Wolters / Spieker | Restmensch | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 227 Seiten

Wolters / Spieker Restmensch

Horrorgeschichten
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7460-1766-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Horrorgeschichten

E-Book, Deutsch, 227 Seiten

ISBN: 978-3-7460-1766-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Fünf Geschichten von zwei Stimmen aus der jungen Horrorliteratur. Düstere, surreale Stimmungen mit Themen, die über die klassischen Motive hinausgehen.

Devon Wolters schreibt Phantastik - fast immer Horror. Jedoch finden sich auch meistens Fantasy-, Science-Fiction- und Western-Einschläge in seinen Geschichten. Auf seinem Youtubekanal Helchastor vertont er zahlreiche selbstgeschriebene Geschichten und legt nun mit Restmensch sein zweites Buch vor. #NewWeird
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Endstation


»Bitte versprechen Sie mir, dass Sie mir glauben werden. Sie sind meine letzte Hoffnung«, sagte er.

Der Mann hatte sich als Christopher vorgestellt, als wir uns wie abgemacht um 21:00 Uhr am Eingang des Weißfurter Hauptbahnhofs getroffen hatten. Aber ich war mir ziemlich sicher, dass das nicht sein richtiger Name war.

»Keine Sorge«, entgegnete ich. »Jeden Tag werden mir die merkwürdigsten Dinge erzählt, Sie sind bloß einer von vielen. Ich höre Ihnen zu.«

Christopher blickte sich im Café um. Bis auf uns war da nur die Bedienung, die den Laden fegte, der in einer Stunde schließen würde. Draußen war es bereits dunkel. Vom Hauptbahnhof aus waren wir in mehrere Straßenbahnen eingestiegen und danach noch gut zwanzig Minuten gelaufen. Christopher hatte irgendetwas von Überwachung gemurmelt. Das war nicht unüblich. Ich traf mich mit allen möglichen Menschen, die irgendwelche wirren Ideen im Kopf hatten oder glaubten, auf irgendeine wichtige Story gestoßen zu sein, die in den Schlagzeilen stehen müsste. Bei Tatsachenberichten verlangte ich dann eben die Bezahlung im Voraus. Ich wollte keinen Artikel oder sonst was für jemanden schreiben, bloß um anschließend nichts dafür zu bekommen, weil dieser Jemand es sich anders überlegt hatte.

Ich zog mein Smartphone aus der Tasche und legte es auf den Tisch.

»Die Polizei ist auf Kurzwahl. Falls irgendjemand hier reinkommt und Ihnen etwas tun will, werde ich sie sofort rufen. Außerdem sind wir weit weg von unserem Treffpunkt, falls jemand Sie ausspionieren wollte, hätten wir ihn sicherlich schon längst abgehängt oder bemerkt. Entspannen Sie sich.«

Christopher zitterte ein wenig und starrte das Smartphone an. Er hatte Augenringe, war ungewaschen und unrasiert.

»Erst schalten Sie das ab.«

»Gut«, sagte ich und versuchte, nicht so zu wirken, als würde ich ihn für paranoid halten. Ich nahm das Smartphone, hielt die Sperrtaste gedrückt und schaltete es ab. Dabei sah ich, dass ich fünf neue Nachrichten und zwei verpasste Anrufe hatte. Wahrscheinlich meine Mutter, die sich einmal mehr Sorgen machte, wo ich denn blieb. Seit sie ihren Job verloren hatte, musste ich neben meinem regulären Job als Reporterin für eine große Tageszeitung auch noch nebenbei arbeiten. Aufträge, Ghostwriting und vieles mehr, um irgendwie unsere gemeinsame Wohnung zu halten. Ich hatte ihr zwar gesagt, dass es heute wieder einmal etwas später werden würde, aber manchmal vergaß sie sowas einfach.

»So – ist aus.« Ich steckte das Smartphone zurück in meine Hosentasche. »Können wir anfangen?«

Christopher lehnte sich zurück und versuchte, etwas ruhiger zu wirken, aber trommelte mit den Fingern auf dem Tisch.

