E-Book, Deutsch, 153 Seiten
Wohlbrueck Das kleine Glück (Kommentiert)
1. Auflage 2018
ISBN: 978-80-268-8214-5
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erweiterte Ausgabe. Psychologischer Gesellschaftsroman über weibliche Selbstbehauptung, häusliche Ordnung und stille Lebensfreude in Berlin
E-Book, Deutsch, 153 Seiten
ISBN: 978-80-268-8214-5
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Das kleine Glück' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: 'Zwei Wochen nach ihrem Eintreffen in Berlin war Iduna vollständig eingerichtet. Die Werner sorgte für alles. Iduna hatte sich dagegen gesträubt, auch nur ein einziges Stück ihrer ersten Einrichtung herüber zu nehmen. Sie ließ alles unter der Hand verkaufen, ohne selbst einen Fuß in die alte Wohnung zu setzen. Manchmal sprach die Werner davon, Iduna möchte doch in dieser oder jener Angelegenheit den Herrn Doktor um Rat fragen, aber Iduna wehrte mit einer solchen Angst ab, daß die Wärterin den Namen Deltens nicht mehr nannte.' Olga Wohlbrück (1867-1933) war eine österreichisch-deutsche Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin. Sie gilt als die erste Filmregisseurin in Deutschland.
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Eine seltsame Aussprache war es – die erste zwischen Vater und Tochter, wie sie einander gegenüberstanden in dem nüchtern-kahlen Arbeitsraum, zwischen einem Stehpult und einem halb offenen Rassenschrank, da mochte man wohl meinen, der fürstliche Ökonom entlasse eine Untergebene; nun gar, wo er mit ruhiger Gebärde einige blaue Scheine auf den großen, zerkratzten Mitteltisch legte.
»Ich danke dir«, sagte Iduna.
Der alte Flössel zuckte die Achseln.
»Was ist da zu danken. Das bißchen Geld wird dich nicht glücklich machen, und deine hirnverbrannte Idee wird es noch weniger.«
»Nicht dafür allein, für alles danke ich dir, für all die stillen Jahre hier und auch daß ich gehen darf, wie andere – mir mein Leben suchen.«
»Närrin! Es ist ein Unterschied, ob man zur Palette greift, zum Fiedelbogen, zur Schulmappe – oder zur Ehe. Das erste wirft man fort, wenn's einem nicht mehr paßt, das zweite hält einen fest, bis zum Tode. Bis zum Tode, hörst du?« wiederholte er streng. »Ich nehme kein geschiedenes Frauenzimmer in mein Haus auf, verstanden?«
Daran hatte sie noch gar nicht gedacht, daß das möglich war. Aber es war ihr dabei wie eine Erleichterung und ganz leise atmete sie auf. Der Alte mißverstand sie.
»Ja, ja, ich weiß schon, in eurem Dusel glaubt ihr alle, die Ehe ist eitel Zuckerbrot, ewige Verliebtheit...«
Eine heiße Blutwelle stieg dem Mädchen ins Gesicht. »Nein, Papa, von dem Standpunkte...«
Derb legte er ihr die Hand auf die Schulter.
»Ach so, von dem Standpunkte nicht? Also geistige Ehe, philosophischer Krimskrams, Seelengemeinschaft, und tagsüber leerer Magen und nachts ein kaltes Bett ... siehst du, Kind, das kenne ich! Aber abgeschafft habe ich das alles, lang hat's nicht gedauert, kannst mir's glauben. Und darum durfte er mir nicht ins Haus, mein Schwager Julius. Nun, freilich, zieht er zu sich hinüber, was er kann.«
Schweratmend, in ungewöhnlicher Erregung, stand der Alte da, dann ließ er sich schwer auf die Drehbank vor seinem Pult nieder.
Idunas feine Gestalt überflog ein leises Zittern. Das also war's! Jetzt erst verstand sie ihre Mutter, verstand sich selbst in ihrer seltsamen Kindheit und ihrem Sehnen hinaus über die engen Grenzen der derb nüchternen Alltäglichkeit.
»Na, komm, Kind...«
Der Alte zog sie leise zu sich heran.
