E-Book, Deutsch, 510 Seiten
Wolkenfeld Babylonisches Repertoire
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-99014-295-0
Verlag: Müry Salzmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 510 Seiten
ISBN: 978-3-99014-295-0
Verlag: Müry Salzmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gabriel Wolkenfeld geboren 1985 in Berlin. Studierte Germanistik, allgemeine und vergleichende Literaturwissen- schaft und Russistik; Studien- und Arbeitsaufenthalte in Estland, Russland und der Ukraine. Bisher erschienen: Wir Propagandisten (2015), Sandoasen (Israelisches Album) (2021).
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Auf das Leben
Yair stand auf der Terrasse, die weiße Stadt in seinem Rücken. Er dachte: Wie vor der Erfindung der Sterne. Fast schwarz war der Himmel, und Tel Aviv badete in einem Meer aus Lichtern.
Er lehnte sich ans Geländer, ein Bein durchgestreckt, das andere angewinkelt, Standbein und Spielbein, eine Statue in karierten Boxershorts, fast unberührt von der Sonne, die tagsüber brannte. In der einen Hand hielt er ein Glas, in der anderen einen Joint. Er trank, setzte ab, nahm einen Zug – verschluckte sich am Rauch, hustete, stieß, ans Universum gerichtet, einen Fluch aus. Seine Schwester Avital machte sich manchmal über ihn lustig: „Du bist der einzige Israeli, der nicht anständig kiffen kann.“ Fürs Kiffen hatte Yair in der Tat kein Talent. Sein Kopf lief rot an, und ihm wurde unwohl zumute. Trotzdem. Da musste er durch. Alkohol allein brachte es nicht. Er nahm noch einen Zug und noch einen. Er sagte sich: Ich warte bis drei. Wenn er dann nicht da ist, schneide ich mir die Pulsadern auf.
Musik schwappte zu ihm herüber. Mizrahi Pop, Charts, Lounge. Frau Globerman hörte seit anderthalb Stunden eine Arie, wieder und wieder dieselbe. Auf die Entfernung eines Stockwerkes hörte sich die Sopranistin ganz solide an. Ihr Schmerz schien real.
Neulich im Hausflur hatte Frau Globerman ihm genau erklärt, für wen sie da schwärmte. Seine betagte Nachbarin, eine Repatriantin aus Polen, vermutete in ihm eine verwandte Seele, schließlich lebte auch er, wie sie es ausdrückte, in der Knechtschaft der Töne. Yair hatte sich ernsthaft bemüht, ihr zuzuhören. Sogar mit einer Nachfrage hatte er sich am Gespräch beteiligt. Er hatte genickt, genickt, genickt – und doch alles vergessen, kaum dass sich die Türen hinter ihnen geschlossen hatten: Name und Titel, üppige Ausführungen, die von der Musik selbst wegführten, theoretische Exkurse, die außergewöhnliche Karriere, die als Beweis für das seltene Talent der Sängerin herangezogen wurde.
In den Pausen zwischen den Tönen, immer dann, wenn die Sopranistin Luft holte, drangen Gesprächsfetzen zu ihm herauf, von anderen Balkonen oder von der Straße. Die Menschen hatten ihre Wohnungen verlassen, sobald es dunkel geworden war. Es trieb sie in die Nacht, die zwar keine Abkühlung versprach, aber mit Verheißungen anderer Art aufwartete. Yair hätte viel lieber dem Meer zugehört: Wenn alle einmal auf Pause drückten und einen Moment lang den Mund hielten, könnten sie das Rauschen der Wellen hören, ins Körperlose ausweichen, träumen, vergessen; aber nein, niemand hier war bereit, darauf zu verzichten, sich mitzuteilen. Immerzu musste geredet werden. Jeder wollte auf dem Laufenden halten. Über sich und seine Projekte. Jeder hatte auf einmal irgendwelche Projekte am Start. Jeder hatte die krassesten Erfahrungen gemacht. Die konnten natürlich nicht in gemäßigtem Ton mitgeteilt werden. Die mussten herausgeschrien werden. Leider war immerzu jemand mit dem, was ein anderer sagte, unzufrieden. Fühlte sich beleidigt, angegangen, gekränkt. Wie, fragte sich Yair, sollten sich die Menschen vertragen, wenn sie sich nicht mal auf eine Musik einigen konnten?
