Woolf | Ein eigenes Zimmer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 151 Seiten

Woolf Ein eigenes Zimmer


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7565-2361-0
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 151 Seiten

ISBN: 978-3-7565-2361-0
Verlag: epubli
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Das Essay 'A Room of One's Own' wurde erstmals im September 1929 veröffentlicht wurde. Der Text basiert auf zwei Vorlesungen, die Virginia Woolf im Oktober 1928 am Newnham College und am Girton College, den Frauenhochschulen der Universität Cambridge, hielt. Woolf stellt dabei fest, dass das Fehlen weiblicher Fiktion in der Literaturgeschichte eher auf einen Mangel an Möglichkeiten als auf weniger literarisches Talent zurückzuführen ist. In dem Essay verwendet Woolf verschiedene Metaphern, um die soziale Benachteiligung der Frau am Bespiel der Literatur zu erörtern. Die Hauptschlussfolgerung ihrer Arbeit lässt sich auf folgende Formel verdichten: Eine Frau muss Geld und ein eigenes Zimmer haben, um Romane schreiben zu können. Finanzielle Sicherheit und ein Raum des Rückzugs sind von elementarer Bedeutung für den kreativen literarischen Prozess. Die Differenz im literarischen Output zwischen den Geschlechter am Beginn des 20. Jahrhunderts lässt sich nach Ansicht von Woolf im Wesentlichen auf den Mangel dieser beiden elementaren Faktoren bezogen auf das weibliche Geschlecht zurückführen.

Adeline Virginia Woolf (1882 - 1941) war eine englische Schriftstellerin, die als eine der wichtigsten Autoren der Moderne gilt. 1912 heiratete sie Leonard Woolf, und 1917 gründete das Paar die Hogarth Press, die einen Großteil ihrer Arbeit veröffentlichte. Woolf hatte romantische Beziehungen zu Frauen, darunter Vita Sackville-West, die ihre Bücher auch über Hogarth Press veröffentlichte. Die Literatur beider Frauen wurde von ihrer Beziehung inspiriert, die bis zu Woolfs Tod andauerte. Zu ihren bekanntesten Werken zählen die Romane 'Mrs Dalloway' (1925), 'To the Lighthouse' (1927) und 'Orlando' (1928). Sie ist auch für ihre Essays bekannt, darunter 'A Room of One's Own' (1929). Ihre Werke wurden in mehr als 50 Sprachen übersetzt.
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KAPITEL ZWEI


Die Szenerie hatte sich, wenn ich Sie bitten darf, mir zu folgen, jetzt verändert. Die Blätter fielen immer noch, aber jetzt in London, nicht Oxbridge, und ich muss Sie bitten, sich ein Zimmer wie viele tausend andere vorzustellen, mit einem Fenster, aus dem man über die Hüte, Lieferwagen und Automobile der Menschen auf andere Fenster hinausblickte, und auf dem Tisch in dem Zimmer lag ein leeres Blatt Papier, auf dem in großen Buchstaben geschrieben stand: FRAUEN UND LITERATUR, aber sonst nichts. Die unausweichliche Folge des Mittag- und Abendessens in Oxbridge schien unglücklicherweise ein Besuch im British Museum zu sein. Man muss von diesen Eindrücken alles verdrängen, was persönlich und zufällig war, um so zur reinen Essenz, dem ätherischen Öl der Wahrheit, zu gelangen. Denn dieser Besuch in Oxbridge sowie das Mittag- und Abendessen hatten zahlreiche Fragen aufgeworfen. Warum tranken Männer Wein und Frauen Wasser? Warum war ein Geschlecht so wohlhabend und das andere so arm? Welche Wirkung hat die Armut auf die Literatur? Welche Vorrausetzungen sind für die Schaffung von Kunstwerken erforderlich? — Es stellten sich tausend Fragen gleichzeitig. Aber ich brauchte Antworten, keine Fragen, und eine Antwort konnte nur durch Konsultation der Gebildeten und Unvoreingenommenen erlangt werden, welche sich über sämtliche verbalen Konflikte und körperlichen Verwirrungen erhoben und die Ergebnisse ihrer Gedankengänge und Forschung in Büchern veröffentlicht haben, die man im British Museum findet. Wenn die Wahrheit nicht in den Regalen des British Museums gefunden werden kann, wo, fragte ich mich, während ich Notizbuch und Bleistift nahm, ist die Wahrheit dann zu finden?

