Wolf | Lovecrafts Schriften des Grauens 11: Mr. Munchkin | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 11, 254 Seiten

Reihe: Lovecrafts Schriften des Grauens

Wolf Lovecrafts Schriften des Grauens 11: Mr. Munchkin


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-921-8
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 11, 254 Seiten

Reihe: Lovecrafts Schriften des Grauens

ISBN: 978-3-95719-921-8
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Wir befinden uns in einer nicht mehr fernen Zukunft, in der global agierende Megakonzerne die Regierungen als Exekutive abgelöst haben. Einer der größten Konzerne ist die UMC (United Merchandise Company). Den Hauptumsatz generiert UMC mit humanoiden und tierischen Replikanten, künstliche biomechanische Geschöpfe, die von ihren biologischen Ebenbildern kaum zu unterscheiden sind. In einer der zahllosen Tochterfirmen der UMC arbeitet Nora Hollister als Designerin für intelligente Damentaschen. Ihr bislang sorgenfreies Leben ändert sich dramatisch, als sie eines Tages ein Reparaturteam für ihre defekte Replikanten-Katze ruft. Die seltsamen Weißen Männer, die erscheinen, kommen allerdings nicht von der UMC. In Wahrheit sind sie Gefolgsleute einer uralten Gottheit, die durch milliardenfach gespielte Virtual-Reality-Spiele aus ihrem Schlaf gerissen wurde.

Jhg. 1962, Ex-Fitness-Trainer, Ex-Lehrer, hat nach 20 Jahren seinen sicheren Beamten-Job an den Nagel gehängt, um endlich mehr Zeit fürs Schreiben zu haben. Egal ob Crime, Fantasy, SF oder Horror, stets spielt das Element des 'Doppelbödigen', des 'Unheilvollen', ein zentrales Motiv. Seine Arbeiten sind bislang in diversen Magazinen wie 'MADAME', 'c't' und 'phantastisch!' erschienen sowie in mehreren Anthologien u.a. bei Grafit, Bastei Lübbe, Fabylon, Voodoo-Press und LUZIFER - ein SF- Hörspiel beim SDR/SWR und HR. Sein bislang umfangreichstes Werk ist ein düster-erotischer Thriller mit phantastischen Elementen ('Katzendämmerung'), der 2013 bei LUZIFER erschien. 2016/17 folgte mit »KALLIOPE« ein regionaler Thriller. Zwischenzeitlich tüftelt Wolf auch an seiner dystopischen UMC-Welt, von der diverse Erzählungen und Novellen erschienen sind. 2020 erschien bei BLITZ ein erster UMC-Roman - »Madenjäger« in zwei Bänden: »Mr Munchkin« und »Red Meadows«.
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- 2 -

„114 E-Street.“

Nora starrte im Rückspiegel erschrocken in die Augen des Fahrers, und da war er wieder, dieser schmierige, hungrige Blick. Obwohl sie nur die Augen des Langhaarigen erkennen konnte, war sie sich sicher, dass er ein widerliches Grinsen aufgesetzt hatte. Fast glaubte sie, seine schweißfeuchten Finger auf ihrer Haut zu spüren. Einfach abstoßend.

Sie zwang sich, ihren Blick zu lösen und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Häuserzeile, die sie durch das Seitenfenster erkennen konnte.

Gleißendes Xeon-Licht überflutete den Asphalt und verwandelte die Nacht in eine fahle, nur auf Blau-Töne reduzierte Kopie des Tages. Nur dort, wo selbst die Strahlen der Straßenlampen keinen Zugang fanden, unter den Treppen der Hausaufgänge oder hinter wuchtigen Rhododendronbüschen und hohen Ligusterhecken, fanden sich noch Inseln der Finsternis.

Nora war erstaunt. Die schmalen Vorgärten charakterisierten die Gegend eindeutig als Willow Fields, einen Stadtteil, der nur denen vorbehalten war, die mehr als drei Millionen pro Jahr verdienten. Vor knapp einem Jahr, als die Telli Bags auf dem Markt regelrecht explodiert waren, hatte sie sich das Apartment von ihren Bonus-Zahlungen gegönnt. Eine Wohnung, in der sie nicht erst einen Holo-Screen einschalten musste, um WIRKLICHE Natur zu sehen.

Sie atmete tief durch. Zuhause. Ein wirklich wundervolles Wort.

Verträumt lächelnd drehte sich Nora zu ihrer Begleitung herum. Obwohl die Fahrt aufgrund des Staus nahezu doppelt so lange wie üblich gedauert hatte, war ihr die Verzögerung nicht aufgefallen. Thien Lan musste um sie herum ein schwarzes Loch erzeugt haben, das Raum und Zeit auf einen einzigen Wimpernschlag reduziert hatte.

