E-Book, Deutsch, 84 Seiten
Wolf Das Lied der kleinen Worte
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-1466-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kurzgeschichten zwischen Phantastik und Solar Punk
E-Book, Deutsch, 84 Seiten
ISBN: 978-3-6951-1466-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marina K. Wolf ist in einer Patchworkfamilie in Portugal und Deutschland aufgewachsen. Sie liebt Kaffee und Bäume, Bücher, Sprachen und Reisen, Tauchen und (schief) Singen. Sie begeistert sich für Mythen und Sagen verschiedenster Kulturen und kann sich fürchterlich über falsche Grammatik aufregen. Beruflich organisiert, privat ein Vollchaot, trifft sie Entscheidungen am liebsten aus dem Bauch heraus und hat damit bisher ganz gut überlebt. Sie ist im Vorstand des Münchner Schreiberlinge e.V. und im Alltag nie ohne Noise Cancelling Headphones unterwegs.
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Die Krähen
Ein Blitz zuckte und beinahe gleichzeitig grollte ein Donnerschlag durch die Häuserschluchten, der Neila wie ein erschrockenes Kaninchen den Kopf einziehen ließ.
»Sitz nicht immer nur im dunklen Zimmer rum«, äffte sie die Stimme ihrer Schwester nach. »Geh mal an die frische Luft, das ist gesund.« Neila schüttelte sich und rief zu den dunklen Wolken hinauf: »Einen Dreck ist es!«
Niemand antwortete ihr. Selbst, wenn jemand direkt neben ihr gegangen wäre, hätte die Person vermutlich kaum ein Wort verstanden in dem Lärm, den das Gewitter machte. Regen rauschte und lange Gräser bogen sich wie geisterhafte Finger, die nach ihr greifen wollten. Abgerissenes Laub, Papiertüten aus dem nahen Supermarkt und zu ihrem Erstaunen ein einzelner Turnschuh trudelten durch die Straße, die wie ausgestorben dalag. Natürlich. Wer würde auch freiwillig bei diesem Mistwetter vor die Tür gehen?
Neila zog sich ihre Kapuze tiefer in die Stirn und stemmte sich gegen Wind und Regen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es dermaßen widerlich werden würde. War sie überhaupt auf dem richtigen Weg? Sie tippte auf ihr linkes Brillenglas und ließ sich die Strecke einblenden. Die grüne Linie wurde von den Regentropfen verzerrt und schien zu buckeln und zu tanzen wie ein Frosch auf Drogen. Neila stieß einen leisen Fluch aus. Das hatte man davon, die Sprachsteuerung zu deaktivieren.
Die nächste Windböe trieb sie weiter die Straße entlang, um eine Ecke, über einen Grünstreifen, in dem bunte Wiesenblumen sich verzweifelt an ihre letzten Blütenblätter klammerten, und unter den Schutz eines geschwungenen Vordaches. Sie riss sich den Rucksack vom Rücken und atmete erleichtert auf, als sie alles darin trocken vorfand. Dann beugte sie sich vor und rieb ihr Knie. Bei Regenwetter juckte es immer furchtbar an der Stelle, an der ihr Bein in ihre Prothese überging. Dabei fiel ihr Blick auf eine kleine, schwarze Silhouette, eine Art Comic-zeichnung, die jemand auf Höhe ihrer Knöchel an die Gartenmauer gemalt hatte. Ein Spatz, der ironischerweise einen aufgespannten Regenschirm über sich hielt.
»Sehr witzig«, knurrte Neila.
Ein gutes Stück über dem Bild verkündete eine Messingtafel in großzügigen Lettern:
Villa Lafallier
Dauerausstellung der Sammlung Lafallier
Öffnungszeiten:
täglich 10.00 - 18.00 Uhr
Sie schob einen pitschnassen Ärmel zurück und tippte auf ihr Armdisplay, um sich die Uhrzeit anzeigen zu lassen. Sie war später dran als gedacht, allerdings hatte sie wie gewohnt dermaßen viel Puffer eingeplant, dass sie noch immer mehr als genug Zeit hatte. Eine halbe Stunde in einer der Trockenkabinen am Eingang wäre ein Segen und würde ihr ermöglichen, ungesehen die Prothese abzunehmen und sich um die Haut darunter zu kümmern. Also wandte sie Regen und Wind den Rücken zu und betrat die elegante Jugendstilvilla.
Kaum war sie durch die Tür getreten, erschien hinter dem unbesetzten Tresen das Hologramm eines Hundemenschen im schwarzen Anzug mit einer kleinen Preisliste auf einem silbernen Tablett. Offenbar hatte es jemand für total witzig gehalten, für eine Kunstausstellung einen Butler mit Fellnase zu programmieren. »Tageskarte, Monatsticket oder gleich unser preiswertes Jahresabonnement?«, fragte die alberne Gestalt.
Neila beäugte die Liste auf dem Silbertablett. »Preiswert ist hier mal gar nichts. Ich will auch keinen ganzen Tag bleiben, nur bis der Regen vorbei ist.«
Der Hundebutler zuckte mit keinem Schlappohr. »Tageskarte, Monatsticket oder gleich unser preiswertes Jahresabonnement?«, wiederholte er in exakt gleichem Tonfall und Neila seufzte. Sie war zu nass, um sich mit einem verfluchten Hologramm zu streiten.
»Tageskarte«, knurrte sie und hielt ihr Handgelenk dem Kassen-Icon entgegen.
