E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Wolf Der Ketzer von Konstanz
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7751-7632-3
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Roman über Jan Hus
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-7751-7632-3
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Corinna Wolf (Jg. 1987) lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Konstanz. Nach ihrem Psychologie-Studium arbeitete sie einige Jahre in verschiedenen Kliniken, bis sie sich als systemische Therapeutin, Supervisorin und Dozentin selbstständig machte. In ihrem beruflichen und auch privaten Alltag erlebt sie immer wieder, wie Jesus alle Hindernisse überwindet, um Menschen zu begegnen und sie zur Freiheit zu führen. Ihre große Leidenschaft ist es, Geschichten zu erzählen, die in uns den Glauben erwecken, dass Gott noch Größeres mit uns vorhat, als wir uns selbst vorstellen können.
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Jan verließ die Bethlehemskapelle mit einem Gefühl von Resignation. Drinnen hörte er noch das Stampfen und Rufen der Gläubigen. Nur wenige Minuten hatte es gedauert, aber dort, auf der Kanzel, hatte er wieder gespürt, wozu er berufen war. Es war nicht das Rampenlicht, die Aufregung um seine Person oder dass so viele Menschen ihm zuhörten. Nein, was ihn so begeisterte, war, dass er in diesen Minuten in der Kapelle wieder geglaubt hatte, dass der Leib Christi real war. Dass die Gemeinschaft der Gläubigen, die wahre Kirche, alles zu überwinden imstande war und die Welt erneuern würde. Dass all diejenigen, die das Vertrauen in ihr Amt missbrauchten und nur Macht und Geld anhäuften, von diesen teils einfachen Menschen in der Kapelle zur Buße geführt werden konnten. Dass Gott eingreifen und für seine wahre Kirche kämpfen würde.
Doch schon nach wenigen Minuten hatte er den Rückzug angetreten, schon wieder floh er vor seinen Feinden. Schon wieder würde er allein sein auf der Burg, allein mit seinen Gedanken und sich fragen, ob er die richtigen Entscheidungen getroffen hatte. Er war sich nicht sicher, ob er sich wünschen sollte, dass all die Gläubigen dort im Gebäude von seinen inneren Kämpfen wüssten, damit sie nicht in Selbstverdammnis verfielen, wenn sie von Ängsten und Zweifeln heimgesucht würden. Oder ob er froh war, dass sie nur den starken Magister Hus kannten, der sich mit seiner ganzen Kraft der Botschaft verschrieben hatte und keinen Deut von seinem Weg abwich.
Rechts und links neben ihm gingen sein früheres Mündel Anezka und Christian von Prachatitz, sein Nachfolger als Rektor der Universität und einer seiner treuesten Unterstützer.
»Ihr müsst die Stadt wieder verlassen, Hus. Sosehr mich Eure Anwesenheit freut, Ihr seid hier nicht sicher. Mit jeder Woche steigt der Druck, und ich kann mir nicht mehr sicher sein, wer noch vertrauenswürdig ist. Ihr wisst, ich habe alles versucht, aber König Wenzel ist der ganzen Sache und vermutlich auch der Königskrone müde. Am Hof kursiert das Gerücht, er habe Euren Fall an seinen Bruder König Sigismund übergeben.«
Jan nickte.
»Ich weiß, Christian. Ich danke Euch für alles, was Ihr für mich und für die Sache getan habt. Mir fällt es immer schwerer zu wissen, was die richtigen Entscheidungen sind. Ich werde vorerst auf die Burg zurückkehren und versuchen, im Gebet eine Antwort zu erhalten, wohin mein Weg mich führt.«
Der Magister und der Direktor umarmten sich. Als Christian gegangen war, wandte sich Jan der jungen Frau zu, die dem Gespräch auffällig schweigsam zugehört hatte. Er kannte Anezka gut genug, um zu wissen, dass sie sich ihre Energie aufhob für was auch immer sie als Nächstes sagen würde. Er schob sie in eine Gasse zwischen zwei Gebäuden, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, und zog sie dann in eine Umarmung.
