Wolff | Die Geister der Pandora Pickwick (Bd. 1) | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Wolff Die Geister der Pandora Pickwick (Bd. 1)


1. Auflage, Illustrierte Ausgabe 2023
ISBN: 978-3-96177-055-7
Verlag: Woow Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-96177-055-7
Verlag: Woow Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nirgendwo fühlt sich Fanny so wohl wie in dem Antiquitätenladen ihrer Tante Harriet. Wie wunderbar, dass sie die Sommerferien dort verbringen darf! Doch im Laden stimmt etwas nicht. Dinge verschwinden wie durch Zauberei, gerade abgewischte Möbel stauben innerhalb von Sekunden wieder ein, und nachts ist ständig irgendwo ein Rumpeln und Poltern zu hören. Allerdings tut Tante Harriet so, als wäre das völlig normal. Doch Fanny ahnt, dass Harriet ihr etwas verheimlicht – genau wie bei der Frage, wer ihre leiblichen Eltern sind.

Der erste Band der -Reihe

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Fannys Mum hatte mal wieder alles im Griff. Schon vor drei Tagen hatte sie Fannys Koffer gepackt, um ihn danach noch fünf Mal umzupacken. Nun war Fanny sogar mit einem Schuhlöffel und mit Warzenpflastern ausgestattet. Dabei hatte sie in ihrem Leben noch nie eine Warze gehabt. Doch ihre Mum meinte, man könne ja schließlich nie wissen, was passiert. Womit sie natürlich recht hatte, wie sie ja bei allem recht hatte!

Heute war endlich Samstag, und Fanny hievte das tonnenschwere Kofferungetüm schnaufend aus dem Haus und in den grauen Bentley. Ihre Mum trommelte bereits unruhig auf das Lenkrad. Während der Fahrt redeten sie nicht viel. Fanny wusste, dass ihre Mutter angespannt war. Wie jedes Mal, wenn sie ihre Schwester Harriet treffen würde. Fannys Laune hingegen war wie das Wetter: wolkenlos und frühsommerlich warm.

Nach zwanzig Minuten Stadtverkehr stoppte der Bentley kurz vor dem Laden mit der grün lackierten Fassade, und während ihre Mum noch einen Parkplatz suchte, rollte Fanny das Koffermonster bereits auf die Ladentür zu. Mit jedem Schritt machte ihr Herz einen kleinen Hüpfer. Sie liebte das Geschäft ihrer Tante, das bis unter die Decke mit Krimskrams vollgestopft war: Geschirr, Möbel, Postkarten, verstaubte Bücher und so sonderbare Dinge wie Zeitungsumblätterstäbe aus Ebenholz und sogar Schrumpfköpfe – die natürlich nicht echt waren, wie Tante Harriet versicherte.

Fanny reckte ihre Nase in die Luft. Der Laden verströmte seinen Duft bis hierher auf die Straße. Eine Mischung aus Holzpolitur, Staub, Tee und Keksgeruch. Lecker! Als sie die Ladentür öffnete, ertönte die kleine rostige Glocke über dem Eingang.

»Komme gleich!«, rief es von irgendwoher.

’ bestand aus drei vollgestopften Verkaufsräumen. Dem vorderen, in dem Fanny sich gerade befand, einem zweiten, der ein paar Stufen höher zum Hof hin lag, und dem dritten in der ersten Etage, der über eine Wendeltreppe mit dem Rest des Ladens verbunden war.

Fanny blieb mit ihrem Koffer neben der Ladentheke stehen und begrüßte Grandma Pandora. Natürlich nicht Grandma Pandora persönlich. Die Namensgeberin des Ladens war schon gestorben, als Fanny noch ein Baby war. Aber es hing eine goldgerahmte Fotografie von ihr an der Wand, und weil Harriet die Angewohnheit hatte, mit dem Bild ihrer Mutter zu sprechen, sagte auch Fanny Pandora stets , wenn sie in den Laden kam.

»Bin schon da!«, schallte Harriets Stimme aus der oberen Etage herunter. Fanny hörte, wie Schritte auf den Holzstufen klackerten. Als Harriet ihre Nichte erblickte, legte sie verdutzt den Kopf schief.

»Du hast es vergessen!«, stöhnte Fanny.

»Was? Nein … Quatsch, natürlich nicht!« Harriet eilte auf Fanny zu, um sie in die Arme zu schließen.

»Du hast es vergessen, oder?«, fragte Fanny, nachdem ihre Tante ihr fast die Luft abgedrückt hatte.

