E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Wolff Das kleine Haus am Ende der Welt
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96053-251-4
Verlag: jumpbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-96053-251-4
Verlag: jumpbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Steffi von Wolff, geboren 1966 in Hessen, war Reporterin, Redakteurin und Moderatorin bei verschiedenen Radiosendern. Heute arbeitet sie freiberuflich für Zeitungen und Magazine wie »Bild am Sonntag« und »Brigitte«, ist als Roman- und Sachbuch-Autorin erfolgreich und wird von vielen Fans als »Comedyqueen« gefeiert. Steffi von Wolff lebt mit ihrem Mann in Hamburg. Die Autorin im Internet: http://www.steffivonwolff.de/ und https://www.facebook.com/steffivonwolff.autorin Steffi von Wolff veröffentlichte bei venusbooks bereits die Romane »Das kleine Appartement des Glücks«, »Das kleine Hotel an der Nordsee« und »Das kleine Haus am Ende der Welt«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
»Das kriegen wir schon wieder hin«, sagte der freundliche Mann in der Autowerkstatt und zwinkerte Britt zu. »Wir haben bis jetzt immer noch alles hingekriegt.«
»Wie schön.« Britt nickte. »Und wie lange wird das dauern?«
»Morgen Nachmittag können Sie den Wagen wieder abholen.«
»Und wann morgen Nachmittag? Ein Nachmittag ist lang.« Britt strich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und wühlte in ihrer Tasche herum, weil sie ihren Labello suchte.
»Halb fünf.« Der Mechaniker tippte an seine Schirmmütze.
»Das geht nicht.« Britt hatte den Labello gefunden und schraubte ihn auf. »Das Auto muss früher fertig sein.«
»Tut mir leid«, sagte der Mechaniker. »Aber das kriegen wir schwer hin.«
»Dann darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass ich Britt Wildenburg bin.« Britt legte den Labello zurück in die Tasche, nachdem sie sich damit die Lippen einbalsamiert hatte.
Nun sah der Mann ratlos aus. »Ja und? Ein schöner Name, aber was ...«
»Guter Mann, mein Vater ist Gerhard Wildenburg. Klingelt es jetzt?«
»Nein.«
»Dann sind Sie entweder dement oder dumm. Oder beides«, schlussfolgerte Britt. »Also, entweder ist mein Auto morgen um drei fertig, oder ich werde meinem Vater sagen, dass er seinen Fuhrpark in Zukunft woanders warten lassen soll.«
»Aber ...«
»Kein Aber. Und jetzt rufen Sie mir ein Taxi.«
»Da vorn ist eine Bushaltestelle.«
Britt drehte sich zu dem Mann um. »Ich fahre nie Bus.«
***
»Was für eine arrogante Zicke«, sagte Ingo zu sich selbst und stiefelte in die Werkstatt zurück. »Der gehört mal so richtig der Arsch versohlt.«
»Wem denn?«
Ingo schaute auf. »Na, dem Früchtchen da, die hat gerade ihren Wagen zur Inspektion gebracht.«
»Ach die.« Der Meister grinste. »Die kleine Wildenburg. Ist mit den Jahren immer schlimmer geworden mit ihr. Ich sag's ja immer, Geld verdirbt den Charakter. Aber ihr Vater, der ist nett.«
»Mag schon sein«, sagte Ingo. »Trotzdem hat sie mir gedroht.«
»Dann gehört ihr erst recht der Arsch versohlt. Aber vielleicht übernimmt das ja jemand anderes für uns.«
»Dein Wort in Gottes Ohr.«
***
»Einen Latte macchiato und den Salat Nizza.« Britt lehnte sich zurück und schaute aus dem Fenster. Ihre beste Freundin Nana müsste bald da sein. Sie trafen sich fast jeden Tag, und das seit der Kindergartenzeit. Nana wohnte mit ihrer Mutter gegenüber in einer fast so schönen Villa wie Britt. Davon mal abgesehen gab es in Bogenhausen so gut wie keine hässlichen Häuser. Und alle waren schön groß.
Und Größe war Britt gewöhnt. In jeder Hinsicht.
