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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Wondratschek Das russische Mädchen und andere Erzählungen
20001. Auflage 2020
ISBN: 978-3-8437-2362-6
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-8437-2362-6
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wolf Wondratschek wuchs in Karlsruhe auf. Von 1962 bis 1967 studierte er Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie an den Universitäten in Heidelberg, Göttingen und Frankfurt am Main. Seit 1967 lebte er als freier Schriftsteller zunächst in München. In den Jahren 1970 und 1971 lehrte er als Gastdozent an der University of Warwick, Ende der 1980er-Jahre unternahm er ausgedehnte Reisen unter anderem in die USA und nach Mexiko. Er lebt seit 1996 in Wien.
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Saint Tropez
Als Junge bin ich lange ziemlich vernarrt gewesen in ein Spiel, für das ich zuerst die Freunde unter meinen Klassenkameraden zu begeistern versuchte, dann, nachdem deren Interesse schnell nachgelassen hatte, meine Mutter, die es aus gewohnter Geduld mir und meinen Einfällen gegenüber auch einige Abende lang tapfer über sich ergehen ließ, dann aber kapitulierte; ich erhielt zum Trost einen Kuß. Sie behauptete, nicht die geringste Begabung dafür zu haben, sich etwas auszudenken, und jede Anstrengung dieser Art, sie kenne das, würde bei ihr unweigerlich Kopfschmerzen auslösen – die vorzutäuschen sie allerdings begabt genug sei, wie mein Vater in gutmütiger Kürze ergänzte. Er selbst übrigens hatte jede Mitwirkung von vornherein immer kategorisch abgelehnt und war trotz aller Bitten noch nicht einmal zu einem Versuch zu dritt zu bewegen gewesen. Tut mir leid, mein Sohn, aber ich kann einfach nicht riskieren, daß du deinen Vater auch noch wegen dessen Einfallslosigkeit, was solche Spielereien betrifft, verachtest. Ich bin noch unbegabter als deine Mutter, die mir übrigens, als wir noch jung und frisch verliebt waren, wundervolle Briefe geschrieben hat, richtige kleine Kunstwerke. Wie dick mit Honig bestrichene Butterbrote! Sie bat ihn, nicht zu übertreiben, was ihn natürlich erst recht veranlaßte, ihr Komplimente zu machen.
Ich war gekränkt, nicht länger die Hauptperson und plötzlich weiter nichts zu sein als ein die Stimmung der beiden störender, allenfalls geduldeter Augenzeuge, und fühlte mich so hilflos wie jeder Junge meines Alters, wenn er im Kino sitzt und ein Liebespaar in Großaufnahme vor der Nase hat, das drauf und dran ist, sich zu küssen. Die Lektion, daß ein Spiel unterbrochen und spielerisch jederzeit in ein anderes verwandelt werden kann, hatte ich noch nicht gelernt. Was blieb mir mit meinen drei gespitzten Bleistiften in der Hand am Ende also übrig, als mich, von allen im Stich gelassen, auf mein Zimmer zu verziehen und mich dort allein mit meinem Zeitvertreib zu vergnügen.
Worum es ging? Ein Stück Papier, ein Bleistift und drei beliebige, möglichst natürlich aufregend unzusammenhängende Wörter, die man sich ausgedacht und aufgeschrieben hatte, genügten, um die Sache in Schwung zu bringen. Das eigentliche Spiel bestand danach darin, entweder einfach nur mit den gegebenen Wörtern einen Satz oder gleich eine ganze Geschichte zu bilden. Ein, wie Sie sich sicher erinnern, nie recht in Mode gekommenes Gesellschaftsspiel, das völlig zu Unrecht, wie ich finde, im Verdacht stand, dem Schreckgespenst eines Intelligenztests zu ähneln, dem Ernstfall eines Examens, einer jedenfalls leidigen Haus- oder Prüfungsaufgabe, die viele der Einfallslosigkeit überführen und mit Geschick doch wohl nur die Phantasiebegabteren bestehen könnten, was in der Schule erfahrungsgemäß immer die waren, die man beim Fußballspielen nicht gebrauchen konnte und deshalb notgedrungen weit weg ins Abseits zweier Torbalken stellte. Daß ich dort eine von allen anerkannte gute Figur machte, erhöhte jedoch meine Chancen, doch noch den einen oder anderen zum Mitmachen überreden zu können, nicht im geringsten.
