Woods | Caras Schatten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Reihe: Baumhaus

Woods Caras Schatten


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1633-6
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Reihe: Baumhaus

ISBN: 978-3-8387-1633-6
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Kinder haben sich Cara und Zoe ewige Freundschaft geschworen. Inzwischen sind beide 16 Jahre alt und leben schon lange in verschiedenen Städten. Doch plötzlich steht Zoe vor Caras Tür. Cara nimmt sie überglücklich bei sich auf.

Zoe ist wieder da, ihre einzige Vertraute. Doch irgendwie benimmt sie sich seltsam. Und dann stirbt plötzlich Caras Erzfeindin ...

'WOW. Einfach nur wow. Ich stehe unter SCHOCK. Ich habe GÄNSEHAUT. Mir läuft es kalt den Rücken runter. Das war einfach gruselig.' Leserstimme auf goodreads.com

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Kapitel 1


Cara Lange stand mit ihrer Pausenbrottasche am Eingang der Cafeteria. Der Lärm plappernder Schüler wogte über das Meer weißer Resopaltische hinweg, und ein dunstiger Geruch von Kartoffeln und Zwiebeln drang aus der Küche. Cara zögerte. Sie war sich nicht sicher, ob sie eine weitere Mittagspause als stummes Anhängsel der Leichtathletikmädels überstehen würde. Sie kam sich vor wie ein verkümmertes Organ – überflüssig und nutzlos. Einen Moment lang erwog sie die Möglichkeit, sich auf den Parkplatz zu flüchten und in ihrem gelben 99er Volvo zu essen. Aber nein. Ganz so erbärmlich war sie nun auch wieder nicht.

Noch nicht.

Cara zwang ihre Beine, sie quer durch den braun gefliesten Raum zu tragen. Die Sherman Highschool hatte nicht viele Neuerungen erfahren, seit sie 1975 erbaut worden war – in jener berüchtigten Phase, die als Brutalismus in die Architekturgeschichte eingehen sollte. Auswärtige, die an dem Gebäude vorbeifuhren, hielten die ausgedehnte Anlage am Stadtrand von Des Moines häufig für ein Gefängnis. Cara hätte ihnen ohne Weiteres bestätigen können, dass sie damit gar nicht so falsch lagen.

Sie schob sich vorbei an den Emo-Typen in ihrer angestammten Ecke, den Hipsters in ihren RetroT-Shirts und schließlich den Hippies, die ihren Bio-Joghurt löffelten. Ein paar Schüler aus dem Kunstkurs hatten mehrere Stühle zu einem Turm übereinandergestapelt – offenbar eine Art neuartiges Kunstwerk. Die Leichtathletikmädels hatten sich dicht um ihren gewohnten Tisch zusammengeschart. Sarit Kohli, deren langer geflochtener Pferdeschwanz fast bis zu ihrer Taille reichte, stürzte sich auf einen Teller Putenfleisch, während sie Rachael Meade vom gestrigen Training berichtete. Julie Cohen mampfte geräuschvoll einen Apfel und lachte über eine SMS, die Madeline Brazelton gerade verschickte. Cara blieb einen Moment lang unschlüssig stehen, ein vages Lächeln auf dem Gesicht, doch niemand blickte zu ihr auf oder unterbrach sein Gespräch. Schließlich zog sie sich einen Stuhl vom Nachbartisch heran und quetschte sich zwischen Sarit und Madeline.

»Oh, hallo Cara«, sagte Sarit und blickte zu ihr auf. Sie rückte ihren Stuhl ein wenig zur Seite.

»Danke.« Cara setzte sich.

»Kein Problem.« Sarit zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder Rachael zu.

Cara ließ sich von den Geräuschen umfangen wie von einer Rauchwolke und zog einen Beutel Babykarotten aus ihrer Nylontasche, um gelangweilt daran zu knabbern. Ihr Blick schweifte durch den Raum zum Eingang der Cafeteria. Prom-Prinzessin Alexis Henning kam gerade zur Tür hereingeschwebt. Ihr honigblondes Haar wogte in perfekt gestylten Wellen über ihre Schultern. Dicht dahinter folgte Ethan Gray, Kapitän des Leichtathletikteams und Gelegenheitsfreund von Alexis, mit dem sie mal zusammen war und mal nicht. Ihre fettgesichtige beste Freundin – Caras Nachbarin, Sydney Powers – trippelte an Alexis’ Seite in den Raum. Caras Schultern verkrampften sich unwillkürlich.

