Wood | George Canterburys Testament | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 512 Seiten

Wood George Canterburys Testament


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95718-965-3
Verlag: Red ediciones
Format: EPUB
Kopierschutz: PC/MAC/eReader/Tablet/DL/kein Kopierschutz

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

ISBN: 978-3-95718-965-3
Verlag: Red ediciones
Format: EPUB
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Eigentlich besteht kein Zweifel, wer den enormen Reichtum George Canterburys einst erben wird, denn der Witwer hat vier Töchter, mit denen er auf dem Familienanwesen lebt. Doch es scheint, als habe sich Mr. Canterbury in den Kopf gesetzt, noch einmal zu heiraten, wie seine Töchter bestürzt feststellen - und zwar ausgerechnet die blutjunge Caroline Kage, deren intrigante Mutter von dem Wunsch besessen zu sein scheint, nicht nur ihrer Tochter zu einer fabelhaften Partie zu verhelfen, sondern sich zugleich selbst aus ihren überaus beschränkten Verhältnissen herauszuhelfen. Dass Unfriede entstehen würde, wenn Mr. Canterbury eine neue Gattin ins Haus brächte, ist den Schwestern von vorneherein klar, doch sie ahnen nicht, welchen Einfluss Caroline und ihre Mutter auf den älteren Herrn ausüben, dass dieser sein Testament ändern solle, und zwar auf solche Weise, dass die zu den Testamentsvollstreckern ernannten Personen sich weigern, zu den Handlangern eines derart ungerechten letzten Willens zu werden ... Die Schriftstellerin Ellen Wood, besser bekannt unter dem Namen Mrs. Henry Wood, verfasste weit über dreißig Romane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, ihr zu weltweiter Bekanntheit verhalfen und sie in Australien bekannter als Charles Dickens machten.