»Na ja, vielleicht ein klitzekleines bisschen«, gab Harriet zu. »Tee?«

Fanny nickte, und Harriet verschwand durch den bunten Glasperlenvorhang in die Ladenküche. Bald darauf kam sie mit einem Tablett zurück, auf dem sie zwei Thermoskannen, drei Porzellantassen, etwas Gebäck und ein geblümtes Zuckerdöschen balancierte.

»Ich hab extra grünen Tee für deine Mutter gekocht«, erklärte sie und stellte das Tablett auf dem kleinen Tisch vor dem roten Samtsofa ab, das schon seit Jahren niemand kaufen wollte. Die Sprungfedern ächzten vertraut, als Fanny sich darauf niederließ. Sie nahm einen Butterkeks und dachte, dass auch der grüne Tee die frostige Stimmung zwischen Harriet und ihrer Mum nicht aufwärmen würde.

Fanny hatte nie einen speziellen Grund herausfinden können, warum die Schwestern sich so wenig mochten. Sie vermutete aber, dass es an ihrer Gegensätzlichkeit lag. Die eine war unordentlich und die andere ein Aufräummonster, eine stand auf Zartbitterschokolade, die andere auf Vollmilch-Nuss. Jennifer hatte blonde glatte Haare und liebte Katzen. Auf Harriets Kopf ringelten sich braune Locken, und natürlich mochte sie Hunde. Diese Liste hätte man endlos fortführen können.

Außerdem hatte Fanny oft das Gefühl, ihre Mum wäre ein bisschen eifersüchtig auf Harriet. Vielleicht gefiel es ihr nicht, dass Fanny und Harriet sich so gut verstanden. Wahrscheinlich störte es sie sogar, dass Fannys Haare braun wie Harriets waren und nicht blond wie ihre eigenen. Dabei hatte Fanny erstens blaue Augen genau wie ihre Mutter, und zweitens war das alles vollkommen bedeutungslos, weil Fanny nämlich adoptiert war. Ihre Augen- und Haarfarbe konnte mit keiner von beiden etwas zu tun haben.

»In dieser Gegend ist es wirklich unmöglich, einen Parkplatz zu finden«, schimpfte Jennifer Jones, als sie den Laden betrat.

Wie immer begrüßten sich die Schwestern mit einem steifen Küsschen auf die Wange, und dann begann dieses gezwungen fröhlich-freundliche Gequatsche, das Fanny so hasste.

»Wann geht denn euer Flieger?«, fragte Harriet, während sie den grünen Tee eingoss.

»Morgen früh um sechs.« Fannys Mum nahm ein sauber gefaltetes Papier aus ihrer Handtasche und reichte es ihrer Schwester. »Ich hab dir alles noch mal genau aufgeschrieben«, sagte sie. »Wir sind ab morgen unterwegs. Auf dem Zettel sind alle Hotels mit Telefonnummern notiert, außerdem Henrys und meine Handynummer und natürlich die Nummer von unserem Hausarzt, die von Fannys Zahnarzt und für den Notfall die der amerikanischen und der britischen Botschaft. Man weiß ja schließlich nie, was passiert …«

Aus den Augenwinkeln betrachtete Fanny Harriets Gesichtsausdruck. Sie wusste genau, was ihre Tante dachte.

Mindestens fünf Butterkekse lang plätscherte das Gespräch weiter so belanglos vor sich hin. Fannys Mum zählte alle siebzehn amerikanischen Städte auf, die sie und ihr Mann in den nächsten acht Wochen abklappern würden, um neue Kunden für ihre Schnürsenkelfirma zu finden. Danach führte Harriet stolz eine Sammlung von antiken Rückenkratzern vor, die sie für den Laden spottbillig gekauft hatte und die Jennifer mit höflich unterdrückter Abscheu bewunderte. Fanny hatte schon die Hoffnung, dieses Treffen würde einmal ohne Streit verlaufen. Doch dann stach sie plötzlich etwas ins Schulterblatt.

»Au!«, stieß sie aus und versuchte mit der Hand die schmerzende Stelle zu erreichen, doch im selben Moment spürte sie den gleichen piksenden Schmerz auch im anderen Schulterblatt. »Au!«

»Fanny? Was ist denn?« Ihre Mutter griff blitzschnell nach ihrem Handy. Es sah aus, als wolle sie augenblicklich einen Notruf absetzen.

