Wood | Die Grafentöchter | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 632 Seiten

Wood Die Grafentöchter


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95718-967-7
Verlag: Red ediciones
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz

E-Book, Deutsch, 632 Seiten

ISBN: 978-3-95718-967-7
Verlag: Red ediciones
Format: EPUB
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Kapitän Frank Chesney gehört zwar einer vornehmen Familie an, doch der Vater von vier Töchtern sieht sich dennoch gezwungen, seine Heimatstadt Plymouth zu verlassen, denn der auf Halbsold gesetzte Seemann steckt tief in Schulden und wird von seinen Gläubigern zunehmend bedrängt. Doch auch im Exil in dem kleinen Städchen South Wennock ist dem reizbaren, von der Gicht geplagten Witwer keine Ruhe vergönnt, denn auch hier mehrt sich bald die Zahl derer, die nachdrücklich fordern, er möge seine Schulden bei ihnen begleichen. Als wäre dies nicht bereits unangenehm genug, kündigt bald darauf seine Tochter Laura an, Mr. Lewis Carlton, einen einfachen Landarzt, heiraten zu wollen - eine nach Ansicht des Kapitäns keineswegs standesgemäße Wahl. Er verbietet die Hochzeit, gerade wie er einst seiner Tochter Clarice verboten hatte, als Gouvernante zu arbeiten, um die Familie finanziell unterstützen zu können. Diese hatte sich seinem Befehl widersetzt, das väterliche Haus verlassen und nun schon seit einem Jahr nichts mehr von sich hören lassen. Noch kann niemand ahnen, dass die heiratswillige Tochter Frank Chesneys nicht nur Licht in das Dunkel zu bringen vorbestimmt ist, das das Verschwinden Clarices umgibt, sondern auch einen mysteriösen Todesfall aufklären wird, von dem das Städchen South Wennock überzeugt ist, dass man niemals hinter die wahren Umstände kommen würde, die zum Tod einer eben erst in die Stadt gekommenen, überaus hübschen, schwangeren jungen Dame führten, kurz nachdem diese entbunden wurde ... Die Schriftstellerin Ellen Wood, besser bekannt unter dem Namen Mrs. Henry Wood, verfasste weit über dreißig Romane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, ihr zu weltweiter Bekanntheit verhalfen und sie in Australien bekannter als Charles Dickens machten.