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1. Kapitel.
Im Abendlicht.
Nichts hätte anmutiger sein können. Die im Westen versinkende Sonne goß ihre Strahlen auf die lange blaue Wasserlinie. Sie schimmerte auf den weißen Segeln der Vergnügungsboote und der Fischerkähne, die sich zu ihrer nächtlichen Arbeit anschickten, brachte die schönen, auf ihrem entfernten Kurs vorüber segelnden Schiffe in schärferer Klarheit vor das Auge und spielte mit sanftem Licht auf den Gipfeln der Gebirgskette, die ihre wellenförmigen Umrisse meilenweit in die Ferne hin erstreckte und den Ausblick zur Rechten begrenzte. Überall herrschte ruhige, wohltuende Stille. Wilde Meereswogen waren an diesem Abend nirgendwo zu sehen; weder Schaum noch Gischt krönte die Wellen. Die ganze Welt schien auszuruhen von aller Plage und Mühsal, von ihren sündhaften Leidenschaften und unbedeutenden Kämpfen, als wolle sie allen Menschenherzen einen Vorgeschmack von jenem Seelenfrieden einflößen, der ihnen erst im Himmel beschieden ist. Der Ort, Little Bay, war ein ruhiger kleiner Badeort an der Küste von Wales, wo das Baden angenehm, die Luft belebend war und der Seeblick in weite Ferne reichte. Da er zu jener früheren Zeit wenig besucht wurde, war er anspruchslos und äußerst günstig und ahnte nichts davon, welch ein beliebter Erholungsort für die modische Gesellschaft er zu werden vorausbestimmt war. In einem großen, offenen Bogenfenster befanden sich zwei junge Mädchen, die zum Teil ihre Blicke über die Aussicht schweifen ließen, die der einen von ihnen so teuer war, und zum Teil einem Gentleman zuhörten, der außerhalb des Fensters an dessen Rahmen gelehnt stand und sich zwanglos mit ihnen unterhielt. Das ihm zunächst stehende Mädchen, das auf seine schlagfertigen Worte antwortete, noch ehe er seine Sätze recht beendet hatte, war prächtig in schöne blaue Seide und Spitzen gekleidet – ein junges, schönes Mädchen von siebzehn Jahren, dem Aussehen nach fast noch ein Kind, mit lachenden dunkelblauen Augen, üppigem dunkelbraunem Haar und Wangen, die mit den Farben der Damaszenerrose wetteiferten – alles in allem eine so liebliche Erscheinung, wie sie nur je die Sinne eines Mannes entzückte. Die andere war ebenfalls sehr hübsch, bot jedoch einen ruhigeren Anblick. Sie war ein sanftes Mädchen von gerade neunzehn Jahren, mit großen, schüchternen, hellbraunen Augen, etwas hellerem braunem Haar und ein wenig blasser Hautfarbe – ein sanftes, liebliches Gesicht, das man gern betrachtete. Sie war größer als ihre Gefährtin und dennoch nur von mittlerer Größe; ihr schlichtes Musselin-Kleid konnte höchstens einige Shilling gekostet haben. Man kann nicht von den Kleidern auf die Mittel des Trägers derselben schließen, wie alle Welt weiß. Das prächtig gekleidete Mädchen in ihrer blauen Seide mit den kostbaren Honiton-Spitzen1 – Caroline Kage – hatte von jeher in dürftigen Verhältnissen gelebt, denen sie nicht anders zu entgehen erwartete als durch eine vorteilhafte Heirat; die andere sollte mutmaßlich einst wenigstens hunderttausend Pfund erben, denn sie war eine Tochter des reichen Mr. Canterbury aus Chilling. Und er, der nun mit ihnen plauderte – Thomas Kage? Er war von Beruf Rechtsanwalt, der sich sein Brot hart verdienen mußte und von keinem Menschen auf der Welt auch nur einen Shilling zu seiner Hilfe erwartete, ein Mann von so schlanker Gestalt, daß sie ihn fast von mittlerer Größe erscheinen ließ. Haar und Augen waren dunkel; sein Gesicht hatte nichts Besonderes, war jedoch ehrlich, freundlich und aufrichtig. Die Leute nannten Thomas Kage »unansehnlich«, und dies war er auch, wenn man ihn nach den strengen Regeln der Schönheit beurteilte; doch sein Antlitz war ein gutes, das jene, die es zu deuten verstanden, sofort von seinem inneren Wert überzeugte. Es war die dritte Woche im September; sie waren in der dritten Augustwoche in den Badeort gekommen, so daß er und die beiden Mädchen nun seit einem Monat tägliche, ja, fast stündliche Gefährten gewesen waren. Das Resultat war ein solches, wie es nicht selten vorkommt. Welche von beiden ihn am innigsten lieben gelernt hatte, wäre schwer zu bestimmen. Millicent Canterbury war ihm nie zuvor begegnet, wohl aber Caroline Kage, wenngleich nicht oft – sie und er waren Cousins entfernten Grades. »Warum so ernst, Miss Canterbury?« fragte er plötzlich und beugte den Kopf vor, um sie zu betrachten, denn sie saß etwas weiter hinten im Fenster. »Bin ich ernst?« entgegnete sie, und eine leichte Röte, deren sie sich nur zu bewußt war, flog bei seinen Worten über ihre sanften Wangen, und sie neigte ihr Gesicht zu Boden, um dieselbe zu verbergen. »Sie sind jedenfalls schweigsam.« »Ich hörte Ihnen und Caroline zu.