Britt war vor kurzem zwanzig geworden, die Schule war fertig, und nun wartete sie auf einen Studienplatz, das aber auch nur, weil ihre Eltern der Meinung waren, sie solle etwas Anständiges lernen.
»Falls du glaubst, dass das Leben nur aus Party besteht, hast du dich getäuscht, mein Schatz«, hatte Britts Vater zu ihr gesagt, und ihre Mutter hatte genickt.
Ihre Eltern hatten Geld, keine Frage, aber sie lagen beide nicht auf der faulen Haut, wie Britt es gern zu tun pflegte. Britts Eltern hatten eine Firma für Werbeartikel, die hervorragend lief Geld war mehr als genug da.
Und Britt – nun ja, Britt hatte noch nichts Richtiges auf die Beine gestellt, außer ihr Abitur zu machen.
»Wenn du BWL studierst und dann eine Ausbildung bei mir machst, also so von der Pike auf, dann spricht nichts dagegen, dass du eines Tages dazu in der Lage sein wirst, die Firma zu übernehmen«, war Gerhard Wildenburgs Meinung. »Aber einfach so rumgammeln und nichts tun, das kommt mir nicht in die Tüte, da kannst du dir einen anderen suchen.«
»Papa!«, hatte Britt sich aufgeregt. »Immerhin habe ich das zweitbeste Abi der Schule gemacht.«
»Das ist ja auch prima.« Er hatte ihr auf die Schulter geklopft. »Aber nun muss es weitergehen.«
»Und wie?«
»Dir stehen alle Türen offen. Also mach was draus.«
Aus Trotz hatte Britt sich nicht für ein Betriebswirtschaftsstudium entschieden, sondern für das der Medizin, obwohl sie davon genauso wenig hielt wie von allen anderen Studiengängen der Welt. Ihr Leben gefiel ihr so, wie es war. Außerdem war sie der kruden Ansicht, dass es doch genügte, wenn andere arbeiteten.
Nana hatte es da besser. Sie wohnte mit ihrer Mutter, einer durchaus erfolgreichen Schmuckdesignerin, zusammen, und es gab keinen Mann, der ihnen reinredete, denn einen Vater gab es nicht. Nana war von ihrer Mutter alleine großgezogen worden. Manchmal beneidete Britt die Freundin, denn Nana konnte machen, was sie wollte, auch nach dem Abi. Deswegen würde Nana erst mal für ein paar Monate in die USA fliegen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Und sie, Britt, musste sich um ihre Zukunft kümmern, dabei wäre sie zu gern mit Nana geflogen. Denn den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, das konnte sie mindestens genauso gut wie ihre Freundin, die gerade eben das Café betrat – wie immer etwas hektisch, das iPhone in der einen, eine teure Tasche in der anderen Hand.
»Nächste Woche geht's endlich los«, begrüßte sie Britt. »Ich hab schon tausend Leute mobilisiert, erinnerst du dich noch an diesen durchgeknallten Typen, den wir im P1 kennengelernt haben? Dieser Fotograf mit den langen schwarzen Haaren?«
»Natürlich erinnere ich mich«, sagte Britt. »Er hatte sie nicht mehr alle.«
»Deswegen war er mir ja so sympathisch. Und jetzt wohnt dieser Tim in New York und kennt die ganze Szene. Er meinte, er würde mir alle wichtigen Leute vorstellen, und jeden Abend gibt es Party!«
»Nana, dieser Tim hat uns erzählt, dass er Vogelspinnen und Kakerlaken sammelt und gerne Insekten isst.« Britt konnte es nicht fassen.
»Eben, eben.« Nanas Augen glänzten voller Vorfreude. »Das wird ein irres Erlebnis.«
Die Bedienung kam und brachte Britts Salat. Nana bestellte eine Tomatensuppe und beobachtete dann, wie Britt die Blätter klein schnitt.
»Und jetzt stell dir vor, da wären Maden drin«, sagte sie fröhlich.