Derart ausgestattet, zuversichtlich und neugierig machte ich mich an die Verfolgung der Wahrheit. Der Tag war zwar nicht feucht, aber trist, und die Straßen in der Umgebung des Museums waren voller offener Kohlenschächte, in die Säcke ausgeleert wurde; vierrädrige Fuhrwerke fuhren heran und deponierten verschnürte Kisten auf dem Bürgersteig, welche wahrscheinlich die gesamte Garderobe irgendeiner schweizerischen oder italienischen Familie enthielten, die ihr Glück, ihre Zuflucht oder irgendeine andere Begehrlichkeit suchten, die sich im Winter in den Gästehäusern Bloomsburys finden lässt. Männer mit heiseren Stimmen paradierten wie üblich mit Karren voller Gemüse die Straßen entlang. Einige riefen, andere sangen. London war wie eine Werkstatt. London war wie eine Maschine. Wir schnellten alle auf dieser glatten Unterlage vor und zurück, um irgendein Muster zu ergeben. Das British Museum war eine weitere Abteilung dieser Fabrik. Die Schwingtür öffnete sich und schon man stand unter der riesigen Kuppel, als ob man ein Gedanke in einer riesigen, glatzköpfigen Stirn wäre, die so prachtvoll von einer Reihe berühmter Namen umringt ist. Man ging zum Schalter, nahm ein Stück Papier entgegen, öffnete den Katalog und ….. die fünf Punkte hier stehen für fünf Minuten voller Betäubung, Verwunderung und Verwirrung.

Haben Sie eine Ahnung, wie viele Bücher innerhalb eines Jahres über Frauen geschrieben werden? Haben Sie eine Ahnung, wie viele von Männern geschrieben werden? Sind Sie sich bewusst, dass Sie eventuell das am meisten diskutierte Tier des Universums sind? Hier war ich nun mit einem Notizbuch und einem Bleistift, mit dem Plan, einen Morgen mit Lesen zu verbringen und der Annahme, dass ich am Ende des Vormittags die Wahrheit in mein Notizbuch eingetragen haben würde. Aber um das alles zu bewältigen, hätte ich eine ganze Elefantenherde sein müssen, dachte ich, und ein Spinnenschwarm zudem, in dem verzweifelten Verweis auf Tiere, die den Ruf haben, am längsten zu leben und die meisten Augen zu haben. Ich bräuchte Stahlklauen und einen Messingschnabel, um auch nur die Hülle zu durchdringen. Wie soll ich die Saat der Wahrheit inmitten dieser Massen aus Papier finden? Das fragte ich mich und fing verzweifelt an, meinen Blick die lange Titelliste auf und ab wandern zu lassen. Sogar die Titel der Bücher gaben mir Denkanstöße. Das Geschlecht und sein Wesen interessieren natürlich Ärzte und Biologen, aber überraschender- und erstaunlicherweise interessierte das Geschlecht — das weibliche, wohlgemerkt — auch artige Essayisten, langfingerige Romanschriftsteller, junge Männer mit Magisterabschluss, Männer ohne Abschluss; Männer, die über keine offensichtlichen Qualifikationen verfügen, abgesehen von der Tatsache, dass sie keine Frauen sind. Einige dieser Bücher waren offensichtlich frivol und spöttisch, aber viele waren dagegen ernsthaft und prophetisch, moralisch und mahnend. Allein das Lesen der Titel deutete darauf hin, dass unzählige Schulmeister, unzählige Geistliche ihre Podien und Kanzeln erklommen und sich mit einer Redseligkeit ausgelassen hatten, welche die Stunde, die üblicherweise Diskussionen zu diesem Thema zugestanden wird, bei weitem überschritt. Es war ein äußerst seltsames Phänomen und anscheinend — hier sah ich unter dem Buchstaben M nach — eines, welches nur das männliche Geschlecht betraf. Frauen schrieben keine Bücher über Männer — eine Tatsache, die ich mit Erleichterung zur Kenntnis nahm, denn wenn ich zuerst alles lesen müsste, was Männer über Frauen geschrieben haben, dann alles, was Frauen über Männer geschrieben haben, würde die Aloe, die einmal in hundert Jahren blüht, zweimal erblühen, bevor mein Stift mit Papier in Berührung käme. Also wählte ich völlig willkürlich etwa zwei Dutzend Bücher aus, legte meine Zettel in den Drahtkorb und wartete in meiner Kabine, inmitten der anderen Sucher nach dem ätherischen Öl der Wahrheit.

