E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Wohlgemuth Freundschaft Plus
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7407-6078-6
Verlag: TWENTYSIX LOVE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Realität vs. Scheinwelt
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-7407-6078-6
Verlag: TWENTYSIX LOVE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Autorin Sigrid Wohlgemuth wurde in Brühl, bei Köln geboren. 1996 erfüllte sich die selbstständige Kauffrau ihren Traum, zog nach Kreta und machte die Insel zu ihrer Wahlheimat. Die Mittelmeerinsel, ihre Bewohner, die kretische Küche und das Schreiben wurden zu ihrem Lebensmittelpunkt. Es entstanden Geschichten und Romane, die überwiegend auf Kreta spielen. Nach fünf Romanen, drei weihnachtlichen Kurzgeschichten Anthologien ist der Roman, Freundschaft Plus Realität vs. Scheinwelt, der erste, der nicht auf Kreta spielt. All ihre Romane beinhalten ein spezielles Thema. Auch wenn es oft schwere oder Tabuthemen sind, reist der Leser, die Leserin bei vielen der Bücher über die Insel Kreta, lernt Land und Leute sowie die kretische Küche kennen. Drei ihrer Bücher beinhalten Rezepte. Es gibt viel zu lachen, zu träumen, zu lieben, zum Nachdenken und der Leser, die Leserin spürt die Sonne, das Meer zwischen den Zeilen. Freundschaft Plus mit Folgen spielt im Umkreis von Köln und Bonn. Midlife Crisis, Trauerbewältigung, Panikanfälle, Phobien, Traumerfüllung und in diesem Roman die Selbstbestimmung, sind einige der Themen, die die Autorin mit Vorsicht an den Leser, die Leserin heranbringt. Sigrid Wohlgemuth lektoriert Bücher in allen Genres, Sachbücher und Ratgeber für andere Autoren und Autorinnen. Sie geht diesem Job mit Freude nach, die Vielfalt der Geschichten begeistert sie jedes Mal aufs Neue. Sigrid Wohlgemuth bietet Schreib-Work-Shops auf der Insel Kreta und online an. Bei dem Coaching zeigt sie, wie jeder mit wenig Schreibhandwerk eine Kurzgeschichte und einen Roman schreiben kann. Sie begleitet den Autor, die Autorin bis hin zur Veröffentlichung. Veröffentlichungen Weihnachtsherz, Anthologie Weihnachtsgeschichten, 2023 Twentysix Verlag Freundschaft Plus, Realität vs. Scheinwelt, 2023 Twentysix Verlag Schrei in der Brandung, Roman, 2020 Twentysix Verlag Weihnachtskind, Anthologie Weihnachtsgeschichten, 2019 Amazon Ein Stück Süden für Dich, Kreta-Roman, 2019 Franzius Verlag Und tschüss ... Auf nach Kreta, Kreta-Roman, 2017 Franzius Verlag Der Duft von Oliven, Kreta-Roman, 2015 Der kleine Buchverlag, Lauinger Verlag Drei Stühle, Köstliche Kretische Geschichten mit Rezepten, 2013 Stories & Friends Verlag Bis am Baum die Lichter brennen, Anthologie Weihnachtsgeschichten, 2012 HS Verlag Österreich
Autoren/Hrsg.
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Regentropfen schlugen an die Fensterscheibe. Svenja blickte vom Krankenhausbett aus hinaus. Der November zeigte sich von seiner rauen, nassen Seite. Sie schlug die Decke zurück und versuchte, sich aufzusetzen. Ein stechender Schmerz durchzog ihre Bauchdecke. Die Wunde tat bei jeder Bewegung weh.
»Verdammt!« Mit der Hand hielt sie sich den Unterleib. Im Türrahmen erschien die Krankenschwester. Sie schob einen durchsichtigen Stubenwagen ins Zimmer.
»Endlich!«
»Noch einen Moment, Frau Tilgen.«
Svenja beobachtete, wie die Schwester das Baby hochhob, dann lächelnd auf sie zukam. Vorsichtig beugte sie sich zu ihr herunter.
»Ihr Sohn, Frau Tilgen. Herzlichen Glückwunsch!«
Svenja errötete vor freudiger Aufregung, als sie den Neugeborenen in die Arme nahm, sanft an sich drückte.
»Wie soll er heißen?« Die Schwester schüttelte Svenjas Bettdecke auf.
»Michael.«
»Ich trage den Namen in Ihre Kartei ein.« Kurz darauf verließ die Schwester das Zimmer.
