E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Wittekindt Schneeschwestern
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-96054-115-8
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-96054-115-8
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Matthias Wittekindt wurde 1958 in Bonn geboren. Nach dem Studium der Architektur und Religionsphilosophie arbeitete er in Berlin und London als Architekt. Es folgten einige Jahre als Theaterregisseur. Seit 2000 ist er als freier Autor tätig, schreibt u.a. Radio-Tatorte für den NDR. Für seine Hörspiele, Fernseh-Dokumentationen und Theaterstücke wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2004 erschien sein Romandebut 'Sog' (Eichborn), bei Nautilus hat er die Kriminalromane 'Schneeschwestern' (2011), 'Marmormänner' (2013), 'Ein Licht im Zimmer' (2014), 'Der Unfall in der Rue Bisson' (2016) und 'Die Tankstelle von Courcelles' (2018) veröffentlicht. Für 'Marmormänner' wurde Matthias Wittekindt mit dem 3. Platz des Deutschen Krimipreises 2014 ausgezeichnet.
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Freitag
Mord ist eine schreckliche Sache. Zerkochte Spaghetti übrigens auch. Zum Glück kennt Kommissar Roland Colbert sich aus. Er nimmt also den Topf rechtzeitig von der Platte und gießt die Spaghetti in ein Plastiksieb. Ja, nein! Er gießt sie nicht in das Sieb, er schlägt sie hinein. Er nimmt den Topf mit beiden Händen, schwenkt ihn hoch, bis über den Kopf, dreht ihn und haut ihn mitsamt dem Gewurschtel aufs Sieb. Es knallt, es spritzt, eine Ecke des weißen Spaghettidurchschlags springt ab, hopst über den Boden, bleibt vor einer Fußleiste liegen.
Sie sehen auf. Beide.
Während die Spaghetti sich ängstlich beeilen abzutropfen, dreht Roland Colbert seinen Kopf.
Er sieht die Frauen.
Zwei sind es. Seine Nachbarin Juliet, und die ist mehr als seine Nachbarin, seit drei Jahren, und neben ihr, auf der gemütlichen Holzbank, seine Tochter, Sina, aus einer Verbindung lange vor Juliet.
Bis eben, bis zu dem Knall, haben sich Sina und Juliet sehr lebhaft, sehr bei sich, über Barcelona unterhalten, über die geplante Reise zu dritt.
Das mit dem Urlaub war Sinas Idee. Roland hat zwar schon seinen Urlaub eingereicht und die Reise gebucht, aber … Er kann es nicht lassen.
»Und du bist dir sicher, Sina, dass Barcelona richtig ist, im Winter?«
»Ja! Viel besser als der Harz! Vor allem wo sowieso keiner von uns Ski läuft. Und außerdem, Katrin war schon in Barcelona! Und die sagt: Super!«
»Wer ist Katrin?«
»Die Dicke. Du nennst sie immer die Dicke.«
»Hab ich ›Dicke‹ gesagt? Das glaub ich nicht.«
»Katrin sagt, dass Barcelona unglaublich toll ist im Winter, weil man dann auch mal echte Spanier trifft, und Juliet findet Barcelona auch besser als Harz. Sag doch mal!«
»Ich finde Barcelona auch besser als Harz.«
Roland nickt. »Das heißt also, ich soll mich mal erkundigen, was so was kostet.«
Juliet erschrickt. »Ich denke, du hast längst gebucht? Wir hatten doch alles besprochen! Wenn du jetzt noch nicht gebucht hast …«
Ein Triumph. Juliets Gesicht! Da ist schon eine gehörige Portion Ernst in ihrem Entsetzen. Sina sieht noch besser aus mit ihrem offenen Mund. Er kann seinen betont nachdenklichen Gesichtsausdruck nicht länger kontrollieren. Der Mund zuckt. Die Augen fangen fast an zu tränen. In einem Verhör wäre ihm so etwas natürlich niemals passiert.
Juliet kapiert, Sina versteht überhaupt nichts. »Was heißt das jetzt? Er hat nicht gebucht oder wie?«
Roland dreht sich zurück zum Herd und beginnt, in der Spaghettisoße zu rühren. Juliet sieht Sina so lange und so betont traurig an, bis die endlich versteht. »Und ihr findet das witzig, ja?«
Eine Familie beim Abendessen.
Die Spaghettisoße blubbert, das Kind wird gequält, die Stiefmutter ist entzückt. Noch normaler und irdischer kann das Leben kaum sein.
Mord. Jemand hat Todesangst. Damit zu beginnen. Sich diese Situation in Ruhe und ohne Ausflucht vor Augen zu führen.
Sie haben übrigens vor zwei Wochen die Küche renoviert. Alles rausgeräumt, die Tapeten runter, eine neue Farbe. Sina hat die Farbe ausgesucht. Man darf in dieser Renovierungsaktion ruhig etwas Bedeutendes sehen. Es geht um mehr als um die Veränderung und Auffrischung von Farbe. Roland Colbert denkt nämlich in letzter Zeit viel über seine Familie nach. Vielleicht, weil Sina jetzt sechzehn ist und in ein paar Jahren auszieht.
Sinas leibliche Mutter heißt übrigens Marie. Sie war fünf Jahre älter als Roland und verdiente ziemlich viel Geld bei einer großen Unternehmensberatung. Eine finanzielle Basis hätte es also gegeben. Aber er und Marie waren eigentlich gar nicht mehr zusammen, als Sina entstand und … ein Kind? Mit vierundzwanzig? Nein! Er wollte es nach Paris schaffen, auf eins der großen Kommissariate. Sechzehn Jahre ist das jetzt her.
