E-Book, Deutsch, Band 12, 210 Seiten
Wolf Lovecrafts Schriften des Grauens 12: Red Meadows
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-922-5
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 12, 210 Seiten
Reihe: Lovecrafts Schriften des Grauens
ISBN: 978-3-95719-922-5
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Nora Hollisters Leben wird auf den Kopf gestellt. Sie muss erkennen, dass es unterschiedliche Gruppen gibt, die ihren Tod wollen. In lange Kutten gehüllte Kämpfer, die sich Madenjäger nennen, bringen sie zu einem geheimen Rebellenstützpunkt. Hier erfährt Nora die Wahrheit über den X-Virus, finstere Intrigen der UMC und die Weißen Männer.
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Als sie erwachte, war es noch immer dunkel. Oder schon wieder? Es dauerte eine ganze Weile, bis sie den Mut fand, aufzustehen. Alles um sie herum war fremd. Wo zum Teufel befand sie sich nur? Dies hier war eindeutig nicht ihre Wohnung.
Ein matter gelblicher Lichtschimmer erfüllte das Zimmer und warf gespenstige Schatten an die Decke. Sie erkannte massive Naturbalken über sich, so wie es in Häusern der Brauch gewesen war, die man vor vierhundert oder mehr Jahren errichtet hatte. War sie etwa in einem VR-Adventure eingeschlafen?
Auf der Suche nach der Lichtquelle drehte sie sich zur Seite. Auf dem hölzernen Nachttisch stand nicht etwa eine blakende Kerze, sondern ein gedimmter Xenon-Strahler. Was suchte ein solches Ding inmitten dieses mittelalterlichen Ambiente?
„Entweder hat dieses Adventure einen Bug, oder ich liege hier tatsächlich in einem riesigen Bett inmitten eines Raums mit unsinnig hohen Wänden und einer Decke, die aus roh behauenen Eichenstämmen zu bestehen scheint?!“
Sie fand den Regler der Lampe und schob ihn auf Maximum. Das unscheinbare Ding explodierte förmlich in einem gleißenden Lichtball. Wie eine Miniatur-Sonne fraß sie alle Schatten auf oder verdrängte sie in die hintersten Winkel des Raumes.
Das Zimmer war nicht nur sehr hoch, sondern auch überaus weitläufig. Nora schätzte, dass mehr als die Hälfte ihrer Wohnung hier Platz gefunden hätte. Neben dem wuchtigen Bett führte ein dicker mit Blumenornamenten geschmückter Läufer zu einer Art Anrichte, hinter der ein hoher ovaler Spiegel thronte. Teile des Lichts wurden von dort wieder in ihre Richtung reflektiert, wodurch sich die Helligkeit im Zimmer noch weiter steigerte.
Vor der Anrichte erkannte sie einen Stuhl mit hoher Rückenlehne, und auf dessen geschwungenen Armlehnen sorgsam gefaltete Kleidungsstücke, die jedoch nicht ihre waren. Sie schwang nun endlich die Beine aus dem Bett und bemerkte zu ihrer Verwunderung, dass sie ein langes, weißes Rüschennachthemd trug. Wer hatte ihr dieses antike Gewand angezogen? Und – was sie noch viel mehr interessierte – wer hatte sie zuvor entkleidet? Ein Erinnerungsblitz jagte beinahe schmerzhaft durch ihre Glieder. Sollte etwa dieser grinsende Gnom seine fettigen Wurstfinger an sie gelegt haben? Wie war noch sein Name gewesen? Sirius? Sushi? Nein, Sunil. Sunil Gerardo Leary. Sie malte sich soeben genüsslich aus, wie sie dem Frevler jeden einzelnen Finger und noch so einiges mehr abschneiden würde, als ein weiterer Erinnerungsfetzen ihr Bewusstsein durchdrang. Der Schemen einer gesichtslosen jungen Frau. Nicht Leary, sondern diese Unbekannte, die sie in ihr Zimmer geführt hatte. „Okay“, schnaufte sie, „wie’s scheint, bist du noch mal mit einem blauen Auge davongekommen, alter Grinse-Mönch.“
Sie stand auf, wartete jedoch ab, ob ihre Beine die Last auch tragen konnten. Noch immer spürte sie diverse Prellungen an ihrem Körper, doch zum Glück blieben jegliches Zittern oder Schwindel aus.
