Gefühl, sie täte es. So dauert es erneut eine, vielleicht sogar zwei Sekunden, bis sie den Schalter auf Stufe zwei stellt. Als sie es geschafft hat, sieht sie, dass sie nicht mehr auf der Fahrbahn … es rumpelt schon unter den rechten Rädern, und die Bäume … Gott, wie dumm, nur ein winziger Moment, nur diese dämliche Sache mit dem Schalter für die Scheibenwischer.

Und nun geschieht das Wunder der Gleichzeitigkeit: Sie nimmt, noch während sie ihren Alfa Romeo im letzten Augenblick vom tödlichen Baum wegsteuert … Bitte, oh Gott! … noch während sie es schafft, ihr Leben mit einer blitzschnellen Reaktion zu retten, nimmt sie wahr, dass die Rücklichter des Wagens, den sie verfolgt, sich entfernt haben. Das menschliche Gehirn kann so was: zwei Sachen gleichzeitig. Wir sind Raubtiere. Wir sind auch phantastische Fluchttiere.

Neuer Gedanke.

Sie hat nicht damit gerechnet, dass er flüchten würde. Sie hätte ihn nicht für so dumm gehalten. Das eben – immerhin wäre sie fast gestorben – hat sie abgelenkt, wahrscheinlich ist das der Grund. Sie wird später nicht sagen können, wie viel Zeit vergangen ist, seit sie in ihr Auto stieg. An ein anderes Bild wird sie sich dafür umso genauer erinnern. Das Bild zeigt einen 40 Jahre alten orangefarbenen BMW 2002, der unter einer Traverse steht, an der starke Lampen befestigt sind, deren Licht senkrecht nach unten strahlt. In ihrer Erinnerung wird das Ganze aussehen, als hätte jemand eine weiße Schraffur über ein Foto gelegt. Second Layer. Aber erklärlich. Es regnet wie Sau.

Wie viel Zeit? Sechs Minuten. Oder sieben. Oder nur vier? Und dass sie mit einem Scheibenwischer auf Stufe drei nicht leben konnte und deshalb fast gestorben wäre. Nun, sie lebt, aber das Geschaffte wird bald nicht mehr zählen. Und so wird sich später der unerträgliche Gedanke in ihr breitmachen, dass der Wagen, den sie verfolgte, vielleicht gar nicht beschleunigt hat, sondern dass vielmehr sie selbst, auf Grund der Irritation mit den Scheibenwischern, ein paar Sekunden lang den Fuß vom Gas nahm. Dass sie so gesehen nicht das Recht hatte, ihn zu jagen wie einen Flüchtigen. Aber das alles weiß sie noch nicht. So wenig wie sie weiß, dass sie vom ersten Moment an im Nachteil war. Die Naturgesetze, so komplex sie auch sind, lassen sich Jahr für Jahr genauer berechnen. Man kann sogar Vorhersagen treffen. Welche Entscheidung ein Mensch...


Matthias Wittekindt wurde 1958 in Bonn geboren. Nach dem Studium der Architektur und Religionsphilosophie arbeitete er in Berlin und London als Architekt. Es folgten einige Jahre als Theaterregisseur. Seit 2000 ist er als freier Autor tätig, schreibt u.a. Radio-Tatorte für den NDR. Für seine Hörspiele, Fernseh-Dokumentationen und Theaterstücke wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
2004 erschien sein Romandebut "Sog" (Eichborn), bei Nautilus hat er die Kriminalromane "Schneeschwestern" (2011), "Marmormänner" (2013), "Ein Licht im Zimmer" (2014), "Der Unfall in der Rue Bisson" (2016) und "Die Tankstelle von Courcelles" (2018) veröffentlicht.
Für "Marmormänner" wurde Matthias Wittekindt mit dem 3. Platz des Deutschen Krimipreises 2014 ausgezeichnet.



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