Die Aufklärung eines Mordes kostet Zeit, wird schnell zu einem routinemäßigen Vorgang. Natürlich ist Distanz nötig. Der Tod. Alles Getue, alles Reden ist Distanz, was das angeht.
Das übrigens verband alle Frauen, mit denen Roland je zusammen war. Dass sie gesellschaftlich über ihm standen. Ungewöhnlich, denn die wenigsten Frauen orientieren sich nach unten, und die wenigsten Männer halten es aus, wenn ihre Frau erfolgreicher ist. Dass dieses Gefälle für Roland Colbert nie ein Problem war, lag an dem einfachen Umstand, dass er sich bei der Wahl seiner Frauen von ganz einfachen und gradlinigen Impulsen leiten ließ, also von dem, was er als Gefühl bezeichnete. Sehr bodenständig! Diese Worte hatten einige seiner Partnerinnen benutzt. Und offenbar ging ein Reiz davon aus.
Die Aufgaben der Ermittlung werden immer auf ein Team verteilt. Als könnten die Beteiligten das nicht alleine aushalten, diese erregenden Zustände der Jagd. Es scheint sogar so zu sein: Obwohl die Aufklärung eines Mordes doch eigentlich spannend ist, gibt es, selbst bei jungen Ermittlern, einen Drang, der zurück zum Normalen will. Das zeigt sich zum Beispiel darin, wie oft die Wichtigkeit eines ausgeglichenen Privatlebens betont wird. Dass es dabei meist viel langsamer zugeht und oft ohne rechte Zuspitzung, wird akzeptiert. Ohne familiären Rückhalt, das sagt jede Statistik, besteht in diesem Beruf ganz klar die Gefahr, Alkoholiker zu werden.
Marie hatte also ein Kind bekommen. Und dann stand auf einmal alles auf dem Kopf. Sie veränderte sich so grundlegend, wie niemand es hätte voraussehen können. Auf einmal verließ die vorher so umtriebige Karrierefrau kaum noch das Haus. Bei fast jeder anderen Frau hätte man gesagt: »Na ja, sie kümmert sich um ihr Kind!« Aber bei Marie hatte sich eindeutig etwas ganz und gar Falsches in Gang gesetzt. Die Art, wie sie mit Sina umging, sie gegen alles abschloss, machte Roland Colbert Angst. Andererseits hatte er keine Erfahrung mit solchen Situationen, denn Sina war ja sein erstes Kind. Über ein Jahr ging das so.
Er war inzwischen der hoffnungsvollste Sergeant in Fleurville, bereitete sich auf seinen Sprung nach Paris vor. Er galt als zuverlässig und hatte bewiesen, dass er ein Team führen konnte. Es war seine große Zeit.
Aber dann war etwas passiert mit Marie. Sie fühlte sich krank. Und tatsächlich bekam sie Hautausschläge am ganzen Körper. Es folgte eine Odyssee, die bei normalen Ärzten begann, Ärzten, die nichts fanden, und bei einem »Berater« endete, der endlich den Zusammenhang begriff. Die Ausschläge und Maries Gefühl, durch und durch krank zu sein, hatten etwas mit ihrem Stiefvater zu tun, damit, dass ihr echter Vater sie so früh verlassen hatte. Für sie, so der Befund, war Mutterschaft ohne vorherige Aufarbeitung das Falscheste, was sie hatte tun können. In Europa, das war klar, würde man sie mit Medikamenten vollstopfen oder sie mit unangemessenen Therapien noch tiefer hinabziehen. Mit Therapie allein, so die Lehre des Beraters, der lange in Amerika gewesen war, mit Therapie allein war es hier nicht getan. »Der Mensch ist nicht nur Psyche. Ernährung dient nicht nur der Sättigung.« Der Berater wusste, wovon er sprach, und Marie hatte Geld. Und Angst. Eine gehörige Portion Angst. Und so verließ sie die Familie und ging nach Kalifornien, um sich mit Hilfe einer Ernährungsumstellung, ganzheitlicher Methodik und regelmäßigen Zahlungen in Ordnung zu bringen. In den ersten Jahren schrieb sie noch ein paar Briefe, erklärte, dass sie Fortschritte mache, und bat Roland inständig, ihre Tochter nach Kalifornien zu schicken. Offenbar hatte Marie es in Amerika beruflich inzwischen noch viel weiter gebracht als damals in Frankreich und war wieder im beratenden Gewerbe tätig. Ganzheitliche Heilmethoden sind alles andere als dummes Zeug, und Sinas Mutter ist der beste Beweis dafür. Marie wird in Amerika reich und ausgeglichen, indem sie anderen Menschen hilft. Und zwar in Fragen, die einst ihre eigene Krankheit waren.
Du willst Sina? Roland Colbert erwies sich auch in dieser Frage als bodenständig. Er dachte nicht im Traum daran, seine Tochter wegzugeben. Und zwar einfach, weil sie zu ihm gehörte und nicht zu ihrer … Er benutzte schreckliche Worte. Es dauerte Jahre, bis er milder wurde und sich vorstellen konnte, dass Marie wirklich gelitten hatte. Er wusste inzwischen aus beruflicher Erfahrung, zu was Menschen sich verleiten ließen, wenn sie Angst hatten. Für Marie wäre es vermutlich besser gewesen, einfach Karriere zu machen und auf ein Kind zu verzichten.
Sina allein großzuziehen, war natürlich schwierig. Und er hätte es wahrscheinlich auch gar nicht geschafft, wenn seine Mutter ihm nicht geholfen hätte. Es hatte da Szenen gegeben! Er und seine Mutter am Wickeltisch, er und seine Mutter vor dem Regal mit der Babynahrung. Er hatte viel gelernt, und seine Mutter war noch mal jung geworden.
Es...