»Ja, fangen wir an.«

»Also – was soll ich für Sie schreiben? Etwas für die Zeitungen oder etwas Größeres?«

»Da bin ich mir nicht sicher«, antwortete er. »Sie sollten es sich erst mal anhören und dann selbst entscheiden. Vielleicht ist es zu groß für die Zeitungen, vielleicht dürfen sie nicht darüber sprechen, aber irgendetwas muss man daraus machen, die Leute müssen davon erfahren.«

»Ich nehme an, es handelt sich um einen Tatsachenbericht, kein Roman, kein Ghostwriting?«

»Mir ist scheißegal ob mein Name druntersteht oder nicht. Ich will einfach, dass die Menschen es hören.«

Ich räusperte mich. Jetzt kam der unangenehme Teil meiner Arbeit.

»Christopher, ich weiß, Sie wollen das sicherlich nicht hören, aber ich sehe es als meine Pflicht an, mit Ihnen darüber zu sprechen. Egal worum es bei der Sache geht – haben Sie sich bereits mit der Polizei darüber ausgetauscht?«

Christopher starrte mich an. Ich konnte mir vorstellen, wie die Gedanken durch seinen Kopf rasten. Sollte er aufstehen und gehen? War ich auch nur jemand, der ihm nicht glaubte? Ich hasste es, Klienten diese Frage zu stellen. In meinem Job bewegte ich mich zwar oft in Grauzonen, aber ich war niemand, der sich an der Dummheit anderer bereicherte.

»Ja«, sagte er. »Ich habe mit der Polizei gesprochen. Zwei Mal. Sie haben mir nicht geglaubt. Sie haben mir zwar zugehört und mir gesagt, sie würden sich darum kümmern, aber ich habe nie wieder von ihnen gehört. Ich glaube, die stecken da vielleicht auch irgendwie mit drin.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. Ich war wohl derzeit wirklich die letzte Hoffnung für diesen Typen, ganz egal, ob er verrückt war oder nicht.

»Dann steht dem Ganzen nichts mehr im Wege«, sagte ich. »Bei Tatsachenberichten ist es für mich üblich, im Voraus bezahlt zu werden, das steht ja auch auf meiner Website, genau wie die Preisliste. Haben Sie das Geld dabei?«

Er zog ein dünnes Bündel Scheine aus der Tasche.

»Vierhundert. Alles, was ich habe«, sagte er.

Ich nahm es, zählte es durch und steckte es dann in meine Tasche.

»Perfekt«, sagte ich, faltete meine Hände und lächelte ihn an. »Dann fangen Sie mal an – was ist Ihnen passiert?«

Er schaute nochmal nervös durchs Café und nach draußen, lehnte sich dann nach vorne und schaute mich eindringlich an.

»Sie kommen aus der Sache nicht wieder raus, wenn ich Ihnen davon erzähle. Ich hoffe, das ist Ihnen klar.«

»Hören Sie. Ich bin Profi. Ich arbeite seit Jahren als Reporterin und habe bereits einige Artikel über fragwürdige Themen und Personen geschrieben. Wenn Menschen es erfahren sollten, dann bin ich die Richtige für Sie.«

Er schaute mich noch kurz an, nickte dann aber.

»Vielen Dank. Das hier ist mein letzter Versuch, vielleicht ist es schon bald vorbei. Also …« Er atmete tief ein. »Haben Sie schon einmal von Carcosa gehört?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Nein, was ist das?«

»Wo, ist die Frage. Wo.«

»Gut, wo ist Carcosa?«

»Ganz genau. Wo verdammt ist Carcosa?« Nachdem er das Wort ausgesprochen hatte, lehnte er sich wieder zurück und schaute sich um.

»Albtraumstadt«, murmelte er.

»Ich verstehe nicht«, sagte ich. »Carcosa ist eine Stadt und Sie wissen nicht, wo sie liegt?«

»Carcosa ist nicht nur eine Stadt.«

»Was dann?«

Seine Unterlippe zuckte, er suchte nach Worten. »Es ist mehr. Ich beschäftige mich schon seit zwei Monaten damit, aber komme einfach nicht weiter.«

»Was ist am Anfang passiert? Was hat es mit Carcosa auf sich?«, fragte ich.

