Wood | Das Geheimnis eines Lebens | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 351 Seiten

Wood Das Geheimnis eines Lebens


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95718-966-0
Verlag: Red ediciones
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz

E-Book, Deutsch, 351 Seiten

ISBN: 978-3-95718-966-0
Verlag: Red ediciones
Format: EPUB
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In ihrer Heimatstadt Ketterford schüttelt man über Miss Agatha Gwinn fortwährend den Kopf - zum Teil aus Mitleid mit der offensichtlich etwas verwirrten Frau, deren geistige Gesundheit aufgrund eines schrecklichen Unrechts ins Wanken geraten war, über das sie sich jedoch nur zusammenhanglos und wirr äußert, zum Teil schlicht deshalb, weil man Miss Gwinn für vollkommen verrückt hält. Als sie jedoch einen durchreisenden Fremden nicht nur beschimpft und ihm vorwirft, ihr Leben zerstört zu haben, sondern gar gewalttätig wird und beinahe den Tod des Mannes verursacht, muss nicht nur das kleine Städchen Ketterford einsehen, daß Miss Gwinn vielleicht doch nicht wahnsinnig ist, sondern lediglich aufgrund eines vor Jahren begangenen Unrechts von einem unstillbaren Rachedurst getrieben wird. Auch in London, der Heimat des angegriffenen Fremden, wird man sich bald mit dem absonderlichen Wesen Miss Gwinns auseinandersetzen müssen, denn das Geheimnis, das die ältliche Frau martert, veranlasst sie, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um den Fremden dort aufzuspüren und endlich ihre lang ersehnte Rache an ihm zu nehmen ... Die Schriftstellerin Ellen Wood, besser bekannt unter dem Namen Mrs. Henry Wood, verfasste weit über dreißig Romane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, ihr zu weltweiter Bekanntheit verhalfen und sie in Australien bekannter als Charles Dickens machten.