Ich habe danach nicht mehr oft daran gedacht, bis mir eines Tages etwas in die Hände fiel, das mich wieder an den Jungen erinnerte, der ich vor fünfzig Jahren gewesen war, an die tagelang trotzig verschlossene Tür meines Zimmers, die mich vor dem blamablen Desinteresse meiner Mitmenschen schützen sollte, an die Paraden und glücklich gehaltenen Elfmeter, an die reizbare Hilflosigkeit meiner Mutter und das Mißtrauen meines Vaters der genügsamen Zufriedenheit seines Sohnes gegenüber, der einfach nicht dazu zu bewegen war, sich für etwas anderes als sich selbst zu interessieren – und, das vor allem, an eine erstaunliche, aufregende und, wie sich herausstellen sollte, auch folgenreiche Entdeckung, denn zum ersten Mal schaute ich von mir erfundenen Sätzen ins Gesicht – und lange dauerte es nicht, und ich betrat die vielfach verspiegelten Kabinette mir bis dahin völlig unbekannter Geschichten.
Ich hatte an diesem Tag auf dem Tisch, der bei mir als Ablage für alles zuständig ist, eigentlich nur nach dem Verbleib eines Zettels mit Telefonnummern gesucht und als Trost schließlich ein Blatt mit seltsamerweise genau drei mit Bleistift (einem breiten, samtweichen B8) hingekritzelten Wörtern in der Hand, die ich hier wiedergebe:
Der Junge
Saint Tropez
Schauspielerin
Der Rest nichts als die schreckliche Einöde einer leeren weißen Seite.
Ich sollte Ihnen eine Begegnung mit der Eigenart dieser Unordnung nicht vorenthalten, diesem sich flüsternd auftürmenden, einem Nestbau ähnlichen Gebilde, dem jeden Abend vor dem Einschlafen mein letzter Blick galt, als habe der Magnetismus kommender Träume ihn dorthin gelenkt.
Es liegen hier, neben einer Ansammlung von sonstigem Krimskrams, alle Arten von in Mappen aufbewahrten Papieren herum, freigegeben zur Enträtselung. Notizen, Botschaften, Reste einer Begeisterung, aus Zeitungen gerissene Artikel, speziell jene, in denen die Zahl »23« eine Rolle spielt – »23 Buckelwale vor der Küste Kaliforniens verendet«, »Der Dreiunddreißigjährige tötete die elf Jahre junge hoffnungsvolle Ballettschülerin mit 23 Messerstichen«, »William Shakespeare, Shirley Temple und Vladimir Nabokov sind am gleichen Tag geboren, dem 23. April«, wobei Shakespeare auch noch das Kunststück gelang, an einem 23., ausgerechnet auch noch an einem im April, an seinem Geburtstag also, zu sterben –, eine Zahl, deren Bedeutung mir entfallen, die aber irgendwie bei mir hängengeblieben ist. Und erst meine Sammlung von Namen! Mein Gott, Namen, was alles für Namen, das ganze olympische Register von Polly Apfelbaum bis Adele
Zuckerkandl, die Herren Fernand Khnopff und Otto