»Wie geht es Euch?«, fragte er schließlich, als sie weiter schwieg.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
»Wir haben auf dem Weg noch genug Zeit, Freundlichkeiten auszutauschen. Ich werde Euch nämlich begleiteten.«
Mit erhobenem Kopf forderte sie ihren früheren Vormund heraus, ihr zu widersprechen.
Jan musterte sie einen Moment nachdenklich. Anezkas Vater war ein erfolgreicher Kaufmann und Patrizier Prags gewesen, der den Grund und Boden gespendet hatte, auf dem nun die Bethlehemskapelle stand. Jan hatte ihn bei seinem Antritt als Direktor der Bethlehemskapelle vor zwölf Jahren kennengelernt, und der alte Kaufmann mit Namen Kreuz hatte ihn schnell zu schätzen gelernt. Als er zwei Jahre später gestorben war, hatte er vor seinem Tod Jan das Versprechen abgenommen, dass er die Vormundschaft für seine noch minderjährige Tochter übernehmen würde, während der Großteil seines Besitzes an seinen Bruder ging, der seinen Betrieb fortführen konnte. Anezka war schon in jungen Jahren ungewöhnlich scharfsinnig gewesen und hatte ihren Vater selbst um diese Vormundschaft gebeten, weil sie Jans Lehren so begeistert aufgenommen hatte.
Als Mädchen konnte sie nicht Jans Vorbild folgen und an die Lateinschule gehen, aber das hatte sie in den letzten Jahren nicht davon abgehalten, mit ihrem Erbe und Jans Unterstützung eine kleine Gemeinschaft aus Frauen aufzubauen, die sich dem geistlichen Wachstum verschrieben hatten. Das Talent zur Kauffrau hatte sie von ihrem Vater geerbt und verkaufte mit den anderen Frauen genug selbst hergestellte Stoffe und Handelswaren, um sich ihren Lebensunterhalt eigenständig verdienen zu können. Ihre Stellung als Kauffrau in der Stadt ermöglichte ihr auch gewisse Freiheiten als junge und ledige Frau. Und trotzdem war es riskant, sie mit auf die Burg zu nehmen.
Jan seufzte innerlich, wenn er an seine Rückkehr dorthin dachte. Er konnte Gesellschaft gut gebrauchen, und Anezka war über die Jahre eine fast ebenso anregende Gesprächspartnerin geworden wie seine gelehrten Kollegen und Freunde an der Universität. Ihre fehlende Bildung glich sie mit Wissendurst aus. Das Lesen und Schreiben hatte er ihr selbst beigebracht.
»Wie werdet Ihr wieder zurück nach Prag kommen?«
Ein überraschtes Lächeln glitt über Anezkas Gesicht, und sie ließ die Arme sinken, als Jan nicht protestierte. Für einen Moment sah sie jünger aus als ihre dreiundzwanzig Jahre. Diesen Eindruck hatte Jan oft, wenn ihre Begeisterung und ihr Feuer für ihre Überzeugungen an die Oberfläche traten. Gleichzeitig war sie eine unnachgiebige und gewiefte Handelspartnerin, wenn es sein musste. Er war ihr nicht nur einmal in Diskussionen unterlegen, wenn sie etwas hatte durchsetzen müssen. In den letzten Jahren war es bei solchen Diskussionen meist um seine Sicherheit gegangen.
»Ich habe schon einen Wagen mit Waren von einem unserer Jungen bereit machen lassen, den wir auf dem Weg abholen können. Er wird uns begleiten, und auf dem Rückweg kann ich mich mit ihm und den Waren einem der Handelszüge anschließen, die Richtung Prag reisen.«
Jan nickte und verhinderte nicht, dass sich seine Erleichterung auf seinem Gesicht widerspiegelte. Auch wenn er immer noch das Bedürfnis hatte, sein früheres Mündel zu beschützen, hatte sie ihm in den letzten beiden Jahren seines Exils mehr als einmal bewiesen, dass sie damit umgehen konnte, wenn er schwach war. Sie war eine der wenigen Personen, vor denen er sich das erlaubte.