Im Schrank über der Küchenzeile bediente sich Yair an den Spirituosen, die Omer in übertriebenen Mengen heranschaffte. Aus den Flaschen, die weiter vorn standen, mischte er sich etwas, von dem er nicht sicher war, ob es schmecken würde. Er dachte: Hauptsache, es knallt.
Omer sollte ihn leidend vorfinden. Sollte sehen, wie er ihn zugrunde gerichtet hatte. Nie wieder wollte er gute Laune vorspielen. Lieber losheulen, wenn ihn sein Freund mal wieder verleugnete, weil ihre Liebe, die schon gar keine mehr war, nicht in das Weltbild irgendwelcher superwichtigen Geschäftspartner passte. Er wollte mit Geschirr schmeißen, wenn sich Omer nachts ins Bett schlich, nach Schweiß, nicht aber nach schlechtem Gewissen roch und nicht einmal die Hand nach ihm ausstreckte. Generell war er des Schauspiels müde. Er hatte es satt, immerzu und überall die Vorstellung eines Künstlers zu geben, kurz vor dem endgültigen Durchbruch, der bloß kellnert, weil er den Kontakt zu seinen reizenden Stammgästen so schätzt. In Wirklichkeit kotzte es ihn an, Gäste mit einem Lächeln zu bedienen, denen ohnehin nur auffiel, wenn er bei Drei nicht zur Stelle war. Skrupellos verrechneten die knausrigen Damen und Herren die kleinste Unaufmerksamkeit mit dem Trinkgeld. Die Eltern und Brüder und Tanten sprachen ihn schon kaum mehr darauf an, wann er sein Set beendete oder ob er mal wieder auflegte – in seinem Kopf schrien sie dennoch alle durcheinander. Wer es gut mit ihm meinte, glaubte ihn trösten zu müssen, und wer sich nicht dafür interessierte, was ihm wichtig war, der trug, in milde Vorwürfe verpackt, seine Zweifel an einem ach so risikoreichen Lebensentwurf vor.
23.58 Uhr.
Wo bist du, schrieb er. Und löschte den Satz, der es nicht mal zum Fragezeichen geschafft hatte, gleich wieder. Stattdessen schrieb er: Wann kommst du? Zweimal vertippte er sich in diesen drei Worten, aber die Autokorrektur stand ihm bei. Sein linker Zeigefinger schwebte über dem Display. Er wollte wissen, wo sich Omer herumtrieb. In wessen Gesellschaft er sich befand. Ob er lachte oder traurig war. Ob er in der Menge tanzte oder, an die fünfmillimeterdicke Wand einer Nachtclubtoilette gelehnt, Kuss oder Blowjob empfing.
Sie waren nicht verabredet für heute. Allenfalls wie Menschen, die zu lang schon zusammen waren und sich ein Appartement teilen. Die an die Gegenwart einer Person gewöhnt sind, deren Gesten und Gerüche vertraut sind, deren Körper keine Geheimnisse mehr bergen. Zwischen ihnen gab es die Übereinkunft, nicht auswärts zu übernachten, nicht bei dem zu bleiben, den man irgendwo aufgelesen hatte, keinem Typen – und sei er noch so geil – Hoffnung auf eine Wiederholung des Stattgefundenen zu machen. Obwohl unausgesprochen, galt es als verabredet, die Nähe, die zwischen zwei Fremden gelegentlich aufkommt, nicht mit Worten zu besiegeln. Männer, die einen Namen verdient hätten, gab es nicht. Gelegentlich schien es Yair aber, als zitterte hinter dem wehenden Salonvorhang eine Silhouette.