Die kleine Gruppe setzte sich lässig auf ihren gewohnten Platz ein paar Tische weiter. Zum millionsten Mal betrachtete Cara Ethans Profil – seine eisblauen Augen, seine hübsche Nase, seinen herrlich verwegenen Dreitagebart. Sein dichtes dunkles Haar streifte den Kragen seines dunkelblauen Polohemds. Cara lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und fuhr ihm im Geiste mit den Fingern über seine kantige Wange.

»Du hast wohl vergessen, dich zu rasieren«, neckte sie ihn in ihrer Fantasie. »Ich hab keine Lust, mich beim Küssen kratzen zu lassen.«

»Tja, Pech gehabt«, erwiderte er. Dann beugte er sich zu ihr herunter, um sie sanft an sich zu ziehen. Sie spürte die harten Muskeln seiner Brust. Sein Mund näherte sich ihrem. Sie schloss die Augen …

Alexis’ durchdringende Stimme kreischte ihr in die Ohren. »Du kannst morgen nicht mit zu Sydney kommen, Ethan. Nur Mädels, du Dumpfbacke!«

Cara öffnete die Augen. Drei Tische weiter riss Alexis gerade mit spitzen Fingern den Deckel ihres Zitronenjoghurts ab. Ethan beugte sich zu ihr herüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr. »Ihhh, du bist ja widerlich!« Sie versetzte ihm einen Schlag gegen die Schulter. Ethan grinste.

Cara atmete tief durch. Ihre Finger krallten sich in eine Karotte, und sie musste sich zwingen, ihren Griff ein wenig zu lockern. Sydneys überraschend tiefe Stimme schaltete sich ein. »Meine nächste Party wird nur für Jungs, Ethan – ausgenommen natürlich wir beide.«

Cara widerstand dem Drang, ihr Gesicht in den Händen zu vergraben. Sydneys Haus stand sozusagen in ihrem Garten. Sprich, jeden Freitag- und Samstagabend hockte Cara allein zu Hause und tat so, als würde sie sich aufgezeichnete Folgen von Desperate Housewives angucken, während sie in Wirklichkeit versuchte, das Kreischen und Lachen von Sydneys Terrasse zu ignorieren.

Gott, wenn Zoe doch nur hier wäre. Bei dem Gedanken an ihre beste Freundin machte sich ein vertrauter Schmerz in ihrer Magengrube breit. Sie hatte Zoe nicht mehr gesehen, seit sie in der fünften Klasse mit ihrer Familie umgezogen war. Es fühlte sich an, als würde ein Teil von ihr fehlen.

Cara schob ihr Essen beiseite und holte ihr Notizbuch aus der Tasche. Sinnlos kritzelte sie auf den Seitenrändern herum. Sie hatte lange nicht an Zoe gedacht, aber in letzter Zeit verfolgten sie die Erinnerungen geradezu. Beispielsweise, wie sie zwischen den wilden Weinstöcken im Wald hinter Zoes Haus herumgeklettert waren und Waldprinzessinnen gespielt hatten. Oder wie sie versucht hatten, den verrückten Schäferhund der Nachbarn mit Muffins zu zähmen, und dann laut gekreischt hatten, als er sie anbellte. Oder wie Zoe unzählige Male nachts weinend durch ihr Zimmerfenster geklettert war, um vor ihrem furchtbaren Stiefvater zu flüchten. Zoe war zu ihr unter die Bettdecke gekrabbelt, und Cara hatte ihr seidiges, dunkles Haar gestreichelt, bis sie einschlief.