Keine Stunde später schlenderte Neila durch die Kunstausstellung. Die warme Luft der Trockenkabine hatte ihren Zweck erfüllt und ihr schwarzes Kapuzenkleid bis zur Unterwäsche getrocknet. Allerdings standen nun ihre Haare strohig und elektrisiert in alle Richtungen und Neila fuhr sich immer wieder durch die dunkelgrünen Strähnen, um sie zu glätten, was das Problem jedoch eher verschlimmerte. Als sie einen hellen Raum betrat, der rund um einen begrünten Innenhof angelegt war, glitt zum ersten Mal an diesem Tag ein Lächeln über ihr Gesicht. Nicht wegen den kleinen Bildern an der Wand oder den bunten Filterglasscheiben zum Hof, hinter denen sich das Unwetter in sanften Regen verwandelt hatte. Auch nicht wegen den schmiedeeisernen Bäumen, die ihre kunstvoll verdrehten Äste von den Wänden aus über die gewölbte Decke streckten. Neilas Lächeln galt dem mannshohen Automaten, der zwischen einem der Eisenbäume und ein paar zierlichen Tischen stand. Als sie auf ihn zuging, leuchtete auf seinem Display ein Smiley auf.
»Hallo«, quäkte der Automat. »Was kann ich dir anbieten?«
»Ähm …« Neila überflog kurz die Angebotsliste.
»Falafel. Und dazu Chips. Und heiße Schokolade.«
Der Pixelmund verbog sich nach unten. »Möchtest du nicht lieber ein belegtes Vollkornbrot mit Salat, Tomaten …«
»Ich bin glutenintolerant.«
Die Pixelaugen blinzelten, während der Automat Daten abrief. »Das ist nicht in deiner Krankenakte hinterlegt.«
»Mir egal. Kann ich jetzt mein Essen haben?«
Der Pixelmund zog sich noch weiter nach unten. »Bei deinem derzeitigen Blutzuckerspiegel muss ich von zuckerhaltigen Getränken abraten. Und Falafel und Chips haben einen sehr hohen Fettgehalt. Bei deinem Body-Maß-Index …«
»Geht’s noch?« Neila starrte den Automaten an. »Seit wann liest du meinen BMI aus?«
Der Smiley kehrte zurück. »Die Errechnung des BMI ist ein kostenloses Feature, über das alle Automaten der Serie ULW9205 seit dem letzten Update verfügen. Wir freuen uns, dich bei einer gesunden Ernährung zu unterstützen.«
»Ich will aber keine gesunde Ernährung! Ich will Falafel und Schokolade!«
»Dein derzeitiger Blutzuckerspiegel liegt bei …«, setzte der Automat an.
Neila tippte ein paar Befehle auf ihrem Unterarmdisplay ein und unterbrach die Verbindung. »Mein Blutzucker geht dich einen Dreck an. Jetzt gib mir mein Essen.«
Das Pixelgesicht begann rot zu blinken. »Leider kann ich keine Verbindung zu deinen Gesundheitsdaten aufbauen. Bitte achte darauf, dass dein Health Device ordnungsgemäß an deinem Körper anliegt.«
»Verfluchter, bescheuerter Haufen Blech!« Neila trat so kräftig gegen den Automaten, dass er leicht schwankte.
»Vorsicht«, erklang eine Stimme hinter ihr. »Anton ist nicht sehr stabil. Er könnte leicht umkippen.«
Neila fuhr herum. »Sehe ich aus als könnte ich einen fetten Automaten …«
Die Worte erstarben auf ihren Lippen. Vor ihr stand ein junger Mann, der ungefähr in ihrem Alter sein musste. Damit endeten die Gemeinsamkeiten aber auch schon wieder. Neilas Augen wanderten über hohe Wangenknochen, perfekt sitzende Jeans und ein weißes Shirt, das wohlgeformte Muskeln zur Geltung brachte. Im Kontrast zu seiner dunklen Haut strahlte es geradezu, als wäre er ein Model bei einem Fotoshooting. Neila spürte, wie ihr die Röte vom Ausschnitt ins Gesicht kroch und jeden einzelnen Mitesser auf ihrer blassen Haut noch besser zur Geltung brachte.
Der Neuankömmling trat an ihr vorbei. »Hallo Anton. Gibst du mir eine heiße Schokolade?«
Das Automatengesicht strahlte. »Sehr gerne, Rai. Bitte schön.«
Neila trat einen Schritt zurück. Natürlich bekam dieser Rai seine Schokolade ohne Getue. Sein Blutzuckerspiegel war sicher perfekt und sein BMI ganz offensichtlich kein Problem. Nervös huschte ihr Blick zu der Glasfront, als suchte sie nach einem Fluchtweg.
Sie zuckte zusammen, als Rai ihr einen dampfenden Becher unter die Nase hielt. »Das wolltest du doch, oder?«
»Äh, ich, ja, schon.« Neila biss sich auf die Zunge. Sie musste unbedingt aufhören zu stammeln. »Ich kann es dir zurückzahlen.«
Rai lächelte. »Mach dir keinen Stress. Ich zahl hier nichts.« Er streckte ihr eine Hand hin. »Ich bin Rai Lafallier.«
Neila stutzte. »So wie in Villa Lafallier?«
Er bekam keine Gelegenheit mehr, die Frage zu beantworten.
Aus den versteckten Lautsprechern, die bisher undefinierte, zurückhaltende Lounge-Musik gespielt hatten, erklang ein Klicken. Dann dröhnte Speed Metal durch den Raum. Neila hörte nicht einmal, wie ihr Becher auf den Boden prallte und sich in einer schokobraunen Pfütze über ihre Stiefel ergoss, während sie sich beide Hände über die Ohren schlug. Die Fensterfront zum Innenhof fuhr herunter und mit einem Schwall kühler Luft zischten Gestalten auf Air-Skates herein. Schwarze Masken mit einer Art Vogelschnabel bedeckten ihre Gesichter. Sie glitten so gekonnt im Rhythmus der Musik durch die Luft, als bewegten...