Britt ließ die Gabel sinken. »Das will ich mir aber gar nicht vorstellen.«
»Doch, tu's einfach. Tim meinte, Maden schmecken gar nicht so schlecht. Außerdem – wenn man Hunger hat, isst man alles. Kannst du dich noch an diesen Film erinnern, in dem das Flugzeug mit einer, ich glaube, Footballmannschaft in den Anden abgestürzt ist? ›Überleben‹ hieß der glaub ich.« Sie senkte die Stimme mit einem wohligen Gruseln. »Die haben da ihre eigenen Kollegen aufgegessen.«
»Hör sofort auf, Nana. Außerdem war das ein Film.«
»Ja, klar. Aber nach wahren Begebenheiten.«
»Sag mal, hast du was getrunken?«
»Ich trinke nie Alkohol.« Nana schüttelte den Kopf. »Schade eigentlich, aber er schmeckt mir einfach nicht.«
»Dafür kannst du ja dann Kakerlaken essen«, schlussfolgerte Britt und zwang sich, nicht nachzuschauen, ob sich in ihrem Salat vielleicht irgendwo eine Nacktschnecke versteckt hielt.
»Tim meinte, in Thailand wäre das ganz normal, also Insekten essen. Da gibt es zum Beispiel Ameisensalat und Bambusmaden und Ähnliches – das ist da wie ein Snack, als würde man Salzstangen essen. Tim meinte auch, dass Heuschrecken und Grashüpfer gut schmecken. Denen zieht man da einfach die Flügel und die Beine ab, dann zerkaut man sie. Oder riesige Wanzen und Skorpione – man kann das ganze Ding aufessen. Aber am besten müssen diese aufgespießten Babyfrösche sein, die man komplett verspeisen kann. Ach, ich freue mich so. Da sind auch überall total viele Proteine drin. Und Proteine sind gesund. Wenn ich wiederkomme, bin ich bestimmt ein neuer Mensch.«
Zum ersten Mal war Britt froh, doch nicht nach New York zu müssen. Vielleicht war es einfach sicherer, hierzubleiben.
Ganz bestimmt war es das. Außerdem wusste sie nicht, warum Nana ein neuer Mensch sein wollte. Sie gefiel ihr so, wie sie war.
Aber Nana musste wissen, was sie tat.
Britt wusste auch, was sie tun musste. Sich um einen verdammten Studienplatz kümmern. Darauf hatte sie noch weniger Lust, als auf Maden oder Skorpione zu verspeisen.
***
»Ich habe aber keine Lust, nach Frankfurt zu gehen«, nörgelte Britt herum und knallte die Gabel auf den Teller. »Wenn, will ich hier studieren.«
»Es geht nicht immer darum, was du willst.« Gerhard Wildenburg hatte langsam die Nase voll, und man merkte ihm das an. Seine Tochter ging ihm zunehmend auf die Nerven. »Das ist eine neue Stadt, du bist mal weg von hier, das wird dir guttun.« Er und seine Frau Nora hatten Britt gerade klargemacht, dass ihr sorgenfreies Leben in München demnächst unterbrochen werden würde. Sie hielten es für besser, wenn Britt mal aus ihrer Umgebung rauskam und lernte, auf eigenen Füßen zu stehen.
»Vielleicht ist es zu lange nur darum gegangen«, fügte ihre Mutter hinzu, die auch keine Lust auf diese sinnfreien Diskussionen hatte. »Frankfurt ist mal was anderes und ...«
»Danke, Mama, ich weiß auch, dass Frankfurt was anderes als München ist«, unterbrach Britt sie und merkte, dass sie vor Aufregung schon wieder Locken bekam. Das war immer so, regte sie sich auf, fingen die blonden Haare an, sich zu kräuseln.
»Schluss mit der Diskussion. Davon abgesehen war es doch deine Entscheidung. Ich habe dir gleich gesagt, du sollst bei mir ...«
»Ja, ja, ja.« Britt stocherte in ihrem Gemüse herum. »Ich weiß, ich weiß, du hast gesagt, du hast gesagt. Du gehst mir auf den Keks mit deiner Besserwisserei.«
»Jetzt reicht es mir aber.« Gerhard stand auf. »Du willst studieren, und jetzt ziehst du das durch. Und zwar in Frankfurt. Das ist mein letztes...




