E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Wolitzer Die Zehnjahrespause
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-8321-8475-9
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8475-9
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Meg Wolitzer, geboren 1959, veröffentlichte 1982 den ersten von zahlreichen preisgekrönten und erfolgreichen Romanen. Viele ihrer Bücher standen auf der New-York-Times-Bestsellerliste. Bei DuMont erschienen der SPIEGELBestseller >Die Interessanten< (2014), >Die Stellung< (2015), ihr Roman >Die Ehefrau< (2016), der mit Glenn Close in der Hauptrolle verfilmt wurde, und zuletzt, ebenfalls SPIEGEL-Bestseller, >Das weibliche Prinzip< (2018).
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Zwei
Montreal 1972
»Ich glaube, wir schließen besser die Jalousien!«, sagte eine der Frauen mit schrillem Lachen, und die anderen lachten auch, dreckiger als sonst, weil sie seit fast einer Stunde Gin Tonic tranken und keine Kinder am Boden wuselten und keine Männer in den Türen standen und lange Schatten warfen, während sie fragten, wann es mit dem Abendessen so weit sei oder wo die Schere liege. Selbst Henry Lamb war an diesem Abend verbannt worden, dabei war er ein Guter, ein sanfter, introvertierter Mann mit feinem blondem Haar, das ihm rechts und links der beginnenden Glatze zu Berge stand, ein Mann allerdings, der nie viel darüber nachgedacht hatte, wie unfair die Gesellschaft die Frauen behandelte. Schon im Mikrokosmos der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der McGill University wären ihm, dem Professor, Beispiele für schreiende Ungerechtigkeit aufgefallen, hätte er nur richtig hingesehen.
Seine Frau Antonia hatte ihn und die drei kleinen Töchter nicht zum ersten Mal oben eingesperrt. Jetzt musste er ein Brettspiel namens »Irrgarten!« spielen, dessen zahlreiche Verschieberegeln er trotz seines Doktortitels nicht verstand, die drei schlauen Mädchen dagegen sehr wohl. Unten im schwer mit Pflanzen bestückten Wohnzimmer diskutierten die Mitglieder der Selbsterfahrungsgruppe über die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft. Je nach Temperament der Sprecherin klangen die nach oben dringenden Stimmen aggressiv, leidenschaftlich oder monoton.
Es klingelte, und Antonia öffnete den Nachzüglerinnen. Sie stampften ein paarmal auf den Fußabtreter, hauchten ihre Atemwölkchen in den kalten Abend und traten ein. Drinnen warfen sie ihre mit Reif überfrorenen Mäntel auf die Bank im Flur und gingen weiter, ins Wohnzimmer, wo sich ein warmer, bunter, dichter Wald aus Frauen formierte. Um halb neun klopfte Antonia Lamb an ihr Glas.
»Ich schlage vor, dass ihr schnell austrinkt«, sagte sie, als die teilweise ziemlich angeschickerten Frauen endlich schwiegen. »Der gesellige Teil des Abends ist nämlich vorbei. Jetzt beginnt der Aufklärungsteil.«
»Oh, oh, ihr wisst, was das heißt«, rief Carol Bredloe, die ein paar Häuser weiter wohnte.
Hier und da wurde gekichert, und eine andere Frau verkündete: »Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!«
Die Gin-Tonic-Gläser wurden geleert und auf sämtlichen verfügbaren Oberflächen – dicken Bildbänden, Taschenbuchromanen und dem Couchtisch selbst – abgestellt. Antonia sah sich leicht besorgt um und überlegte bereits, welches Reinigungsmittel sie am nächsten Tag bei Steinberg’s kaufen sollte, um die sich überschneidenden Gläserringe auf dem Holz zu entfernen.
Warum denkst du jetzt an Möbelpolitur?, fragte sie sich. Spring über deinen Schatten und versuch ein Mal, nicht nur das Heimchen am Herd zu sein! Verdammt, wir sind im Jahr 1972 – Frauen verändern sich! Daran solltest du jetzt denken, an die gesellschaftliche Entwicklung der Frauen! An das, was sich hier und in den Vereinigten Staaten, drüben in Europa und auf der ganzen Welt tut! Denk an das, was sich hier in diesem Zimmer gleich abspielen wird!
