E-Book, Deutsch, 186 Seiten
Wolfe / Bude / Leggewie Transit 37. Europäische Revue
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-8015-0582-0
Verlag: Verlag Neue Kritik
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Politik der Vielfalt
E-Book, Deutsch, 186 Seiten
ISBN: 978-3-8015-0582-0
Verlag: Verlag Neue Kritik
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'In Vielfalt geeint' heißt das Motto der Europäischen Union. Es symbolisiert ein Programm, das mit einer Diversität konfrontiert ist, die ungleich komplexer ist als die schlichte Vielfalt nationaler Kulturen. Womit sich die Vereinigten Staaten schmücken, scheint Europa aber immer noch nicht wahrhaben zu wollen: dass es längst ein Einwanderungskontinent ist. Zumindest scheint Europa vergessen zu haben, dass es eine Jahrhunderte lange Geschichte innerer Arbeitsmigration hat. Es ist eine Geschichte, in der ethnische Gruppen, die heute zum Kernbestand des Alten Kontinents gehören, Gewalt und Hass ausgesetzt waren. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn die Europäer sich heute daran erinnerten, wie sie ihre Ressentiments überwunden haben. Diversität ist stets eine Herausforderung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Schwerpunkt dieses Heftes beschäftigt sich daher mit den Antworten der Politik auf die wachsende Vielfalt unserer Gesellschaften.
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MIT DER STRAßENBAHN ZUM KINDERHEIM
Ein Gespräch mit Henryka Krzywonos über Solidarität1
Sobald ein Ereignis abgeschlossen ist, bleibt nur noch seine Kontur sichtbar, wie der Panzer einer von der See ausgewaschenen Krabbe. So wird auch die Geschichte der Solidarnosc, die niemals wirklich geschrieben, aber immer politisch ausgebeutet wurde, zunehmend oberflächlich, starr und abstoßend. Das hier abgedruckte Gespräch mit Henryka Krzywonos gibt dem Ereignis ein wenig von seiner Lebendigkeit zurück. Es hilft uns, die Solidarität, die friedliche Revolution von 1980-89, vom heutigen Polen zu trennen und so beides besser zu verstehen.
Henryka Krzywonos wurde zu einer historischen Figur durch das, was sie 1980 und danach tat. Sie war eine Straßenbahnfahrerin, und sie beschloss, ihre Tram vor der Danziger Oper zum Stillstand zu bringen, um den Verkehr zu blockieren. Als sie es tat, applaudierten die Fahrgäste. Hätte sie es nicht getan, niemand hätte sich beklagt. Es gab einen Moment persönlicher Wahl, einer angstgeplagten Wahl, in einem historisch kritischen Moment. Durch ihre Entscheidung machte Henryka Krzywonos Geschichte: Sie initiierte den Streik des öffentlichen Verkehrs, der einen entscheidenden Schritt in der Eskalation des Werftarbeiterstreiks zum nationalen Ereignis bedeutete.
Henryka Krzywonos ist ein typisches Kind der Arbeiterklasse. Der Streik auf der Lenin-Werft im August 1980 brachte sie mit Intellektuellen zusammen wie etwa Bogdan Borusewicz oder Jacek Kuroé. Ihre Beschreibung Lech Walbsas heroisiert ihn nicht, sondern stellt ihn als jemanden dar, der Menschen zu mobilisieren und auf ein Ziel einzuschwören vermag. Ihre Charakterisierung klingt echt und plaziert Walbsa dort, wo er hingehört: in der Mitte, nicht unbedingt an der Spitze der Ereignisse. Die Gruppe von Menschen, von denen sie erzählt, erinnert uns auch daran, dass nicht jeder, der damals eine Rolle spielte, dies auch heute noch tut. Einige sind gestorben, andere vergessen.
