Wolkenfeld | Wir Propagandisten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

Wolkenfeld Wir Propagandisten

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86300-205-3
Verlag: Männerschwarm Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)

Roman

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

ISBN: 978-3-86300-205-3
Verlag: Männerschwarm Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)



Jekaterinburg, benannt nach Katharina der Ersten, liegt zu Füßen des Ural am östlichen Rand Europas. Dorthin reist im Jahr 2013 ein junger deutscher Slawist, um russische Studenten in deutscher Sprache und Kultur zu unterrichten. Über soziale Netzwerke hat er im Vorfeld bereits einige Bekanntschaften geschlossen, und so holen ihn vier junge Männer vom Flughafen ab. In einer Welt, die auf kafkaeske Weise im 19. Jhdt. steckengeblieben zu sein scheint, ist der deutsche Gast eine echte Attraktion, doch jeder fragt ihn: Warum, um Gottes willen, kommst du freiwillig nach Russland? Erst recht als Schwuler - zu einer Zeit, als die Duma 'homosexuelle Propaganda' per Gesetz verbieten will? 'Wir Propagandisten' erzählt, was dem deutschen Gast im Laufe eines Jahres in Russland widerfährt: Wolkenfeld fängt mit seinem sehr individuellen Tonfall die Atmosphäre und den Geruch einer Welt ein, die dem deutschen Leser weiter entfernt scheint als die 5000 Kilometer Luftlinie auf der Landkarte. Während seines Aufenthalts ist er ständig von einer Clique von Freunden umgeben, jungen Studenten, die noch bei ihren Eltern wohnen und nicht im Traum darauf kämen, sich öffentlich als schwul zu erkennen zu geben. Ihr Treffpunkt ist die Küche des deutschen Lehrers, wo Pelmeni köcheln und Wodka getrunken wird, oder sogenannte 'Themenklubs': 'Wir fahren in einen dunklen Hinterhof hinein. Weder Lichter noch Menschen, nicht einmal der Schatten einer Katze huscht vorüber. Hier, fragt der Fahrer verunsichert. Und Mitja drückt ihm einen Schein in die Hand. Wir laufen kahle Wände entlang, biegen, an den Toiletten vorbei, um die Ecke und betreten einen Raum, der eher einem Speicher als einer Bar ähnelt, grau und geräumig. Full house, staune ich. Die mit Samt bezogenen Galerien seitlich der Tanzfläche sind bis auf den letzten Platz besetzt.'

Gabriel Wolkenfeld wurde 1985 in Berlin geboren. Während und nach seinem Studium der Germanistik, Literaturwissenschaft und der russischen Sprache lebte er jeweils für etwa ein Jahr in Estland, Russland und der Ukraine. 'Wir Propagandisten' ist sein erster Roman.