Als sie die Gasse verließen und sich in Richtung des Hauses nicht weit von der Bethlehemskapelle wandten, in dem Anezka und die anderen Frauen lebten, zog er sich die Kapuze wieder tief ins Gesicht. Ohne sich absprechen zu müssen, gingen sie mehrere Meter voneinander entfernt. Obwohl ihnen die meisten Bürger der Stadt wohlgesonnen waren, mussten sie es nicht darauf anlegen, dass Jan erkannt wurde, und die meisten wussten um Anezkas Verbindung zu ihm. Vermutlich suchten seine Gegner bereits überall nach ihm. Die Zeit lief ihm davon, und nicht nur an diesem Tag in Prag. Das Konzil in Konstanz warf seine Schatten voraus, und auch nach zwei Jahren Exil zeichnete sich nicht ab, dass er nach Prag zurückkommen konnte. Früher oder später würde er eine Entscheidung treffen müssen …
Wenig später hatte Jan sein Pferd wieder, und Anezka wurde begleitet von einem der jungen Knaben, den sie und die anderen Frauen als Unterstützung bei der Auslieferung der Wagen angestellt hatten. Er zog den kleinen Karren mit den Stoffen und schien begeistert bei der Aussicht, die Stadt verlassen zu dürfen. Anezka hatte sich die Haare zurückgebunden und trug einen ihrer feineren Mäntel, der die Geschichte glaubwürdiger erscheinen ließ, dass sie als Kauffrau unterwegs war. Mit ihrem größeren Pferd und Jans einfacher Kleidung legte ein beiläufiger Blick fast nahe, dass auch er einer ihrer Angestellten war. Sie fühlten sich in ihrem Auftritt sicher genug, um wieder als Gruppe durch die Gassen zu gehen, beide ihre Pferde am Zügel. Als sie sich jedoch dem Stadttor näherten, zerschlug sich die Hoffnung, mit dem Strom der Passanten einfach unbemerkt hinauszugelangen. Die Wachen am Tor kontrollieren jede Person einzeln, verlangten sogar, dass die Planen auf den Karren abgedeckt wurden.
»Wir waren zu langsam. Sie suchen nach Euch!«, flüsterte Anezka, während sie unauffällig versuchten, langsamer zu gehen.
Anezkas Junge sah sie irritiert an. Dann wanderte sein Blick zwischen Jan und den Wachen am Tor hin und her und seine Augen weiteten sich. Anezka stellte keine unbedarften Helfer ein, und ihm schien zu dämmern, mit wem er unterwegs war und dass das Verhalten der Wachen vermutlich etwas mit seiner Begleitung zu tun hatte. Er machte jedoch keine Anstalten, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sondern zupfte stattdessen Anezka am Ärmel und machte mit großen Gesten deutlich, dass er sich erleichtern musste. Während er in einer der engen Gassen zwischen den Häusern verschwand, drehte sich Jan zu Anezka über den Wagen, als wolle er die Waren kontrollieren.
»Haut er ab?«
»Nein, er verschafft uns ein paar Minuten, um zu überlegen, was wir tun sollen.«
Jan zog beeindruckt die Augenbrauchen nach oben.
»Intelligenter Junge.«
»Und loyal. Das werde ich mir merken.«
Anezka kaute auf einem Daumennagel, wie sie es schon früher getan hatte, wenn sie nervös gewesen war. Sie sorgte sich nicht um sich selbst, sondern um ihren Vormund.
»Was machen wir jetzt?«
Jan rieb sich die Stirn und kniff die Augen zusammen. Er war es leid, sich wie ein Krimineller verhalten zu müssen.
»Wenn ich in der Stadt bleibe, werden sie mich in ein paar Tagen finden. Ich kann mich nicht ewig in irgendeinem Keller verstecken.«
»Ihr könntet schon. Ihr wollt nur nicht«, entgegnete...




