Wolfsohn / Peters | ...den Gestank der Welt vertreiben | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 168 Seiten

Wolfsohn / Peters ...den Gestank der Welt vertreiben

...banishing the Stench of the World
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-76511-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

...banishing the Stench of the World

E-Book, Deutsch, 168 Seiten

ISBN: 978-3-347-76511-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Buch stellt eine zweisprachige (deutsch/engl.) Sammlung von Aufzeichnungen dar, die der deutsche Stimmlehrer Alfred Wolfsohn in mehreren Manuskripten hinterlassen hat. Darin formuliert er seine Erinnerungen an Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus seiner Sicht eines deutschen Juden. Die Erinnerungen betreffen seine Erfahrungen mit dem Antisemitismus, als Soldat im 1. Weltkrieg und die Zeit im Nationalsozialismus. Wolfsohn emigrierte kurz nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 nach London, wo er bis zu seinem Tod 1962 lebte. Außerdem beschäftigen sich Wolfsohn´s Aufzeichnungen mit Leben und Werk der deutschen Künstlerin Charlotte Salomon, für die Wolfsohn in Berlin für einige Zeit eine Art Mentor war. Charlotte Salomon wurde mit 26 Jahren von den Nazis in Auschwitz ermordet. Das Buch ist ein Zeitzeugnis von hohem Rang, geschrieben von einem Autor, der in der Lage ist, seine schlimmsten Erfahrungen nicht nur zu beschreiben, sondern auch in einem größeren Zusammenhang zu analysieren. Wolfsohn verbindet einen klaren Blick mit einer durch und durch menschlichen Haltung. Die kommt auch in seinem Ansatz zur Stimmentwicklung zur Geltung, die in diesen Erinnerungen immer wieder aufscheint.

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VORWORT

Als Alfred Wolfsohn im Februar 1962 in London starb, hatte er seit seiner Emigration aus Berlin im Jahre 1939 sein Heimatland nicht mehr betreten. Zu groß war der Schmerz über das unfassbare Verbrechen des Holocaust, dem er selbst nur knapp entronnen ist. Seine Schwester Nelly, ein Großteil seiner Familie und viele seiner Freunde sind den Nazis zum Opfer gefallen.

Auf der Gedenkplakette, die viele Jahrzehnte in London am Friedhof in Golders Green, wo seine Asche verstreut wurde, hing, liest man den deutschen Satz: Lerne singen, o meine Seele1. Der Ausspruch, den Wolfsohn bei Nietzsche gefunden hat, ist nicht nur die Quintessenz seiner Ideen zur menschlichen Stimme, der er sich Zeit seines Lebens widmete. Der Satz zeigt zugleich, dass Wolfsohn seine enge Verbindung zur deutschen Sprache und Kultur niemals aufgegeben hat, auch wenn die deutsche Geistesgeschichte, der er bis zum Schluss so viel seines eigenen Denkens verdankt, für immer im Schatten dessen liegt, was mit Auschwitz seinen grausamen Höhepunkt gefunden hat. Wolfsohn hat am eigenen Leibe erfahren, dass die militaristisch gefärbte Unmenschlichkeit und der erbarmungslose Antisemitismus nicht erst mit den Nazis in Deutschland Einzug hielten. Um so beeindruckender muss heute Wolfsohns Bereitschaft erscheinen, schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges den Briefkontakt mit einer jungen deutschen Frau aufzunehmen, die in den Berliner Jahren seine Schülerin war und die sich bereitwillig von der nationalsozialistischen Ideologie verführen ließ. Dieser Briefwechsel mit der Malerin Marianne Höflich ist von Wolfsohn zu einem Manuskript mit dem Titel »Die Brücke« geformt worden. Ein großer Teil der Texte in diesem Buch stammt daraus.

