Wolkers / Wewerka Türkischer Honig
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-89581-314-6
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Neuübersetzung von "Turks fruit"
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-89581-314-6
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor, Maler und Bildhauer Jan Wolkers (1925-2007) ist einer der großen niederländischen Schriftsteller der Nachkriegszeit. Er wächst in einer streng calvinistischenFamilie auf, nimmt Zeichenunterricht und studiert zunächst Bildende Kunst. Ende der 50er Jahre beginnt er mit dem Schreiben.
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Mein Leben war voll abgeschmiert, nachdem sie mich verlassen hatte. Ich arbeitete nicht mehr, ich aß nicht mehr. Ich lag den ganzen Tag in meinem versifften Bett und holte mir einen runter, Fotos und Nacktaufnahmen von ihr direkt vorm Gesicht. Und auf die Dauer glaubte ich beim Wichsen wirklich zu sehen, daß sie mit ihren stark getuschten Wimpern blinzelte, daß ihre Lippen voll wurden und sich feucht vorwölbten, und ich meinte ihre Schreie zu hören, wenn sie kam. Heftig wie am Anfang, als sie noch nicht gelernt hatte, den Genuß für sich und mich zu behalten, sie wollte ihn in die ganze Welt hinausschreien – so daß eine Nachbarin sie mal gefragt hatte: »Was stellt er eigentlich mit dir an?« Und ein Nachbar zu mir sagte: »Hört sich an, als hättet ihr einen Wurf junger Hunde in der Wohnung.« Ich las ihre Briefe wieder und schrieb Sätze daraus an die Wand: Als ich dich verlassen hatte, mußte ich in eine Apotheke rennen und blutstillende Watte kaufen, die war nötig, damit mein Herz in Schwung blieb. Und: Gestern abend konnte man hier in der Stadt das Heu riechen. Ich sehne mich so nach dir. Während ich dir schreibe, macht meine Möse Saugbewegungen wie ein Babymund. Ich zermarterte mir das Hirn, um zu verstehen, was bloß schiefgelaufen war, warum sie mich wegen eines solchen Scheißkerls, einem Klinkenputzer, so einem hochaufgeschossenen Typ mit Hohlkreuz verlassen hatte. Meine Kopfhaut schmerzte schon vom Denken und Grübeln. Ich fand keine Antwort, ich kapierte es einfach nicht. Wie hatte sie sich so vergiften lassen können. Von dem fiesen Aas, das sich ihre Mutter nennt. Und dann holte ich mir wieder einen runter vor diesem Nacktfoto – eine Rückenansicht. Sie hat sich leicht aufgerichtet, so daß ihre Pobacken schwer nach unten hängen. Und ich schrie, scheiß, verdammt, scheiß für mich, dann leck ich dich ab. Aber nach vierzehn Tagen reichte es mir, und ich stand auf. Abgemagert und verdreckt. In der Küche fand ich in einer Bratpfanne auf dem Gasherd das letzte, was sie bei mir zubereitet hatte: zwei Frikadellen. Sie lagen in einem Daunenbett aus Schimmel, und als ich sie durchs Klo spülte, war mir nach Heulen und Lachen zugleich zumute, weil ich an die Frikadelle denken mußte, die sie, als Schülerin in einem Internat, an die staatliche Nahrungsmittelkontrolle geschickt hatte. Ich ging unter die Dusche und scheuerte meinen Körper wund mit dem Gerippe einer Seegurke, um das ihre roten Haare wie Nylongarn gewickelt waren. Und ich zog meine besten Klamotten an und betrachtete mich aufmerksam im Spiegel. Mit meinem mageren Gesicht, den wilden Locken, der schwarzen Röhrenhose und der schwarzen Lederjacke fand ich mich einfach umwerfend. Und ich flüsterte mir in vollem Ernst zu, denn lachen konnte ich nicht darüber: »Glück im Unglück.« Ich reagierte so wie der Jude in dem Witz, der von einem Freund ertappt wird, als er am Tag der Beerdigung seiner Frau aus einem Bordell kommt und sagt: »Was weiß ich denn, was ich tue in meinem Schmerz.« Ich legte ein Mädchen nach dem anderen flach. Schleppte sie ab in meine Höhle, riß ihnen die Kleider vom Leib und rammelte mich halb tot. Bevor ich sie vor die Tür setzte, bekamen sie noch schnell was zu trinken. Manchmal waren es drei am Tag. Hängetitten wie Breisäcke, mit Nippeln zum Saugen. Kleine verschrumpelte Brüste, zu jämmerlich zum Streicheln. Dann eben den Pullover nicht ausziehen. Schamhaarbüschel, hart wie Seegras, weich wie Pelz. Trockene Mösen mit Warzen innen. Eklig an den Fingern, aber angenehm am Schwanz. Mösen, die ich nicht zu sehen bekam, weil eine Hand vorgehalten wurde. Mösen, weich und feucht wie Puddingteilchen. Dralle Mädchen mit Hüften wie Käselaibe, Rotterdamer Akzent und voll rabiat, die meinen Schwanz umklammerten wie den Griff eines Drillbohrers. Die nach dem Sex gleich das Geschirr spülen, den Fußboden putzen und das Klo schrubben wollten. Schniefende Mädchen, die sich mit ihren nassen Näschen an meiner behaarten Brust ausheulten, weil sie mit fünfzehn von ihrem Vater vergewaltigt worden waren. Die Indonesierin, die sich anstellte, als sei sie noch Jungfrau, und in ihrem runden, singenden Akzent halb benommen rief: »Was machst du mit mir?