Wittekindt | Marmormänner | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Wittekindt Marmormänner


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-96054-147-9
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-96054-147-9
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bei Bauarbeiten für ein neues Luxuswohnquartier in Fleurville werden verwitterte Kleidungsstücke gefunden. Gehören sie einem der 'Marmormänner'? Dieser über 40 Jahre alte Cold Case ist in der Kleinstadt inzwischen zu einer Legende geworden. 1970 war in einem ölverschmierten Drainageschacht einer Baustelle die nackte, durch das Öl wie marmorierte Leiche eines Mannes gefunden worden, drei weitere Männer wurden kurze Zeit später als vermisst gemeldet. Sie wurden nie gefunden, auch kein Täter. Doch dieses Mal nimmt sich Marie Grenier von der Spurensicherung des Falls an und rückt den von vielen Legenden überwucherten Fakten systematisch zu Leibe.

Matthias Wittekindt wurde 1958 in Bonn geboren. Nach dem Studium der Architektur und Religionsphilosophie arbeitete er in Berlin und London als Architekt. Es folgten einige Jahre als Theaterregisseur. Seit 2000 ist er als freier Autor tätig, schreibt u.a. Radio-Tatorte für den NDR. Für seine Hörspiele, Fernseh-Dokumentationen und Theaterstücke wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2004 erschien sein Romandebut 'Sog' (Eichborn), bei Nautilus hat er die Kriminalromane 'Schneeschwestern' (2011), 'Marmormänner' (2013), 'Ein Licht im Zimmer' (2014), 'Der Unfall in der Rue Bisson' (2016) und 'Die Tankstelle von Courcelles' (2018) veröffentlicht. Für 'Marmormänner' wurde Matthias Wittekindt mit dem 3. Platz des Deutschen Krimipreises 2014 ausgezeichnet.
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1


»Noch nicht! Wartet!«

Gustave Bantoux muss gegen das Dröhnen der Aggregate anschreien.

»Aus!«

Er macht mit der Hand eine Bewegung, als würde er sich selbst die Kehle durchschneiden, der Motor des Baggers stirbt ab.

Es ist inzwischen dunkel geworden, und das Licht unter den Lampen bildet einen scharf abgegrenzten geometrischen Körper, der aus sich heraus leuchtet. Der Effekt wird durch den Regen gesteigert, der mit einer Intensität und Dichte fällt, einer Methodik der Natur, die keinen Gedanken an Veränderung zulässt.

Das leuchtende Volumen, der apokalyptische Regen und die lauten Motoren der Stromaggregate hätten wenig Bedeutung ohne die Blicke der Männer. Die starren, wie sie es vor langer Zeit beim Anblick einer Erscheinung getan hätten, einer Madonna zum Beispiel. Aber es liegt nicht am Licht, dass sie starren. Die Männer sind solche Anblicke gewohnt. Selbst Beton gießen sie bei Nacht und im Regen. Nein, es liegt an der Frau, die dort im Licht auf einem Hügel aus Lehm steht und Anweisungen gibt. Die Frau beherrscht alles. Nur sind die Aggregate zu laut für ihre Stimme.

Deshalb steht ein Mann zwischen ihr und der Maschine. Der leitende Ingenieur Gustave Bantoux übersetzt ihre Befehle, macht deutliche Zeichen. Der Diesel des Baggers springt wieder an, bläst schwarzen Rauch aus einem Rohr nach oben. Das Bild zittert.

Ein Ruck. Die Maschine setzt sich in Bewegung, Schlamm wird unter schweren Ketten weggedrückt, die Frau blickt in die Grube. Ein Gedanke. Zwei Meter tief. Die Blicke der Männer, der Bagger, ihr Gedanke, das alles gehört zusammen. Die Frau trägt kniehohe Stiefel aus Leder. Auch ihr schwarzer Mantel ist aus Leder, und unter dem Mantel trägt sie Jeans. Die Männer sehen sie noch immer an. Sie achten nicht auf den Bagger, Bagger sehen sie jeden Tag. Die Grube, der Fund, einen Meter vierzig unter der Erde. Ausgemessen, notiert, fotografiert. Blaues Gewebe. Gelblich weißes Gummi. Das Gummi war der Auslöser. Für die Männer. Den Fund zu melden. Dreiundvierzig Jahre.