„Okay, dann machen wir uns mal auf Erkundungs-Tour.“
Vorsichtig schlurfte sie zu einem angrenzenden Fenster hinüber, dessen Flügel bis hinunter zum Boden reichten. Beinahe hätte sie „LOUIS, bitte öffnen!“ gerufen; stattdessen bewunderte sie den kupfernen Schließmechanismus, der in Form eines gewundenen Eichenblattes gestaltet war. Nora zog es zurück, und sogleich öffnete sich der hohe Flügel des Fensters. Ein warmer, seltsam würziger Nachtwind umspielte sanft ihre Haut. Neugierig trat sie auf eine Art Balkon hinaus, der allerdings kaum breiter als ein Holo-Book war. Sie überblickte einen länglichen Innenhof, der aus unterschiedlichsten Gebäudeteilen gebildet wurde. Am hinteren linken Ende des Rechtecks verbreitete eine Halogenlampe einen blassen Schimmer. Unter der Lampe befand sich ein grob zusammengebauter Schuppen, dessen Tor halb offen stand. Etwas großes Metallisches lugte dahinter hervor. Nora kannte die Geräte zwar nur aus diversen Holoscreen-Dokus, doch sie war sich sicher, dort die Riesenschaufel einer Erntemaschine zu erblicken. Sie erinnerte sich jetzt auch wieder an die dunklen Gebäudeschemen, die sie bei ihrer Ankunft von oben gesehen hatte. Dies hier war keine Fabrik oder ein Warenlager. Das Kapuzen-Team hatte sie auf eine waschechte Farm entführt.
„Eine Farm mit Spitzennachthemden, mechanisch zu öffnenden Fenstern und modernsten Hyper-Crop-Erntemaschinen.“ Sie schüttelte den Kopf. Bei diesen verrückten Kapuzen-Heinis schien offenbar so einiges komplett durcheinanderzulaufen.
Sie sog die milde Luft tief in ihre Lunge. Das, was ihr zuvor als würzig erschienen war, hatte plötzlich einen eher wilden, rohen Charakter angenommen. Seltsam. Es roch beinahe so streng wie in den Dschungeln von Xilbar, einem der sieben Reiche von Arrabor. In der virtuellen Spielewelt hatte es immer so gerochen, wenn sich große Beißer in der Nähe befanden. Wilde Fleischfresser, die wie eine Mischung aus Tiger und Pferd aussahen.
Sie musste lächeln. Beißer, die auf einer Farm gehalten wurden? Wohl kaum. Als sie das Fenster wieder schloss, zögerte sie kurz.
„Vorsicht, Mädchen!“, rief ihr eine innere Stimme zu. „Diesen Feuerhütern ist einfach alles zuzutrauen.“
Die nächste Überraschung erwartete sie bei der Anrichte. Zuerst konnte sie sich keinen Reim daraus machen, was eine hohe Karaffe mit Wasser und eine leere Porzellanschüssel dort zu suchen hatten. Wenn dies dort Trinkwasser sein sollte, so fehlte eindeutig ein Glas. Oder trank man hier auf dem Land etwa aus riesigen Schüsseln?
Erst als sie neben der Schüssel ein Stück Seife und ein überraschend flauschiges Handtuch entdeckte, ging ihr ein Licht auf. „Xenon-Strahler und Hyper-Crops, aber kein fließendes Wasser!“, prustete sie. Das wurde ja immer besser.
Nora wusch sich, so gut es die Umstände zuließen, und begutachtete dann die Kleidung auf dem Stuhl. Einfache Unterwäsche, ein langer hellbrauner Faltenrock aus Baumwolle und eine blau-gestreifte Bluse mit schmalem Stehkragen. Alles war gebügelt und in tadellos sauberem Zustand. Sie seufzte. Die Sachen konnten es zwar nicht mit ihrem Jill DaCosta-Ensemble aufnehmen, doch immerhin hatte man ihr keine dieser hässlichen Kutten hingelegt.