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I. Die Ankunft.
Eine kleine Provinzstadt im Herzen Englands war vor einigen wenigen Jahren der Schauplatz einer bedauerlichen Tragödie. Ich muß meine Leser bitten, ein wenig Geduld mit mir zu haben, während ich dieselbe schildere. Die Aufzeichnung jener Verbrechen, die den sündhaften Leidenschaften unserer Natur entspringen, ist für die Feder nicht die angenehmste Beschäftigung, doch es läßt sich nicht leugnen, daß sie zweifellos in vielen von uns ein Interesse erwecken, das beinahe als Faszination bezeichnet werden kann. Ich denke, daß der folgende Bericht dessen, was sich zugetragen hat, dem Leser ein solches Interesse einflößen wird. Der Ort South Wennock war wenig mehr als ein Ausläufer der bedeutenderen Stadt Great Wennock, die etwa zwei Meilen davon entfernt lag. Das ganz England bedeckende Eisenbahnnetz, das auch einen Knotenpunkt in Great Wennock bildet, hat South Wennock nicht für bedeutend genug gehalten, um es in seine Verschlingungen mit aufzunehmen, so daß Reisende, die nach South Wennock zu gelangen wünschen, genötigt sind, die zwei Meilen, die es von Great Wennock trennen, mittels eines Omnibus zurückzulegen. Die Straße, auf welcher der Omnibus den kleinen Ort erreichte, gehörte zu einer der schlechtesten, auf die man in einem zivilisierten Land zu stoßen vermag. Wenn dieses Fuhrwerk die zwei Meilen rüttelnd und schüttelnd zurückgelegt hatte, erreichte es South Wennock direkt im Stadtzentrum. Man hätte sagen können, daß South Wennock aus nichts weiter als einer einzigen langgezogenen Straße bestand, die den Namen High Street trug, doch neuerdings sind an beiden Enden dieser alten Straße zahlreiche Neubauten errichtet worden, so daß sich noch zwei Straßen gebildet haben, deren eine Häuserreihe Palace Street genannt worden war, weil sie zum Landsitz des Bischofs der Diözese führt, während jene am anderen Ende von High Street der Berg genannt wurde. Eine allmählich ansteigende Erhöhung des Bodens hat Anlaß zu diesem Namen gegeben, und hier fand man hauptsächlich größere und kleinere Villen. Am Nachmittag des 10. März des Jahres 1848, einem Freitag, kam der Omnibus durch South Wennock gerasselt und hielt wie gewöhnlich vor dem Roten Löwen. Mrs. Fitch, die Wirtin, eine wohlbeleibte, aber nichtsdestoweniger sehr geschäftige Dame mit einem beständigen hohen Rot auf den Wangen und einem stets freundlichen Lächeln auf den Lippen, kam herbeigeeilt, um die Gäste zu empfangen, die der Omnibus ihr möglicherweise gebracht haben konnte. Das Fuhrwerk enthielt nur eine Dame mit ihrem Koffer, und in dem Augenblick, als Mrs. Fitch ihr Auge auf die Angekommene gerichtet hatte, kam sie zu dem Schluß, sie habe nie in ihrem ganzen Leben in ein schöneres Gesicht geblickt. »Ihre Dienerin, Miss. Wünschen Sie hier abzusteigen?« »Auf kurze Zeit, während Sie mir ein Glas Wein und einen Biskuit reichen,« lautete die Antwort der Reisenden, die in Wesen und Sprechweise die Dame von Stand nicht verkennen ließ. »Ich sehne mich recht nach einer Erfrischung, denn ich fühle mich sehr ermüdet; das Schütteln des Omnibus ist entsetzlich gewesen.« Sie war während dieser Worte mit Hilfe der von ihrer ganzen Erscheinung seltsam angezogenen Mrs. Fitch ausgestiegen und in das Haus getreten. »Das tut mir sehr leid, teure Ma’am! Er rüttelt wirklich schrecklich, dieser Omnibus – und in Ihrem Zustand ist es sicher unerträglich. Und vielleicht haben Sie eine weite Reise hinter sich! Ich werde Ihnen sogleich etwas bringen. Ich hielt Sie tatsächlich zuerst für eine unverheiratete Dame.« »Wenn Sie vielleicht etwas kalten Braten hätten, wäre mir ein belegtes Brot lieber als ein Biskuit,« lautete die ganze Antwort der Reisenden. Sie setzte sich in den gepolsterten Stuhl der Wirtin, denn Mrs. Fitch hatte sie in ihr eigenes Wohnzimmer geführt, band den Hut auf und warf die Bänder zurück. Es war ein Strohhut mit weißen Bändern; das Kleid und der Mantel der Dame waren aus dunkler Seide. Nie hat man ein lieblicheres Antlitz als jenes gesehen, das sich nun mit seiner sanften Röte und den überaus feinen Zügen dem Blick des Betrachters bot. »Können Sie mir sagen, ob hier in South Wennock wohl einige möblierte Zimmer zu vermieten sind?« fragte sie, als die Wirtin mit den belegten Broten und dem Wein wieder eintrat. »Zimmer?« wiederholte Mrs. Fitch. »Nun, es wird derzeit nicht sonderlich viel vermietet; es ist nur ein kleiner Ort, wissen Sie, Ma’am – wenn er jetzt auch um einiges größer ist als früher,« fuhr sie fort, während sie sich nachdenklich das Kinn strich. »Sie könnten bei der Witwe Gould unterkommen. Ich weiß, daß ihre Zimmer vor einer Woche noch zu haben waren, denn sie kam her, um mich zu fragen, ob ich niemanden wüßte, der Zimmer sucht. Dort wären Sie behaglich untergebracht, Ma’am, falls sie noch keinen neuen Mieter hat. Sie ist eine ruhige, anständige Person. Soll ich jemanden hinschicken, um Erkundigungen einzuholen?