Wittekindt | Die Schu¨lerin | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 368 Seiten

Reihe: Ein Fall von A.D. Manz

Wittekindt Die Schu¨lerin

Ein alter Fall von Kriminaldirektor a. D. Manz
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-311-70314-3
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein alter Fall von Kriminaldirektor a. D. Manz

E-Book, Deutsch, Band 2, 368 Seiten

Reihe: Ein Fall von A.D. Manz

ISBN: 978-3-311-70314-3
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Ihr müsst miteinander reden«, fordert Christine, und Manz weiß: Seine Frau hat recht. Seit Julias Scheidung ist die Stimmung zwischen ihm und seiner jüngsten Tochter eisig. Dabei eifert Julia ihrem Vater beruflich nach: Als Anwältin ist auch sie täglich mit Verbrechen befasst. Um die Wogen zu glätten, erkundigt sich Manz nach Julias Arbeit und stellt fest: Mit ihrer aktuellen Klientin hatte er selbst schon zu tun, in den siebziger Jahren in Berlin. Damals hat diese Sabine Schöffling im Fall eines ermordeten Fünfzehnjährigen eine zweifelhafte Rolle gespielt. Soll Manz seine Tochter warnen? Doch Ratschläge will Julia sicher nicht von ihrem Vater - schon seine Kommentare zur Erziehung von Enkelin Emma sind ihr lästig. Bei Manz selbst setzt die ganze Sache Erinnerungen in Gang: an den Fall, der sich im Umfeld der reformpädagogischen Elisabeth-Rotten-Schule ereignete, an sein damaliges Leben, als Christine gerade mit Julia schwanger war, und an seine eigene Kindheit im Berlin der Nachkriegszeit.

Matthias Wittekindt, geboren 1958 in Bonn, vergisst beim Schreiben oft alles um sich herum. Das passiert ihm in seiner Berliner Stadtwohnung genauso wie im Garten in Schmöckwitz am Zeuthener See, wo er im Sommer gern arbeitet. Doch nicht alles, was Wittekindt für seine Geschichten braucht, fliegt ihm vom See her zu. Seit seinem ersten Roman mit Kriminaldirektor a.D. Manz sieht man ihn regelmäßig im Kriminalgericht Moabit, wo er Strafprozesse verfolgt. »Eine Richterin, die meine Bücher kannte, rief an und sagte: ?Herr Wittekindt, ab nächster Woche verhandeln wir ein Tötungsdelikt. Ich denke, es könnte sich lohnen, wenn Sie sich das mal anhören.?« Und sie lag richtig, es hat sich gelohnt. Aufgewachsen ist Matthias Wittekindt in Hamburg. Nach einem Studium der Architektur und Religionsphilosophie in Berlin und London hat er u. a. als Architekt, Regisseur und Theater- und Hörspielautor gearbeitet. Seit 2011 konzentriert er sich ganz auf seine hochgelobten Kriminalromane. Vor Gericht, der erste Fall für Kriminaldirektor a. D. Manz, stand auf der Shortlist des Crime Cologne Award. Vor Gericht, Die Schülerin und Die rote Jawa wurden auf die Krimibestenliste von Deutschlandfunk Kultur gewählt, Die rote Jawa erreichte Platz 1
Wittekindt Die Schu¨lerin jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


I


Die schreckliche Ente


Schwarz. Drall. Schimmernd. Feucht, aber nicht nass in der Furche.

Nun kommt die Hand. Ein bisschen Bohren, ein bisschen Hebeln und Ziehen, schon ist es geschafft.

Die kommt natürlich sofort aufs Küchenhandtuch.

Der nächste Einstich. Tief, aber nicht endlos tief. Nicht wuchtig und roh. Nicht, wie ein übermütiger Junge es vielleicht machen würde. Die nächste Furche tut sich auf. Wieder greift die Hand in die Tiefe. Tastet. Bohrt ein wenig. Hebelt. Zieht.

Auch die kommt aufs Küchenhandtuch.

Es ist ein routinierter, fast schon mechanischer Vorgang. Und doch macht sich bei jedem Sieg ein kleines Glücksgefühl breit.

So geht es eine ganze Weile. Achtundzwanzig Mal, um genau zu sein. Sooft eben ein Mann seines Alters es noch am Stück schafft. Als Manz sich schließlich aufrichtet, spürt er seinen Rücken. Zum Glück ist es längst nicht mehr so schlimm wie noch vor ein paar Monaten. Da hatte sein Arzt ihm dringlich zu einem operativen Eingriff geraten, und der Gedanke, dass Teile seines Körpers ersetzt werden mussten, kratzte doch spürbar an Manz’ Selbstwertgefühl.