David Langsam hinzugerechnet. Seit ich in Wien wohne, habe ich sie wiederentdeckt, lese sie auf den Schildern alter Ladengeschäfte, den Klingelschildern der Wohnhäuser, an denen ich vorbeispaziere, oder auf Grabsteinen mit einer Begeisterung, als wolle ich sie für immer im Gedächtnis behalten. Ich suche inzwischen sogar schon bei meinem Antiquar die Regale nach Verzeichnissen mit Namen ab; letzte Woche erst habe ich etwas gefunden und natürlich gekauft, ein in Leinen gebundenes Verzeichnis, erschienen anno 1907 in Wien und nicht eben billig, mit nichts als den Namen (inklusive aller Adels- und vom Kaiser verliehenen Ehrentitel) der Mitglieder des Jockey Clubs für Österreich. Aber nicht nur Kostbarkeiten wie dieser Fund stapeln sich auf dem Tisch hier, sondern haufenweise aus meinen Notizblocks herausgerissene Seiten, voll mit kuriosen Begegnungen. Zitate aus Büchern treffen zusammen mit der genauen Uhrzeit einer Verabredung, eine erratische Behauptung wie die, daß die wirklichen, die wissenden Dichter, die wahren Seher und Propheten nicht etwa die Poeten, sondern die Mathematiker, die Physiker, die Wissenschaftler seien mit ganz praktischen Ermahnungen, der etwa, beim Einkauf am Wochenende nicht wieder, wie ich mir (zu spät zumeist) dann immer vorwerfe, mit dem Geld zu geizen, insbesondere nicht bei Olivenöl und Honig; es grüßen sich Frage- und Ausrufezeichen, untermischt mit Stichworten, ganzen Listen von zum Teil unleserlichen Stichworten, wie ich sie vor dem Hinüberdämmern, und oft ohne deshalb extra Licht machen zu wollen, einfach auf ein immer in Reichweite liegendes Stück Papier kritzle, kaum entzifferbare Zeilen, zerdehnt wie die Schrift eines bereits Eingeschlafenen. Das Universum braucht Hilfe, die Hilfe eines Kindes! Die hätte, steht daneben, bitter auch jener Schriftsteller nötig gehabt, der verzweifelte, weil ihm nie jemand applaudierte, nicht einmal seine Schreibmaschine. Hier zum Beispiel, was haben wir hier? Einen von seinem Schein verwirrten Mond. Nicht schlecht, mehr aber auch nicht. Sie onanierte zur Musik von Bellini-Opern, schau an. Das schwere Schweigen ihrer Augen. Weiße Wimpern. Alle im Raum Anwesenden erschienen mir von verletzender Fröhlichkeit. Kampf um keine Gefühle (unterstrichen auch noch, warum nur?). Und was soll das sein? Wer in einem leeren Zimmer sitzt, sollte nicht in die Ecken schauen! Aha! Keine Ahnung, was ich gemeint haben könnte! Ich werde sicher irgendwann mal ein Zimmer leer räumen, ich kenne mich, und mich versündigen; und etwas Unsichtbares entdecken, etwas wie die Einkleidung einer Braut, ein ausblutendes Lamm, eine Kreuzigung. Weg damit, sagt mein Verstand. Aufbewahren, alles aufbewahren, sagt die Erfahrung. Warst Du nicht manchmal mit mir in der tiefen Höhle der Champagnergläser, wo die roten Lobster herumkriechen und schwarze Kellner die roten Rumbas servieren? – ein Zitat offenbar, nur von wem steht nicht daneben. Und hier? Sie geht wie auf weißen Handschuhen. Und darunter (kaum zu entziffern): Einer
geht die Welt besuchen wie ein Gast, der am Abend noch anderswo eine Verabredung hat. So geht das weiter. Andere haben Karteikarten, ich einen Saustall.
Ich werde die weißen Handschuhe bei Gelegenheit den kleinen Füßchen einer Frau überstreifen und sie damit eine Straße entlanggehen lassen, mit einem Gang, den man mit Schuhen einfach nicht hinkriegt. Sie schwebt, ein bißchen ungeschickt zwar noch, aber ohne doch groß den...




