Woods | Die Glücksliste | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

Woods Die Glücksliste

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-17669-3
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

ISBN: 978-3-641-17669-3
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



So charmant und witzig wie eine romantische Komödie mit Hugh Grant

Rachel ist passionierte Listenschreiberin, seit sie denken kann. Nichts liebt sie so sehr, wie das Abhaken von To-do-Punkten. Doch hilft auch die beste Liste nicht, wenn man mitten in einer Scheidung steckt und dringend eine neue Bleibe finden muss. Als sie Patrick kennenlernt, der ein Zimmer zu vergeben hat, zieht sie spontan bei dem attraktiven Singlevater ein. Und auch ihre Freundinnen wollen helfen: mit der ultimativen »zurück ins Leben«-Liste. Rachel macht sich ans Werk und kann – mit Patricks Hilfe – bald diverse Häkchen setzen ...

Eva Woods wuchs in Nordirland auf, verließ ihre Heimat nach der Schule jedoch und ging zum Studieren nach Oxford. Nach ihrem Abschluss lebte sie einige Zeit in Frankreich und China, kehrte dann aber nach London zurück, wo sie nun schreibt und Creative Writing unterrichtet. Sie liebt Wein, Popmusik und Urlaub, und sie ist sich sicher, dass Onlinedating das schlechteste Spiel ist, das je erfunden wurde.
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1. Kapitel

Zwei Jahre später

Dinge, die an einer Scheidung zum Kotzen sind, Nummer drei: Exakt in dem Moment, in dem dein Leben am Tiefpunkt angelangt ist, und alles, was du brauchst, ein besonders inspirierender Song ist, um dich aus dem Tal der Tränen zu hieven und deine Seele mit Rat und Ansporn zu erquicken, kannst du die CD nicht finden, die du suchst. Und das nur, weil dein Exmann – dein sehr bald schon Exmann – sie eingepackt hat und du ihn nicht danach fragen kannst, weil du weißt, dass das wahrscheinlich nicht sehr weit oben auf der Liste seiner dringlichsten Angelegenheiten steht. Ich lag bäuchlings auf dem Boden und tastete unter die Regalwand, in der wir früher – früher – unsere CDs aufbewahrten. Wo zum Henker war sie? Warum bitte hätte er die KT Tunstall CD einpacken sollen? KT Bumsstall, wie er sie nannte.

Als meine Freundinnen unter dem Gewicht der Umzugskartons schwankend zurück ins Zimmer kamen, fanden sie mich immer noch auf dem Boden liegend vor, heulend und bei dem Versuch, meine eigene erquickliche Hintergrundmelodie zu summen, während meine Stimme unter Tränen, Staub und dem Zwei-Flaschen-Chardonnay-Kater des Vorabends langsam, aber sicher erstickte.

»Rachel, was ist passiert? Hast du noch eine Socke von ihm gefunden? Hast du dir das Lied eures Hochzeitstanzes angehört?« Emma kam herübergeeilt und drückte auf dem Weg quer durchs Zimmer Cynthia ihren Karton in die Arme.

»Vorsicht, Emma! Da ist der Le-Creuset-Schmortopf drin. Willst du mich zum Krüppel machen?«

»KT …«, brabbelte ich. »Kann sie nicht finden … Brauche das Lied!«

»Welches Lied?«

»Das eine!« In den Untiefen meiner Trauer konnte ich mich nicht mehr an den Titel erinnern. »Das Lied zum Umstyling-Zusammenschnitt aus Der Teufel trägt Prada. Ihr wisst schon, das eine, das so geht – du, du, du-du, du-du-du. Ich brauche es! Damit ich in schicken Schuhen und hübschen Klamotten herumspazieren kann, obwohl meine Chefin gemein zu mir ist. Und dann wird alles gut!«

Emma und Cynthia wechselten einen bedeutungsvollen Blick, dann zog Cynthia ihr iPhone hervor und drückte darauf herum. »Meinst du das hier?«

Suddenly I see begann etwas blechern aus dem Telefon zu plärren.