Nachdem sie ihr Haar ausgiebig mit einer Bürste in Form zu bringen versucht hatte, warf sie einen prüfenden Blick in den Spiegel. Ohne Make-up und immer noch etwas verschlafen, sah sie zwar nicht gerade wie die Ballkönigin persönlich aus, doch ihre Mutter würde sie wohl erkennen. Auf den zweiten Blick zumindest, dachte sie.
Aus Gewohnheit wollte sie wenigstens eine Spur Lippenstift auflegen und griff nach ihrer Telli-Bag. Aber die Tasche war nicht da.
Sie sprang auf und durchsuchte jeden Winkel ihres riesigen Schlafgemachs; sie klopfte sogar die Wände nach verborgenen Schränken ab, doch das Resultat blieb dasselbe. Die Feuerhüter hatten doch tatsächlich ihr wichtigstes Überlebenswerkzeug gestohlen!
„Dieses diebische Pack!“, rief sie empört aus. „Wenn ihr meiner kleinen Sky auch nur ein virtuelles Härchen gekrümmt habt, dann Gnade euch Gott!“
Schnaubend vor Zorn streifte sie sich ein Paar weicher Mokassins über und stürmte aus dem Zimmer.
Als sie den Gang betrat, wurde ihr Elan allerdings sofort wieder gebremst. Sie kam aus einem lichtdurchfluteten Raum in nahezu vollkommene Dunkelheit. Nora hatte das Gefühl, vor eine unsichtbare Mauer gerannt zu sein. Notgedrungen blieb sie stehen und wartete ab, bis sich ihre Augen an die Finsternis gewöhnt hatten. Endlich erspähte sie einen schwachen Schimmer, der vom Ende des schmalen Flurs her drang. Deutlich langsamer als geplant, steuerte sie auf die Lichtquelle zu.
Sie erreichte schließlich das obere Ende einer Treppe. An einer grob verputzten Wand entlang führten die Stufen in gerader Linie hinab ins Erdgeschoss. Das Licht kam eindeutig von unten.
Dort also hatte sich das Räubergesindel versteckt. Nora ergriff das Geländer und stampfte mit neu erwachtem Kampfeseifer auf ihre Widersacher zu. In ihrem Zorn machte sie sich keinerlei Gedanken darüber, wie es ihr ohne Waffe überhaupt gelingen wollte, drei oder mehr Personen zu überwältigen.
Unten angekommen, sah sie, dass das Licht aus einem Raum rechts von ihr drang, dessen Tür halb offen stand. Ohne zu zögern, stürmte sie in das Zimmer, nur um festzustellen, dass es vollkommen leer war. Bis auf einen langen massiven Holztisch, um den sich eine Bank und mehrere Schemel gruppierten, sowie einige einfache Hängeschränke an den Wänden konnte sie nichts entdecken. Das Licht kam von einem weiteren Xenon-Strahler, der auf dem Tisch stand.
Nora spürte, wie ihr Adrenalin begierig nach einem Ziel suchte. Sie war wie ein Damm, der kurz vor dem Bersten stand. Das Zeug musste raus aus ihr. Wenn sie nicht bald etwas Lebendiges anträfe, würde sie wohl damit anfangen, das Mobiliar zu zertrümmern.
Glücklicherweise stieg ihr in diesem Moment ein besonderer Duft in die Nase. Es war eine verführerische Mischung aus gebratenem Fleisch, geschmorten Pilzen, Knoblauch und unzähligen fremden Gewürzen. Schnuppernd hielt sie nach dem Ursprung jener köstlichen Woge Ausschau und entdeckte erst jetzt eine Tür, die zu einem angrenzenden Raum des Hauses führte.
Nora preschte vor und fand sich mit einem Mal in einer riesigen Küche wieder. Überall hingen Kellen, Töpfe und getrocknete Kräuterbüschel von der Decke. Auf mehreren mit Holz oder Kohle befeuerten Herden köchelten die unterschiedlichsten Speisen vor sich hin. Die Ausdünstungen der verschiedenen Gerichte drohten ihre Sinne zu...




