E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Wittekindt Ein Licht im Zimmer
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-96054-159-2
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-96054-159-2
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Matthias Wittekindt wurde 1958 in Bonn geboren. Nach dem Studium der Architektur und Religionsphilosophie arbeitete er in Berlin und London als Architekt. Es folgten einige Jahre als Theaterregisseur. Seit 2000 ist er als freier Autor tätig, schreibt u.a. Radio-Tatorte für den NDR. Für seine Hörspiele, Fernseh-Dokumentationen und Theaterstücke wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2004 erschien sein Romandebut 'Sog' (Eichborn), bei Nautilus hat er die Kriminalromane 'Schneeschwestern' (2011), 'Marmormänner' (2013), 'Ein Licht im Zimmer' (2014), 'Der Unfall in der Rue Bisson' (2016) und 'Die Tankstelle von Courcelles' (2018) veröffentlicht. Für 'Marmormänner' wurde Matthias Wittekindt mit dem 3. Platz des Deutschen Krimipreises 2014 ausgezeichnet.
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Was Silvia Courbet am meisten an ihrer Tochter aufregte, war der Hals.
Ein paar Monate, nachdem Eva zwölf geworden war, hatte das angefangen. Dieses Verlängern des Halses, die stolze Art, wie Eva ihr Kinn hob und den Unterkiefer vorschob, wenn sie mit ihrer Mutter sprach. Obwohl also genau genommen das Kinn verantwortlich war, richtete sich der Zorn ihrer Mutter gegen den Hals.
Da Eva nicht verstand, was an ihrem Hals falsch war, sah sie sich den ihrer Mutter genauer an. Als sie begriff, was damit nicht in Ordnung war, begann sie sich für ihren eigenen Körper zu interessieren. Für ihre Haut, ihre Augen, ihre Haare.
»Ich hasse dich!«
»Ich dich auch!«
Evas Geburt war eine Quälerei gewesen, weil sie falsch herum lag. Obwohl die Ärzte der Schwangeren erklärt hatten, dass eine Steißlage für das Kind mit Gefahren verbunden wäre, ging Silvia Courbet das Risiko ein und hielt die Schmerzen bei der Geburt aus. Warum sie sich nicht zu einem Kaiserschnitt überreden ließ, konnte sie später nicht erklären. Nun, das Kind war gesund zur Welt gekommen, und so spielte ihre eigenwillige Entscheidung keine Rolle mehr. Als ihr Mann sie ein paar Monate später fragte, ob kosmetische Gründe eine Rolle gespielt hätten, erklärte sie ihm, sie hätte gewusst, dass alles gutgehen würde.
Eigentlich hatte sie kein Kind gewollt.
Richard hatte es dann aber doch geschafft, seine Frau zu überreden, und nach der Geburt änderte sich Silvias Einstellung. Wenn Richard abends nach Hause kam, erzählte sie ihm als Erstes, was ihre Tochter Neues entdeckt hatte.
»Eva hat wieder vor dem Spiegel gestanden.«
Das waren besondere Momente. Eva war mit ihren zwölf Monaten noch unsicher auf den Beinen. Meistens zog sie sich vor dem Spiegel hoch, sah sich mit großen Augen selbst an und versuchte dann, nach ihrem Spiegelbild zu greifen. Natürlich konnte sie es nicht fassen. Manchmal fand sie das amüsant. Dann lachte sie und stampfte vor Freude mit dem Fuß auf. Das Anstarren ihres Gesichts endete stets damit, dass sie ihren Mund öffnete, ihn gegen den Spiegel presste und so eine ganze Weile verharrte.
Silvia wurde während dieser Spiegelphase richtig kindersüchtig. Sie hätte gerne noch eins bekommen. Aber das wurde nichts mehr.
Auch Richard war begeistert von seiner Tochter. »Hast du mal auf ihre Augen geachtet? Man sieht richtig, wie ihr Verstand arbeitet.«
Richard stand immer auf Evas Seite. Vor allem, als sie älter wurde. Vielleicht weil er spürte, dass seine Frau anfing, eifersüchtig zu werden. Aber war sie wirklich eifersüchtig? Auf ein Kind? Möglicherweise war er ein bisschen zu begeistert von seiner Tochter, und vielleicht nervte das seine Frau. Es ließ sich später gar nicht mehr sagen, wer damit angefangen hatte. Richard meinte, Silvia wäre zu kritisch ihrer Tochter gegenüber, und vermutete, er hatte mit einem Freund darüber gesprochen, dass es vielleicht mit der schmerzhaften Geburt zu tun hatte. Beiden Männern war natürlich klar, dass sie es stark übertrieben mit ihren Deutungen.
Wie auch immer. Richard Courbet nahm sich ab Evas elftem Lebensjahr viel Zeit für seine Tochter. Sie machten Ausflüge, fuhren zum Einkaufen in die Stadt. Eva bekam ständig kleine Geschenke von ihrem Vater. Silvia und ihre Freundin Catherine hatten inzwischen eine Galerie in London übernommen, und so war Silvia die Woche über weg. Richard Courbet machte bei Renault Karriere. Zuhause war alles gut organisiert, Eva kam mit ihrer Tagesmutter bestens zurecht. Sie wurde früh selbstständig, hielt sich an Vereinbarungen und kümmerte sich sogar eine Weile um das Pony einer Freundin, die es – Evas Worte – vernachlässigte. In dieser Phase ihres Lebens hingen viele Poster von Ponys und Pferden in ihrem Zimmer.
Aber natürlich war nicht alles gut und in Ordnung mit ihr, sonst wäre sie ja kein Kind gewesen. Es gab da einen hässlichen Zwischenfall. Die Besitzerin des Reiterhofs rief an einem Samstagnachmittag um kurz nach vier bei Silvia an.