Ich weinte immer noch. »Das hier ist der Tiefpunkt! Ich muss dieses Lied hören, um mich danach besser zu fühlen und in meinen High Heels herumzustolzieren, versteht ihr?«

»Du trägst doch überhaupt keine High Heels, Süße«, sagte Cynthia sanft. »Du sagst immer, das seien Werkzeuge des patriarchalen Systems zur Unterdrückung der Frau, erinnerst du dich?«

Meine Füße steckten in schlammverkrusteten lila Gummistiefeln, in die ich geschlüpft war, um einige der Pflanzen auszugraben, die ich im Garten gepflanzt hatte, weil ich gedacht hatte, ich könnte sie in eine Kiste packen und mitnehmen. Das war allerdings, bevor ich realisierte, dass die Idee vollkommen bescheuert war, da ich weder über einen Platz zum Leben, geschweige denn einen Garten verfügte. Das ist es nämlich, was geschieht, wenn man sich scheiden lässt: Man wird verrückt. Ich schluchzte laut auf. »Ich weiß, ich habe nicht einmal High Heels! Alles ist so unglaublich schrecklich!«

Emma und Cynthia verständigten sich in Form eines kurzen Augenverdrehens, dann rief Emma mir in ihrer Wir-haben’s-mit-einer-Gestörten-zu-tun-Stimme zu: »Schau her! Wir stolzieren für dich herum, Liebes!« Und dann marschierten sie auf dem nackten Dielenboden meines schon bald Exwohnzimmers auf und ab, Emma in vernünftigen Laufschuhen und Cynthia in teuren braunen, kniehohen Stiefeln.

Wir hatten diverse kleine Veränderungen in Emmas Charakter bemerkt, seit sie Grundschullehrerin geworden war: erstens, eine exponentielle Zunahme an Rechthaberei; zweitens, die Gewohnheit uns zu fragen, ob wir noch mal aufs Klo müssten, bevor wir irgendwohin gingen; und drittens, den vollkommenen Verlust jedweden körperlichen Schamgefühls. Nun tänzelte sie über den Boden, in Begleitung einer augenrollenden Cynthia, die tapfer mit ihren langen Gliedmaßen herumwedelte, allerdings anhielt, als das Lied verstummte und dafür ihr Telefon klingelte. »Cynthia Eagleton. Um Himmels willen, nein! Ich habe doch gesagt, du sollst sie endlich rausschicken. Hör mal, Barry, das ist eine ernste Sache … Was meinst du damit, das ist nicht dein Name? Egal, ich werde dich Barry nennen. Kannst du denn nichts selbst erledigen? Wie schaffst du es überhaupt morgens aus dem Bett? Mach es einfach.« Seufzend legte sie auf. »Ich schwöre euch, es ist das reinste Wunder, dass dieser Junge sich alleine die Nase putzen kann.«

»War es schwer, den Tag freizubekommen?«, fragte ich matt.

»Ihr kennt doch den Film Gesprengte Ketten? Tja, nur so schwer wie für Richard Attenborough und seine Kumpanen, aus diesem Strafgefangenenlager auszubrechen. Aber mach dir keine Sorgen, Süße. Ich bin hier, um zu helfen. Barry, oder wie auch immer er heißt, wird einfach lernen müssen, sich die Schnürsenkel selbst zu binden.«

Cynthia musste mit vielen Dingen in ihrem Leben fertigwerden. Und zwar nicht nur mit der Tatsache, dass ihre Mum es für angemessen gehalten hatte, sie Cynthia zu nennen – der Letzte Wille irgendeiner Großtante war ebenfalls daran beteiligt gewesen –, sondern auch mit der Tatsache, dass sie zehn Jahre älter war als ihre Geschwister und das einzige der Kinder, das von der ersten Liebe ihrer Mutter gezeugt worden war; einem Typen, der nach Jamaika abgeschoben wurde, noch bevor Cynthia das Licht der Welt erblickte. Aber sie hatte sich durchgebissen, inzwischen einen juristischen Spitzenjob, säte Angst und Schrecken bei ihren Kollegen, und sie hatte wirklich tolle Haare.

Emma schenkte mir ein sanftes Lächeln. »Es ist gut, dass du dir dieses Lied anhören willst, weißt du. Heißt das, du bist mit dem ganzen R.E.M.-Zeug durch? Sechzehn Interpretationen von Everybody Hurts in Folge?«

»Weiß nicht«, nuschelte ich in Richtung Fußboden.