Antonia hatte eine gewisse Marsha Knowles aus Toronto zu einer Präsentation vor der Selbsterfahrungsgruppe eingeladen. Ein Mal pro Monat machte eine Frau aus der Gruppe einen Auflauf, meistens etwas mit Hackfleisch und angekohltem Käse, backte einen Streuselkuchen, stellte Gin und Tonic Water, eine Schüssel Eiswürfel und mehrere Flaschen Zinfandel bereit, schaffte Mann und Kinder aus dem Weg und lud die anderen zu sich ein. So ging das jetzt ein Jahr. Seit dem ersten Treffen hatte die Gruppe bereits zahlreiche Themen abgehandelt, die von der Frage »Wie wichtig ist mein Orgasmus?« über die Forderung »Politisches Bewusstsein entwickeln!« bis hin zu dem Anliegen »Töchter zu selbstbewussten und Söhne zu gefühlvollen Menschen erziehen« reichten. Waren sie bei den ersten Zusammenkünften noch schüchtern und gehemmt gewesen, so war es in späteren Diskussionen ziemlich heftig zur Sache gegangen. Oft flossen in den Wohnzimmern Tränen, und gelegentlich schoss die Wut wie aus Blasrohren aus den Frauen heraus.
»Ich bin so unglücklich«, erklärte eine Frau beispielsweise und erzählte mit unterdrückter Empörung von ihrem Mann, der einfach nichts wissen wollte von seiner moralischen Pflicht, gelegentlich den Geschirrspüler auszuräumen. »Martin fällt doch kein Zacken aus der Krone, wenn er im Haushalt ein bisschen mithilft! Aber er sieht das als allein meine Aufgabe an. Ich meine, kann man nur dann Besteck in Schubladen räumen, wenn man Eierstöcke besitzt?«, fragte sie, und die anderen beeilten sich, ihr das Gegenteil zu versichern, und bestärkten sie und sich in ihrem Recht, auf Veränderungen zu pochen. »Es ist ja nicht so, als hätte ich mich bei der Hochzeit dazu verpflichtet!«, fuhr die Frau fort. »Oder hieß es bei der Trauung, dass in unserer Ehe ausnahmslos und bis in alle Ewigkeit ich für den Geschirrspüler zuständig bin?«
»Außerdem gab es bei deiner Hochzeit mit Martin noch gar keine Geschirrspüler«, warf eine Frau zur Bestärkung ein.
Henry war im Gegensatz zu einigen anderen Ehemännern nicht offen sexistisch. Trotzdem steckte Antonia noch immer ein Vorfall in den Knochen, der sich 1969 bei der Weihnachtsfeier der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät ereignet hatte. Sie war an seinem Büro vorbeigegangen und hatte ihn dabei gesehen, wie er die Fachschaftssekretärin Ginny Foley küsste, ein biederes, farbloses kleines Ding mit roten Haaren und anämisch bleicher Haut, das immer extrem weite Schlaghosen trug. Obwohl Antonia keine Sekunde eine Gefahr in Ginny sah, fühlte sie sich fürchterlich betrogen und entsprechend unzulänglich. Wie konnte es sein, dass die groß gewachsene, graziöse, wortgewandte Antonia ihrem Mann nicht genügte, sodass er sich an der kleinen Ginny Foley schadlos hielt, deren Hände nach Matrizenspiritus rochen und die auf dem Schreibtisch ein stets gefülltes Glas mit Brausebonbons stehen hatte, damit sich die Wirtschaftsdozenten im Vorbeigehen bedienen konnten?
Auf der Rückfahrt von der Weihnachtsfeier war Henry bemerkenswert gut gelaunt gewesen. Antonias brodelnde Wut und ihren inneren Schmerz bemerkte er nicht. »Ich habe dich gesehen«, sagte sie knapp.