»Wir wollen im Guten voneinander gehen. Ich hab's der Mutter versprechen müssen, dich deinen Weg ziehen zu lassen, und wenn ich sie zwang mit meinem Willen, dann zeigte sie auf dich und sagte: »Aber ihr laß den Weg frei.« vielleicht hatte sie's damals schon abgekartet mit ihrem Bruder... na, das ist auch egal. Aber eines, Kind: klage nicht, hörst du? Wenn's nicht so ist, wie du dir's gewünscht, dann sage: »mea culpa«. Aber sag dir's im stillen Kämmerlein. Vor der Welt – 'runterschlucken. Wir beide haben auch nie geklagt, wenn's nicht klappen wollte... der große Ausgleich kommt ja doch!
Keine Briefe... alle paar Monate eine Depesche, daß ich weiß, ob du lebst... Auch von mir erwarte keine Nachricht. Sollte ich krank werden, wirst du's rechtzeitig erfahren. Daß sich auch in zwanzig Jahren hier nichts verändert, weißt du... und dein Leben, das würde ich doch nicht verstehen...«
Wie eine Zentnerlast fiel es ihr von der Seele. Es war ein Gefühl in ihr der absolutesten Freiheit und einem Jubelruf gleich klang ihr:
»Leb' wohl, Vater!«
Sie eilte in ihr Zimmer, um noch verschiedenes zu ordnen. Ohne Wehmut nahm sie Abschied von dem Raum, in dem sie neunzehn Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Die kahlen Wände sagten ihr nichts, und die geschmacklosen Nippfiguren, die ihr Freundinnen, Tanten und Cousinen bei verschiedenen Gelegenheiten geschenkt, waren ihr von jeher ein Dorn im Auge gewesen, während sie die Koffer schloß, stieß sie aus Unachtsamkeit eine kleine Pagodenfigur aus billigem Porzellan um, so daß die Scherben klirrten. Das fratzenhafte kleine Köpfchen rollte ihr vor die Füße und schien sie mit der ausgestreckten roten Zunge zu verhöhnen.
Dann, eine Stunde später, stieg sie in den Wagen. Ein weicher, grauer Herbstnachmittag war es. Das zahlreiche Hausgesinde stand vollzählig versammelt im Hof, nicht aus Sympathie, mehr aus Respekt vor dem Herrn. Iduna war nicht gerade beliebt. Oft, wenn sie mit den Leuten sprach, blickte sie über deren Köpfe hinweg in die Luft. Man legte es mit Unrecht für Hochmut aus, aber es war nur das Zerstreute, unruhig Hastende ihres Wesens, das täuschte.
Daß sie nicht stolz war, sah man jetzt. Einem jeden gab sie die Hand, mit freundlichem Lächeln. Nur daß sie »Lieber« und »Liebe« sagte, weil sie die Namen nicht wußte. Aber das verzieh man ihr großmütig, und alle standen noch lange und blickten dem davonrollenden Gefährt nach.
plötzlich, was war's? Der Wagen kehrte um. Sollte das Fräulein was vergessen haben? Man sah sich gegenseitig vorwurfsvoll an und alles lief dem Wagen entgegen.
Iduna hatte sich zum offenen Fenster herausgebeugt:
»Wo ist Klaas, warum hat mir Klaas nicht Adieu gesagt?«
»Klaas, wo ist Klaas«, ging es geschäftig und erstaunt durch die Reihen.
Ein Abgesandter wurde ins Haus zurückgeschickt; er kam bald wieder, vom weißhaarigen Heizer gefolgt.
»Der Klaas ist genierlich, weil er gerade rußige Hände hat.«
Aber herzlich streckte Iduna ihm ihre Rechte entgegen:
»Ich wollte dir doch auch noch gerne Adieu sagen, Klaas, vergiß mich nicht, pflege den Kamin ... und überhaupt ... daß es warm bleibt im Hause ... hoffentlich sehe ich dich wieder.«
»Danke, gnädiges Fräulein, danke...«
Der alte Knecht verzog den zahnlosen Mund zu einem breiten Grinsen, und Iduna wendete sich zum erstenmal bewegt ab.