»Sie müssen Ihre Tochter abholen.«
»Ist ihr etwas passiert?«
»Sofort.«
»Was ist denn los, ist Eva vom Pferd gestürzt?«
Eva hatte angeblich ein Pony geschlagen. Ein schwarzes, ziemlich dominantes Pony, das September hieß.
»Meine Tochter soll ein Pony geschlagen haben?«
»Nicht nur ein bisschen, glauben Sie mir, Madame, nicht nur ein bisschen.«
Es blieb das einzige Mal, dass so etwas vorkam, und Eva hatte den Vorfall ja auch erklärt: »September hat den Kleinen immer alles weggefressen und sie gebissen!« Zwei Wochen später durfte sie wieder auf den Hof und entschuldigte sich für das, was sie getan hatte.
Nach einigen Umzügen, die mit Richards Beruf zusammenhingen, landete die Familie in Bauge, einem Städtchen mit knapp 14000 Einwohnern – direkt an der Atlantikküste. Der Ort war ideal für die Familie. Silvia konnte mit der Fähre nach England übersetzen und war in vier Stunden in ihrer Galerie. Richard hatte es auch nicht weit zur Arbeit. Renault hatte in der Nähe von Bauge ein neues Werk errichtet, in dem Lichtmaschinen und modernste Hybridmotoren gefertigt wurden. Eva war inzwischen vierzehn. Sie zogen in eine Villa auf den Klippen von Roche, einem Vorort von Bauge. Der Ausblick aus dem Wohnzimmer war atemberaubend.
Zur Zeit des Umzugs hatte Eva noch ganz lange, glatte Haare und einen schnurgeraden Pony. Kurz darauf trug sie ihr Haar schulterlang und leicht gewellt. Die Pferdebilder hatten den Umzug nach Bauge zwar noch mitgemacht, aber … Eva hängte sie nicht wieder auf.
Eva kam in ihre Experimentierphase. Es fing damit an, dass sie immer mehr Zeit im Badezimmer verbrachte. Anfangs waren zwei Freundinnen in Evas Badezimmersessions mit einbezogen. Es war immer das Gleiche. Erst wurde eine Farbe ausgesucht, dann gingen die drei ins Badezimmer, und nach einer halben Stunde kam eins der Mädchen heulend wieder heraus, während die beiden anderen hinterherliefen und entweder lachten oder beteuerten, dass es doch gut aussähe oder beides zusammen.
Es wurde immer wilder. Blond, schwarz, blond mit Strähnchen, rot, Kastanie. Rotorange, dann wieder blond. Zuletzt blond. Alle drei. Gewellt. Alle drei. Und ein Piercing. Unterlippe. Aber nur eins.
»Muss das sein, Eva? Was, wenn sich das entzündet?«
Dazu verschiedene Hosen. Jeans, Leggins, Stoffhosen. Dann Röcke. Verschiedene Längen.
»Nein! Hast du dich mal im Spiegel gesehen?«
Die drei pushten sich total hoch.
Eva wusste inzwischen, dass »weiblich« für die Mädchen ihrer Klasse etwas anderes bedeutete als für sie. Zum Beispiel Träume. Gut oder schlecht über andere reden, Freundschaften, Liebe, Bücher lesen. Französisch war Evas zweitbestes Fach, sie las ziemlich viel. In Mathe war sie noch besser, da war sie die Nummer eins. Aber dann ließ sie in Mathe nach. Das hatte nichts damit zu tun, dass sie zu viel Zeit damit verbracht hätte, sich zu stylen, es lag daran, dass sie noch besser in Französisch werden musste, und das wiederum hing damit zusammen, dass sie unbedingt Mitglied im BUCHCLUB werden wollte. Vom BUCHCLUB hatte Eva immer nur gehört. Sie wusste weder, wo er war noch was dessen Mitglieder eigentlich machten. Lesen möglicherweise.
Niemand in ihrer Schule – in der es nur Mädchen gab, was Vor- und Nachteile hatte –, niemand dort wusste Näheres über den BUCHCLUB. Trotzdem hielt sich die Behauptung, dass es ihn gab. Dort Mitglied zu sein, bedeutete so etwas wie die Aufnahme in eine Geheimgesellschaft, da waren sich alle einig. Dabei zu sein, würde für Eva vor allem bedeuten, dass sie aus der Mittelmäßigkeit herauskam. Eva empfand ihre Umgebung von einem bestimmten Zeitpunkt an nämlich als durchschnittlich und langweilig. Nachdem sie erkannt hatte, dass ihre Familie nicht schlecht, sondern einfach nur bedeutungslos war, hörte sie auf, sich mit ihrer Mutter zu streiten. Es waren ja auch gar keine richtigen Streits gewesen, eben nur diese kleinen Zankereien. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter wurde besser, Evas Vater dagegen verlor an Bedeutung. Nein, das trifft es nicht. Das Verhältnis zwischen Eva und ihrem Vater wurde regelrecht problematisch. Woran das lag? Wahrscheinlich daran, dass sich Eva immer öfter mit Jungen traf. Väter sind manchmal furchtbar ängstlich mit ihren Töchtern.
Alle, die sich auskannten, hatten Eva gesagt, dass niemand einfach so Mitglied im BUCHCLUB wurde, indem er zum Beispiel irgendwo hinging und sich bewarb. Das wäre ja auch gar nicht möglich gewesen, da niemand wusste, wo der BUCHCLUB überhaupt war. Nein, man wurde von denen selbst aufgefordert. Die Mitglieder des BUCHCLUBS, so hieß es, würden schon wissen, wen sie bei sich haben wollten und wen nicht. Zwei Monate vor ihrem 15....




