E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Wolff Bret Easton Ellis und die anderen Hunde
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-455-00109-9
Verlag: Tempo
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-455-00109-9
Verlag: Tempo
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lina Wolff, geboren 1973, hat lange in Italien und Spanien gelebt. Für ihren Debütroman Bret Easton Ellis und die anderen Hunde wurde sie mit dem renommierten Literaturpreis der Zeitschrift Vi ausgezeichnet. Für ihren zweiten Roman Die polyglotten Liebhaber, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wird, erhielt sie den Augustpris, den wichtigsten schwedischen Literaturpreis. Lina Wolff lebt in Schonen in Südschweden.
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Motto
Nicht jeder kann sich seinen Tod aussuchen, Alba
Die Stolzen von Poitiers
Heureux comme avec une femme?
Über Lina Wolff
Impressum
Valentinos Geschichte war natürlich nicht das Erste, was ich über Alba Cambó hörte. Das Bild, das meine Mutter und ich uns von ihr machten, gründete sich vor allem auf die Texte, die wir in der Zeitschrift gelesen hatten. An dem Tag, als Alba Cambó in die Wohnung unter uns zog (dass jemand gekommen war, um zu bleiben, schlossen wir daraus, dass die zerbrochenen Blumentöpfe und die Brechstange, die seit einer halben Ewigkeit auf der Terrasse gelegen hatten, plötzlich verschwunden waren, und stattdessen saßen dort zwei Personen und unterhielten sich, während der Duft exotischen Essens zu uns heraufwehte), ging meine Mutter zum Markt, um sich ein wenig umzuhören. Die Leute wussten nicht viel mehr, als dass am Vortag ein Umzugswagen vor unserem Haus gestanden hatte, dass Sachen ausgeladen worden waren und eine Frau, wahrscheinlich Alba Cambó, die Umzugsmänner mit kritischer Miene beim Schleppen der Kisten beobachtet hatte. Damit wollte meine Mutter sich nicht zufriedengeben, und am nächsten Tag ging sie noch einmal zum Markt. Ein paar Stunden später kam sie mit der neuesten Nummer der zurück, für die sie den ganzen Weg bis zu FNAC an der Plaça de Catalunya auf sich genommen hatte. Wir blätterten durch die hochglänzenden Seiten. Zuerst kam eine Reportage über einen Mann, der illegaler Muschelfischerei in der Ría de Vigo nachging, anschließend ein Interview mit einem berühmten Schriftsteller aus Madrid, dessen Namen ich nicht mehr weiß, aber dafür hat sich mir das Bild eingeprägt, wegen eines kleinen Details im Hintergrund, einer aus einem Bücherregal hervorblitzenden Pistolenmündung. Dann kam er, der Text unserer neuen Nachbarin. Auch von ihr war ein Foto abgedruckt, auf dem sie jemanden außerhalb des Bildausschnitts anlächelte. Ja, das war sie, kein Zweifel. Meine Mutter las die Geschichte laut vor. Sie war neunzehn Seiten lang und handelte von einem sehr einsamen Mann, der im Stadtteil Poblenou lebte. Der Mann wurde in der gesamten Geschichte nie beim Namen, sondern nur »der Mann« genannt und als ziemlich klein, mit schütterem Haar und großen, starrenden und vor allem traurigen Augen beschrieben. Vor lauter Einsamkeit hatte er langsam, aber sicher eine soziale Phobie entwickelt, die sich anfangs in einer leichten Abneigung gegen andere Menschen geäußert hatte. Er drückte sich vor Verabredungen und Familienfesten, doch schon bald wurde die Abneigung zu etwas Größerem, das sich nicht mehr herunterspielen und sein Leben enger werden ließ. Der deutlichste Beleg dafür, dass aus der ganz allgemeinen, alltäglichen Abneigung gegen sein Umfeld eine echte Phobie geworden war, bestand darin, dass er in der Gegenwart anderer Menschen nicht mehr unbefangen essen konnte. Seine Hand begann zu zittern, bis das Essen von der Gabel fiel, und manchmal entglitt ihm auch die