Wood | Der Vorabend des St. Martinstages | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 514 Seiten

Wood Der Vorabend des St. Martinstages


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95718-968-4
Verlag: Red ediciones
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz

E-Book, Deutsch, 514 Seiten

ISBN: 978-3-95718-968-4
Verlag: Red ediciones
Format: EPUB
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Als Charlotte Darling ihrer Mutter eröffnet, dass sie den wohlhabenden George St. John zu heiraten gedenkt, der bereits der Besitzer eines stattlichen Anwesens ist und einst noch weitere Besitzungen und erheblichen Reichtum erben wird, kann sie den erbitterten Widerstand, den ihre Mutter gegen diese Verbindung an den Tag legt, nicht verstehen, zumal diese nicht einmal nachvollziehbare Gründe für ihre Ablehnung der hervorragenden Partie vorbringt. Doch Mrs. Darling hat durchaus gute Gründe für ihren Wunsch, dass ihre Tochter niemals heiraten und Kinder zur Welt bringen möge - diese zu enthüllen, würde jedoch bedeuten, ein seit langen Jahren bewahrtes Geheimnis zu offenbaren, denn Charlottes Vater, der kurz nach der Geburt des Kindes starb, war bei seinem Tod nicht bei Sinnen, und Mrs. Darling hat Anlass zu fürchten, dass ihre Tochter eine Krankheit von ihm geerbt hat, die sich nicht durch körperliches Unwohlsein äußert. Doch Charlotte war schon immer ein eigensinniger Mensch gewesen, der seinen Willen stets durchgesetzt hat. Mrs. Darling sollte sich in ihrer Furcht, dass die Heirat verhängnisvolle Folgen haben könnte, nicht täuschen ... Die Schriftstellerin Ellen Wood, besser bekannt unter dem Namen Mrs. Henry Wood, verfasste weit über dreißig Romane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, ihr zu weltweiter Bekanntheit verhalfen und sie in Australien bekannter als Charles Dickens machten.

