Wohlgemuth | Schrei in der Brandung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 348 Seiten

Wohlgemuth Schrei in der Brandung


2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7407-2232-6
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 348 Seiten

ISBN: 978-3-7407-2232-6
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Seit der Kindheit meidet Ariane Gewässer jeglicher Art. Sie leidet unter Aquaphobie. Dem Rat von Therapeuten, sich der Angst zu stellen, widersetzt sie sich. Auf einer Reise kommt es zu einem Vorfall mit dramatischen Folgen. Sie beschließt: So kann es nicht weitergehen! Nachdem Ariane eine Dokumentation sieht, bei der es um Rückführungen geht, sucht sie eine Spezialistin auf. Die Sitzung bewegt Ariane dazu, auf die griechische Insel Kreta auszuwandern. Dort macht sie sich auf die Suche nach dem Mörder aus ihrem vermeintlichen Vorleben. Spielt die Fantasie ihr einen Streich oder steckt hinter der Phobie ein jahrzehntelang gehütetes Geheimnis?

Die Autorin Sigrid Wohlgemuth wurde in Brühl, bei Köln geboren. 1996 erfüllte sich die selbstständige Kauffrau ihren Traum, zog nach Kreta und machte die Insel zu ihrer Wahlheimat. Die Mittelmeerinsel, ihre Bewohner, die kretische Küche und das Schreiben wurden zu ihrem Lebensmittelpunkt. Es entstanden Geschichten und Romane, die überwiegend auf Kreta spielen. Nicht nur in ihren Erzählungen, sondern auch bei Lesungen, bei VHS Kochkursen in Deutschland und auf Kreta, sowie in Live - Kochshows auf der Insel möchte Sie dem Gast die kretische Kultur, sowie Land und Leute näherbringen. Das Lebensmotto von Sigrid Wohlgemuth: "Lebe deinen Traum, bevor es zu spät dazu ist." Veröffentlichungen 2020 Schrei in der Brandung - twentysix.de 2019 Weihnachtskind Selbstverlag 2019 Ein Stück Süden für Dich - Franzius Verlag GmbH 2017 Und tschüss ... Auf nach Kreta! - Franzius Verlag GmbH 2015 Der Duft von Oliven - Lauinger Verlag 2013 Drei Stühle - Köstliche kretische Geschichten - Stories & Friends Verlag 2012 Bis am Baum die Lichter brennen - HS Verlag Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. August 2018 Food Expertin für ADAC Reisemagazin Kreta https://www.facebook.com/sigrid.wohlgemuth/ https://kreta-erzaehlungen-rezepte.jimdofree.com/ sigrid.wohlgemuth@yahoo.de
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Vor sechs Monaten


Judith und ich kannten uns seit dem ersten Schuljahr. Freundeten uns schnell an, wurden unzertrennlich. Gemeinsam entschieden wir, den Beruf der Steuerfachgehilfin zu erlernen. Mit vierundzwanzig kauften wir uns in eine Partnerschaft, einer Steuerkanzlei, ein. Nach einem Jahr und dem Abschluss zum Steuerberater zahlten wir den vorherigen Eigentümer aus. Niemals kam es zu Unstimmigkeiten, wir klärten alles in einem Gespräch.

Bis vor sechs Monaten. Ich hatte es satt jeden Morgen aufzustehen, um ins Büro zu gehen. Schlapp und ausgelaugt fühlte ich mich. Seit drei Jahren hatte ich durchgearbeitet ohne jeglichen Urlaub. Unsere Kanzlei lief gut, zu gut, denn mir fehlte die Zeit an meine persönlichen Wünsche zu denken. Judith nahm ihren Urlaub großzügig wahr. Verheiratet und zwei Kinder, da brauchte sie die Auszeit, um mit der Familie mehrere erholsame Wochen im Jahr zu verbringen. Ich gönnte es ihr. Doch dann kam der Tag, an dem ich einiges aufs Spiel setzte.

Im April, genau zu den Osterferien, buchte ich kurzfristig einen Flug auf die griechische Insel Kreta, ohne es vorher mit Judith abzusprechen.

Sie hatte längst die Ferien verplant, befand sich bereits in den Vorbereitungen. Mit meiner Spontanbuchung machte ich ihr einen Strich durch die Rechnung. Eine kurze Nachricht hinterließ ich auf Judiths Schreibtisch.