»Gar nichts, glaube ich«, beruhigte Fanny sie. »Mich hat nur irgendwas gestochen.«

Jennifers Gesicht versteinerte sich. »Har-ri-et?«

Fannys Blick schnellte nach oben. Jennifer Jones’ Stimme hatte diesen spitzen Unterton, den sie nur bei ihrer Schwester bekam und der oft Vorbote eines dicken Unwetters war. Fanny zog unmerklich den Kopf ein, doch ihre Tante wirkte nicht weiter beeindruckt.

»Das waren bestimmt nur die alten Sprungfedern, Jenny. Ich muss das Sofa irgendwann mal entsorgen. Das kauft sowieso keiner mehr.«

Harriet nahm in aller Ruhe einen Schluck Tee, aber irgendwie hatte Fanny das Gefühl, ihre Tante benutzte die Tasse nur, um sich dahinter zu verstecken.

Aber warum? Diesmal hatte sie ja überhaupt keinen Fehler gemacht. Für die blöden Sprungfedern konnte sie schließlich nichts!

Fannys Mum machte trotzdem keine Anstalten, ihr Dobermanngesicht abzulegen.

»Du hast es mir versprochen«, zischte sie Harriet zu. Wie steinhart gefrorene Erbsen prasselten die Worte auf ihre Schwester. Danach schien für Jennifer das Gespräch beendet zu sein. Mit einem energischen Ratsch zog sie den Reißverschluss ihrer Handtasche zu.

Fanny entschied, besser draußen vor dem Laden Auf Wiedersehen zu sagen. Da war die Luft nicht ganz so dick. Natürlich hatte ihre Mutter noch tausend Ermahnungen auf Lager, doch Fanny ließ sie heute wortlos über sich ergehen. Erstens wusste sie, dass ihre Mum sich eigentlich nur Sorgen machte, und zweitens war sie unendlich dankbar, dass sie bei Harriet bleiben durfte.

Das hatte zu Hause nämlich für tausend Diskussionen gesorgt. Eigentlich hatten Fannys Eltern sie auf die Geschäftsreise mitnehmen wollen. Aber die Ferien begannen erst in zwei Wochen, und Mrs Gardener, die Schuldirektorin, hatte es nicht erlaubt. Mrs Gardener konnte ein ziemlicher Drache sein, und Fanny mochte sie nicht besonders, doch diesmal hatte die Direktorin ihr einen echten Gefallen getan. Schließlich war Fanny bereits zwölf. Wer wollte mit zwölf schon ganze acht Wochen lang gemeinsam mit seinen Eltern Schnürsenkel verkaufen? Auch wenn es in den USA war! Wahrscheinlich hätte Fanny die meiste Zeit im Hotelzimmer verbracht und mit sich selbst gespielt.

Als klar war, dass Fanny nicht mitkommen konnte, wollte ihre Mum sie zuerst bei Grandma Jones unterbringen. Doch Fanny hatte deswegen einen ziemlichen Aufstand angezettelt. Grandma Jones war zwar furchtbar lieb, aber sie nahm ständig ihr Gebiss heraus und legte es irgendwo in der Wohnung ab, weil es sie angeblich beim Denken störte. Und sie war so schwerhörig wie ein Marmeladenbrot. Alles musste man viermal sagen. Schließlich hatten Fannys Eltern zugestimmt, dass sie bei Harriet bleiben durfte, worüber Fanny mehr als glücklich war. Normalerweise besuchte sie ihre Tante höchstens ein- oder zweimal im Monat, und jetzt durfte sie ganze acht Wochen im ’ verbringen.

»Was sollte das denn eben bedeuten?«, fragte...


Wolff, Christina
Christina Wolff arbeitete als Grundschullehrerin, bevor sie sich vor einigen Jahren mit dem Schreiben selbstständig machte. Wenn sie nicht gerade an ihren Geschichten feilt, räumt sie gerne ihre Wohnung um oder stöbert in ihrem Lieblingsbuchladen. Sie lebt mit ihrer Familie und einer eigensinnigen kleinen Hundedame in Hannover, und am allerliebsten schmiedet sie bei einem großen Stück Käsekuchen neue Buchpläne.

Prechtel, Florentine
Florentine Prechtel verbrachte ihre Kindheit auf den sieben Weltmeeren. Seit ihrem Grafikdesign- und Malerei-Studium illustriert sie Kinderbücher. Dabei liebt sie es, immer wieder neue Techniken auszuprobieren. Die Illustratorin lebt mit ihrer Familie in Freiburg.



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