»Also …«, sagte er. Kurz schien er noch zu zögern, nickte dann aber. »Ist Ihnen die Firma Danker Fanny ein Begriff?« Ich schüttelte den Kopf. »Egal«, sagte er. »Ist eine größere Firma, für die ich gearbeitet habe. Ich musste andauernd Zug fahren oder fliegen um Geschäfte abzuwickeln. Alles war gut, alles war wie immer. Ich hatte gerade unsere Zweigstelle in Köln besucht und fuhr mit dem Zug zurück nach Berlin. Seit Jahren musste ich diesen Weg immer und immer wieder fahren.« Er seufzte und starrte kurz auf seine Hände. Dann blickte er wieder auf. Seine Stimme war nun merkwürdig belegt und er schien darauf zu achten, dass ihn die Bedienung des Cafés nicht hören konnte. »Es war drei oder vier Uhr morgens. Da kam plötzlich die Durchsage: ›Nächster Halt: Carcosa Hauptbahnhof. Diese Fahrt endet hier.‹ Normalerweise sollte es auf der Route zu diesem Zeitpunkt eigentlich hauptsächlich Natur und vielleicht ein paar kleinere Dörfer geben. Keine Großstadt. Aber ich hab aus dem Fenster geschaut und da waren Hochhäuser und Wolkenkratzer. Ich war in den Zug nach Berlin gestiegen, hier konnte nicht Endstation sein. Draußen sah ich immer und immer mehr Hochhäuser und Wolkenkratzer, direkt vor dem Fenster, in weiter Ferne, überall. Dann hielt der Zug. Hauptbahnhof Carcosa. Endstation.«

»Was haben Sie getan?«

»Na ja, dort war Endstation und ich hatte nicht viel geschlafen. Ich dachte, ich hätte mich vielleicht einfach mit dem Zug vertan, also bin ich nach draußen gegangen.«

Ich holte einen Notizblock aus meiner Tasche, nahm einen Kuli und begann, mir Notizen zu machen. Christopher achtete genau darauf, was ich aufschrieb.

»Was war draußen?«, fragte ich.

»Ein Bahnhof. Mehr oder weniger. Da war eine Bank und daneben ein Fahrkartenautomat. Und nur ein Bahnsteig, an dem mein Zug stand. Er zeigte 808 nach Carcosa an, und deswegen dachte ich, ich hätte wirklich einfach den falschen genommen. Ich bin zum Automaten gegangen und wollte nachschauen wann und wie ich wieder von dort wegkommen konnte. Und na ja …«

Er seufzte und schaute mich an, als wüsste er, dass ich ihm nicht glauben würde.

»Was war dann?«, fragte ich und schrieb weiter ein paar Stichpunkte zu seiner Story auf.

»Ich hab am Automaten Carcosa nach Berlin eingegeben. Und es kam nur die Meldung: Keine Auskunft über Züge von oder nach außen.«

Ich blickte auf und musste mich anstrengen, den ungläubigen Blick zu unterdrücken.

»Von außen? Was soll das heißen?«

»Keine Ahnung«, sagte er. »Zu diesem Zeitpunkt fand ich das nur seltsam und hab versucht, mit meinem Handy irgendeine Verbindung zu finden – aber es gab kein Netz. Ich hab’s nochmal am Automaten probiert, doch es kam dieselbe Meldung. Irgendwann hab ich mich einfach auf die Bank gesetzt und gewartet.«

»Wie sind Sie wieder von dort weggekommen?«, fragte ich.

»Die nächsten vierzig Minuten lang gar nicht. Ich saß bloß auf der Bank und versuchte die ganze Zeit, ein Netz zu finden. Und dabei fühlte es sich immer seltsamer an, in dieser Stadt zu sein. Ich meine – stellen Sie sich das vor. Überall, so weit Sie sehen können, riesige Hochhäuser. Aber nirgendwo ein Mensch. Kein Geräusch aus der Stadt, keine Autos, keine Stimmen. Es war...



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