Die Grube füllt sich mit Wasser, und ein Gedanke präzisiert sich. Der Gedanke der Frau, während der Bagger, vierhundert PS, langsam näher kommt. Zu Füßen der Frau läuft eine Brühe aus Lehm und Sand unablässig den Hügel hinab, reißt Krümel und Klumpen mit in die Tiefe. Das Grab füllt sich. Jetzt hat sie eine Entscheidung getroffen. Aber der Bagger ist schon da! Drehung ihres Kopfes, Blick, Anweisung.

»Stopp! Aufhören!«

Ihre Hand, eine klare Geste. Die Frau hat etwas anders bewertet als vorhin. Der Bagger bleibt mit gesammelter Kraft stehen, schaukelt vor und zurück. Einen Moment lang passiert nichts. Einige Arbeiter ballen, ohne es zu merken, die Fäuste. Sie spüren, wie Zeit vergeht, die nicht vergehen dürfte, weil doch die Maschinen laufen, weil Diesel verbrannt wird. Aber es passiert nichts. Außer, dass die Frau weiter überlegt, einen zweiten Gedanken durchgeht und zu Ende bringt. Dann eine Bewegung. Die Frau im Licht greift an die Schnalle ihres Gürtels und springt in die Grube.

Die Männer, ihre Münder, ihre Augen. Niemand hat mit dem Sprung gerechnet. Wer zuerst reagiert? Gustave Bantoux. Er steht jetzt am Rand der Grube, beugt sich vor. Die Frau unten untersucht die Stellen am Abstich, auf die es ankommt. Ein Fetzen blauer Stoff hängt dort aus der Erde und ein Stück Gummi, scharf abgetrennt, ein Turnschuh. Deswegen haben die Arbeiter angerufen. Auf Turnschuhe achten! Die Arbeiter wurden nicht beauftragt, der Auftrag war bereits in ihren Köpfen. Auf Turnschuhe achten! Dreiundvierzig Jahre.

Das zerfällt, wenn die es rausholen …

Marie Grenier, Spurensicherung Kommissariat Fleurville, richtet sich in der Grube auf, blickt nach oben. Über ihr pendelt der Greifer des Baggers.

»Was ist los?« Gustave Bantoux spricht laut, damit sie ihn versteht, und Marie Grenier sieht nichts. Sie schreit in das Licht hinein, in den fallenden Regen.

»Meint ihr … können Sie mich verstehen?«

»Ja!«

»Meint ihr, dass ihr es in einem Stück rauskriegt? Nicht Stück für Stück, sondern in einem.«

»Madame, die Wände der Grube sind nicht stabil …!«

»Diesen Bereich! Von hier! Bis hier!«

»… die können jeden Moment nachgeben! Sie sind drei Meter unter …«

»Meinen Sie, dass das geht? Dass ich es in einem Stück auf den Tisch kriege!«

»Dann brauchen wir Gerät mit einer anderen Schaufel und müssen einen seitlichen Zugang schaffen.«

»Okay!«

»Jetzt kommen Sie da bitte raus. Geben Sie mir Ihre Hand!«

Gustave Bantoux streckt ihr seine Hand entgegen. Gott, wie weit er sich vorbeugt! Dann ein winziger Moment Unsinn in all der Anspannung. Ihr Körper bildet sich ab. In ihm. Die nasse Frau in der Grube. Ein Sekundenbruchteil. Er hält ihr weiter die Hand hin, sie sieht ihn an: »Ihr müsst es schaffen! In einem Stück! Über die ganze Breite, ich muss Längenmaße bestimmen!«

»Gott, sind Sie stur!«

Gustave Bantoux bekommt eine immer genauere Vorstellung von ihrem Charakter. Er denkt jetzt nicht mehr an ihren Körper, der Charakter ist am Ende das Stärkste, das, was bleibt.

»Und wir brauchen was, worin wir das einwickeln, eine Folie oder so.«

»Ich lasse Sie gleich mit dem Bagger rausholen!«

Sie nimmt seine Hand, und Gustave Bantoux zieht sie aus der Grube, wie man eine Katze aus dem Wasser zieht. Er macht ein Zeichen mit der freien Hand, erteilt einen Befehl. Jemand kommt und bringt eine Decke. Der Bagger zieht sich zurück. Ein Mann steigt aus, geht zu einem anderen Bagger. Die Schaufel dieser Maschine ist größer als eine Badewanne. Sie bekommt einen Becher Kaffee. Schwarz.