Damit fiel für sie der Familienurlaub an der Nordsee im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser. Sie blieb zu Hause, ihr Mann und die Kinder fuhren. Das war das erste Mal in unserer dreiunddreißigjährigen Freundschaft, dass wir nicht über etwas gesprochen hatten, was uns am Herzen lag. Ich wusste nicht, was mich dazu trieb, einen solchen Vertrauensbruch zu begehen. Und ob ich mit den Konsequenzen leben konnte, stand nicht fest. Etwas wütete in mir, unterschwellig, ohne dass ich es wirklich greifen konnte.

Und ausgerechnet Kreta! Eine Insel, die im Mittelmeer lag. Bereits in meiner Kindheit scheute ich das Meer, sogar ein Fluss bereitete mir Angstzustände. Woher diese Ausbrüche kamen? Keine Ahnung, dies konnten weder meine Eltern erklären noch die zahlreichen Therapeuten herausfinden, die ich seit meinem zehnten Lebensjahr aufsuchte. Bis dato hatte ich in den Urlauben das Festland bevorzugt, weit vom Meer entfernt, am liebsten mit dem Auto in die Berge. Und jetzt hatte ich gebucht! Wie es dazu kam?

Mir fehlte die Anschrift eines Finanzamtes. Auf der Suche im Netz wurde auf der rechten Seite Werbung geschaltet. Zwei Wochen Kreta für sechshundertneunundneunzig Euro. Ein Last-Minute-Angebot, zwei Tage vor Ferienbeginn. Ich klickte auf den Link. Sah mir flüchtig das Angebot an und buchte, ohne weiter darüber nachzudenken. Ich fühlte mich ferngesteuert.

Auch nachdem ich den Ausdruck der Hotelbuchung in der Hand hielt, kam kein Gefühl in mir auf. Weder Freude noch Zweifel. Ich wusste einzig und allein, es war die richtige Entscheidung. Nach einer Stunde und dem Realisieren, was ich gemacht hatte, stellte sich Angst ein. Schließlich würde der Flug übers Meer führen. Ich musste unbedingt dafür sorgen, dass ich keinen Fensterplatz bekam.

Um die Angst zu unterdrücken, schluckte ich sofort Beruhigungstabletten, die ich seit Jahrzehnten mit mir führte und oft genug nahm.

Schließlich gab es in Köln Brücken, die überquert werden mussten. Allein schon, wenn ich zum Flughafen wollte. Auch bei starrem Geradeaussehen, einzig der Gedanke, dass der Rhein unter mir floss, trieb meine Furcht zum Höhepunkt. Nur mit einer schnell wirkenden Tablette, die sich unter der Zunge auflöste, konnte ich die Überfahrt schaffen. Auch an jenem Morgen, als ich die Flucht ergriffen hatte, um nach Kreta zu fliegen.

Nach drei Stunden Flug landete die Maschine auf dem Flughafen Níkos Kazanzákis in Heráklion. Ich befand mich in einem Zustand der Leichtigkeit, denn ich hatte die Medikamentenstückzahl erhöht, um die Reise zu überstehen. Leicht schwindlig stieg ich die Flugzeugtreppen hinunter und freute mich über festen Boden unter den Füßen. Obwohl es mir vorkam, als würde ich schweben. Zum Glück brauchte ich zum Hotel nicht selbst zu fahren. Ich schaffte es zum Bus, ließ mich auf einen der hintersten Sitze fallen, schloss die Augen. Der Reiseleiter zählte durch die Reihen und teilte mit, dass eine knapp zweistündige Fahrt vor uns lag. Ich schlief erschöpft ein und bekam nicht mit, dass wir am Meer entlang in den Osten der Insel fuhren.

Jemand rüttelte mich an der Schulter. »Hallo, wir sind da«, vernahm ich eine männliche angenehme Stimme.

Ich schüttelte den Kopf, wollte nicht aus meiner Traumwelt gerissen werden. Das Rütteln wurde heftiger und nun schien die Stimme besorgt.

»Geht es Ihnen nicht gut? Brauchen Sie einen Arzt?«

Ich richtete mich auf, sah den Mann an. »Entschuldigung, ich muss wohl eingeschlafen sein.« Verlegen strich ich durch mein Haar. Sicherlich würde es nach allen Seiten abstehen und ich keinen guten Eindruck auf den nett aussehenden Mann machen. Er hatte strahlend weiße Zähne, ob sie gebleicht waren? Ich las sein Namensschild: Leftéris Solidákis. Er reichte mir die Hand, half mir hoch. Mir wurde schwindelig, ich lehnte mich kurz an ihn, denn ich hatte das Gefühl umzufallen.