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2. Kapitel.
Der Toten getreu.
»Den Toten die Treue zu halten, liegt nicht in der menschlichen Natur.« Dies waren die Worte gewesen, die Mrs. Carleton St. John auf dem Sterbebett gesprochen hatte, und größere Wahrheit hat selbst Salomo niemals von sich gegeben. Die Jahreszeiten hatten ihren Lauf genommen; der Frühling war dem Winter gefolgt, der Sommer dem Frühling. Der Herbst trat nach dem Sommer seine Herrschaft an. Kaum zwölf Monate waren seit dem Todesfall vergangen, und schon flüsterte die Stimme des Gerüchtes mit tausend Zungen, George Carleton St. John beginne an eine Wiedervermählung zu denken. Das Kind gedieh von seiner Geburt an vortrefflich. Es schien, als habe Mr. St. John einen unüberwindlichen Widerwillen davor, die Pflichten der Mutter von einer anderen Frau an dem Kind erfüllen zu lassen, und so zogen sie das Kind mit den erstbesten dazu geeigneten Nahrungsmitteln auf, und sie bekamen ihm vortrefflich. Die Haushälterin empfahl ihrem Herrn dringend eine ihrer Nichten als Wärterin für das Kind. Das junge Mädchen, Honoria Tritton genannt, eine anmutige, hellhäutige, hübsch anzusehende junge Frau, kam aus weiter Ferne herbei und trat ihre Pflichten an. Alles ging ruhig seinen Gang, und Mr. St. Johns Trauer beugte sich der Zeit und dem Wechsel der Dinge, wie sich jeder Gram durch die Gnade Gottes beugen muß. Im Sommer hatten sich Freunde eingestellt, um Mr. St. John zu besuchen. Tatsächlich handelte es sich um Verwandte, allerdings um entfernte, die sich als vergnügte Leute herausstellten. Sie verweilten längere Zeit, und nach und nach sah Alnwick Hall wieder festliche Versammlungen in seinen Mauern und sein Herr begann aufs neue Besuche bei den Familien der Nachbarschaft abzustatten. Ob dies nun geschah, um dem Kummer zu entkommen, den ihm sein großer Verlust verursachte, oder ob er seinen Gästen den Aufenthalt angenehmer gestalten wollte, gewiß war jedenfalls, daß George St. John keiner fröhlichen Gesellschaft mehr auswich, weder in seinem eigenen Haus noch anderswo. Mrs. Trittons Meinung darüber war, daß er seine Verwandten selbst eingeladen habe, weil ihm sein Leben in Alnwick Hall unerträglich düster und einförmig erschien. Wenn dem so war, dann hatte das Verweilen der Gäste den gewünschten Erfolg und ließ den Hausherrn seine Sorgen und sich selbst vergessen. Es ist überraschend, wie leicht langandauernder Gram abgelegt zu werden vermag, wenn wir erst solche Anstrengungen, uns über ihn zu erheben, unternehmen. Unmerklich scheint er von uns zu weichen und ist vergessen. Von jenem elften November bis in den Juni hinein hatte Mr. St. John nichts getan als sich seiner Trauer hinzugeben. Dieselbe hatte sich natürlich nach und nach gelegt, doch von seiner Seite war nicht das geringste geschehen, um deren Bitterkeit abzumildern. Mancher mag sagen, jene sieben Monate seien keine sehr lange Zeit, doch diesen muß ich sagen, daß sie eine lange Zeit sind, wenn sie ausschließlich in Tränen und Einsamkeit zugebracht werden. Jeder heftigen Gemütsbewegung muß eine Reaktion folgen, selbst wenn die Veranlassung der Tod eines geliebten Menschen war, und diese Reaktion trat auch in George St. Johns Herzen ein, und zwar mit der Ankunft seiner Freunde. Ein vierzehntägiges Beisammensein mit ihnen, und er war nicht mehr derselbe Mensch. Als Gastgeber mußte er sich zusammennehmen, und mit dem Versuch dazu stellte sich die Lust daran ein. Ehe der Juni vorüber war, hatte er dreiviertel seines Grams vergessen. Es schien, wie er es selbst hätte beschreiben können, als sei die Trauer leise aus seinem Herzen gewichen und habe an ihrer Stelle darin Heilung und Vergessen zurückgelassen. Er hätte mit Feuereifer erklärt, noch ebenso innig wie je über den Verlust seiner Gattin zu trauern, doch dem war nicht so, denn andere Interessen hatten wieder ihre Stelle in seiner Seele eingenommen. Der Gram war erschöpft, er starb allmählich dahin. Tadelt ihn nicht; der Mensch vermag nicht gegen die Natur zu handeln, am wenigsten auf dem Höhepunkt der Jugend. Er konnte seinen Gästen, die für ihren Besuch eine weite Reise unternommen hatten, nicht zumuten, unter einem unwirtlichen Dach einzukehren. Es waren Leute von Welt, die erwarteten, gut unterhalten zu werden. Mr. St. John lud um ihretwillen Gäste ins Herrenhaus und besuchte Gesellschaften mit ihnen. Im Juli zogen sich die Familien der vornehmen Welt nach dem glänzenden Treiben der Londoner Saison auf ihre Landsitze zurück und brachten ihre Gäste dorthin mit; von dieser Zeit an waren heitere Festlichkeiten an der Tagesordnung. Bogenschießen, Bootsfahrten, Tanz im Freien und Diners – es verging kein Tag, der nicht angenehmer als der vorige zugebracht wurde. Mr. Carleton war genötigt, an allem teilzunehmen, und tat dies auch meistenteils. Kann man sich darüber wundern? Er hatte Aussicht auf großen