E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Wörz-Strauß Und was kommt danach?
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-497-61038-9
Verlag: Ernst Reinhardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Begleitbuch bei Tot- und Fehlgeburt
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-497-61038-9
Verlag: Ernst Reinhardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hildegard Wörz-Strauß, Augsburg, Diplom-Theologin, ist ausgebildete Klinikseelsorgerin und begleitet seit 2002 Eltern, die eine Fehl- oder Totgeburt erlitten haben. Ihr erstes Kind hat sie bei der Geburt verloren. Mittlerweile ist sie Mutter dreier Kinder.
Zielgruppe
Betroffene Eltern und Angehörige sowie nachgeborene Geschwisterkinder
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Eine Zaubernuss pflanzen
Als die Zeit der Trauer
zu Ende gehen wollte,
verdorrte die Trauerweide,
die auf seinem Grab stand.
Es wurde Zeit,
eine Zaubernuss
zu pflanzen.
Unser Dasein ist ein einziges, nie wirklich verstehbares Wunder: dass die Erde entstand in der Geschichte des Weltalls, wo Sterne geboren werden und sterben, Galaxien und schwarze Löcher; dass auf der Erde Gestein entstand und das Wasser; dass sich organisches Leben entwickelte, die unzählbaren Arten von Pflanzen und Tieren und irgendwann auch wir Menschen (Nilsson/Hamberger 2003)! Unser Dasein ist voller Zauber von Schönheit, Glück, Charme, Stärke und Zärtlichkeit und gleichzeitig bedroht von Zerbrechlichkeit, Schmerz, Angst und Erschrecken – von der Vergänglichkeit.
Das Buch, das Sie gerade aufgeschlagen haben, erzählt von einem besonderen Geheimnis unseres Lebens: von Menschenwesen, die sterben, noch bevor sie geboren sind; die in den Tod hinein geboren werden oder schon bald nach ihrer Geburt sterben. In allen Momenten unseres Daseins ist das Leben ein erstaunliches Wunder und unverfügbares Geheimnis. Aber in der Erfahrung, dass ein Kind stirbt, das doch gerade erst sein Leben hätte beginnen sollen, spitzt es sich noch zu. In der Begegnung mit diesen zerbrechlichen Menschenwesen ist „das Geheimnishafte“ zarter und machtvoller – provokativer – spürbar als in üblichen Alltagssituationen.
Das Buch beschreibt die Trauer um diese früh Gestorbenen, ebenso das Wagnis, sich erneut auf das Kommen eines Menschenwesens einzulassen, und die Freude und das Glück an ihrem Dasein. Darüber hinaus berichtet es von Erfahrungen von Menschen, die nach einem toten Geschwisterchen zur Welt gekommen sind. Durch ihre Erzählungen wurde mir bewusst, wie bedeutsam auch ein so kurzes Menschenleben für die gesamte Familie werden kann.
Ich habe selbst ein Kind verloren. Inzwischen sind viele Jahre vergangen, seit mein Mann und ich unser erstes Kind begraben mussten. Jakob war ein Mensch mit Trisomie 18, einer Chromosomen-Konstellation, die laut ärztlicher Diagnose „mit dem Leben des Kindes nicht vereinbar“ ist. Jakob starb Anfang März 1992 am Ende der Schwangerschaft und ich habe ihn tot geboren. Später hatten wir das Glück, drei Kinder zu bekommen, mit denen wir all die Jahre leben dürfen und die inzwischen erwachsen sind. Doch nach dem Tod unseres ersten Kindes konnten wir nicht mehr die Eltern sein, die wir ohne diese Erfahrung vielleicht geworden wären. Durch Jakobs Tod wurden unsere nachfolgenden Kinder in eine schwerere, traurigere und besorgtere Lebensstimmung hinein geboren. „Zu ihrem Schutz“ durften sie manches nicht tun, was für andere Kinder ganz selbstverständlich war. Und immer noch vermute ich, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Tod unseres ersten Kindes und der schwer behandelbaren Neurodermitis, die unsere Kinder seit den ersten Lebensmonaten über viele Jahre hinweg quälte. Andererseits sind wir bewusster und dankbarer für das Glück unserer später geborenen Kinder, für die Freude, dass sie da sind und genauso sind, wie sie sind, mit allen Reibereien und Sorgen, die es in unseren Beziehungen natürlich auch gibt.