Den Tiefpunkt hatte er Anfang März durchlitten.

»Es fängt schon wieder an«, hatte er damals zu seiner Frau Christine gesagt. »Ich komm nicht mehr runter.«

Am schlimmsten war es immer am Sonntag nach dem Mittagessen.

»Ich komme und komme und komme einfach nicht mehr runter. Ich leg mich hin. Schrecklich, dass einem das Alter so die Lust auf alles verdirbt.«

»Du genießt es aber auch ein bisschen, oder?«, hatte Christine gefragt. Sie hatte ihn dabei nicht mal angesehen und in aller Seelenruhe ihr Messer aufs Fleisch gesetzt.

Am Ende war glücklicherweise keine Operation nötig. Christine war der emotional deutlich gestörte Zustand, die bis in den intimen Bereich wirkende Ermattung und Lustlosigkeit ihres Mannes irgendwann so auf die Nerven gegangen, dass sie sich mit einer Kollegin besprach.

»Er kommt nicht mehr runter.«

»Oh.«

Die Kollegin, die gar nicht mal eine enge Freundin war, riet Christine, und sie war sich ihrer Sache ganz sicher: »Ab zur Krankengymnastik, er muss beweglich werden! Durchlässig. Mehr ist es in der Regel gar nicht bei Männern in dem Alter. Sie müssen wieder durchlässig werden. Und natürlich beweglich.«

»Sagtest du schon.«

»Auf keinen Fall eine verfrühte Operation. Hast du nicht erzählt, dein Mann würde rudern?«

»Viermal die Woche.«

»Und da tut ihm der Rücken weh?«

»Beim Rudern nicht, sagt er.«

»Dann muss auch nichts operiert werden. Eine gute Krankengymnastin kriegt das hin.«

Und so war es gemacht worden. Eigentlich keine große Sache.

»Au, aua! Aufhören! Sie machen mich kaputt!«

»Mal ganz ruhig, Herr Manz. Und bitte genauso atmen, wie ich sagte.«

»Gott!«

»Hören Sie mir zu, Herr Manz?«

»Ja, verdammt!«

»Einatmen. Halten. Ausatmen. Und nicht gleich rumschimpfen, wenn es mal zeckt. Immer aktiv in den Schmerz reingehen. Sind wir so weit?«

»Gott!«

Der Anfang war ein bisschen schwierig gewesen, aber es hatte sich gelohnt. So steht Manz jetzt, gerade mal sieben Monate später, in seinem Garten und erntet Schwarzwurzeln. Eine Arbeit, bei der man sich bücken muss.

Nun, das ist kein Problem mehr für ihn, denn die Krankengymnastin … Diese phantastische Krankengymnastin hat Manz nicht nur geheilt, sondern ihm auch einiges beigebracht.

Wie man vernünftig geht, vernünftig steht. Wie man sich richtig bückt. Wie man dabei die Knie beugt, welche Muskeln man einsetzt, wenn man etwas Schweres hebt. Und vor allem, wie man richtig sitzt.

»Ich sagte , ich sagte nicht Militär.«

Anfangs hat er auf einem großen türkisfarbenen Ball geübt.

Dieses Wort ist für Manz fast schon zu einem Synonym geworden, für

Noch während er schmerzgeplagt und geschwächt war, fing das an. Nach Schwarzwurzeln stand ihm plötzlich der Sinn. Denn Schwarzwurzeln hatte er seinerzeit mit Leidenschaft in der Polizeikantine gegessen.

Das Gesicht, der Körper, ja sogar die Körperhaltung der Frau an der Essensausgabe war in seinem überreizten Geist aufgestiegen. Sie hatte ihm oft eine halbe Kelle extra gegeben.

»Noch einen Schlag helle Soße?«

»Gerne.«

»Zwiebeln?«

»Auch.«

Um seine neu erwachte Lust auf Schwarzwurzeln im Herbst selbst stillen zu können, hat Manz mithilfe seiner Ruderfreunde, Wolfgang, Henning und Theo, die die schweren Arbeiten übernahmen, noch im März dreihundert Quadratmeter hinten in seinem Garten umgegraben und dort Schwarzwurzeln ausgesät. Dazu kamen dann noch Salat, Rüben, Kohlrabi.

»Und meine Astern?«, hatte Christine gefragt, als die Männer begannen zu graben.

Wer im Frühjahr sät, kann im Herbst ernten. Und Manz muss ernten, weil … Er will heute etwas Besonderes kochen. Seine jüngste Tochter, Julia, hat sich angekündigt. Richtig. Zusammen mit Emma, seinem Lieblingsenkelkind.