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Kennen Sie diesen Zettel, fragt Warwara Filipowna streng. Und wedelt mit dem Papier vor meinem Gesicht herum, als sei ich ein Hündchen, das sich mit dieser albernen Geste locken ließe. Ja, sage ich, nein, ähm, vielleicht. Warwara Filipowna räuspert sich affektiert. Dabei schnellt ihre rechte Braue in die Höhe, krallt sich, kurz bevor sie den Halt verliert, auf der weiß gepuderten Stirn fest. Auf dem Zettel stehen acht Namen. Acht gefräßige Quadrate, die auf Unterschrift und Stempel warten. Die würden – ja, ja – dringend benötigt, um endlich einen Arbeitsvertrag abzuschließen, der mir zusätzlich zu meinem Stipendium kaum zweitausend Rubel im Monat einbringt. Ein Betrag, der keinen Junggesellen ernähren würde, so gering, dass ihn auszuzahlen, die Dame am Schalter peinlich berühren müsste. Angesichts der Untersuchungen, die mir bevorstehen, möchte ich gern auf meinen Arbeitsvertrag verzichten. Kommt gar nicht in Frage, erwidert Warwara Filipowna empört. Sie arbeiten, also sollen Sie auch entsprechend entlohnt werden. Sie wollen uns doch nicht beschämen, indem sie ablehnen, was wir ihnen anbieten? Natürlich nicht, antworte ich. Und Warwara Filipowna, mit einer Geste, die sie sich vielleicht bei Marfa Jakowlena abgeschaut hat, schneidet mir das Wort ab. Ihr Zeigefinger ist auf mich gerichtet, ein spitzer, funkelnder Gegenstand. Ein Strasssteinchen löst sich vom Nagellack und fällt zu Boden. Es ist später Nachmittag. Einer dieser Tage, man ist sich nicht sicher, ob es sich lohnt, aufzustehen. Ich liege im Bett, die Decke zurückgeschlagen, Nachttischlampe statt Sonnenlicht, ein paar Bücher liegen um mich herum, mit zerfledderten Seiten, aus denen Ikea-Bleistifte hervorragen, angestrichenen Stellen. Ein kalter Kaffee steht zwischen den Ikonen. Um ihn zu erreichen, müsste ich mich bewegen. Da klingelt mein Smartphone. Und Mitja steht in der Tür. Musst du nicht arbeiten, frage ich. Und deute an, auf die Bücher weisend, dass zumindest ich sehr beschäftigt sei. Doch, lächelt Mitja. Ich muss arbeiten. Die wissen auf Arbeit gar nicht, was sie ohne mich machen sollen. Aber ich habe mir eine Entschuldigung geholt. Eine Entschuldigung? Von wem? Mitja unterdrückt ein Lachen. Ist das nicht illegal? Was spielt das für eine Rolle, legal oder illegal. Machen doch alle, sagt er. Und rückt sich ein Kissen zurecht. Und warum, frage ich, weniger aus Interesse als Mitja zuliebe, der mich ansieht, als würde unser Gespräch in die falsche Richtung laufen. Um den Abend, sagt er, mit dir zu verbringen. Danke, erwidere ich, wie zu jemandem, der mir am Bahnhof die Tür aufhält. Ich schalte den Laptop an, starte, um dem Schweigen seinen Raum zu entziehen, I-Tunes. Magst du Billie Holiday? Alles, was du magst, antwortet Mitja. Den Wein, den ich ihm einschenke, trinkt er, wie hierzulande Wodka konsumiert wird, ohne Sinn für den Geschmack, stattdessen in Erwartung der Wirkung: Nebelschleier, die den Verstand einhüllen, mäandrierende Treppen, Kloschüsseln, in denen Nattern brüten ... Ich schreibe ein Buch, sage ich in die Stille zwischen zwei Liedern. Ein Buch? Mitja führt meine Hand unter sein T-Shirt, über den Bauch, nordwärts. Dich werde ich Volodja nennen. Oder Volodimir. Dann kannst du, lacht er, mich auch etwas größer machen. Einverstanden, behaupte ich. Ich mache dich etwas größer und weniger koboldhaft. Mitja boxt mich neckisch in die Seite. Möchtest du für ein deutsches Unternehmen arbeiten oder, wie gehabt, an der Kasse in einem russischen Supermarkt stehen? Der Leser, erkläre ich, muss nachvollziehen können, wie ernst es dir mit Deutschland ist. Weißt du eigentlich, unterbricht mich Mitja, dass du mich seit jener Nacht nie wieder geküsst hast? In dem Schreibwarenladen auf der Leninallee habe ich nach Bildern gesucht und mich mit Kalendern begnügen müssen. Einen Kalender mit den Meisterwerken der russischen Malerei habe ich gekauft und, für Küche und Flur, einen mit Abbildungen landestypischer Gerichte. Außerdem habe ich das neue Buch der Ulitzkaja mitgenommen, eine Sammlung von Aufsätzen zu allmöglichen Themen, zu denen die Gute glaubt, etwas zu sagen zu haben, die gesammelten Gedichte der Achmatowa und einen Band des türkischen Nationaldichters Nâzim Hikmet, von dem ich nie etwas gehört hatte, bis die zum Model geborene Dame aus der zweiten Reihe diesen Namen aussprach, langsam und prononciert, als könnte es ihr als Frevel ausgelegt werden, sich in der Silbe zu verhaspeln. Im Flur, gegenüber der Tür, hängt nun im A4-Format das Fell eines Bären. Mit aufgerissenen Knopfaugen und offenstehendem Maul liegt der braune Riese da. In Tongefäßen sind hübsch angerichtet: Wildbraten auf Blattsalat, Rohkost mit Kranbeeren, Pilze, die ich nur von Bildern, nicht aber aus der Küche kenne. Von der orangefarbenen Wand gegenüber der Toilette hebt sich ein blassblauer See ab, auf dem Tisch im Vordergrund des