« »Nein, ich möchte lieber selbst hingehen. Ich würde nur ungern Zimmer mieten, ohne sie zuvor gesehen zu haben. Falls jene, die Sie mir vorschlagen, bereits vermietet sind, werde ich vielleicht in anderen Fenstern Zettel sehen. Ich danke Ihnen, aber ich kann nichts mehr essen – es scheint mir, als fühle ich noch immer das Stoßen des Omnibus, und diese unbehagliche Empfindung hat mir den Appetit genommen. Ich lasse meinen Koffer einstweilen in Ihrer Obhut.« »Gewiß, Ma’am. Darf ich um den Namen bitten?« »Mrs. Crane.« Die Wirtin begleitete die Fremde bis vor die Haustür, um ihr den Weg zu zeigen. Das Haus der Witwe Gould lag in der ersten Häuserreihe in Palace Street, und Mrs. Crane hatte es nach sechs bis sieben Minuten erreicht. Eine im Fenster steckende Karte zeigte an, daß hier Zimmer zu vermieten wären. Mrs. Gould, eine zusammengeschrumpfte kleine Frau mit einem roten, verhärmten Gesicht, kam selbst zur Tür. Die Dame wünschte ein Wohn- und ein Schlafzimmer – könnte sie diese bekommen? Mrs. Gould bejahte dies, nannte einen sehr mäßigen Preis und bat sie herein, um die Zimmer in Augenschein zu nehmen. Sie befanden sich im ersten Stockwerk und waren zwar nicht groß, aber reinlich, hübsch eingerichtet und behaglich; durch eine Tür gelangte man von einem Zimmer ins nächste. Mrs. Crane gefielen die Zimmer sehr. »Sie sehen, daß ich meine Niederkunft erwarte,« sagte sie. »Dies wird doch kein Hindernis sein?« »Oh – nein, ich wüßte nicht warum,« antwortete die Witwe nach kurzer Überlegung. »Es kümmert sich doch sicher jemand um Sie, Ma’am? Ich könnte es nicht übernehmen.« »Das versteht sich,« entgegnete Mrs. Crane. Demgemäß wurde der Handel geschlossen. Mrs. Crane nahm die Zimmer für mindestens einen Monat und bemerkte, daß sie es vorziehe, immer von Monat zu Monat zu mieten, und Mrs. Gould übernahm die gewöhnliche Aufwartung. Hierauf ging Mrs. Crane zum Wirtshaus zurück, um für die Erfrischung zu bezahlen, die sie zu sich genommen hatte, und ihren Koffer nach Palace Street bringen zu lassen. Bei ihrer Rückkehr in die neue Wohnung fand sie alles zu ihrem Empfang bereit. Ein behagliches Feuer brannte im Kamin des Wohnzimmers, wo der Tee auf dem Tisch stand, während die Witwe beschäftigt war, das im anstoßenden Zimmer stehende Bett mit frischen Bezügen zu versehen. Die Aussicht, ihre Zimmer auf mehrere Monate zu vermieten, hatte die Witwe in gute Laune versetzt, und als Zeichen der besonderen Aufmerksamkeit gegenüber ihrer neuen Mieterin hatte sie die letzte Ausgabe der South-Wennock-Wochenzeitung neben das Teetablett gelegt. Als Mrs. Gould, die keine Magd hielt, sondern ihre Mieter stets selbst bediente und ihre übrigen Zimmer an einen Dauergast vermietet hatte, der sich gegenwärtig nicht in South Wennock aufhielt, auf das Läuten der Klingel wieder in das Zimmer trat, um das Teegeschirr abzuräumen, fand sie die Dame, die inzwischen Hut und Mantel abgelegt hatte, am Tisch sitzen. Ohne ihren Hut sah sie in ihrem Seidenkleid und mit ihrem goldbraunen Haar wie ein junges Mädchen aus. »Seien Sie so gut und setzen Sie sich doch,« sagte Mrs. Crane zu der Witwe und legte die Zeitung auf den Tisch, in der sie gelesen zu haben schien. Doch Mrs. Gould zog es vor zu stehen und fing an, ihre runzligen Hände zu reiben, wie sie es stets tat, wenn sie wartete. »Ich möchte Sie um eine Auskunft bitten. Lassen Sie das Teegeschirr noch stehen; es kann warten. Zunächst, welche Ärzte haben Sie in South Wennock?« »Die Greys,« lautete die Antwort der Witwe Gould. Es entstand eine Pause, da Mrs. Crane wahrscheinlich auf eine weitere Namensaufzählung wartete, Als diese nicht erfolgte, wiederholte sie fragend: »Die Greys?« »Ja, Mr. John und Mr. Stephen Grey, Ma’am. Es gab noch einen dritten Bruder, Mr. Robert, aber er starb im vorigen Jahr. Ganz prächtige, geschickte Gentlemen alle drei, und sie haben die ganze Praxis hier gehabt, wie schon früher ihr Vater und ihr Onkel.« »Wollen Sie damit sagen, daß es keine anderen Ärzte in der Gegend gibt?« fragte die Fremde etwas erstaunt. »Daß es sich in einem so großen Ort, wie es dieser zu sein scheint, so verhalten soll, habe ich noch nie gehört.« »South Wennock ist erst in letzterer Zeit so groß geworden, Ma’am. Die Greys wurden stets überall sehr gemocht und geachtet und konnten, da sie zu dritt waren, mit noch einem Gehilfen, den sie stets halten, sämtliche Arbeit bewältigen. Aber inzwischen gibt es noch einen anderen Doktor hier, ein Gentleman namens Carlton.« »Was wissen Sie über ihn?« »Nun, ich habe vergessen, wo er herkommt – aus London, glaube ich. Er ist ein so schöner und vornehmer Mann, wie Sie nur je einen gesehen haben,...



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