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1. Kapitel.
War die Frau wahnsinnig?
In einer Vorstadt von Ketterford, das sich, im Herzen Englands gelegen, einiger Bedeutung erfreut, stand vor einigen Jahren ein weißes Haus, dessen grüner Rasen, eingefaßt von Gruppen von Sträuchern und Blumen, sich bis zur Hauptstraße herab senkte. Es steht wahrscheinlich noch immer dort und sieht aus, als wäre seit damals nicht ein einziger Tag an ihm vorübergegangen, denn Häuser lassen sich beinahe bis zu ihrer ursprünglichen Jugend renovieren, was bei den Kindern der Menschen nicht der Fall ist. Es war ein freundliches, stattliches Haus, und bewohnt wurde es von Mr. Thornimett. Einen Steinwurf entfernt und in Richtung des freien Feldes lagen verschiedene Werkstätten und Schuppen, die ein geräumiger Hof von dem Haus trennte. Sie waren Mr. Thornimetts Eigentum, und das Bauholz sowie anderes Material, das in jenem Hof umher lag, würde auch ohne Hilfe des hohen Schildes mit der Aufschrift »Richard Thornimett, Zimmermeister und Bauunternehmer« das Gewerbe ihres Besitzers angedeutet haben. Sein Geschäft war ein bedeutendes, wenn man berücksichtigt, daß er es in einer Provinzstadt betrieb. Wenn man durch das von Pfeilern getragene Portal in das Haus trat, den schwarzweißen Teppich der Vorhalle überschritt und sich nach links wandte, gelangte man in ein Zimmer, dessen Fenster auf den Holzhof hinaus gingen. Seine Einrichtung kennzeichnete es als eine Art Studierzimmer oder Kontor, obgleich sich das eigentliche Geschäftskontor draußen bei den Werkstätten befand. Der Fußboden war mit Matten belegt, Schreibpulte und Schemel standen hier und dort, und an den Wänden hingen mit Bleistift gezeichnete sowie kolorierte Zeichnungen, keine anmutigen, kunstgerecht ausgeführten Landschaften, wie sie aus den Händen der modernen Meister hervorgehen, sondern Entwürfe verschiedener Häuser – Kirchen, Brücken und Häuserreihen – Pläne von Schöpfungen, die der praktischen Umsetzung harrten, nicht aber auf dem Papier bewundert werden sollten. Dieses Zimmer benutzte hauptsächlich Mr. Thornimetts Schüler, und wir finden ihn augenblicklich darin vor. Er heißt Austin Clay und ist ein großgewachsener, arbeitsamer, tatkräftiger Bursche mit dem Aussehen eines jungen Mannes von Bildung. Es ist der Ostermontag jenes längst vergangenen Jahres – wenngleich auch nicht gar so sehr lange – und im Hof wie in den Werkstätten herrscht heute tiefe Ruhe. Um es genau zu nehmen, kann man Austin Clay nicht länger als Schüler bezeichnen, denn er zählt einundzwanzig Jahre und hat sein Examen bestanden. Dies Haus ist seine Heimat; Mr. und Mrs. Thornimett, die kinderlos sind, sind ihm beinahe wie Vater und Mutter. Sie haben kein Wort über das Fortgehen zu ihm fallen lassen, und er hat nichts derartiges gegenüber ihnen erwähnt. Die Stadt, zungenfertig und ahnungsvoll wie immer, war der Ansicht, daß Mr. Thornimett ihn zu seinem Teilhaber machen würde. Mr. Thornimett hatte indessen keine Silbe über diesen Punkt verlauten lassen. Austin Clay stammte aus einer vornehmen Familie. Mit vierzehn Jahren war er verwaist, und da ihm keine ausreichenden Mittel zur Vollendung seiner Erziehung zu Gebote standen, fragte sich Ketterford, was aus ihm werden solle und ob es für ihn nicht das beste sei, davonzulaufen und zur See zu gehen, um niemandem zur Last zu fallen. Da trat Mr. Thornimett ins Mittel und löste die Schwierigkeit. Die verstorbene Mrs. Clay – Austins Mutter – und Mrs. Thornimett waren entfernte Verwandte, und dieser Umstand, in Verbindung mit der wichtigen Tatsache, daß das Haus Thornimett kinderlos war, mochte dazu geführt haben, daß sich ein gewisses Pflichtgefühl regte. Zunächst nahmen die Eheleute den Knaben über die Weihnachtsferien zu sich und sagten ihm dann, er könne für immer bei ihnen bleiben. Dies geschehe jedoch nicht, wie Mr. Thornimett ihm ausdrücklich auseinandersetzte, um als ihr Sohn adoptiert und einstiger Erbe des Vermögens zu werden, sondern um einen Mann aus ihm zu machen und ihn zu lehren, seinen eigenen Lebensunterhalt zu erwerben. »Willst du als Lehrling bei mir eintreten, Austin?« fragte Mr. Thornimett. »Kann ich denn nicht zum Meister ausgebildet werden?« erwiderte Austin rasch. »Zum Meister?« wiederholte Mr. Thornimett lachend. Er sah, was im Gemüt des Knaben vorging. Mr. Thornimett war ein einfacher Mann, der sein Vermögen selbst erworben hatte, gerade wie er das neue Haus selbst erbaut hatte, das er bewohnte. Wie manch anderer aus der arbeitenden Klasse verdankte er sein Emporkommen nur seiner eigenen Kraft; Austins Vater war hingegen ein Gentleman gewesen. »Nun, ja, wenn du es vorziehst, kannst du in dieser Eigenschaft bei mir eintreten,« erwiderte er, »aber ich werde die Sache nie anders als eine Lehrlingschaft benennen, und die Zunft wird dasselbe tun. Du wirst dich zum Arbeiten verstehen müssen, junger Sir.