„Macht 44,80“, unterbrach sie die Stimme des Fahrers.

Nora zog ihre Platin-AMEX-Card aus der Tasche und reichte sie nach vorne. Diesmal vermied sie es jedoch, den Augen von Mr Langzopf zu begegnen.

Der Fahrer schob die Karte in ein Lesegerät und wartete auf ein kurzes, bestätigendes Surren; dann leuchtete auf dem Display wieder das Logo von CBB auf, eine angriffslustig grinsende Cartoon-Hummel, die eine Art Sturzhelm trug.

Sie zuckte leicht zusammen. Für einen kurzen Moment wirkte dieses Grinsen ähnlich böse und lüstern, wie das, welches sie im Rückspiegel zu sehen geglaubt hatte.

Als ihr der hagere Replikant die Karte über die Schulter hinweg reichte, nahm sie das Plastikstück nur mit spitzen Fingern entgegen, so, als hätte der Langhaarige es mit tödlichen Viren verseucht.

„Ich hoffe, die Ladys hatten eine angenehme Fahrt“, spulte der P-113 seinen einprogrammierten Sermon ab. „Und Chee-Bee-Bee-Taxis und meine Wenigkeit würden sich freuen, sie schon bald wieder als unsere Gäste begrüßen zu dürfen.“

Du hattest ganz gewiss eine angenehme Fahrt, du geiler Bock!, dachte Nora. Eigentlich wären wir es, die Geld verlangen müssten. Stattdessen murmelte sie nur ein undeutliches „Ja, ja, alles okay. Vielen Dank. Bis zum nächsten Mal.“ als Erwiderung.

Das Taxi bog bereits wieder Richtung Innenstadt ab, als Nora noch immer regungslos auf dem Bürgersteig verharrte.

„Was ist los mit dir?“, wollte Thien Lan wissen. „Du siehst aus, als ob alle Börsenkurse soeben um 100 Punkte gefallen wären.“

Nora hörte kaum auf das, was ihre Freundin sagte. Stattdessen starrte sie weiter auf die nun leere Straße hinaus. „Hast du seinen Blick gesehen?“, fragte sie.

„Blick? Wovon sprichst du?“

„Der Typ mit dem Zopf. Er hat uns mit seinen Blicken regelrecht ausgezogen.“

„Der Taxifahrer?“, lachte die bronzene Schönheit. „Schau uns an! Viel Fantasie musste er da wirklich nicht mehr entwickeln. Aber, heh, der Kerl war ein Replikant! Ein tumber P-113er! Diese Dinger haben so viel Gefühl wie ein Regenwurm!“

„Ich weiß“, sagte Nora. „Genau aus diesem Grund hat mir der Kerl soeben auch eine Scheißangst eingejagt.“

Sie öffnete das schmiedeeiserne Gartentor und hakte sich dann bei ihrer Freundin unter. Eng umschlungen schlenderte das Paar über den schmalen, mit Moos bewachsenen Plattenweg auf das Gebäude zu. Etwa fünf Meter vor dem Eingang flammten plötzlich mehrere Halogen-Bewegungsmelder auf und tauchten die Frauen in blendendes Weiß.

„Du meine Güte!“, keuchte Thien Lan. „Das ist ja der reinste Hochsicherheitstrakt. Ich hoffe, du hast nicht vergessen, die Selbstschussanlage zu deaktivieren.“

Mit gesenkten Köpfen hasteten sie die letzten Schritte zum Haus hinüber. Dort angekommen, zog Nora eine spezielle Key-Card aus der Tasche und zog sie durch einen Magnetabtaster. Gleichzeitig drückte sie ihren rechten Daumen auf ein kleines ovales Feld daneben.

„Nora Hollister, Apartment 17-401“, sagte sie.

Eine kleine Diode erstrahlte in grünem Licht. „Guten Abend, Misses Hollister“, erklang eine freundliche aber seltsam androgyne Stimme aus dem Interkom. „Schön, Sie wiederzusehen. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Abend.“

„Oh ja, den hatte ich!“, antwortete sie. „Vielen Dank, LOUIS. Aber die Nacht ist noch jung. Ich bringe übrigens einen Besucher mit nach Hause.“

„Einen Besucher für 17-401, sehr wohl“, entgegnete LOUIS. „Ist vermerkt. Dann wünsche ich Ihnen beiden noch einen weiteren erfreulichen Abend.“

Ein tiefes Summen ertönte, dann sprang die schwere Metalltür einen kleinen Spalt auf.