Für meinen eigenen beruflichen Weg bewirkte Jakobs Tod eine Weichenstellung: Seit 2003 arbeite ich als Klinikseelsorgerin in einer großen Klinik. Ohne den Tod unseres Kindes hätte ich mich sicher nie um diese Stelle beworben. Jetzt begleite ich Eltern, die ihr Kind sehr früh verlieren, entweder während der Schwangerschaft oder kurz danach. Die meisten erlebe ich mitten im ersten Schmerz. Einige begegnen mir später wieder, z. B. bei einem Gedenkgottesdienst für das tote Kind, manchmal dann bereits mit nachgeborenen Geschwisterkindern. Manche Mütter und Väter nehmen oder nahmen auch an der Selbsthilfegruppe teil, die ich begleite.
All diese Begegnungen sowie meine eigene Erfahrung bilden die Grundlage für dieses Buch. Ich habe sie nicht statistisch erfasst und ausgewertet, sondern schreibe aufgrund der Spuren, die sie in meiner Erinnerung und in meinem Lebensverständnis hinterlassen haben. Bei den vielen Besuchen im Kreißsaal und im Krankenzimmer habe ich wertvolle Erfahrungen gemacht, und jede Begegnung war unvorhersehbar und einmalig, weil die betroffenen Eltern und ihre Lebenssituationen immer anders waren: wie sehr sie sich ein Kind gewünscht, wie lange sie schon darauf gewartet haben, ab wann sie das entstehende Wesen als ihr Kind verstanden und eine Beziehung zu ihm aufgebaut haben, wie lange sie Gelegenheit hatten, diese Beziehung zu leben u.v.m. Alle diese Faktoren haben Einfluss darauf, wie sie den Tod ihres werdenden Kindes erleben.
Dementsprechend bedeutet für die einen der Tod ihres Kindes eine seelische Katastrophe, von der sie sich nur schwer erholen, für andere dagegen eher eine begrenzte Traurigkeit, „weil sicher etwas nicht gestimmt hat und es deshalb so besser ist“. Für manche Eltern, deren Lebensumstände voller Widrigkeiten gegen ein Leben mit einem Kind sind, kann der Tod sogar eine – wenn auch traurige – Erleichterung sein. Ich hoffe, ich kann mit meinem Buch zu einem besseren Verständnis beitragen, wie verschieden sich die Trauer um ein früh verstorbenes Kind äußern kann, vor allem aber für die mögliche Schwere dieser Trauer, die oft nicht gesehen und gewürdigt wird.
Als Seelsorgerin habe ich eher wenig Kontakt zu Eltern, die ihr Kind bereits in den allerersten Schwangerschaftswochen verlieren, dafür häufig einen intensiven Kontakt zu den Eltern, denen der Tod ihres Kindes oder auch ihrer Kinder schwer zusetzt. Die letzteren Begegnungen sowie meine eigene Geschichte prägen daher den Grundton des Buches. Wer es liest, muss damit rechnen, Schmerz und großer Trauer zu begegnen, kann aber gleichzeitig die Kraft, Zartheit und Liebe spüren, zu der wir Menschen fähig sind und die genau in diesen Erfahrungen zum Vorschein kommen kann.
In Gesprächen mit Eltern, die nach dem Tod ihres Kindes erneut ein Baby bekommen haben, erlebe ich häufig die gleiche Situation: Mütter und Väter erzählen mir von ihrem lebenden Kind, ihrer Angst und ihrer Freude. Doch gleichzeitig sind sie auch froh über die Gelegenheit, über ihr totes Kind sprechen zu können und ein offenes Ohr dafür zu finden, „wie das damals war“. Sie vergleichen den Verlauf der Schwangerschaften und der Geburten, erzählen, was ihnen damals wichtig war, was heute wichtig ist und was sie genau gleich oder auch ganz anders machen wollen.