« »Ich spreize deine Schenkel und steck meinen Schwanz in dich rein, und ich werde dich bumsen, bis ich deinen süßen Atem nicht mehr rieche. Los, her mit deinen klebrigen Lippen. Häng die Zunge raus, dann freß ich sie.« Die scheußlichen Kopfschmerzen beim Aufwachen, wenn wieder eine Monatsbinde unters Kopfende meiner Matratze gestopft worden war. Das Blut schwarzbraun wie Ahornsirup. Die Filzläuse, die sie dir mitbrachten wie graue Hautschuppen und die Grüße vieler Freunde aus fernen Ländern. Und ich schrieb all diese kurzlebigen Begegnungen in ein Tagebuch. Oft klebte ich eine Haarsträhne und gelegentlich Schamhaare dazu, wenn ich sie so weit hatte bringen können. Und wie ich sie verführt hatte und sie manchmal mich. Was sie gesagt hatten, und was ich gesagt hatte. Für eine Frau ist nun mal nichts attraktiver als ein Mann, der einer verflossenen Liebe nachweint. Aber nach ein paar Monaten kotzte es mich an. Ich kam wieder etwas zur Ruhe und vermietete ein Zimmer an zwei amerikanische Studentinnen, von denen ich die Finger ließ. Sie studierten Kunstgeschichte und hatten zwischen einer Reproduktion von Hans Memlings Lamm Gottes und dem unvermeidlichen Selbstporträt von dem Irren aus Arles mit dem Kopfverband Sprüche an die Wand gepinnt: THERE’S NOTHING SADDER THAN ASSOCIATIONS HELD TOGETHER BY NOTHING BUT THE GLUE OF POSTAGE STAMPS. Und: ONE WHO PUTS SALT IN THE SUGAR BOWL IS A MISANTHROPE. Jeden Freitag brachten sie vom Markt mickrige, in eine fettige Zeitung gewickelte Schollen mit, obwohl sie nicht katholisch waren. Zum Salzen legten sie sie einfach ins Spülbecken, das von meinem Schleimauswurf und meiner Pisse glitschig war und nach fauligem Salat stank. Sie waren zu blöd, um zu begreifen, daß sie den Fisch auf einen Teller hätten legen müssen. Darum sagte ich auch nichts, als ich sah, wie sie eines Tages in meinem alten Rasiertopf Chicorée auf dem Herd stehen hatten und die am Rand angepappte Seife mit den schwarzen Stoppeln darin langsam im kochenden Gemüse wegschmolz. Es hatte doch keinen Sinn. In Amerika schmeckte sowieso alles nach Seife, hatten sie mir mal erzählt. Deshalb gingen sie mindestens viermal am Tag unter die Dusche, die direkt über der Toilette war, so daß ich sie planschen und kichern hörte, wenn ich gemütlich auf dem Klo saß und die Zeitung las. Und weil sie so lange auf dem Abfluß hockten, sickerte das Wasser durch die Risse nach unten. Zuerst waren die Wände nur feucht, aber ein paar Monate später zählte ich sieben verschiedene Schimmelarten. Und kurz darauf wuchsen kalkartige Warzen aus Wand und Decke, als pflanze sich die Scheidenflora der Mädchen durch den Fußboden hindurch fort wie eine wuchernde Koralle. Auch dazu sagte ich nichts, denn schließlich benutzte auch ich die Dusche. Jeden zweiten Tag, so war es abgemacht. Ich ging dann in Unterwäsche in ihr Zimmer. Sie saßen auf dem Sofa und steckten ihre amerikanischen Stupsnasen in ihre Bücher, buchstabierten laut die holländischen Wörter. Von den Katakomben bis Greco, diese Art Shit. Dann zog ich die Unterhose und das Unterhemd aus und legte sie als Häufchen auf den Boden. Ich hatte den Verdacht, daß sie mir noch schnell in den Arsch gucken wollten, bevor mein behaarter Körper in der Dusche verschwand. Und dann gleich wieder weiterlasen, über Giotto und Cimabue, oder andere alte Säcke. Wenn ich gut drauf war, steckte ich noch mal kurz den Kopf raus und sagte: »Rembrandt ist der größte Pfuscher des siebzehnten Jahrhunderts.« Sie erstarrten und wagten nicht, zu mir hinzusehen, weil sie nicht ahnten, was da aus der Tür ragte. Unter lautem Singen von The Stars And Stripes Forever drehte ich den Hahn auf. Unter dem lauwarmen Wasser hielt ich mein erigiertes Glied in der Hand und stellte mir vor, ich würde so in ihr Zimmer gehen, mich zwischen sie legen und mir von ihren begierigen Dollarhändchen eiskalt und hart einen runterholen lassen. Sie würden das Sperma auf meinem Bauch verstreichen und die abgelösten Marken von den Briefen aus Amerika (von Grace Anderson alias Miss Lonely Hearts oder Babe Sherman) draufkleben, mit Abbildungen der Freiheitsstatue, darüber im Halbkreis die Wörter IN GOD WE TRUST und am unteren Rand LIBERTY. Oder mit den Abbildungen eines ihrer alten historischen Knacker, einem alten zahnlosen Weib in Hellgrün oder sanftem Lila aus ihrer ruhmreichen Vergangenheit als Indianer-, Bison-, Neger- und Brudermörder. Aber dazu kam es nie. Allerdings beschwerten sie sich am Anfang darüber, daß ich nackt in die Dusche ging und nackt wieder herauskam. Ich antwortete ihnen nicht, ging hinunter, legte meinen Schwanz am Tischrand auf ein Stück Papier, zeichnete den Umriß nach, schrieb MY PENIS darüber und schob es bei ihnen unter der Tür durch. Sie haben den Wisch nicht zwischen ihre Reproduktionen und Sprüche an die Wand gepinnt, und im Mülleimer fand ich ihn auch nicht. Ich vermute also, eine der beiden hat ihn wie ein Kleinod in ihrem...