»Endlich sind wir allein! Michael, Michael!« Svenja wiegte den Sohn hin und her. »Du machst mich zum glücklichsten Menschen auf der gesamten Welt. In dir steckt meine unendliche große Liebe, jetzt und immer wird sie mit dir lebendig bleiben.« Sanft streichelte sie über seine Wange. Geburtsfalten zeigten sich auf seiner Stirn, er sah etwas zerknittert aus. Bei ihrer Berührung bewegte er den Mund, als wollte er antworten.
»Ist das ein Grund zur Eifersucht?«, fragte Victor, ihr Ehemann, der plötzlich lächelnd im Raum stand. Erschrocken zuckte die junge Mutter zusammen.
»Schau mal, Michael, das ist Victor.« Sie hob das Baby ein wenig hoch.
»Soll unser Sohn mich beim Vornamen nennen?« Victor schaute verdutzt. Gleichzeitig streckte er die Hände nach seinem Kind aus.
»Entschuldige«, murmelte Svenja und ihre Gesichtsfarbe wechselte ins Bleiche. Sie reichte Michael dem Vater, der ihm zärtlich einen Kuss auf die Stirn hauchte. Dann ging er mit ihm auf dem Arm zum Fenster. »Schau mal, du bist an einem regnerischen Tag geboren, mein Sohn.« Er setzte zu rhythmischen Schaukelbewegungen an. Svenja beobachte ihn. Dabei tippte sie unruhig mit den Fingern auf die Bettdecke. »Bring ihn mir zurück«, rief sie.
»Willst du zurück zu deiner Mama?« Victor sah Michael ins Gesicht, verweilte weiterhin am Fenster.
»Bring mir sofort meinen Sohn zurück!«
Victor warf ihr einen besorgten Blick zu. »Das hört sich an, als hättest du etwas dagegen, wenn ich unseren Sohn halte. Du durftest ihn schließlich neun Monate bei dir haben. Durch den Kaiserschnitt konnte ich seine Geburt nicht miterleben. Du wolltest mich nicht dabei haben.« Er sah wieder aufs Baby. »Dass ich mal Vater werde!« Glücklich strahlend verharrte er in seiner Stellung.
Svenja kniff die Augen zusammen. Du bist sein Ernährer, nicht sein Vater! Michael ist ein Kind der Liebe! Svenja atmete tief durch. Tränen schimmerten in ihren Augenwinkeln. Ach Andreas, könntest du deinen Sohn ... Sie verbot sich für jetzt und auf ewig weitere Gedanken an ihn. »Herzlich willkommen zu Hause!«, sagte Victor, als sie mit dem Auto auf die Einfahrt einbogen. Svenja saß auf dem Rücksitz, neben ihr eine bunt karierte Babytragetasche. Victor hatte die Babyschale vergessen. Svenja hoffte, dass auf der kurzen Strecke kein Unfall passieren würde. Sie streichelte über Michaels kleines Händchen, strahlte ihn dabei an.
»Gefällt es dir?«, fragte ihr Ehemann.
»Was?«
»Siehst du nicht, was Oliver und ich vorbereitet haben?« Er stellte den Motor ab, drehte sich zu ihr um. Erst in dem Moment riss Svenja sich von Michaels Anblick los und sah aus der Windschutzscheibe. Vor der Haustür war eine Wäscheleine aufgehängt, bestückt mit Babykleidung. In der Mitte schaukelte im leichten Wind ein großes Willkommensschild. Vor dem Eingang stand ein zwei Meter großer Storch, der eine Babypuppe, gewickelt in einer Windel, um den Schnabel gebunden trug.
»Wo habt ihr den Storch aufgetrieben? Eine originelle Idee.« Svenja strahlte.
»Mama, Mama«, rief Oliver. Er sprang die Stufen hinunter, kam aufs Auto zugelaufen, blieb abrupt stehen. Vorsichtig sah er durch die Scheibe ins Innere. Svenja öffnete die Tür, winkte ihn heran.
»Pst, Michael schläft. Du musst leise sein.« Sie legte den Zeigefinger auf den Mund. Oliver nickte. Auf Zehenspitzen kam er näher und streckte den Kopf ins Wageninnere, sodass er ins Körbchen sehen konnte.
»Mein Bruder«, flüsterte er.
Die Mutter wandte sich ans Baby. »Zum Glück hast du keinen Schnupfen mehr, mit dem du deinen Bruder anstecken könntest. Schau Michael, das ist dein Bruder Oliver.« Sie zog ein Stückchen die Decke herunter.
»Ich trag Michael ins Haus«, sagte Victor, der in der Zwischenzeit ausgestiegen und auf Svenjas Seite herübergekommen war.
»Das mache ich selbst!«
»Du darfst noch nicht schwer heben.« Victor griff nach der Tasche.