« »Ich denke, Sie ziehen grundsätzlich das Zuhören dem Sprechen vor,« sagte er, und ein Lächeln von außerordentlicher Lieblichkeit umspielte seine Lippen. Jenes Lächeln war das einzige wirklich Schöne in Thomas Kages Antlitz und widerlegte, so lange es währte, den Vorwurf der Unansehnlichkeit. »Tue ich das?« Tue ich das! So gleichgültig diese Worte auch gesprochen wurden, wußte Millicent Canterbury dennoch sehr wohl, daß der Vorwurf der Wahrheit entsprach, und die Rosenröte der Wangen steigerte sich zu dunkler Glut. In seiner Gegenwart hätte sie ebensowenig unbefangen zu plaudern vermocht wie eine Stumme; ihre Liebe zu ihm war tief, wahr und leidenschaftlich, und eine solche Liebe verschließt oft, wie die meisten von uns wissen, die Lippen in der Gegenwart des angebeteten Wesens. »Und stimmen Sie Caroline zu oder mir?« »Ihnen,« war Millicent zu gestehen genötigt, denn sie war von offener, freimütiger Natur und Ausflüchte waren ihr fremd; doch das Eingeständnis erhöhte die Glut auf ihrem Antlitz noch weiter. »Denn ich bin sicher, daß Mrs. Kage uns die Ausfahrt nicht erlauben wird.« Sie hatten einen für den folgenden Tag geplanten Segelausflug besprochen, diese beiden Mädchen, an dem Miss Annesley, die mit ihnen nach Little Bay gekommen war, und Thomas Kage als Beschützer teilnehmen sollten. Caroline sprach davon wie von einer abgemachten Sache; er hingegen hatte es ganz ruhig für »lauter Unsinn« erklärt. »Du wirst schon sehen,« fuhr Miss Kage fort. – »Leta, warum um alles in der Welt wirst du so rot? – Und ich finde es sehr garstig von dir, Thomas, kaltes Wasser auf meinen Vorschlag zu gießen.« Thomas Kage lachte. »Kaltes Wasser! Ach, Caroline wenn du nur wüßtest, wie heißes Wasser ich darauf gießen würde, wenn es den Ausflug möglich machen würde!« fuhr er im Ton ernsterer Bedeutsamkeit fort. »Die Aussicht, euch zu begleiten, ist entzückend, aber es wird nicht dazu kommen. Wie Miss Canterbury sagt, deine Mutter wird es nicht erlauben.« »Es ist so einfältig von ihr, daß sie sich vor dem Wasser fürchtet,« sagte Caroline hastig. »Als ob man in ruhiger See ertrinken könnte.« Er erwiderte nichts, sondern warf ihr nur einen Blick zu, und eine flüchtige Gemütsbewegung flog über ihr reizendes Gesicht. Sie waren sich beide wohl bewußt, daß Mrs. Kages Einspruch gegen den Segelausflug nicht der Furcht vor etwaigen Gefahren – wiewohl sie in dieser Hinsicht wirklich so ängstlich war, wie ihre Tochter sagte – sondern vielmehr der Besorgnis vor den Folgen dieses häufigen und nahen Beisammenseins zuzuschreiben war. »Mrs. Kage betrachtet das Meer als ein heimtückisches Ungeheuer, das beständig die Unvorsichtigen zu verschlingen lauert, die sich in seine Gewalt wagen, wie du weißt, Caroline,« bemerkte er gleichgültig, während er ein Buch öffnete, das er in der Hand hielt, und darin blätterte. »Was wirst du morgen früh sagen, wenn ich dir mit der Nachricht entgegen komme, daß ich Mama überredet habe, ihre Einwilligung zu geben?« »Ich werde sagen, daß du die liebste Cousine auf der ganzen Welt bist –« »Das kannst du leicht sagen, wenn du keine andere hast,« unterbrach sie ihn verdrießlich. »Und die gescheiteste Diplomatin,« fuhr er fort. »Du solltest die Leute ausreden lassen, Caroline. Ich wünsche dir allen Erfolg, gebe mich aber nicht der Hoffnung hin, daß der Wunsch in Erfüllung gehen wird.« »Wie würdest du eine solche Art von Wunsch nennen, wenn ich fragen darf?« »Einen ungläubigen, nehme ich an.« »Allerdings. Und ich werde dich dazu verurteilen, dich dafür zu schämen, wenn ich dir Mamas Einwilligung bringe.« »So sei es, Caroline,« entgegnete er. – »Und Sie, Miss Canterbury? Sie haben noch nicht gesagt, ob Sie mitkommen.« »Ja, ich – ich denke schon,« lautete die zögerlich gegebene Antwort. »Ich mache mir nicht viel aus dem Meer.« »Wie? Ich habe Sie sagen hören, Sie liebten das Meer.« »Ich liebe den Anblick des Meeres. So wie wir es jetzt vom Fenster aus sehen, erscheint es mir schöner als irgend etwas auf der Welt. Ich könnte es ewig ansehen, ohne dessen müde zu werden, seine wechselnden Farben zu beobachten, mir meine Gedanken über die großen vorüber segelnden Schiffe zu machen und den kleinen Booten zuzuschauen, die an der Küste hin und her kreuzen. Meine Liebe zum Meer ist etwas Seltsames. Aber wenn ich mich auf ihm befinde, bin ich fast ebenso ängstlich wie Mrs. Kage; und in stürmischem Wetter werde ich schrecklich seekrank.« Er lachte. Caroline Kage sprach in einem etwas ärgerlichem Ton. »Es ist keine besondere Notwendigkeit vorhanden, Leta, daß du in Entzücken über das Meer ausbrichst, selbst wenn du es wirklich liebst.« »Nein,« sagte Leta kleinlaut, »natürlich nicht.« Sie wurde fast stets »Leta« genannt. Als kleines Kind, ehe sie noch...



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