Wer war Alfred Wolfsohn? Geboren 1896 in eine deutsch-jüdische Familie in Berlin, wurde er kurz nach Beginn eines Jurastudiums 1914 mit gerade 18 Jahren als Soldat eingezogen. Nach vier Jahren kam er mit einer schweren Kriegsneurose, die man heute ein posttraumatisches Belastungssyndrom nennen würde, aus dem Weltkrieg. Der Weg zurück ins Leben dauerte viele Jahre. Einige der traumatischen Kriegserlebnisse Wolfsohns hatten mit den Stimmen von Soldaten zu tun, die sterbend um Hilfe riefen oder schwer verletzt ungehemmt schrien. Es stellte sich heraus, dass die Beschäftigung mit der eigenen Stimme für Wolfsohn einen Weg ebnete, um sich aus der traumatisch gefangenen seelischen Situation zu befreien. Die damit einhergehende radikale Selbstanalyse führte zu einem damals völlig neuen Ansatz der Stimmentwicklung, in dem die Stimme aus den kulturellen und psychischen Beschränkungen befreit wird, um so zu sich selbst zu finden. Die Befreiung zu dieser menschlichen Stimme, gelingt nach Wolfsohn über eine enge Zusammenführung von seelischen Bewegungen mit dem Stimmklang. In seinem Ansatz geht es nicht um das Erlernen einer Stimmtechnik, sondern darum, der eigenen Stimme zuzuhören, zu erkennen, was in ihr anklingt und den Wegen zu folgen, die sie selbst anbietet. Die Stimme ist ihm zufolge der direkte Ausdruck des Menschen und kann alle menschenmöglichen inneren Zustände in Klang umsetzen. Eine Einteilung der Stimmen in die klassischen Lagen wie Sopran, Alt, Tenor oder Bass wird damit zwar nicht obsolet, muss aber durch ein viel weiteres Verständnis des Stimmumfangs ergänzt werden. Einige der Schüler und Schülerinnen Wolfsohns waren in der Lage, alle Partien aus Mozarts Zauberflöte zu singen2.

Wolfsohn begann Anfang der 1930er Jahre zu unterrichten. Zu ihm kamen zunächst Menschen mit stimmlichen Problemen und es stellte sich oft genug heraus, dass diese Schwierigkeiten mit Erlebnissen zu tun hatten, die denen Wolfsohns im Krieg ähnlich waren. Die Auflösung der stimmlichen Probleme gelang ihm durch die Konfrontation mit diesen Erlebnissen, die sich in der Stimme zeigten. Und gerade in diesen dunklen Erfahrungen liegen Potenziale, die, einmal gehoben, in die künstlerische Arbeit übertragen werden können.

Seine Ideen zur Befreiung der menschlichen Stimme hat Wolfsohn in einem Manuskript mit dem Titel: »Orpheus oder der Weg zu einer Maske«, das noch in Deutschland fertiggestellt wurde, erstmals niedergeschrieben. Darin thematisiert er auch seine traumatischen Erfahrungen im 1. Weltkrieg und seinen langen Weg zurück ins Leben. Wie alle seine Schriften ist auch Orpheus bislang nicht veröffentlicht3. In dem vorliegenden Buch stammen einige Abschnitte aus diesem Manuskript.

Nach Inkrafttreten der Nürnberger Rassegesetze 1935 wurde es für Wolfsohn zunehmend schwieriger, eine Anstellung bzw. Schüler für seine Stimmarbeit zu finden. Es war ihm verboten, Nichtjuden zu unterrichten und er wandte sich an den Gründer des Jüdischen Kulturbundes Kurt Singer, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, das jüdische Kulturleben in Deutschland trotz der massiven Einschränkungen durch die Nazis aufrecht zu erhalten. Singer versuchte zu helfen und schickte den jungen Gesangslehrer zu der Sängerin Paula Lindberg-Salomon, in der Hoffnung, dass sie ihn mit Hinweisen unterstützen könnte. Im Haus von Paula Salomon lernte Wolfsohn deren Stieftochter, die junge Kunststudentin Charlotte kennen. Wolfsohn wurde zu einer Art Mentor für die schüchterne und zugleich hochbegabte junge Frau. Lotte wurde nach der Reichspogromnacht 1938 von ihren Eltern nach Südfrankreich geschickt, wo sie in Sicherheit vor den Nazis zu sein schien. Das stellte sich als tragischer Irrtum heraus. Sie wurde 1943 in Auschwitz ermordet. In ihrer Zeit in Südfrankreich hat sie ein mittlerweile ikonisches Werk von ca. 800 Gouachen geschaffen, das sie »Leben? oder Theater? – ein Singespiel« nannte. In dieser bildnerischen Lebensgeschichte spielt eine Figur eine herausragende Rolle, die den Namen Amadeus Daberlohn trägt. Dahinter verbirgt sich Alfred Wolfsohn. Keine andere Figur taucht in den Bildern so oft auf wie Wolfsohn und es finden sich Zitate mit ganzen Abschnitten aus seinem »Orpheus«, in denen Charlotte einen Weg aus einer fatalen Todesbestimmung zurück ins Leben sieht4.

