E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Wlasak In allen Punkten
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-99200-288-7
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-99200-288-7
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Helmut Wlasak, 1960 in Graz geboren, gelernter 'Gendarmeriebeamter', wechselte nach sieben Exekutivjahren 1987 zur Justiz, wo er sich als Strafrichter in zahlreichen Drogen-, Wirtschafts-, Mord- und Totschlag- sowie Dschihadistenprozessen einen Namen machte. Der als 'Suchtgiftrichter' bekannte Autor kennt wie selten ein anderer die Suchtgiftszene, die organisierte Kriminalität und die damit verbundenen Hintergründe. Für seinen jahrzehntelangen Einsatz - auch für die Schwächsten der Gesellschaft - erhielt er 2013 den Grazer Menschenrechtspreis.
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Hans
Rauschzeit
Ein heller Glockenton hallte durch die Gänge und verkündete das Ende der Pause. Die Schüler strömten in die Klassenzimmer zurück. Binnen weniger Augenblicke war der Raum angefüllt mit zweiunddreißig Polizeischülern, die ihre Plätze auf den Bänken einnahmen. Es war ein ruhiger Tag gewesen, bisher. Nun stand „Verwaltung“ auf dem Lehrplan. Die Auszubildenden lümmelten mehr oder weniger interessiert an ihren Tischen. Beim nächsten Glockenschlag betrat pünktlich wie eine Uhr der Vortragende die Klasse. Die Schüler schoben Müdigkeit oder Desinteresse beiseite – versuchten es wenigstens – und erhoben sich.
„Danke, setzen!“, sagte der Abteilungsinspektor und ließ seinen Blick durch das Klassenzimmer schweifen. Bald würden diese jungen Menschen im Dienst der Allgemeinheit stehen. Manche waren dafür wie prädestiniert. Andere nicht. Der Inspektor selbst war ein alter Hase, beherrschte sein Fach nicht nur in der Theorie, sondern vor allem auch aus der Praxis. Das zeichnete ihn aus. Mit anschaulichen Beispielen schaffte er es stets, die Paragrafen und gesetzlichen Bestimmungen greifbar zu machen. Sogar völlig Unbedarfte hätten seinem Unterricht folgen können. Er wollte eben mit dem Unterricht anfangen, als ein Klopfen ihn unterbrach. Ein weiterer Polizeilehrer betrat den Raum, nur Sekunden später gefolgt vom Stellvertreter des Schulkommandanten. Die beiden bauten sich vor der Klasse auf.
„Meine Damen und Herren, wir werden benötigt. Wir rücken in einer Stunde aus“, begann der stellvertretende Schulkommandant. Was folgte, waren kurze Informationen zu einem bevorstehenden Praxisteil, den die Ausbildungskriterien so eigentlich nicht vorsahen: Alle Grundausbildungslehrgänge sollten in den Osten des Bundeslandes verfrachtet werden, um an einer groß angelegten Suchaktion der dortigen Polizei und Feuerwehr teilzunehmen. Zwei Personen seien seit einigen Tagen abgängig.
Wenige Stunden später entstiegen die jungen Polizeischüler unweit eines Waldstückes den Bussen. Nach der allgemeinen Besprechung wurden die insgesamt mehr als einhundert Anwesenden in Gruppen aufgeteilt. Die Polizeischüler, aber auch Beamte des hiesigen Postens, des Bezirkskommandos und zahlreiche Angehörige der Feuerwehr bildeten lange Ketten und nahmen die Suche auf. Im Abstand von etwa zwei Metern begannen sie, das Gelände zu durchkämmen, um Hinweise auf den Verbleib der Vermissten zu finden. Oder auch die Vermissten selbst. Anhaltspunkte für ein Verbrechen gab es nicht.
Der Weg führte durch hüfthohes Gras, Halme und Dornen, Büsche und Gestrüpp, Unterholz und Bäumchen. Teilweise war der Bewuchs so dicht, dass ein Durchkommen fast unmöglich war. Hier kamen die wenigen Suchhunde zum Einsatz. Sie waren die eigentlichen Hoffnungsträger der Aktion, aber leider gering an der Zahl. Einige Stunden gingen so dahin, durch Wald und Wiese, es gab eine kurze Pause, dann abermals Stunde um Stunde durch die Natur. Trotzdem hatten sie bis zum Einbruch der Dunkelheit nur belanglosen Müll gefunden. Nach dem Befehl, wieder einzurücken, ging es also unverrichteter Dinge zurück in die Polizeischulabteilung des Landespolizeikommandos.
Und so ging es weiter. Am nächsten Tag und auch am dritten. Man fand nichts. Keine Hinweise auf die Verschwundenen, keine Spuren, nicht der kleinste Anhaltspunkt. Für die Suchenden wurden die Tage zäh. Sie schienen nicht nur immer länger zu werden, sondern auch heißer. Die Luft flirrte über den grün leuchtenden Büschen und Sträuchern, in deren Zwischenräumen Brennnesseln und Dornen wucherten.
„Es ist zum Verrücktwerden“, erklärte einer der Polizeischüler am dritten Abend auf der Rückfahrt, „wir wissen nicht einmal genau, was wir suchen. Und können es eigentlich gar nicht wissen, solange wir es nicht gefunden haben …“
„Ein Messer muss mindestens so scharf sein wie ich!“, plärrte Hans am Stammtisch und schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte.