Wer zuletzt heimkam, schloss behutsam die Tür auf und zog die Schuhe aus, bevor er das Appartement betrat. Am nächsten Morgen, wenn man sich überhaupt sah, konnte man sich vorsichtig erkundigen, ob es ein schöner Abend gewesen war.
0.36 Uhr.
Allmählich wurden ihm die Lider schwer. Yair torkelte ins Schlafzimmer und ließ sich aufs Bett fallen, begrub sich unter der lächerlich großen Partnerdecke. Er erwartete die Ankunft eines alten Herrn – so nämlich stellte er sich den Schlaf seit Kindertagen vor, gutmütig und langsam in seinen Bewegungen, mit einer tiefen, einschmeichelnden Stimme, von der er kaum Gebrauch machen musste, da seine Zuhörer bereits bei den ersten Worten wegdämmerten.
In letzter Zeit flehte Yair ihn regelrecht an. Der alte Herr aber zeigte sich nicht. Stattdessen schickte er einen jungen Kollegen, ungeduldig und ohne Verständnis für Ängste, die einen wachhielten, dafür mit rabiaten Methoden. Der redete auf Yair ein, die bunten Pillen zu schlucken, die die Nacht künstlich herbeiführten, aber Yair lehnte ab: Ich kenne ein besseres Mittel, behauptete er.
Wieder in der Küche, mischte sich Yair einen Drink aus den Spirituosen, von denen nur kleine Mengen übrig waren.
Im Salon setzte er sich aufs Sofa. Wenn der Schlaf ihn mied, besuchte ihn vielleicht der Tod. Sie waren doch Brüder – und Brüder, wusste er, trafen sich selten, zu den Feiertagen oder zu Trauerfeiern. Wenn verkündet wurde, wie viel jeder bekam. In seiner Familie trafen sich die Brüder zusätzlich noch einmal im Sommer, fuhren in den etwas milderen Norden oder flüchteten, wenn die Hitze unerträglich wurde, gleich in andere Breitengrade. Dass sie sich in Norwegen zum Angeln trafen oder auf Fahrrädern das Baltikum bereisten, ging natürlich auf Yossis Konto. Der war, während der Zweiten Intifada, auf dem Weg nach Tiberias durch einen Bombenanschlag so schwer verletzt worden, dass er monatelang zwischen Leben und Tod hing. Im Krankenbett schließlich hatte er seine Familie neu kennengelernt, die Brüder aus Erwachsenenperspektive, ernst und verständig, die Eltern merkwürdig zusammengeschrumpft, den Vater seinen Abschied in stummer Trauer vorwegnehmend, die Mutter mürrisch, nicht bereit, den Tod mit ihrem Jungen davonkommen zu lassen. Sogar Avital, die abtrünnige Schwester, hatte sich ein paar Mal blicken lassen. Obgleich lose und willkürlich vom Schicksal zusammengestellt: Die Bande existierten. Darauf konnte man sich verlassen. Er habe, behauptete Yossi gern, noch einmal die Chance bekommen, es besser zu machen. Was er damit meinte, führte er allerdings nie aus. Yair vermutete: Das war so ein Satz, den er sich zurechtgelegt hatte. Der klang gut, nach Einsicht und Zuversicht, und ließ sich auch in ein seriöses Gespräch einfügen. Niemand käme auf die Idee, Yossi zu widersprechen. Yair dachte: Würde ich mir nicht gleich das Leben nehmen, würde ich ihn in Kaunas darauf ansprechen. Für dieses Jahr nämlich hatte Yossi vorgeschlagen, die Ahnen in den Dörfern um Kaunas aufzuscheuchen. Noch bevor Yair mit einer Ausrede aufwarten konnte, waren die Flugtickets gekauft. Und dazu eine Liste mit Unterkünften erstellt, die in Frage kamen.
Shaul, der älteste Bruder, hatte sich in dem Moment von der Familie losgelöst, als er seine eigene gründete....