Gabel, um mit einem in seiner Wahrnehmung ohrenbetäubenden Scheppern auf den Teller zu fallen. Seine Verlegenheit ließ sich sofort an der Farbe seines Gesichts ablesen. Der Mann konnte wie aus heiterem Himmel erröten, völlig grundlos, womit er die Blicke der Leute erst recht auf sich zog, was die Situation und die Phobie nur noch schlimmer machte. Die Menschen in seinem Umfeld sorgten sich um ihn. Als sein sechzigster Geburtstag bevorstand, fand seine Tochter, das sei ein guter Anlass, Freunde und Familie zu versammeln. Vielleicht würde so eine soziale Zusammenkunft die Phobie ihres Vaters ja ein wenig mildern? Sie hatte nämlich gehört, die Konfrontation mit den angstauslösenden Reizen habe immer einen positiven Effekt. Es gelang ihr, etwa vierzig Personen zusammenzutrommeln, und eines Abends standen sie alle versammelt im dunklen Flur der Wohnung des Mannes in Poblenou, als er von der Arbeit nach Hause kam. Er öffnete die Tür so langsam und umständlich wie immer. Drinnen hörten die Leute, wie der Schlüssel im Schloss umgedreht wurde, wie der Mann seine Aktentasche im Flur abstellte und wie er die Tür hinter sich zuzog. Dann war es für einen Augenblick mucksmäuschenstill. Man hätte dort im Dunkeln eine Stecknadel fallen hören können, sollte die Tochter ein paar Seiten später sagen. Mit angehaltenem Atem warteten die Gäste auf das Zeichen, in eine tosende Gratulation auszubrechen, getaucht ins Licht der mit buntem Papier verkleideten Deckenlampe, und mit Luftschlangen und Konfetti, die sie hoch in die Luft werfen sollten, um sie auf den Mann herabregnen zu lassen. Aber dann, plötzlich, kurz bevor die Tochter das Zeichen geben kann, lässt der Mann mit der sozialen Phobie seine Anspannung entweichen. Er löst den Druck in seinem Bauch, der sich den ganzen Tag über in ihm angestaut hat, in dem farblosen Büro, in dem er arbeitet, Alba Cambó beschreibt diesen Druck als eine Art unterschwellige, unterdrückte Auflehnung gegen haferschleimfarbene Wände und kreidebleiche, leicht schweißglänzende Gesichter, wie sie typisch sind für sehr fettleibige Menschen, Menschen, die niemals an die frische Luft kommen, und Menschen, die sich ausschließlich von Würsten ernähren, falls es solche Menschen überhaupt gibt. Dem Mann entfleucht ein langgezogener Laut. Er hallt zwischen den Wänden wider, dehnt sich aus zu einer Art Klagen, das in das abendliche Krächzen eines Vogels an einem einsamen Bergsee übergeht und schließlich in einem erleichterten Seufzer verklingt. Die Tochter ist wie gelähmt. Alles gerät aus den Fugen. Es kommt kein Signal, auch wenn die Gratulation das Körpergeräusch in sich ertränken könnte. Im Flur breitet sich ein fauliger Abwassergeruch aus. Erst nach ein paar zähen Augenblicken (eine Zeit, die Cambó wie eine Ewigkeit erscheinen lässt) gibt die Tochter das Zeichen, und die Gäste legen los mit ihrer kunterbunten Gratulation. Doch die Glückwünsche sind halbherzig, verkümmert, voller Scham, Verlegenheit und Mitleid. Die jüngsten Mädchen der Verwandtschaft kichern unverhohlen, und die Gäste wissen nicht, wohin mit dem Blick. Es entsteht ein Gewirr aus verunsicherten Stimmen. Mit hochrotem Kopf steht der Mann an der Türschwelle, die Aktentasche wie einen Schutzschild vor die Brust gehalten. Er bittet seine Tochter, die Gäste sofort wegzuschicken, er wolle niemanden sehen, dann verschwindet er rasch ins Badezimmer, verriegelt die Tür und bleibt reglos auf dem Toilettendeckel sitzen, bis er die Wohnungstür hinter dem letzten Gast ins Schloss fallen hört. Die Geschichte endet damit, dass die Tochter eine Woche später den Leichnam des Mannes entdeckt. Er hängt an einem Dachbalken im Wohnzimmer, tot und steif, aber mit frisch polierten Schuhen, eine ziemlich idiotische letzte Mühe.