Ihr Leben verbindet die furchtbaren Repressionen unter der deutschen und der sowjetischen Okkupation Polens mit der Gegenwart, nicht vermittels großartiger Theorien, sondern kraft Familienerfahrung. Wie die Kindheit von Millionen von Polen, war auch die ihre gezeichnet vom Leid der Eltern – ein Leid, das die Eltern nie voll artikulierten und das ihre Kinder erst viel später begriffen. Diese Pathologie (so ihre eigene Wahrnehmung) schuf eigensinnige Loyalitäten und führte, zumindest in ihrem Fall, zur Verabscheuung von Gewalt. Die Solidarnosc war, neben vielem anderen, der Versuch, ein auf Gewalt gegründetes System gewaltlos zu ändern. Das ist freilich nur eine negative Definition. Das weiche und lebendige Zentrum der Bewegung, jener Teil, der am schwierigsten zu erfassen und zu beschreiben ist, war der menschliche Impuls der Solidarität: die Bereitschaft, sich gegenseitig anzuerkennen, und der Wille, einander zu helfen. Von Solidarität in diesem Sinne ist Henryka Krzywonos’ Leben getragen, heute wie damals.
Timothy Snyder
Krzywonos ist Ihr Vatername?
Nein, das ist der Nachname meines ersten Mannes.
So hieß der Kosakenhetman, einer der Anführer des Chmielnicki-Aufstandes, der in »Feuer und Schwert« verewigt ist. Er war für seine besondere Verwegenheit berühmt.
Ich weiß, ich bin auch so. Vielleicht, weil ich im Gefängnis zur Welt gekommen bin. Meine Mutter hat unter Stalin gesessen. Verurteilt nach diesem Paragraphen »Absichtliches Verschweigen«.
Was heißt das?
Sie hat wegen meines Vaters gesessen, er war im Gefängnis gewesen und abgehauen. Und meine Mutter hat ihn nicht verraten. Er war im Gefängnis, weil er sich ein bisschen in Politik eingemischt hatte, aber ich hab keine Ahnung, weshalb genau.
Ihr Vater hat nichts erzählt?
Bei uns wurde ganz wenig über dieses Thema geredet. Mein Vater war aus Wilna, er hat in drei Konzentrationslagern gesessen, in Dachau, Buchenwald und Birkenau, aber man konnte kaum etwas darüber aus ihm herauskriegen. Wenn er einen Gefühlskoller kriegte, im Rausch, dann hat er erzählt. Tragische Geschichten. Dass ich im Gefängnis geboren wurde, habe ich mit sieben Jahren erfahren, und ganz durch Zufall. Heute verstehe ich das Ganze, ich kann es mir zusammenreimen und verstehe meinen Vater, es wundert mich nicht einmal mehr, dass er trank. Als er aus dem Lager kam, wog er 28 Kilo, ein stattlicher, kräftiger, gut aussehender Mann, der als Wrack aus den Lagern kam.
Durch welchen Zufall haben Sie erfahren, dass Sie im Gefängnis geboren sind?
Ich erfuhr, dass mein Vater aus dem Gefängnis geflüchtet war. Aus seinem Versteck ist er dann schnell nach Haus gerannt. Sie sind ja noch sehr jung, Sie können das nicht wissen, aber früher gab es einen Zwei-Zloty-Geldschein. So einen Zwei-Zloty-Schein legte er auf den Tisch, dann sprang er aus dem Fenster. Jemand verpfiff ihn, und meine Mutter haben sie eingelocht, diese zwei Zloty hatten verraten, dass sie ihn versteckt hielt. Sie war schwanger. Meine Brüder kamen ins Kinderheim, und ich kam im Gefängnis zur Welt.
Mein Vater hat sich nie mehr gefangen. Zehn Tage im Monat war er nüchtern, zwanzig betrunken oder im Rausch, wie man so schön sagt, unser Leben war sehr hart. Im Konzentrationslager hatte er verschiedene Berufe gelernt, er war ein sehr guter Friseur und ein Tausendsassa, er konnte alles, aber er hatte Asthma und tat kaum etwas. Doch wenn er mal arbeitete, dann mussten wir Kinder mit ran. Einmal arbeitete er als Heizer, da gingen wir Koks schaufeln. Meine Mutter schuftete damals auch hart, sie arbeitete in einer LPG, bei der Kartoffelernte, da mussten wir auch mit.
Wo haben Sie gewohnt?