Reichtum, war wahrscheinlicher Erbe eines Baronets-Titels und zudem ein attraktiver Mann – solche Eigenschaften wußte die Welt nach ihrem Wert zu schätzen. Doch der Wert war nicht mehr so groß wie einst, da keine Frau, der es gelingen mochte, ihn zu gewinnen, oder die er selbst zu wählen geneigt sein mochte, sich ernsthafte Hoffnungen machen konnte, den Erben des Besitzes zur Welt zu bringen. Dieser Erbe hatte das Licht der Welt bereits in jenem kleinen Knaben erblickt, dessen Geburt ein teures Leben gekostet hatte. Es konnte nicht behauptet werden, daß Mr. St. John – besonders jetzt – das Recht hatte, den Namen Carleton zu führen. Sein Name war schlicht George St. John gewesen, bis er die reiche Erbin Caroline Carleton heiratete und mit ihrem Vermögen und Besitz auch ihren Namen annehmen mußte, denn dies hatte ihr verstorbener Vater in seinem letzten Willen bestimmt. Da George St. John eine Baronie zu erwarten hatte, hätte er den neuen Namen Carleton dem seinigen folgen lassen können. Doch dies tat er nicht. Der neue Name war ihm bequem; es gab etliche Zweige der Familie St. John, von denen einige eine höhere Stellung in der Welt einnahmen als George St. John auf Alnwick oder selbst dessen Onkel, der Baronet, und die Leute entwickelten die Gewohnheit, ihn mit der Benennung Mr. Carleton auszuzeichnen. Der Knabe war ebenfalls Carleton getauft worden. Und so beugte sich George Carleton St. John der tröstenden Hand der Zeit und vergaß in gewissem Grade jene, die an seiner Brust geruht und den kurzen Sonnenschein seines Daseins ausgemacht hatte. Er kehrte aus seiner Einsamkeit in die Welt zurück, sah Gesellschaften bei sich und war dem gesellschaftlichen Umgang wiedergegeben. An einem herrlichen Tag im September war Alnwick Hall von Gästen angefüllt. Das prächtigste von allen Festen, die jenen Herbst zu verherrlichen bestimmt waren, wurde im Herrenhaus gefeiert. Mr. St. John hatte weder Kosten noch Mühen gescheut, es zu einem anziehenden zu machen, und dies war ihm gewiß gelungen. Glanzvolle Gruppen zerstreuten sich im Park, in den provisorisch aufgeschlagenen Zelten, die sich auf dem Rasen erhoben, und im Haus selbst; es handelte sich um eine Art fête champêtre1. War jene glänzende Fröhlichkeit dort fehl am Platz, wo sich vor erst zehn Monaten eine so traurige Schlußszene abgespielt hatte – wo ein junges Leben plötzlich und unerwartet geopfert worden war? Vielleicht; doch ein solcher Gedanke kam George Carleton kein einziges Mal in den Sinn. Und daß dies nun, da eine andere ihren Zauber auf ihn ausübte, noch geschehen sollte, war nicht anzunehmen. Wie ich bereits erwähnte, hatte das Gerücht bereits im Flüsterton von einer zweiten Herrin in Alnwick Hall gesprochen. In einem freundlichen Zimmer, das von einer Seite aus ins Gewächshaus führte, während auf der anderen die Fenster auf den Park hinaus gingen, waren mehrere Damen unterschiedlichen Alters versammelt, und auch der Grad ihrer Anmut unterschied sich. Eine unter ihnen hob sich unter den übrigen hervor, nicht aufgrund ihrer Schönheit, obgleich sie davon reichlich besaß, auch nicht der Kleidung halber, obgleich niemand imstande war, sich ein prachtvolleres Gewand zu denken, sondern wegen der stolzen, königlichen Haltung und einem überaus eigentümlichen Ausdruck, der ab und zu in ihren Augen aufleuchtete – ein Ausdruck, den viele bereits bemerkt hatten, doch den niemand zu ergründen vermochte, eine Art unbändiger Ausdruck unumschränkten Willens. Er ließ sich nicht häufig bemerken, doch gerade in diesem Moment blitzte er in ihnen auf. Wir sind dieser hohen, edel geformten Gestalt mit dem stolz erhobenen Haupt und dem fein gebogenen Nacken bereits begegnet, haben die bleichen Gesichtszüge, in ihrer strengen Regelmäßigkeit wie aus Marmor gemeißelt, die feinen, fest geschlossenen Lippen, das reiche, zu Zöpfen geflochtene schwarze Haar schon einmal gesehen. Ruhe herrschte in ihrer Haltung wie in ihrem Wesen, und ungeachtet ihrer hochmütigen Art lag eine nicht zu leugnende Anmut über ihrem Wesen. Konnten die Gerüchte wahr sein – daß die ansehnlichste Heirat, die weit und breit geschlossen werden konnte, Charlotte Norris zu Füßen lag? Wenn dem so war, welch einen Triumph mußte die Mutter feiern und welchen Triumph sie selbst, die sie so stolz und ohne jede Mitgift war. Mrs. Norris (die, wie man sich erinnern wird, Mrs. Darling war) stand an ihrer Seite, noch immer hübsch, doch bei weitem kein so erhabener Anblick wie ihre Tochter. Charlotte sah prächtig aus – man hatte sie nie schöner gesehen; in ihrem leichten weißen Hut und ihrem wallenden weißen Burnus hätte man sie unmöglich für wesentlich älter als zwanzig halten können. Die Damen um sie herum betrachteten sie mit neidischen Blicken und sagten sich wieder und wieder: »Welch ein Triumph für Mrs. Norris Darling!« Dem mochte...



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