In der Zeitschrift stand, Alba Cambó habe für die Geschichte einen Preis bekommen, und in der Begründung der Jury sei von »Scham«, »Einsamkeit« und der »Befindlichkeit des modernen Menschen« die Rede gewesen. Die Preissumme habe sich auf tausend Euro belaufen, und in einem Interview erklärte Cambó, sie wolle mit dem Geld einen Garten anlegen, ein Vorhaben, das sie offensichtlich auf die lange Bank geschoben hatte, denn in den kommenden Monaten konnten wir auf ihrer Terrasse weder einen Garten noch eine erhöhte Anzahl an Blumentöpfen entdecken.
Ein paar Wochen nachdem wir die Geschichte über den einsamen Mann gelesen hatten, veröffentlichte die eine weitere Erzählung von Alba Cambó, und meine Mutter besorgte auch die neue Nummer. Diesmal ging es um die Entführung eines kleinen Jungen in Majadahonda, einem wohlsituierten Stadtteil von Madrid. Tage und Wochen wurde erfolglos nach dem Jungen gesucht, bis die Eltern schließlich einen Anruf von dem Entführer erhielten. Er verlangte ein Lösegeld. Eine Woche später wurde der Täter in einem Müllsack gefunden, brutal ermordet. Aus dem Obduktionsbericht ging hervor, dass man ihm bei lebendigem Leib die Arme abgetrennt hatte, außerdem zeigte die Leiche Anzeichen sexueller Gewalt. Der Junge wurde nie gefunden. Es war eine eigenartige Geschichte mit vielen losen Enden – warum hatte der Täter sich zu erkennen gegeben, und warum wurde dem Leser suggeriert, dass der Junge den Mann ermordet hatte, wo es doch genauso gut einen weiteren Täter gegeben haben konnte? War der Junge überhaupt noch am Leben? Auch auf diese Kurzgeschichte folgte ein Interview mit Alba Cambó. Sie sagte, der Unterhaltungswert eines geschändeten Frauenkörpers gelte in der Literatur als grenzenlos und unerschöpflich, und indem sie über geschändete Männerkörper schrieb, wolle sie deren Unterhaltungswert untersuchen. Etwas unbesonnen kam sie dem Journalisten mit der rhetorischen Frage zuvor, was denn falsch daran sei, über geschändete Männerkörper zu schreiben, wenn die Literatur sich andauernd über weibliche Körper hermache? Einige Schriftsteller, sagte sie, schrieben wie träge masturbierende Affen in überhitzten Käfigen. Sie schrieben, als hätten sie jeden Geschmack für echte Aromen verloren und müssten jede Menge Salz und Schweinefett ins Essen kippen, damit es überhaupt nach irgendetwas schmeckte. Vergewaltigte und ermordete Frauen, wohin man nur sah, als wäre das die einzige Möglichkeit, den Leser bei der Stange zu halten.
Der Herausgeber der Zeitschrift schien sich an der Sache mit den masturbierenden Affen festgebissen zu haben, denn über Albas Bild stand in fetten Buchstaben: . Es war kein besonders vorteilhaftes Foto. Man sah sie schräg von vorn und mit leicht geöffnetem Mund, was ihr einen beinahe zurückgebliebenen Ausdruck verlieh, obwohl Alba Cambó in Wirklichkeit keine hässliche Frau war. Meine Mutter meinte, weder das Bild noch der Text seien gelungen und Cambó sei mit ihren Aussagen übers Ziel hinausgeschossen. Wir einigten uns darauf, dass uns die erste...