In all diesen Begegnungen wird mir immer deutlich, dass die lebenden Kinder mit den toten verbunden sind und dass es bedeutsam ist, wie wir mit den toten Kleinen und mit unserer Trauer um sie umgehen. Wollen wir den Lebenden ihren Platz und ihr Einmaligsein ermöglichen, müssen wir dies auch den Verstorbenen zugestehen. Wollen wir frei sein für die Liebe zu unseren lebenden Kindern, müssen wir auch die Liebe zu unseren toten Kindern leben dürfen.
Ich berichte auch über Menschen, die erst nach einem toten Geschwisterchen zur Welt gekommen sind. Diese nachgeborenen Geschwisterkinder brauchen ebenso die Erfahrung, selbst geliebt zu sein, wie auch die Gewissheit, dass ihr totes Geschwisterchen von den Eltern geliebt wurde und immer noch wird. Manche solcher Begegnungen habe ich bewusst gesucht, manche Gespräche haben sich zufällig in der Klinik oder im Bekanntenkreis ergeben. Von Freunden erhielt ich Hinweise auf bekannte Persönlichkeiten, die ebenfalls „Nachgeborene“ nach einem früh verstorbenen Geschwisterchen waren, wie Vincent van Gogh, Salvador Dalí und Rainer Maria Rilke. Nachhaltig beeindruckt – eigentlich muss ich eher sagen: erschreckt – hat mich vor allem die Geschichte des Malers Vincent van Gogh, der am ersten Geburtstag seines totgeborenen Bruders zur Welt kam und den gleichen Namen erhielt. Sein Leben war tief überschattet von der Erfahrung, ein „Nachgeborener“ zu sein (Nagera 1973).
Wenn wir besser verstehen, welche Auswirkungen die Trauer selbst um ein sehr kleines Kind auf das Familiensystem und damit auch auf danach geborene Kinder haben kann, können wir nachvollziehen, wie wichtig es ist, dass die verwaisten Eltern auf eine möglichst hilfreiche Weise ihren Weg mit ihrer Trauer gehen können. Das ist die beste Voraussetzung für die heutigen Nachgeborenen, freier in ihr eigenes Leben eintreten zu können, als es Vincent van Gogh damals möglich war.
Inzwischen gibt es in der Gesellschaft ein Bewusstsein dafür, dass vergangene Familienerfahrungen sich prägend auf das Leben von späteren Familienmitgliedern auswirken können. Für Erwachsene, die nach einem toten Geschwisterchen zur Welt gekommen sind, mag es eventuell erleichternd sein, belastende oder schwierige Situationen ihres Lebens unter der Perspektive zu betrachten, ob diese Probleme etwas mit dem Tod ihres Geschwisterchens zu tun haben könnten. Denn wenn wir in die Wirren unserer Lebensgeschichte verstrickt sind, haben wir unsere Lebensenergie und Aufmerksamkeit nicht vollständig verfügbar für unser Leben hier und heute. Für diese Nachgeborenen schreibe ich in der Hoffnung, dass eine Klärung ihrer Lebensgeschichte und ein mögliches Verständnis ihrer Prägung ihnen helfen können, entlasteter, befreiter und froher zu leben.
Im Verlauf dieses Buches werden Sie einige Übungen zur Selbststärkung finden. Ich möchte Sie damit einladen, sorgsam mit sich selbst zu sein. Ob Sie nun dieses Buch als direkt Betroffene oder „nur“ als interessierte, freundschaftlich verbundene oder auch als fachlich damit befasste Person lesen: Das Thema wird Ihnen vermutlich zu Herzen gehen. Mit den Übungen können Sie etwas Erleichterndes und Unterstützendes für sich selbst tun, ohne Ihr Herz – zu Ihrem...