Damals wurden Leute von außerhalb in Danzig nicht gemeldet, und meine Mutter war aus Warschau, sie war wegen meines Vaters hierher gekommen. Wir wohnten in einer Kammer bei meiner Großmutter, und wir mussten eine Wohnung suchen. Am 1. Juli 1959, am Halina-Tag, dem Namenstag meiner Mutter, zog sie auf eigene Faust zu meinem Vater, und da sie sich eine Arbeit besorgt hatte – als Straßenfegerin – durfte sie dort bleiben. Anmelden konnte sie sich aber erst Mitte der sechziger Jahre. Wir waren damals schon drei Kinder, die Lage war schwer. Wenn sie den Boden aufgewaschen hatte, legte meine Mutter Papier drauf, damit er trocknete. Anstatt eines Sofas oder Betts waren Ziegel da, darauf lagen Strohsäcke zum Schlafen. Und an Heiligabend, wenn andere Leute Weihnachtslieder sangen, sang mein Vater russische Lieder. Er war ein seltsamer Mensch. Er zeigte uns nie, ob er uns lieb hatte, so was gab es bei uns gar nicht. Wenn er im Rausch war und etwas aus seinem Leben erzählte, dann immer nur als Warnung für uns. Er erzog uns zu rebellischen Menschen. Ich rebellierte gegen alles. In der Schule hatte ich Probleme mit Russisch, ich wollte es nicht lernen. »Warum willst du nicht russisch lernen?« fragte meine Lehrerein. »Was soll ich denn mit so einem Russki reden?« hab ich geantwortet.
Hat Ihr Vater zu Hause russisch gesprochen?
Ein bisschen ja. Ich verstehe Russisch bis heute. Mit dem Reden geht es schlechter, aber damals, das war Auflehnung, wir wollten diese Sprache nicht lernen.
Ihre Brüder wurden schließlich aus dem Kinderheim geholt?
Ja klar, meine Mutter kam aus dem Gefängnis und holte die Kinder nach Hause. Sie war eine sehr anständige Frau und arbeitete hart. Sie arbeitete in einem Betonwerk, da musste sie Wagen mit Steinen, mit Zement ziehen. Es wurde richtig tragisch. Oft war kein Brot im Haus. Und dann starb mein Vater.
In welchem Jahr war das?
1966. Damals fing meine Mutter an zu trinken. Ich musste mich um sie und meine Schwester kümmern, die noch zu Hause war. Da kam ich wieder ins Kinderheim. Das hatte ich mir selbst so eingerichtet. Ich hatte eigentlich mit meiner Schwester gehen wollen, aber das erwies sich als unmöglich, weil meine Mutter bei Gericht angegeben hatte, dass sie uns nach Haus holt. Ich legte Einspruch ein und sagte, ich würde bleiben, deshalb wurde ich in ein Kinderheim eingewiesen.
Und Ihre Schwester blieb bei der Mutter?
Ja, meine Schwester blieb bei meiner Mutter, sie bekam einen Vormund. 1970 zog ich zurück nach Hause und kümmerte mich um meine Schwester. Ich musste mir eine Arbeit suchen. Zuerst habe ich in der Danziger Hafenbehörde geputzt. Sie kriegten schnell raus, dass ich einen Lehrgang als Stenotypistin gemacht hatte und gut tippe. In der Hafenbehörde bekam ich Arbeitsaufträge und eine Maschine, und nachts tippte ich, um etwas zu meinem Lohn dazuzuverdienen. Dann ergab sich die Gelegenheit zu einem Lehrgang als Straßenbahnführer. Dazu hat mir ein Mann verholfen, der bei uns in der Straße wohnte, Jan Szulc, soll seine Seele im Paradies wandeln. Mit achtzehn bekam ich einen Platz in dem Kurs, ich bestand ihn und wurde Straßenbahnführerin.
Gab es viele Straßenbahnführerinnen?
Nicht viele, aber einige. Ich war schlagfertig und abgebrüht, Kinder aus pathologischen Familien finden sich manchmal gut im Leben zurecht. Ich wusste, dass ich mit meiner Mutter, ja mit der ganzen Welt würde kämpfen müssen, wenn ich meiner Mutter helfen wollte, und mir selbst auch, denn bei uns zu Hause war die Lage kritisch, wenn...