»Wie, du hast mich gesehen?«
»Mit deiner bescheuerten Fachschaftssekretärin.«
Er legte die Hand über die Augen wie ein Kind, das glaubt, es könnte sich dadurch unsichtbar machen. »Henry, du fährst!«, ermahnte sie ihn. Er entschuldigte sich überschwänglich. Er habe zu viel getrunken, und Milt Berkman habe einen Joint herumgehen lassen. Auf der Stereoanlage im Gang seien die Doors gelaufen, und alle seien in Feierlaune gewesen und hätten ein bisschen die Sau rausgelassen, »vor allem die Keynesianer«, wie er hinzufügte. Er schwor, es sei das erste Mal gewesen.
Was sollte sie tun? Sie verzieh ihm. Schließlich hatte er nur jemanden geküsst; er hatte Ginny Foley geküsst. Und er wirkte ehrlich zerknirscht und schuldbewusst.
Sie fingen sich wieder, aber in ihrer Ehe veränderte sich etwas. Nie wieder würde Antonia ihren linkischen, zerstreuten Mann so lieben können wie zuvor. Als zwei Jahre später der Feminismus in ihr Leben trat, empfing sie ihn mit offenen Armen. Die Frauenbewegung gab ihr eine Aufgabe. Und sie war eine hervorragende Ablenkung – die Frauenbewegung wurde zu Antonias Ginny Foley. Die Neuartigkeit dieser aufregenden Treffen, die Solidarität, die Offenherzigkeit in den Gesprächen mit den anderen Frauen begeisterten sie immer mehr und lösten etwas in ihr aus. Schon nach kurzer Zeit äußerte sie sich leidenschaftlich zu konkreten, wichtigen Themen.
Sie erzählte ihrer Selbsterfahrungsgruppe von ihrem alten Wunsch, historische Romane zu schreiben. Sie habe auch schon eine Idee für ein Buch. »Sehr gut!«, sagten die Frauen. »Du schaffst das!« Am Morgen nach dem Gruppentreffen in ihrem Haus begann Antonia Lamb gleich nach dem Aufstehen mit der Niederschrift ihres Romans »Umkehr und Heimkehr«, der im Ontario des neunzehnten Jahrhunderts angesiedelt war und von einer Lehrerin und deren Liebesaffäre mit einem Farmer handelte. Den Farmer stellte sie sich wie das genaue Gegenteil ihres Mannes vor – bauchgesteuert statt intellektuell, muskulös statt drahtig. Alles andere als ein akademischer Hungerhaken.
In letzter Zeit hatten sich mehrere Gruppenmitglieder über ihr enttäuschendes Sexleben beklagt. Ihre Ehemänner seien zwar ganz wild aufs Vögeln, schliefen aber sofort danach laut schnarchend ein. Daraufhin hatte eine Frau vorgeschlagen, die Männer über die diversen Teile des weiblichen Körpers aufzuklären. Doch dazu mussten sich die Frauen erst einmal selbst kundig machen.
Auftritt Marsha Knowles. Ja, Auftritt, dachte Antonia Lamb in ihrem Wohnzimmer. Denn Marsha Knowles, Beratungslehrerin an einer Middle School im Großraum Toronto und als Gast eingeladen, präsentierte an jenem Abend allen ihre schwarze Ledertasche, ein Erbstück ihres Vaters, eines Arztes, der sich über deren aktuellen Verwendungszweck entsetzt gezeigt hätte. Marsha Knowles war Mitte dreißig und ihr dunkles Haar stoppelkurz. Sie war eine nette Frau und offenbar durch nichts in Verlegenheit zu bringen, wie den im Wohnzimmer versammelten Frauen schnell klar werden sollte.
In einem Tonfall, in dem üblicherweise Toasts ausgebracht wurden, verkündete sie: »Ich danke euch Frauen, dass ihr so mutig und wissbegierig seid!« Sie sei viel in ganz Ontario unterwegs und in Häusern wie diesem zu Gast, um vor Selbsterfahrungsgruppen zu sprechen, die ja in den letzten Jahren wie frisch gepflanzte kleine Ahornsetzlinge aus dem Boden geschossen seien. Erst letzte Woche sei sie...




