E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Wondratschek Im Dickicht der Fäuste. Vom Boxen
21001. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8437-2595-8
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-8437-2595-8
Verlag: Ullstein HC
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Wolf Wondratschek wuchs in Karlsruhe auf. Von 1962 bis 1967 studierte er Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie an den Universitäten in Heidelberg, Göttingen und Frankfurt am Main. Seit 1967 lebte er als freier Schriftsteller zunächst in München. In den Jahren 1970 und 1971 lehrte er als Gastdozent an der University of Warwick, Ende der 1980er-Jahre unternahm er ausgedehnte Reisen unter anderem in die USA und nach Mexiko. Er lebt seit 1996 in Wien.
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Im Dickicht der Fäuste
»You German?« … Den Männern mit den breiten Nasen fällt dazu immer nur eine Geschichte ein. Es ist eine alte Geschichte, aber sie erinnern sich gut.
New York City, 19. Juni 1936 – eine rabenschwarze Nacht. Max Schmeling besiegt Joe Louis; mehr noch und schlimmer: Er knockt ihn aus. Der Favorit liegt im Ringstaub. Die Arme des Ringrichters breiten sich aus über ihm wie die Flügel eines Todesengels. Die Sensation ist perfekt. Die Männer, die sich erinnern, sehen noch heute aus, als hätten sie in dieser Nacht eine Menge Geld verwettet. Aber sie finden bestätigt, was sie immer gewußt haben:
In jener Nacht siegte Max Schmeling, ein weißer Mann, ein Berufsboxer aus dem Reich der nahenden Apokalypse, ein Mann ohne Chance, angeblich jedenfalls.
Was hat er vor dem Kampf vor sich hin gemurmelt? »I zee zumting. I zee zumting.« Aber was sieht er? Was will er? Er will gewinnen. Und was er sieht, ist seine Chance, die Chance seines Lebens.
»Wenn ich abtrete, wird das Boxen wieder in der Versenkung verschwinden. Die Fans mit den Zigarren und den Hüten im Genick werden noch kommen, aber nicht mehr die Hausfrauen, der kleine Mann auf der Straße und die ausländischen Regierungschefs. Es wird wieder die alte Geschichte sein: Ein Boxer kommt in die Stadt, riecht an einer Blume, stattet dem Krankenhaus einen Besuch ab und behauptet: ›Ich werde gewinnen.‹«
Das sagte Muhammad Ali 1967.
»Das hat man auch nach Marciano und Louis und Willie Pep geglaubt«, sagt Al Braverman, selbst einmal Boxer, heute Trainer und Manager. »Richtig ist, daß jedesmal nach solchen Ausnahmeathleten eine Flaute eintritt, zweitrangige Boxer werden Weltmeister, der Titel wechselt häufiger, das Interesse der Öffentlichkeit läßt nach. Aber irgendwann wird es wieder einen Ali geben … Schauen Sie«, sagt Braverman und zeigt mir ein Boxmagazin mit Sugar Ray Leonard auf dem Cover. »Vor drei Jahren noch Amateur, gewinnt die Goldmedaille, wird Weltmeister, von Angelo Dundee, dem Trainer von Muhammad Ali, trainiert, bereits mehrfacher Millionär, besitzt einen Vertrag mit dem Fernsehen für die nächsten Fights. Ein gemachter Mann … und wie Ali ohne eine einzige Schramme im Gesicht.«
Den Männern mit den Zigarren und den Hüten im Genick sind Regierungschefs, Hausfrauen und der kleine Mann auf der Straße gleichgültig. In der Regel reicht ihnen ein Boxer, der an einer Blume riecht und gewinnt. Aber sie nehmen auch einen, der nichts mehr riecht und verliert. Al Braverman, ein imposanter Mann in den Sechzigern, groß und immer noch beeindruckend stark, liebt gute Boxer, gibt sie aber ohne jede Sentimentalität auf, wenn das Geschäft für beide Partner aussichtslos geworden ist.
Braverman trainierte Leute wie Tom McNeeley, Frankie DePaula, Jimmy Dupree und Chuck Wepner. Er war Pressechef bei Sonny Liston, stand bei Carlos Ortiz in der Ringecke.
Wie man in Nat Fleischers ›Ring Boxing Encyclopedia‹ nachlesen kann, war Braverman allerdings nicht gerade vom Glück verfolgt: Die vier genannten Boxer, die er trainierte, haben ihre Weltmeisterschaftskämpfe verloren. Und so ist auch Al Braverman nie so recht reich geworden. »Ein lausiges Geschäft, bei dem man gerade die Unkosten abdeckt.«
Sein Büro, über das er diese Geschäfte abwickelt, ist ein kleiner, enger Antiquitätenladen an der Jerome Avenue am Ende der Bronx. Die meiste Zeit verbringt er damit, Leute abzuwimmeln, die ihm wertlosen Schmuck und zersprungenes Porzellan andrehen wollen. Kein Wunder, daß der Antiquitätenladen mittlerweile eher einer Rumpelkammer mit mindestens zwei Schichten Staub obendrauf gleicht – was Braverman nicht beunruhigt. Auch die Gegend hier läßt ihn kalt.
Es ist eine wilde, wüste Gegend. Leere Häuser, kalte, kantige Fabrikmauern, Bars, Hot-dog-Joints. Kopfhoch wächst zwischen Gehweg und Straße das Gras. An den Straßenecken Schwarze. Sie stehen auch unter den Eisenstützen der Subway oder in Hauseingängen, kiffen, warten, trinken. Eine Welt – zerbombt von Hoffnungslosigkeiten. Dreck, Ratten, Disco-Sound. In dieser Welt hat schon stattgefunden, worauf wir alle mit Schrecken uns erst gefaßt machen: der Dritte Weltkrieg. Und mittendrin in diesem erstarrten Inferno Al Braverman. Mehrere Male unterbricht uns an diesem Nachmittag das Telefon.