„Einen weiteren erfreulichen Abend“, ahmte Thien Lan LOUIS‘ Stimme übertrieben gedehnt nach. „Bekomme ich jetzt auch eines dieser Ansteckschildchen mit einem großen V darauf?“

Nora kniff sie leicht in den Arm. „Du Milli-Willy!“ Der Slang-Ausdruck, der in etwa „Volltrottel“ oder „hohle Nuss“ bedeutete, leitete sich von „Milliwatt“ ab, der kleinsten Leistung einer Leuchtdiode. „Milly-Willys“ waren demzufolge Menschen mit recht eingeschränkten intellektuellen Fähigkeiten. „In der Vergangenheit sind ein paar sehr finstere Gesellen hier ins Haus gelangt“, erklärte sie. „Sicherheit kann gar nicht groß genug geschrieben werden. Es gab jede Menge Wohnungseinbrüche und sogar zwei Morde. Seit dieser Zeit haben wir LOUIS installiert: Language and Optical-biometric User-Scan Intercom System. Ein sehr freundlicher und äußerst effizienter Concierge.“

„Ganz nett“, gab ihre Freundin zu. „Obwohl Spracherkennung und Fingerabdruckscanner ja eher Verfahren aus der Steinzeit sind.“

„Alt muss ja nicht immer gleichbedeutend mit schlecht sein“, erwiderte Nora. „Zudem ist LOUIS natürlich ein klein wenig modifiziert worden. Während ich vor dem Display stand, hat das System mein Gesicht zudem mit 12.000 Variablen einer Vorlage verglichen. Selbst mit einem gebrochenen Kiefer und einer Nasen-OP hätte mich LOUIS auf diese Weise problemlos als Nora Hollister identifiziert.“

„Okay, okay!“, gab sich Thien Lan schließlich lächelnd geschlagen. „Für etwas muss es ja schließlich gut sein, in solch einer Nobel-Gegend zu wohnen.“

Als sie schweigend darauf warteten, dass sich einer der vier Aufzugsschächte öffnete, umklammerte Thien Lan plötzlich Noras Handgelenke und presste sie fest gegen die Wand.

„Und vollkommene Sicherheit herrscht selbst in dieser Luxus-Herberge nicht“, flüsterte sie ihr mit rauer Stimme ins Ohr. „LOUIS kann mich scannen und abspeichern, doch er weiß nichts über die Besucher, denen der Zutritt von den Bewohnern gestattet wird.“ Sie hielt Noras Arme weiterhin ausgestreckt gegen die Wand und presste nun ihren eigenen Körper immer stärker gegen sie. Als sie ihr Opfer dabei erwartungsvoll anstarrte, verzog kein Lächeln ihre schönen Züge. „Nicht wahr?“

Nora erwiderte den Blick, doch vor Schreck hatte es ihr die Sprache verschlagen. Der Überfall war derart unvorbereitet erfolgt, dass sie nicht wusste, wie ihr geschah. Sollte sich hinter dem attraktiven Äußeren der Eurasierin etwa eine soziopatische Serien-Killerin verbergen? Thien Lan, ein weiblicher Jack the Ripper? Unvorstellbar.

Und doch … Diese dunklen Augen schienen einfach unergründlich zu sein.

Das schöne Gesicht näherte sich weiter und zerfloss dadurch zu einem diffusen Schemen; dafür wurde der betörende Duft ihres Haares und der Haut umso intensiver.

Nora schloss die Augen. Sie wusste nicht, was sie empfinden sollte. Hilflos gegen die Wand gedrückt, schwebte sie in einer Woge aus süßlich-erdigem Patschuli, Jasmin und Zitrone. Wie konnte Gefahr nur so erregend duften?

„Glaubst du, dass LOUIS uns auch jetzt beobachtet?“, hauchte ihr Thien Lan ins Ohr. Wie ein feuchter Wurm erkundete ihre Zunge dabei alle Windungen der Ohrmuschel. „Gibt dein toller Concierge etwa Alarm? Nein. Niemand achtet auf dich. Ich könnte hier ALLES mit dir tun.“

„Ich … ich …“, stotterte Nora. Dann verschlossen Thien Lans Lippen ihren Mund. Hart und fordernd stieß die fremde Zunge zu und schien bis hinab zur Luftröhre gleiten zu wollen. Gleichzeitig spürte sie, wie sich der Druck von Hüfte und Brust der anderen Frau weiter verstärkte.

Das hohe „Ping“ des eintreffenden Fahrstuhls ließ Nora zusammenzucken. Verrückterweise verspürte sie jedoch keinerlei Hoffnung, nun endlich aus ihrer Bedrängnis befreit zu werden; stattdessen empfand sie Scham, dass Mieter des Hauses sie in einer derart kompromittierenden Situation sehen könnten.

Es kam jedoch niemand zur Hilfe; dafür musste sich Nora auch vor niemandem schämen. Der...



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