Der Kutscher trieb die Pferde zu doppelter Eile an, die Leute aber blieben noch zusammen und schwatzten voll Verwunderung über des Fräuleins seltsames Benehmen. Zum Schluß sagte die behäbige Wirtschafterin, die seit dem Tode der Frau Flößner das Hauswesen führte:
»Gut ist's nicht, daß das Fräulein wieder umgekehrt ist, das bringt Unglück ...«
Ein Fenster klirrte im Erdgeschoß. Das harte, verwitterte Gesicht des Ökonomen ward sichtbar.
»An die Arbeit, Leute, müßt ihr stundenlang Maulaffen feil halten ...«
Ein leiser, feiner Landregen sickerte nieder.
Iduna reiste – zum erstenmal in ihrem Leben. Eine große Ernüchterung war es für sie, als sie in dem ausgepolsterten Kasten eingeschlossen saß und nur flaches, graues Land und grauer Himmel an ihrem Coupéfenster vorbeizogen. Dazu das laute Rasseln des Zuges, die schrillen Pfiffe, die feisten Beamten... und auf den größeren Stationen die verschlafenen, verdrückten Gesichter, die nachlässig gekleideten Gestalten – alle denselben hastig unzufriedenen Ausdruck in den Zügen, ein reizloses Jagen und Hasten dem Ziel entgegen... Dann, in ihrem Coupé ein ekler Geruch von gebratenem Geflügel, Pfefferminze und Kölner Wasser, unästhetisch essende Menschen... fettige Papiere, die zum Fenster hinausflogen oder gar unter die Bank geschoben wurden.
Sie kauerte sich in ihrem Winkel zusammen und schloß die Augen. Nur nichts hören, nichts sehen von alledem. Endlich kam alles um sie herum zur Ruhe. Der grüne Schirm wurde über die Lampe gezogen und nun war es beinahe ganz dunkel. Jetzt klang etwas Geheimnisvolles in das Lärmen der Maschine hinein, und dies Durchschneiden der nächtlichen Landschaft, dies vorübergleiten an plötzlich gespenstisch aufragenden Formen, deren Umrisse sie nicht einmal erkennen konnte – das alles regte ihre Phantasie zu stetig wechselnden Vorstellungen an. Das war's endlich, das Reisen, ein Reisen, wie sie sich's erträumt hatte, ein drängendes, sehnsuchtsvolles Hinausjagen ins große Unbestimmte, in einen neuen Tag, in ein neues, fremdes Jeben, in ein neues, großes Glück.
Und sie lächelte mit weitgeöffneten, glänzenden Augen vor sich hin, wie Kinder im Schlaf lächeln, wenn ein Traum ihnen liebliche Bilder vorgaukelt...
Doch als es zu tagen anfing, zerrannen die Bilder, und nur ein Gefühl blieb bedrückend zurück: das Gefühl einer unaussprechlich großen Angst vor dem Wagnis, das sie unternommen.
Um acht Uhr morgens sollte der Zug in Berlin einlaufen. Sie schlang das weißseidene Tüchlein um den Hals, das als Erkennungszeichen dienen sollte. dann stapelte sie ihr Handgepäck ordentlich neben sich auf, faltete die Hände im Schoß und – wartete, wartete ganz brav und fromm, wie ein wohlerzogenes Kind vor der Bescherung.
Nur einmal flog noch ein Lächeln über ihre Lippen, als sie an ihre Sehnsucht dachte... War es wirklich schon vergangenes? Sie wünschte sich plötzlich weit zurück... zurück ins Unbestimmte, Ungewisse, das so Zauberhaftes für sie in sich geborgen ...
Nun hielt der Zug. Ein Gepäckträger nahm ihre Sachen, sie selbst stieg zaudernd aus, um sich spähend voll tödlicher Bangigkeit.
Eine Hand streckte sich ihr entgegen, eine hagere, lange, weiße Hand:
»Da bist du, Kind... ich grüße dich.«
»Julius ... Onkel Julius ...«
Sie stand zitternd vor dem schmalen, hageren Mann, dessen blasses Gesicht von einem kurzen, bläulich schwarzen Bart eingerahmt war. Keiner von ihnen sagte mehr ein Wort. Einige Augenblicke später saßen sie nebeneinander in der unförmigen Droschke.
»Du hast viel Gepäck mit«,...