»Möchten Sie sich lieber wieder setzen? Soll ich den Hotelarzt kommen lassen?«

»Nein, es geht.«

Woher spricht dieser Mann ein solch gutes Deutsch, dachte ich, während ich vorsichtig aus dem Bus stieg. Leftéris blieb an meiner Seite, stützte mich auf dem Weg zur Rezeption. »Wenn Sie mir Ihren Pass geben, melde ich Sie an, damit es schneller geht und Sie sich gegebenenfalls gleich hinlegen können.«

Stumm reichte ich ihm den Ausweis und meine Hotelbestätigung.

Vor der Rezeption warteten die anderen Gäste. Kinder hüpften in der Vorhalle umher oder zerrten an den Ärmeln ihrer Mütter. Laut meldeten sie an, endlich in den Pool springen zu wollen. Vergeblich versuchten die Eltern, die Sprösslinge zu beruhigen, versprachen ihnen ein Eis, wenn sie sich ein wenig gedulden würden.

Ich bekam diese Szenen verzerrt mit, es kam mir unerträglich laut vor. Die Versuchung, mir die Ohren zuzuhalten, war groß. Ich riss mich zusammen, lenkte mein Augenmerk auf den Reiseleiter. Leftéris drängte sich an den Gästen vorbei hinter den Tresen.

Keine fünf Minuten später brachte er mich zu meiner Unterkunft, einem weißen Haus mit blauen Fenstern. Eine rosafarbene Bougainvillea schlängelte sich über die gesamte Vorderfront bis hin zum Balkon auf der ersten Etage. Leftéris stieg die Treppe zum Obergeschoss hinauf. Ich hielt mich am Geländer fest, folgte langsam, indem ich mich stückchenweise hochzog und vorsichtig eine Stufe nach der anderen nahm. Leftéris öffnete die Eingangstür. Eiskalte Luft schlug mir aus dem Inneren des Zimmers entgegen. Die Klimaanlage lief auf Hochtouren, dabei waren die Temperaturen im April angenehm. Ich überlegte, wie sehr dieser Kühlluxus das Klima erwärmen würde und für einen Weltuntergang mitsorgte. War ich verrückt? Was für Gedanken durchquerten meine Gehirnhälften? Sicherlich lag es am übertriebenen Pillenkonsum. Ich sollte zukünftig vorsichtiger damit umgehen.

»Könnten Sie bitte die Klimaanlage abschalten?«, fragte ich und öffnete die Balkontür.

Verdammt! Ein Zimmer mit Meerblick. Ich hielt den Atem an, schlagartig überfiel mich der Schwindel, mir wurde schwarz vor Augen. Dass ich zu Boden stürzte, bekam ich wie durch einen Schleier mit.

Leise Stimmen drangen an mein Ohr. Ich spürte, dass mir jemand etwas um den Arm band und ließ es geschehen. In meiner Gedankenwelt hinter geschlossenen Lidern befand ich mich auf einem Berg, in den Alpen. Ein leichter Wind wehte mir um die Nasenspitze, die Stirn fühlte sich feucht an. Die Stimmen wurden deutlicher.

»Legen Sie ihr ein nasses Tuch in den Nacken, lagern Sie ihre Beine hoch«, vernahm ich eine weibliche Stimme.

Jemand hob meine Beine an, schob etwas darunter. Vorsichtig öffnete ich die Augen zu einem Schlitz und erkannte, dass mir der Blutdruck gemessen wurde. Eine weißgekleidete Frau saß auf dem Bettrand. Drei weitere Personen standen um mich herum. Dort! Ich erkannte Leftéris, öffnete gänzlich die Augen und lächelte ihn an.

Er beugte sich zu mir herunter. »Bin ich froh, da sind Sie ja wieder.«

»War ich weg?«

»Wissen Sie, wo Sie sich befinden?«, fragte mich die Frau, die mir die Manschette abnahm.

»Im Bett«, antwortete ich.

»Und wo?«

Ein Stich zog durch den Kopf. Das Herz schlug schneller, ich atmete hastig. Die Balkontür, das Meer! Ich richtete mich auf, wollte mir Gewissheit verschaffen.

»Bleiben Sie bitte liegen.« Sanft wurde ich aufs Kissen zurückgedrückt. »Ihr Blutdruck ist ziemlich niedrig, dazu haben Sie einen erhöhten Puls. Ich würde Ihnen gerne eine Spritze geben, damit Sie stabil werden. Nehmen Sie...



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