Was könnte wohl der Grund für dieses seltsame Ungleichgewicht sein, fragte ich mich, während ich Wagenräder auf die Zettel zeichnete, die vom britischen Steuerzahler für andere Zwecke zur Verfügung gestellt worden waren. Warum sind Frauen, wenn man nach diesem Katalog geht, für Männer so viel interessanter als Männer für Frauen? Es schien sehr seltsam und ich versuchte, mir das Leben der Männer vorzustellen, die ihre Zeit damit verbrachten, Bücher über Frauen zu schreiben; ob sie alt oder jung waren, verheiratet oder unverheiratet, rotnasig oder bucklig — jedenfalls war es irgendwie schmeichelhaft, sich als das Objekt solcher Aufmerksamkeit zu entdecken, sofern diese nicht ausnahmslos durch die Verkrüppelten oder Gebrechlichen gezeigt wurde — so grübelte ich, bis all diese belanglosen Gedanken durch eine Lawine aus Büchern unterbrochen wurde, die auf den Schreibtisch vor mir glitten. Jetzt begannen die Schwierigkeiten. Der Student, der in Oxbridge in Recherche ausgebildet wurde, verfügt zweifellos über irgendeine Methode, seine Fragestellung wie ein Schafhirte an allen Ablenkungen vorbeizuführen, bis sie wie ein Schaf in den Pferch auf die Antwort zuläuft. Der Student neben mir zum Beispiel, der emsig Dinge aus einem wissenschaftlichen Handbuch abschrieb, gewann sicher etwa alle zehn Minuten reine Tropfen des ätherischen Öls. Seine kleinen zufriedenen Grunzer ließen das annehmen. Aber wenn man unglücklicherweise nicht an einer Universität ausgebildet wurde, lässt sich die Frage keineswegs in ihren Pferch führen, sondern rast wie eine verängstigte Herde wahllos hin und her, verfolgt von einer ganzen Meute Hunde. Professoren, Schulmeister, Soziologen, Geistliche, Romanschriftsteller, Essayisten, Journalisten, Männer ohne Qualifikation, abgesehen von der Tatsache, dass sie keine Frauen waren, jagten meine einfache und einzige Frage — Warum sind einige Frauen arm? — bis daraus fünfzig Fragen wurden, die dann aber hektisch mitten in einen Fluss sprangen und weggeschwemmt wurden. Jede Seite meines Notizbuches war voll mit Notizen. Ich werde Ihnen einige davon vorlesen, um Ihnen meine geistige Verfassung zu demonstrieren, mit der Erläuterung, dass die Seiten recht einfach mit FRAUEN UND ARMUT in Druckbuchstaben überschrieben waren, aber etwas in dieser Art dort zu lesen war:

Ihre Lage im Mittelalter,

Gewohnheiten auf den Fidschiinseln,

Als Göttinnen verehrt,

Moralisch schwächer,

Idealismus,

Höheres Bewusstsein,

Eintreten der Pubertät bei Südseeinsulanerinnen,

Attraktivität,

Als Opfer dargeboten,

Kleines Gehirn,

Stärkeres Unterbewusstsein,

Weniger Körperhaare,

Geistige, moralische und körperliche Unterlegenheit,

Kinderliebe,

Längeres Leben,

Schwächere Muskeln,

Intensität der Zuneigung,

Eitelkeit,

Höhere Bildung,

Shakespeares Ansichten,

Lord Birkenheads Ansichten,

Dean Inges Ansichten,

La Bruyeres Ansichten,

Dr. Johnsons Ansichten,

Mr. Oscar Brownings Ansichten, ...

Hier holte ich Luft und fügte am Rand tatsächlich hinzu: Warum sagt Samuel Butler: „Weise Männer sagen nie, was sie über Frauen denken“? Anscheinend äußern sich weise Männer doch kaum zu etwas Anderem. Aber, so fuhr ich fort, während ich mich in meinem Stuhl zurücklehnte und in die riesige Kuppel blickte, in der ich ein einzelner, wenn auch mittlerweile etwas gequälter Gedanke war, das Bedauerliche ist, dass weise Männer über Frauen nie dasselbe denken. Hier ist Pope:

Die meisten Frauen haben überhaupt keinen Charakter.

Und hier ist La Bruyère:

Frauen sind extrem, sie sind entweder besser oder schlechter als die Männer——

ein direkter Widerspruch zwischen eifrigen Beobachtern, die zur selben Zeit lebten. Sind sie höherer Bildung fähig oder nicht? Napoleon hielt sie für unfähig, Dr. Johnson dachte das...



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