Bildes befindet sich, in einer bunten Holzschüssel, eine weiße Suppe, auf der, vergleichbar mit Entengrütze, ein Laken aus Dillspitzen schwimmt und kleine Quadrate, wohl Eier und Kartoffeln, herausragen, außerdem: das obligatorische Schmandfässchen, ein Holzlöffel, bemalt wie eine Matroschka, Piroggen, Gurke, Tomaten. Ob Friedrich was auffallen wird, wenn er sich in die Küche begibt? Wieder stehe ich auf so einem Gang, in einer Reihe, die eher einer Traube als einer Schlange ähnelt. Ab und zu kommt eine Person daher, ausgestattet mit einer wasserdichten Ausrede oder fein zurechtgemacht im Anzug, wichtigtuerisch ein Aktenköfferchen schwenkend, und schiebt die Wartenden gereizt beiseite. Oder läuft, die Hände vor dem Gesicht wie kleine Propeller bewegend, durch die Menschen hindurch wie durch einen Mückenschwarm. Als ich endlich an der Reihe bin, weist mich eine freundliche Oma darauf hin, dass die Sprechstunden der meisten Ärzte für heute bereits beendet seien. Meinen Namen pinselt sie von dem Zettel ab, den Warwara Filipowna mir gegeben hat. Italienisch, fragt sie. Und behauptet, dass es in früheren Zeiten viele Menschen mit meinem Namen in Russland gegeben hätte: Alles Italiener. Als sie nach meinem Wohnort fragt, nenne ich ihr die Adresse des Studentenwohnheims, auf das ich registriert bin. Da guckt mich die Oma mitleidig an: Ein Professor aus Deutschland, der in einem Studentenwohnheim absteigt. Erbärmlich, denkt sie sich wohl. Und erkundigt sich, aufrichtig besorgt, ob ich denn wenigstens ein Zimmer für mich alleine hätte? Und was ich überhaupt unterrichte? Bestimmt kenne ich – hier gleitet ihre Stimme in ungesunde Tonlagen ab – noch niemanden in der Stadt. Und komme, weil ich die Sprache kaum spreche und mir alles gewaltig und fremd vorkommen müsse, schwer in Kontakt. Wer denn so etwas verantworten könne? Peinlich berührt ob ihrer irrigen Anteilnahme, versuche ich ein versöhnliches Lächeln: Mir geht es gut. Bestens sogar. Ganz ausgezeichnet. Ihre Stirn, in tausend Fältchen gelegt, bekundet erheblichen Zweifel daran. Bestimmt hält mich die Oma nun auch noch für tapfer. Vielleicht schaffe ich ja es – die Oma reißt eine Schublade nach der anderen auf, schiebt Karteikärtchen und Visitenkarten hin und her und tippt, zur Kontrolle, dass die Zeiger nicht stehengeblieben sind, auf das Glas ihrer Armbanduhr – noch zum Psychiater. Der befände sich gleich hinter dem Zirkus. Ob ich den kenne? Den Zirkus oder den Psychiater? Egal. Ich nicke, wie zu allem, was sie sagt, komme gar nicht auf die Idee, nachzufragen. Trotzdem lässt es sich die Oma nicht nehmen, ihrem ausländischen Gast das Leben leichter zu machen: Einfach zum Zirkus fahren, erklärt mir die Oma freundlich und kritzelt mir die Nummern von Straßenbahnen und Trolleybussen auf meinen Zettel, dann an den Konsulaten vorbei, die Rosa-Luxemburg hinein, das letzte Haus am Ufer. Alles verstanden? Vielleicht, weil ich nicht energisch genug reagiere, beginnt sie von Neuem, mir die Anfahrt schmackhaft zu machen. Verstanden, sage ich. In Ordnung. Schließlich noch: Abgemacht, als würde ich ein Versprechen geben. Und morgen – ich habe mich schon erhoben, den Zettel in die Manteltasche gestopft – also, verabschiedet mich die Oma, es würde das Beste sein, ich machte mich gleich früh, noch vor dem Frühstück, auf den Weg, denn man würde mir Blut abnehmen und eine Urinprobe würde ich auch geben müssen. Bitte vergessen Sie nicht, fügt sie lächelnd hinzu, das Resultat Ihres Syphilistests mitzubringen. Das Resultat meines? Wenn ich ausspreche, was die Oma vielleicht gar nicht gesagt hat, steht es zunächst einmal im Raum, dann lässt es sich nicht mehr zurücknehmen, also frage ich gar nicht erst nach, lege, die Tür zuziehend, den Rückwärtsgang ein und verlasse die Registratur der Poliklinik. Ich betrete, mich aus Mantel und Pullover schälend, den finsteren Korridor, sogleich stürzt ein Weib auf mich zu, ein Gesicht, als wäre ich in ihren Rosengarten getreten, und mir, aufgeregt mit den Händen wedelnd, bedeutend, um Himmels willen keinen Schritt näher zu treten. Also investiere ich fünf Rubel in das Seelenheil dieses Weibes und werfe eine Münze in den Automaten. Der spuckt ein silbriges Ei aus, dem ich zwei blaue Plastiktütchen entnehme, die ich mir über die Schuhe stülpe. Hervorragend, denke ich. Ganz große Klasse. Ich trete als Schlumpf vor den Psychiater. Zunächst einmal reihe ich mich aber in eine Schlange ein, die bis zur Treppe und für zwanzig Seiten Ulitzkaja reicht. Aus dem abgedunkelten Zimmer, das ich betrete, funkeln mir zwei Augenpaare entgegen. Kommen Sie ruhig näher, ruft mir eine Stimme zu. Was haben Sie denn da, werde ich gefragt. Und: Als was arbeiten Sie? Und: Wo kommen Sie her? Was wollen Sie, mischt sich eine zweite Stimme ein, gröber und ohne artifizielles Gehabe, die Stimme einer Kioskverkäuferin auf einem...



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