»Ich sagte, ich trage ihn!«
Automatisch wich er einen Schritt zurück und schüttelte verwundert den Kopf. Dann wendete er sich zu Oliver und legte die Hand auf dessen Schulter. Hoch erhobenen Hauptes trug die Mutter ihren Zweitgeborenen, einer alten Sitte folgend, mit dem Köpfchen zuerst ins Haus.
In den nächsten Tagen versuchte Svenja ihren Rhythmus zu finden. Recht schnell brachte sie Haushalt und zweifaches Muttersein unter einen Hut.
»Mama, dürfen am Nachmittag meine beiden Freunde zum Spielen herüberkommen?«, fragte Oliver.
»Nur, wenn ihr euch draußen leise verhaltet, solange Michael schläft.« Sie räumte den Frühstückstisch ab.
»Aber es regnet!«, erwiderte Oliver und schob sich das letzte Stück Brot mit Haselnusscreme in den Mund.
»Dann spielst du allein in deinem Zimmer.«
»Aber ...«
»Kein aber! Und nun mach, dass du in die Schule kommst«, sagte Svenja, während sie ihn aus der Küche schob. Stillschweigend beobachtete Victor die Szene. Die Haustür fiel ins Schloss, dann kam seine Ehefrau zurück.
»Du bist zu streng mit ihm.« Victor legte die Tageszeitung beiseite.
»Wieso?« Mit gekrauster Stirn sah sie ihn an.
»Nachdem Oliver mich damals akzeptiert hat, haben wir ihn gemeinsam verwöhnt. Seit Beginn der Schwangerschaft beschleicht mich das Gefühl, dass du ihn kaum beachtest und ihm alles verbietest. Ständig muss er aufs Baby Rücksicht nehmen. Er ist gerade mal zehn und will sich austoben.« Er nahm die Brille ab, legte sie auf den Tisch. Svenja drehte sich zu ihm um. »Was soll diese Anspielung? Ich kümmere mich um Oliver, genauso wie vor Michaels Geburt.«
»Dir fällt ja nicht mal auf, dass Oliver ganz blass im Gesicht ist. In den letzten zehn Monaten hat er an Gewicht verloren. Seine Haare müssten längst geschnitten werden. Seine Jeans zeigen Hochwasser!«
»Ich denke, das bildest du dir alles ein!«
»Wirklich, Svenja?« Er sah in ihre braunen Augen.
Svenja wich dem Blick aus, indem sie sich mit dem Kaffeeautomaten beschäftigte. »Wenn du der Meinung bist, ich würde mich nicht genug um Oliver kümmern und du siehst, dass er zum Friseur soll oder neue Hosen braucht, warum erledigst du das nicht«, sprach Svenja, ohne ihn dabei anzusehen. Mit tief in die Jeans vergrabenen Händen versuchte Victor das Gehörte zu verdauen. Nach kurzer Überlegung kam er zu dem Entschluss, dass Svenja recht hatte, und nahm sich vor, am Nachmittag mit Oliver shoppen zu gehen. Er lehnte sich an die Küchenzeile, beobachtete Svenja, wie sie ins Wohnzimmer ging. Der ruhige Moment gab ihm Zeit, zurückzudenken.
Vor fünf Jahren hatten sie sich bei der Eröffnung einer Designer-Boutique auf der Düsseldorfer Kö kennengelernt. Die Königsallee ist einer der führenden Luxuseinkaufsstraßen Europas. Svenja hatte dort, auf dem Immobilienmarkt, Fuß gefasst und konnte sich vor Neuaufträgen danach kaum retten. Es begeisterte ihn, wie souverän sie auftrat und ihm dieses gewinneinbringende Objekt vor der Nase weggeschnappt hatte.
Svenja, die gertenschlanke Frau mit der dunkelbraunen, modisch kurz geschnittenen Frisur, deren mandelfarbenen Augen passend zur Haarfarbe schimmerten. Ihr Lächeln verzauberte ihn. Damals lebte sie in Scheidung von Jochen Pirra, Olivers leiblichem Vater. Um finanziell unabhängig zu sein, hatte sie sich mit einem Immobilienbüro selbstständig gemacht. Ging sie arbeiten, kümmerten sich ihre Eltern um Oliver. Victor schloss Oliver bald in sein Herz, einen Jungen, der die reinste Freundlichkeit ausstrahlte. Olivers anfängliche Eifersucht, die Zeit der Mutter mit ihm teilen zu müssen, legte sich schnell. Im Alter von acht Jahren überraschte Oliver ihn eines Morgens damit, dass er ihm Frühstück ans Bett brachte. An jenem Tag war Svenja zeitig zu einer Tagung nach Berlin aufgebrochen. Einige Monate später kam Svenja nach einem Seminar zurück, verkündete: »Ich bin schwanger.« Victor lächelte, bei dieser...