Aber noch kocht er nicht, noch sticht Manz seinen Spaten mit Bedacht in die Erde, hebelt die von Feuchtigkeit gesättigte Erdmasse vorsichtig auf. Es ist acht Uhr morgens, das Gras ist vom Tau ganz nass, die Elbe dampft seit Tagen.

Als Manz vier Dutzend Schwarzwurzeln ausgegraben und auf seinem Küchenhandtuch abgelegt hat, muss er plötzlich an einen gusseisernen Heizkörper denken.

Er versteht nicht, woher das Bild auf einmal kommt, weiß aber, dass der Heizkörper, den er vor seinem inneren Auge sieht, direkt neben seinem Schreibtisch an der Wand hing.

Aber taucht das Bild des gusseisernen Heizkörpers wirklich in diesem Moment zum ersten Mal auf? Beim Anblick von soeben geernteten Schwarzwurzeln auf einem Küchenhandtuch?

Manz wird sich später fragen, ob er an den gusseisernen Heizkörper bereits bei der Schwarzwurzelernte dachte oder erst

Solche Momente, in denen man auf einmal erkennt, wie grundlegend man sich in einer Sache oder dem Verhältnis zu einer Sache getäuscht hat, kennt jeder. Manz war das zum ersten Mal passiert, als er mit seiner Mutter in den Ferien war.

Es war Anfang der fünfziger Jahre noch üblich, Berliner Kinder zusammen mit ihren Müttern ans Meer zu verschicken.

Ja, und da stand der kleine Manz also am Strand. Ganz friedlich kamen ihm das Meer und die nicht mal kniehohen Wellen vor, die rote, bereits heftig flimmernde Sonne hatte gerade zum ersten Mal das ebenfalls rote Wasser betupft, und … da sah er die Ente. Im Gegenlicht der untergehenden Sonne erkannte er natürlich nur einen Schatten. Den er aber sofort als einen Schwimmring mit Entenkopf identifizierte.

Und diese Ente, die schaukelte nun in den Wellen sanft auf und ab. Immerzu. Sanft auf und ab. Und der kleine Manz wollte unbedingt ran, sie rausholen. Er ging also ins Wasser, während dreißig Meter hinter ihm seine Mutter darauf konzentriert war, die Badesachen einzupacken. Manz konnte damals noch nicht schwimmen, trotzdem wagte er es. Erst bis zum Rand der Badehose, dann ganz vorsichtig weiter, bis zum Bauch, dann noch etwas tiefer, schließlich bis an den Brustkorb. Aber er kam nicht ran, an die Ente. Er kam einfach nicht ran. Zuletzt hatte er gemeint, er könne sie mit seinem Blick lenken, ja fast saugen und dafür sorgen, dass die Aufblasente durch reine Willenskraft näher käme. Es war ein Spiel gewesen. Ein intensives, ein leichtsinniges und … ja, ein bisschen verrückt war es auch. Erstens, sich als Nichtschwimmer so tief reinzutrauen, und zweitens, sich einzubilden, die Ente mit dem Blick kontrollieren zu können. Das ging gut, bis zu dem Moment, da er plötzlich meinte, nicht er würde die Ente ansehen, sondern sie ihn.

Er hatte sich so erschrocken. War aus dem Wasser gestürmt, das ihm auf einmal feindlich und gefährlich vorkam, und dann gleich hin zu seiner Mutter, die gerade mit ihren Knien unter einem gebeugten Rücken die Luftmatratze leer drückte. Hatte er geschrien? , denn dann hätte seine Mutter ja reagiert.

»Mutti …!«

»Gott, du bist ja...


Wittekindt, Matthias
Matthias Wittekindt, geboren 1958 in Bonn, vergisst beim Schreiben oft alles um sich herum. Das passiert ihm in seiner Berliner Stadtwohnung genauso wie im Garten in Schmöckwitz am Zeuthener See, wo er im Sommer gern arbeitet. Aufgewachsen ist Matthias Wittekindt in Hamburg. Nach einem Studium der Architektur und Religionsphilosophie in Berlin und London hat er u. a. als Architekt, Regisseur und Theater- und Hörspielautor gearbeitet. Seit 2011 konzentriert er sich ganz auf seine hochgelobten Kriminalromane. Vor Gericht, der erste Fall für Kriminaldirektor a. D. Manz, stand auf der Shortlist des Crime Cologne Award. Vor Gericht, Die Schülerin und Die rote Jawa wurden auf die Krimibestenliste von Deutschlandfunk Kultur gewählt, Die rote Jawa erreichte Platz 1. Drei Romane von Matthias Wittekindt erreichten die Top 3 beim Deutschen Krimipreis, zuletzt Hinterm Deich, der 2024 Platz 2 belegte.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.