Sie hatten sich nach dem Umzug ein paarmal geschrieben, aber irgendwann war das Ganze eingeschlafen. Cara hatte den Eindruck, ihre Eltern waren froh, Zoe loszuwerden. Die beiden benahmen sich immer ausgesprochen seltsam, wenn Cara von ihrer Freundin sprach, fast so, als wären Zoe und ihre Familie nicht gut genug für sie. Nicht, dass ihre Eltern irgendein Recht hätten zu entscheiden, was gut für sie war und was nicht. Cara hatte ihre Kindheit bei diversen Babysittern verbracht, bis sie endlich alt genug war, um allein zu Hause zu bleiben – nur damit ihre Eltern keine Sekunde im Gerichtssaal verpassten.

Cara betrachtete ihr Notizbuch. Ohne darüber nachzudenken, hatte sie den Seitenrand über und über mit winzigen Zeichnungen von sich und Zoe vollgekritzelt. Sie blickte sich rasch um, doch niemand schien irgendetwas bemerkt zu haben. Sarit starrte wie gebannt auf ihr Handy, während Julie sich über ihre Schulter beugte und auf das Display deutete. Die anderen waren damit beschäftigt, sich die Reste ihres Essens in den Mund zu schaufeln. In wenigen Minuten würde es läuten. Hastig riss Cara die Seite heraus und stopfte sie in die Gesäßtasche ihrer abgewetzten marineblauen Stoffhose.

Im selben Moment übertönte ein schrilles Lachen den Lärm in der Cafeteria. Cara blickte auf. Auf der anderen Seite des Raums entdeckte sie Jack Penn, der sich Alexis über seine kräftige Schulter geworfen hatte – wie ein Feuerwehrmann.

»Hör auf, Jack!«, kreischte Alexis vergnügt und trommelte mit ihren manikürten Händen auf seinem Rücken herum. Er wirbelte sie im Kreis herum, und die Mädels an Caras Tisch prusteten gehässig. Schließlich stellte Jack Alexis wieder auf die Füße. Dann beugte er sich zu ihr herunter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie lachte wie ein Esel und bleckte ihre Zähne.

Cara heftete den Blick auf Ethan, der den beiden gegenüber am Tisch saß und mürrisch vor sich hinstarrte. Sie konnte kaum glauben, dass Alexis vor seinen Augen so schamlos mit Jack flirtete. Ethan beugte sich zu ihr herüber, die Hände auf die Tischplatte gestützt, und sagte irgendetwas. Cara beobachtete, wie die beiden hin und her diskutierten, Alexis mit verschränkten Armen, Ethan mit finsterer Miene. Cara konnte nicht hören, was sie sagten, aber man musste kein Verhaltensforscher sein, um es sich vorzustellen. Ethan drehte sich um, als wollte er gehen. Caras Finger krallten sich so fest in die Tischplatte, dass ihre Knöchel weiß wurden. Doch Alexis schnappte sich Ethans Handgelenk und zog ihn zu sich heran.

Cara schloss für einen gedehnten Moment die Augen. Als sie sie wieder öffnete, waren die beiden in einem leidenschaftlichen Kuss verschmolzen. Er hatte die Arme um ihre Taille geschlungen, sie die Hände um seinen Hals gelegt.

Cara ließ sich auf ihrem Stuhl zusammensinken. War klar. Die alte Leier.

Ethan und Alexis verließen gemeinsam den Tisch und schoben sich durch den überfüllten Speisesaal in Richtung Tür. Ethan blieb alle paar Schritte stehen, um mit irgendjemandem zu reden. Cara beobachtete, wie er die Hand hob und mit Ms Sitwell, der Schulsekretärin, abklatschte. Cara seufzte und stand auf. Sie sollte die Gelegenheit nutzen, um schon mal mit ihren Mathehausaufgaben anzufangen. Sie legte ihren Frischhaltebeutel zu einem ordentlichen Viereck zusammen und steckte ihn in ihre Nylontasche. Dann verabschiedete sie sich mit einem Nicken von den Leichtathletikmädels. Sarit winkte flüchtig, die anderen blickten nicht einmal auf.

Cara steckte sich das letzte Stück Babykarotte in den Mund und schob ihren Stuhl unter den Tisch. Doch eines der Stuhlbeine verhakte sich, und sie stolperte gegen die Tischkante....



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