« »Es kümmert mich nicht, wie schwer ich arbeiten oder was ich tun muß,« sagte Austin in ernstem Ton. »Arbeit erniedrigt nicht.« Damit war die Angelegenheit geordnet und Austin Clay trat als Lehrling bei Richard Thornimett ein. »Der alte Thornimett und seine Frau haben ihn aus Barmherzigkeit zu sich genommen,« sagte Ketterford. Ohne Zweifel hatten sie dies getan. Doch im Laufe der Zeit gewannen sie ihn von Herzen lieb. Er war ein freimütiger, hochherziger Knabe, und Mr. Thornimett wenigstens entdeckte in ihm die schlummernden Eigenschaften eines Mannes von höherer Bedeutung. Er gestattete ihm das Vorrecht, außer seinen Berufsarbeiten weiterhin gewisse Schulwissenschaften zu verfolgen; zu diesem Zweck kamen außerhalb der Geschäftszeiten Lehrer zu ihm – die ihn hauptsächlich im Zeichnen, in den neueren Sprachen und der Mathematik unterrichteten – und Lateinisch und Griechisch studierte er auf eigene Faust weiter. Gegen diese beiden Sprachen zog Mrs. Thornimett beharrlich zu Felde. Welchen Nutzen er aus ihnen zu ziehen hoffe, fragte sie wieder und wieder, worauf Austin auf seine freundliche, scherzhafte Weise zu erwidern pflegte, daß sie unter anderem vielleicht dazu dienen könnten, einen Gentleman aus ihm zu machen. Dies war er bereits; Austin Clay mochte es nicht wissen, doch er war ein geborener Gentleman. Hatten die Thornimetts bereut, ihn zu sich genommen zu haben? Er war nun einundzwanzig und seine Lehrzeit war vorüber. Nein, sie hatten es keinen Augenblick bedauert. Nie besaß Mr. Thornimett einen besseren Lehrling, nie, so würde er versichert haben, einen so gutherzigen. Trotz all seiner Neigungen, ein »Gentleman« sein zu wollen, scheute er keine Arbeit; er verrichtete sie gründlich und gut. In seiner Weisheit ließ sein Meister ihn das Gewerbe praktisch erlernen, und als dies geschehen war, vertraute er ihm die Aufsicht an und machte ihn für die Erfüllung leichterer Pflichten verantwortlich, wie er es mit seinem eigenen Sohn getan hätte. Der Erfolg war ein erfreulicher. Am Ostermontag, einem allgemeinen Festtag, war Mr. Thornimett ausgeritten, und Austin befand sich im Lehrzimmer. Er saß an einem Pult, kippelte mit dem Stuhl, hatte den Kopf in die eine Hand gestützt und balancierte in der anderen unbewußt ein Lineal, während er sich über ein Buch beugte. »Austin!« Der Ruf – ein eher leiser – kam von jenseits der Tür. In sein Buch vertieft, hörte Austin ihn nicht. »Austin Clay!« Dies vernahm er und sprang auf. In demselben Augenblick öffnete sich die Tür und eine alte Frau in einem Kleid aus feinem, lavendelfarbenen Kattun trat flink ein. Ihre Haube von altmodischem Schnitt war weiß wie Schnee und an ihrem Gürtel hing ein Schlüsselbund. Es war Mrs. Thornimett. »Hier bist du also!« rief sie und näherte sich ihm mit kleinen, raschen Schritten. »Sarah sagte, sie wäre sicher, daß Mr. Austin das Haus nicht verlassen hätte. Und was soll das hier bedeuten?« fügte sie hinzu, während sie ihre Brille, die sie stets trug, auf das offene Buch hinab senkte. »Du schließt dich an diesem herrlichen Tag mit diesem nichtsnutzigen hebräischen Unsinn ein?« Austin richtete seine Augen mit einem freundlichen Lächeln auf sie. Er hatte graue und etwas tiefliegende Augen, die einen ernsten, treuen Ausdruck besaßen, und in Anbetracht seiner jungen Jahre ruhte eine reiche Fülle von Gedanken in ihnen. Ohne schön zu sein, war sein Gesicht ein angenehmes, wohlgeformtes, dessen Farbe, obgleich blaß, Zeugnis von einer gesunden, kräftigen Natur gab. Sein Haar spielte ins Dunkelbraune. Es lag nicht viel Schönheit in dem Antlitz, jedoch reichlich Entschlossenheit und gesunder Menschenverstand. »Es ist nicht Hebräisch, Mrs. Thornimett. Hebräisch und ich sind einander fremd. Ich beschäftige mich nur ein wenig mit dem alten Homer.« »Alles vollkommen nutzlos, Austin. Es kümmert mich nicht, ob es Griechisch oder Lateinisch, Hebräisch oder Französisch ist. Es tut dir nicht gut, bei jeder Gelegenheit über diesen unsinnigen, trockenen Büchern zu brüten. Hättest du keine eiserne Gesundheit, würdest du längst auf dem Siechbett liegen.« Austin lachte geradeheraus. Mrs. Thornimetts Vorurteile gegenüber dem, was sie »gelehrte Dinge« nannte, war sprichwörtlich geworden. Da sie sich niemals selbst mit ihnen abgemüht hatte, sah sie wie der holländische Professor1, von dem George Primrose erzählt, »nichts Gutes« in ihnen. Sie griff nach dem Buch und klappte es zu. »Darf ich meine Zeit an einem Feiertag denn nicht verbringen, wie es mir gefällt?« wandte Austin in halb ärgerlichem, halb gutgelauntem Ton ein. »Nein, wenn der Tag so warm und hell ist wie heute, darfst du es nicht,« erwiderte sie gebieterisch. »Wir haben selten eine so schöne Osterzeit. Siehst du nicht, daß ich...



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