»Danke.«

Ein grauer Stoß Dieselruß in die weißen Striche des Regens, gelbe Bleche vibrieren.

Gustave Bantoux gibt den Männern neue Anweisungen. Er benutzt dabei Maries Worte: »In einem Stück, hört ihr! Von da … bis da zu den Verfärbungen! Und das wird dann in Folie eingewickelt. Als ob es was Archäologisches wäre.«

Die Männer arbeiten ohne Aufregung. Es sind Bauarbeiter, die mit dem Bagger umgehen wie ein Arzt mit einem Skalpell. Sie können alles aus der Erde holen. Auch in einem Stück, wenn man ihnen entsprechende Anweisungen gibt. Der Bagger schafft sich einen seitlichen Zugang. Zuerst wird der Boden oberhalb des Fundstücks abgetragen. Dann setzt die Maschine ihre zwei Meter breite Schaufel unterhalb der Schichten an, die Marie interessieren. Die sagt nichts, nickt nur zwei Mal anerkennend mit dem Kopf, während der Fund geborgen wird.

Gustave Bantoux legt ihr eine zweite Decke um die Schultern, was sie akzeptiert. Danach erteilt er einem Mann einen weiteren Auftrag, zeigt dabei auf ihren Becher.

Marie ist zufrieden: Gut, dass ich darauf bestanden habe …

Ihre Entscheidung, noch mal in die Grube zu springen und ihre Anweisung zu präzisieren, war richtig. Marie beruhigt sich, ihr Körper wärmt sich auf unter den Decken. Gustave Bantoux steht schweigend neben ihr. Er ist noch immer wütend. Weil sie nicht rauskam, als er es ihr befahl. Wütend auch, weil sie ihm gefällt. Was ihm an ihr gefällt? Dass sie nicht rauskam, als er es ihr befahl. Solche Frauen gibt es zu wenige, findet er. Ein Mann kommt und bringt ihr Zucker. Während die Männer arbeiten, verwandelt sich eine aufgeladene Situation in einen gut organisierten Vorgang. Marie trinkt in kleinen Schlucken. Der Kaffee ist heiß. Irgendwie ist alles auf der Baustelle so. Groß, energetisch, heiß. Ihr gefällt das.

Der Kaffee, den sie eine Stunde später trinkt, ist lauwarm. Marie steht in ihrem Labor, und vor ihr auf dem Stahltisch liegt der Block. In der Grube war er Teil der Natur, auf dem Tisch ist er ein Gegenstand, der untersucht werden kann.

Routine. Kalt. Keine Gedanken. Marie betätigt verschiedene Schalter.

In Maries Raum wird spurenbehaftetes Material faktisch und gedanklich zerlegt. Es ist still. Nicht mal ein Summen hört man. Weißabgleich. Eigentlich überflüssig. Die Quarzbrenner sind so gebaut, dass sie farblich nichts verfälschen. Sie sind auf die Digitalkameras abgestimmt, die regelmäßig von Marie ausgelöst werden. Sie hat sofort mit der Arbeit begonnen, will den Urzustand. Ihre Finger. Das Material ist kalt. Ihre Gedanken. Dreiundvierzig Jahre.

Marie nennt diesen klinischen, immer konstant auf neunzehn Grad gehaltenen Raum . Natürlich ist das ein Scherz. Keine normale Frau nennt einen gekachelten Raum, in dem alles aus Stahl ist, Heiligtum. Marie ist fünfunddreißig Jahre alt. Mit...


Matthias Wittekindt wurde 1958 in Bonn geboren. Nach dem Studium der Architektur und Religionsphilosophie arbeitete er in Berlin und London als Architekt. Es folgten einige Jahre als Theaterregisseur. Seit 2000 ist er als freier Autor tätig, schreibt u.a. Radio-Tatorte für den NDR. Für seine Hörspiele, Fernseh-Dokumentationen und Theaterstücke wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
2004 erschien sein Romandebut "Sog" (Eichborn), bei Nautilus hat er die Kriminalromane "Schneeschwestern" (2011), "Marmormänner" (2013), "Ein Licht im Zimmer" (2014), "Der Unfall in der Rue Bisson" (2016) und "Die Tankstelle von Courcelles" (2018) veröffentlicht.
Für "Marmormänner" wurde Matthias Wittekindt mit dem 3. Platz des Deutschen Krimipreises 2014 ausgezeichnet.



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