„Als ob Schärfe dir was bringen würde! Du wirst doch ohnehin nie eine richtige Frau abkriegen!“, lachten seine Tischgenossen, und ernteten von Hans dafür einen bösen Blick. Sogar seine Saufkumpane nahmen ihn nicht für voll. Immer war das so. Mit dem Gewehr galt Hans als Genie. Aber all die Auszeichnungen, die er im Schießverein gesammelt hatte, der Respekt vor seiner Leistung, seiner Schießkunst, verblasste, sobald es an dieses leidige Thema ging. Jedes Mal. Die Stimmung kippte, aber am Tisch bemerkte das kaum jemand.
„Kümmert euch lieber um euren eigenen Scheiß!“, zischte Hans böse zurück. Er lallte schon ein wenig. Diese Idioten. Ihm reichte es. Er stemmte beide Hände auf die Tischplatte und erhob sich mühsam, bis er auf wackeligen Beinen zu stehen kam. Den anderen war es egal, dass Hans offensichtlich beleidigt war. Er würde wieder nüchtern werden und sich beruhigen. Tat er doch sonst auch. Ein bisschen komisch war er ja immer.
„Ach, komm“, sagte einer noch, aber als Hans ihn anblickte, ein Friedensangebot vermeinend, fügte der andere hinzu: „Ist doch nicht so schlimm, wenn keine auf deinen Hof kommt. Sie könnte dort eh nichts machen!“ Die ganze Runde prustete vor Lachen.
„Ich scheiß’ auf euch! Und auf den verfluchten Hof scheiß’ ich auch!“ Damit war für Hans alles gesagt. Er schüttelte zornig den Kopf und taumelte in die klare Nacht hinaus. Das Wiehern seiner sogenannten Freunde konnte er noch hören, als er schon an der frischen Luft stand und mit dem Rücken an der geschlossenen Tür des Gasthauses lehnte. Dass sie ihm immer damit kommen mussten. Sein Pech bei den Frauen und dann der Hof seiner Eltern. Klar gab es auf dem Hof nichts mehr zu tun. Seine Eltern waren zu alt dafür. Und Hans musste sich als Saatgut-Verkäufer durchschlagen, verdiente dabei mehr schlecht als recht. Kein Wunder, dass der Hof langsam verfiel. Sogar sein einziges echtes Hobby, die Jagd, konnte Hans sich inzwischen kaum mehr leisten. In dieses verdammte Gasthaus würde er auch nicht mehr gehen. Er stieß sich von der Tür ab und machte sich in ärgerliche Selbstgespräche vertieft auf den Heimweg. Die Kühle der Nacht klärte seine Gedanken ein wenig.
Außerdem: Es war nicht so, dass er unbedingt eine Frau gebraucht hätte. Er hatte immerhin noch seine Nachbarin. Das wusste am Stammtisch natürlich keiner. Durfte auch niemand wissen. Früher war er einfach in Bordelle gegangen, aber heute hatte er keine Lust mehr, sich Illusionen zu kaufen. Das ging so weit, dass er eine richtige Abneigung gegen die käuflichen Körper entwickelt hatte. Denn nichts anderes war das letztlich: Man kaufte einen Körper, der einem etwas vorspielte. Im Nachhinein war er damit immer unzufriedener gewesen. Er wollte seine Lust ausleben, ja, aber nicht mit einer Frau, die nur auf Geld aus war, das er ohnehin nicht hatte. Er brauchte echte Höhepunkte, keine Illusionen, keine Gaukeleien.
Zuhause angekommen konnte er endlich ein wenig durchatmen. Er schob die Hefte beiseite, in denen er sonst die Autokennzeichen und seine weiteren Beobachtungen im Wald notierte. Stattdessen holte er sein Kleinkaliber-Gewehr. Seit Wochen praktizierte er das häufig so: Er legte sich hinter seinem Fenster auf die Lauer und blickte durch das Präzisions-Zielfernrohr auf ein noch erleuchtetes Fenster des Nachbarhauses. Der runde Ausschnitt der Welt im Zielfernrohr wackelte, weil er in seinem Zustand das Gewehr nicht mehr ruhig halten konnte. Aber sonst bewegte sich … nichts. Seine Nachbarin, eine alleinstehende Lehrerin mittleren Alters, ließ sich nicht blicken. Das war ein fixer Teil einer jeden Jagd: Man musste geduldig sein. Manchmal verbrachte Hans Stunden in dieser Position, stierte durch das Fernrohr. Und dann, wenn sie sich umzog oder gerade aus dem Bad kam, nichts ahnend, dass er bereits auf der Lauer lag, hungrig nach einem Zentimeter ihres entblößten Körpers, konnte er einen guten Blick erhaschen. Der Blattschuss. Manchmal nur ein Oberschenkel. An anderen Tagen auch schon mal ein blanker Busen. Und dieser eine Blick, diese intime Teilhabe am Leben dieser Frau, die er eigentlich kaum kannte, entschädigte ihn für die Stunden des Wartens. Stunden, in denen sich seine Erregung ins Unbeschreibliche steigerte, so sehr, dass er sich körperlich befriedigen musste.
„Wir müssen nochmal raus!“, verkündete der Schulkommandant, als sich das Wetter nach einigen Regentagen endlich wieder gebessert hatte. Die Suche hatte diesmal einen anderen Fokus. Man wollte sich auf ein Gebiet konzentrieren, das die Verschwundenen möglicherweise für den Heimweg benutzt haben könnten. Es war ein Schuss ins Blaue. Die tagelange, erfolglose Suche ließ nicht mehr viele Optionen. Erstmals wurde das Gesuchte bei seinem neuen Namen genannt: Vermutlich suchte man inzwischen nach Leichen. Alles andere ergab immer weniger Sinn. Mittlerweile hatte man herausgefunden, dass die Verschollenen keinerlei Habseligkeiten mitgenommen hatten. Ihre Ersparnisse lagen unangetastet auf ihren Konten. Und wenn das...