In dem Briefwechsel, den Wolfsohn zu dem Manuskript mit dem Titel »Die Brücke« umgearbeitet hat, kommt er immer wieder auf Charlotte Salomon und ihre frühen Bilder und Zeichnungen zu sprechen. Er ahnte zu der Zeit nichts von der Existenz ihres großen Werks »Leben? oder Theater?« und ging davon aus, dass alle ihre in Frankreich entstandenen Arbeiten zerstört und verschwunden waren. Erst als ihm kurz vor seinem Tode die Ankündigung der ersten Ausstellung der Werke in Amsterdam zugeschickt wurde, erfuhr er von Charlottes umfangreichen künstlerischen Nachlass. Nach Auskunft seiner Londoner Schülerinnen Marita Günther und Sheila Braggins war er schwer erschüttert, als er erkannte, wie groß sein Einfluss auf Charlotte gewesen ist.

Wolfsohn emigrierte 1939 nach London, wo er nach dem Krieg seine Arbeit als Stimmlehrer wieder aufnahm.

Nach Aussage von Peter Zadek5, der in den späten vierziger Jahren für einige Zeit sein Schüler war, wurde Wolfsohn eine bekannte Figur in der jüdischen Kulturszene der britischen Hauptstadt. Im Laufe der Jahre sind viele Künstler und Intellektuelle in England auf seinen ungewöhnlichen Ansatz der Stimmentwicklung aufmerksam geworden und insbesondere in Deutschland und in den USA stieß seine Arbeit auf einige Resonanz. So entstand unter dem Titel »The Human Voice« eine Aufnahme für das Smithsonian Institute in Washington. In Deutschland gab es verschiedene Artikel und Radiosendungen über ihn und der Komponist Dieter Schnebel schrieb als eines seiner ersten Stücke für Stimme ein »FÜR STIMMEN (…missa est)« für »Wolfsohn’sche Stimmen«. Doch der große Durchbruch zu einer größeren Öffentlichkeit blieb Wolfsohn verwehrt und es gelang ihm nicht, seine Texte zur Stimme zu veröffentlichen.

Marianne Höflich, die nach dem Krieg den Briefwechsel mit Wolfsohn begonnen hat, den Wolfsohn in seinem Manuskript »Die Brücke« verwendet, war eine Kommilitonin und Freundin von Charlotte Salomon in der Kunsthochschule in Berlin. Schon im Orpheus zitiert Wolfsohn einen Text von Marianne mit dem Titel »Die Malerei und ich«.

Geboren wurde Marianne 1915 in Berlin. 1933 beginnt sie ein Studium in der Kunsthochschule, zuerst mit dem Schwerpunkt Textilarbeiten, später wechselt sie zur Malerei. Sie heiratet einen Juristen namens Gessner, von dem sie sich nach dem Krieg scheiden lässt. Schon während des Briefwechsels mit Wolfsohn hat sie sich in den Franzosen Nick van der Linden verliebt, der vermutlich Soldat in Deutschland war, als sie ihn kennenlernt. Sie heiratet ihn 1952 und zieht mit ihm in die Normandie, wo sie bis zu ihrem Tod 1997 lebt. Marianne van der Linden blieb der Malerei Zeit ihres Lebens treu. Ihre Bilder waren bei zahlreichen Ausstellungen in Frankreich und in Deutschland zu sehen und sie hat zehn Jahre an einer Kunstschule in der Normandie Bildhauerei unterrichtet.

Nach dem Tod Wolfsohns wurde seine Arbeit von seinem Schüler Roy Hart weitergeführt. Der südafrikanische Schauspieler, der mit einem Stipendium für die Royal Academy of...



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