Der erste Anruf kommt aus Kanada. Um was es geht? Braverman soll gegen front-line-money, Bargeld also, einen Boxer vermitteln. Aber nicht etwa irgendeinen – und schon gar nicht einen besonders guten. Ich verstehe das nicht auf Anhieb und denke an all die Gerüchte, die den Boxsport schon immer begleitet haben, Gerüchte über Schiebungen, gekaufte Sieger und erschwindelte Knockouts …
»Die Leute in Kanada«, erklärt mir Braverman geduldig und mit Nachsicht, »wollen einen jungen, talentierten Boxer aufbauen. Der Junge braucht in erster Linie Erfahrung. Was er aber nicht gebrauchen kann, sind Niederlagen.«
»Die verlangen einen nicht besonders guten Boxer?«
»Jeder junge Boxer, der einen guten Manager hat, wird anfangs gegen Gegner gestellt, die er besiegen kann.«
»Aber wenn Ihr Mann nicht gewinnen darf, ist es Schiebung.«
»Ein mismatch, wie wir sagen. Ein ungleicher Kampf einfach, nichts weiter.«
»Aber der Boxer, den Sie nach Kanada schicken, hat keine Chance.«
»Keine.«
»Und dafür sorgen die Manager …«
»Sie sorgen dafür, daß ein junges Talent zum richtigen Zeitpunkt den jeweils richtigen Gegner boxt. Erst wenn er genügend Erfahrung besitzt, läßt man ihn gegen Ranglistenboxer antreten.«
»Und dann wird es ernst?«
»Dann ja …«
Braverman macht den Handel mit Kanada perfekt. Er wird also einen Boxer auftreiben, der von zwölf Kämpfen mindestens acht verloren hat, in Geldschwierigkeiten steckt und aufgehört hat, von einer großen Zukunft zu träumen. Er kennt von dieser Sorte eine Menge.
Dann ein Anruf aus London. Frage, ob Braverman an einem Geschäft in England interessiert ist. »Selbstverständlich.« Ob er ein paar der besten Schwer-, Mittel- und Weltgewichtler der Staaten nach England vermitteln kann, um sie gegen Commonwealth-Champions antreten zu lassen? »Und was ist mit Mickey Duff?« will Braverman wissen. Mickey Duff, der große Mann im Boxmanagement Großbritanniens, ist Braverman immer ein guter Freund gewesen.
»Diese Sache soll ohne ihn laufen.«
»Das geht nicht«, schreit Braverman bis nach London. Trotzdem läßt er sich die Sache ganz ausführlich erläutern, hört aufmerksam zu, nickt, und ganz allmählich scheint er sogar zuzustimmen. Braverman wittert einen guten Job. Die Größenordnung interessiert ihn. Außerdem könnte er tatsächlich die gewünschten Fighter besorgen.
Den Rest der Konversation, die ich leider nur einseitig verfolge, bestreitet Braverman mit einem einzigen lakonischen »Läßt sich alles, alles machen«.
»Wir sind Freunde, Mickey und ich«, erklärt er mir, »aber warum nicht einmal den Partner wechseln? Das belebt das Geschäft. Bessere Boxkämpfe. Mehr Fans. Mehr Geld für die Boxer …«
»So gesehen …«, sage ich und verzichte darauf, die ganze Sache moralisch zu sehen. Ich werde mich hüten. Braverman ist todsicher ein unsentimentaler, harter Knochen – und in einer Welt der Wölfe muß man heulen. Im Augenblick ist er mit den Vorbereitungen zu einem Madison-Square-Garden-Hauptkampf beschäftigt. Braverman managt und trainiert John »Dino« Dennis, 27, einen weißen Oldtimer, der seine letzte Chance auf ein Comeback haben wird, wenn er im Garden gegen einen 21 Jahre jungen Weißen antritt, der sich »Gentleman« Gerry Cooney nennt, von seinen Managern und der lokalen Presse rund um New York als »kommender Schwergewichtsweltmeister« angepriesen.
Ich habe Cooney draußen in New Jersey einen schnellen K.-o.-Sieg feiern sehen über einen langsamen, uninteressiert wirkenden schwarzen Boxer, der zur fünften Runde einfach nicht mehr angetreten ist, obwohl er keineswegs angeschlagen war.
»Seine Manager haben ihn zu lange gegen Nieten boxen lassen«, sagt Braverman, »das wird sich gegen meinen Boxer rächen.«
»Er soll einen guten, harten Punch besitzen.«
»Sagt man«, sagt Braverman.
Er erzählt, wie er das ursprünglich bestehende Kampfangebot, Cooney in dessen Heimatstadt Huntington, Long Island, zu boxen (für vielleicht 5000 Dollar), auf 20 000 pro Boxer und Madison Square Garden in die Höhe trieb.
»Wie kommen die Manager von Cooney dazu, meinen Mann herauszufordern – für ein Trinkgeld?«
Er wirkt, selbst wenn er den ausgekochten Geschäftsmann gibt, sympathisch. »Cooney, das wußten wir, trainierte bei Gleason’s. Also tauchte ich mit Dino eines schönen Tages dort auf. Die beiden sparren zusammen. Nicht lange, zwei Runden. Dann hole ich Dino aus dem Ring. Seinem Manager sage ich: ›Ihr habt recht,...