»Ist eigentlich auch egal. Ich habe die CD im Garten vergraben, und ich werde dir ganz sicher nicht verraten, wo.«

»Oh.«

»Stehst du jetzt endlich vom Boden auf?«

»Ich weiß nicht.«

»Komm schon, du Schnecke. Du kriegst auch einen Aufkleber von mir.«

Da war ich also, Rachel Kenny, dreißig Jahre alt, unmittelbar vor der Scheidung, und musste von meinen Holzdielenböden, meinen Hortensien und Windspielen im Garten und meinem freigelegten gemauerten Kamin weggezerrt werden. All jene Dinge, die ich kaum eines Blickes gewürdigt, und trotzdem jeden Tag gesehen hatte, und die deswegen irgendwie zu mir gehörten. Meine Vorderseite war voller Staub vom Fußboden. Ich trug einen alten Collegepulli, teils, weil alles andere schon eingepackt war, und teils, weil ich ihn besessen hatte, bevor ich Dan traf, und hoffte, mich damit auf den damaligen Stand meiner Persönlichkeit zurücksetzen zu können. Das war die Art verquerer Logik, nach der ich momentan funktionierte. Dinge, die an einer Scheidung zum Kotzen sind, Nummer sieben: Du drehst komplett am Rad.

Endlich, nach zweimaligem Umkehren zum Haus, wegen Dingen, die ich vergessen hatte und die mir in dem Moment unglaublich wichtig erschienen (Haarbürste, Muffinbackblech, Wischmopp), saßen wir in dem Transporter, den Emma gemietet hatte.

»Fertig?«, fragte Cynthia an mich gewandt, während sie es sich auf dem breiten Fahrersitz bequem machte.

»Ich weiß nicht. Es ist … Mein ganzes Leben war da drin. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll.«

Sie drückte meinen Arm mit ihrer manikürten Hand. »Ich weiß, Süße. Aber wie sagt dein Vater immer?«

»Äh … Glücksrad ist nicht mehr dasselbe, seit Maren ausgestiegen ist?«

»Nein, ich meine das andere: Wenn du nicht zurückkannst, musst du eben vorwärtsgehen.«

Ich sah zum Haus. Dan würde erst später wiederkommen. Ich wusste nicht einmal, wo er untergekommen war, während ich meine Sachen packte. So weit war es also mit uns gekommen. »Findest du, ich sollte ihm eine Nachricht hinterlassen? Ich meine, ich kann doch nicht einfach so … gehen. Das kann nicht unser letztes Gespräch gewesen sein. Wir waren zehn Jahre zusammen!«

Wieder tauschten meine beiden besten Freundinnen einen Blick. »Wir haben doch schon darüber gesprochen, Rachel«, sagte Emma behutsam. »Ich weiß, dass es schwer ist, aber es muss einfach so sein.«

Wir fuhren los. Das Haus entfernte sich im Rückspiegel, bis es nur noch die Größe eines Legohäuschens hatte; bis ich beinahe das Gefühl hatte, ich könnte es aufheben und in die Tasche meines Kapuzenpullis stecken, doch da konnte ich es ohnehin nicht mehr sehen, weil mir die Tränen in die Augen stiegen, überquollen und auf meine staubbedeckte Brust tropften.

Emma reichte mir ein geblümtes Taschentuch, und Cynthia tätschelte mir die Hand, während sie die schicken Muttis in ihren protzigen Jeeps schnitt, die ihre Kinder von der Schule abholten.

Ich schloss die Augen. Dinge, die an einer Scheidung zum Kotzen sind, Nummer neun: Aus dem Zuhause ausziehen zu müssen, das du dir jahrelang aufgebaut hast, ohne einen anderen Ort, der auf dich wartet. Und auf halbem Weg auf der Autobahn fällt dir ein, dass du die KT Tunstall CD im Auto liegen gelassen hast, das ebenfalls nicht mehr deins ist, genauso wie der Rest deines Lebens.

Eine...


Woods, Eva
Eva Woods wuchs in Nordirland auf, verließ ihre Heimat nach der Schule jedoch und ging zum Studieren nach Oxford. Nach ihrem Abschluss lebte sie einige Zeit in Frankreich und China, kehrte dann aber nach London zurück, wo sie nun schreibt und Creative Writing unterrichtet. Sie liebt Wein, Popmusik und Urlaub, und sie ist sich sicher, dass Onlinedating das schlechteste Spiel ist, das je erfunden wurde.



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