Woolf | Fahrt zum Leuchtturm | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 278 Seiten

Woolf Fahrt zum Leuchtturm


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7575-0687-2
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 278 Seiten

ISBN: 978-3-7575-0687-2
Verlag: epubli
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To the Lighthouse ist ein Roman von Virginia Woolf aus dem Jahr 1927. Der Text, damals ein bahnbrechender Roman der Hochmoderne, konzentriert sich auf die Familie Ramsay und ihre Besuche auf der Isle of Skye in Schottland zwischen den Jahren 1910 und 1920 und spielt dabei gekonnt mit zeitlichen Ebenen. Mit diesem Roman knüpft Virginia Woolf an die Tradition modernistischer Romanautoren wie Marcel Proust und James Joyce an, bei denen die Romanhandlung der philosophischen Selbsterforschung untergeordnet ist. Der Roman enthält nur wenige Dialoge und kaum Handlungsstränge. Der größte Teil des Inhalts behandelt die Gedanken und Beobachtungen der Romanfiguren. Zu den vielen Tropen und Themen des Buches gehören Verlust, Subjektivität und das Problem der Wahrnehmung. 1998 wurde To the Lighthouse von der Modern Library auf Platz 15 ihrer Liste der 100 besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts gesetzt. 2005 wurde der Roman vom TIME Magazine zu einem der hundert besten englischsprachigen Romane von 1923 bis heute gewählt.

Adeline Virginia Woolf (1882 - 1941) war eine englische Schriftstellerin, die als eine der wichtigsten Autoren der Moderne gilt. 1912 heiratete sie Leonard Woolf, und 1917 gründete das Paar die Hogarth Press, die einen Großteil ihrer Arbeit veröffentlichte. Woolf hatte romantische Beziehungen zu Frauen, darunter Vita Sackville-West, die ihre Bücher auch über Hogarth Press veröffentlichte. Die Literatur beider Frauen wurde von ihrer Beziehung inspiriert, die bis zu Woolfs Tod andauerte. Zu ihren bekanntesten Werken zählen die Romane 'Mrs Dalloway' (1925), 'To the Lighthouse' (1927) und 'Orlando' (1928). Sie ist auch für ihre Essays bekannt, darunter 'A Room of One's Own' (1929). Ihre Werke wurden in mehr als 50 Sprachen übersetzt.
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II - Die Zeit vergeht

1

»Nun, wir müssen abwarten, was die Zukunft bringt«, sagte William Bankes, als er von der Terrasse ins Haus trat.

»Es ist fast zu dunkel, um zu sehen«, sagte Andrew, der vom Strand heraufkam.

»Man kann kaum unterscheiden, was Land und was Meer ist«, sagte Prue.

»Lassen wir das Licht hier brennen?« fragte Lily, als sie drinnen die Mäntel ablegten.

»Nein«, sagte Prue, »wenn alle im Hause sind, nicht.«

»Andrew«, rief sie zurück, »mach das Licht in der Halle aus!«

Die Lampen wurden gelöscht, eine nach der andern; nur Mr. Carmichael, der gern noch ein Weilchen wachlag und seinen Vergil las, ließ seine Kerze länger brennen als die übrigen.

2

Als keine Lampen mehr brannten, der Mond untergegangen war und ein dünner Regen auf das Dach trommelte, strömte unendliche Finsternis hernieder. Nichts, so schien es, konnte dieser Flut, dieser Sintflut aus Finsternis entrinnen, die durch Schlüssellöcher und Fugen kroch, sich um Vorhänge stahl, in die Schlafzimmer schlich, hier einen Krug und ein Waschbecken verschlang, da eine Schale mit roten und gelben Dahlien, dort die scharfen Kanten und den massigen Rumpf einer Kommode. Aber nicht nur die Möbel gingen darin unter; es blieb kaum irgendwo von Körper oder Geist genug übrig, daß man hätte sagen können ›das ist er‹ oder ›das ist sie‹. Zuweilen hob sich eine Hand, als wollte sie nach etwas greifen oder etwas abwehren, oder jemand stöhnte, oder jemand lachte laut, als hätte er seinen Spaß mit dem Nichts.

Nichts rührte sich im Wohnzimmer, nichts im Esszimmer, nichts im Treppenhaus. Nur durch rostige Türangeln und verquollenes, seewasserfeuchtes Holzwerk (das Haus war ja ziemlich baufällig) strichen schwache Lüfte, gleichsam abgespalten vom großen Wind, schlichen um die Ecken und drangen ins Haus. Fast hätte man sich vorstellen können, wie sie neugierig und forschend ins Wohnzimmer kamen, mit den hängenden Tapetenfetzen spielten und fragten, ob sie noch lange hängen und wann sie fallen würden. Leicht über die Wände streichend, setzten sie nachdenklich ihren Weg fort, als fragten sie die roten und gelben Rosen der Tapete, ob sie verbleichen würden, und nahmen sich (freundlich, denn es fehlte ihnen ja nicht an Zeit) die zerrissenen Briefe im Papierkorb vor, die Blumen, die Bücher, die ihnen nun allesamt preisgegeben waren, und fragten: Waren sie Bundesgenossen? Waren sie Feinde? Wieviel Lebensdauer war ihnen bestimmt?

Nun stiegen die Lüftchen die Treppe hinauf, vom zufälligen Licht eines unverhüllten Sterns, eines vorüberfahrenden Schiffs oder vielleicht auch des Leuchtturms geleitet, das schwach auf Stufen und Matte fiel; sie erklommen die Treppe und witterten an Schlafzimmertüren. Hier aber mußten sie Einhalt tun. Was immer auch vergehen und verschwinden mag – was hier liegt, hat Bestand. Hier hätte man zu den gleitenden Lichtern und den tastenden Lüftchen, die sich sogar über das Bett beugen und flüstern, sagen können: Hier könnt ihr nichts berühren und nichts zerstören. Worauf sie verdrießlich und geisterhaft, als hätten sie federleichte Finger, aber die sanfte Beharrlichkeit der Federn, auf die geschlossenen Augen und die lose gefalteten Finger blicken, verdrießlich ihre Gewänder raffen und verschwinden würden. Witternd und streifend glitten sie zum Fenster im Treppenhaus, zu den Schlafkammern der Dienstboten, zu den Koffern im Dachboden; sie stiegen wieder nach unten und bleichten die Äpfel auf dem Eßzimmertisch, betasteten die Blütenblätter der Rosen, untersuchten das Bild auf der Staffelei, strichen über die Matte hin und bliesen ein bißchen Sand über den Fußboden. Schließlich ließen sie alle ab, sammelten sich, seufzten alle gemeinsam; alle miteinander stießen einen grundlosen Klagelaut aus, worauf eine Tür in der Küche antwortete, weit aufschwang, nichts hereinließ und ins Schloß fiel.

[Hier blies Mr. Garmichael, der im Vergil las, seine Kerze aus. Es war Mitternacht vorüber.]

3

Was aber ist schließlich eine einzige Nacht? Eine kurze Zeit nur, besonders wenn es so früh schon zu dämmern beginnt, so früh schon ein Vogel singt und eine Krähe krächzt, wenn so früh schon ein fahles Grün, wie ein flatterndes Blatt, im Hohlrund einer Welle aufglänzt. Immerhin, Nacht folgt auf Nacht. Der Winter hat einen Packen davon auf Lager und verteilt sie gleichmäßig und genau bemessen mit unermüdlichen Fingern. Sie werden länger; sie werden dunkler. Einige davon lassen hoch oben helle Planeten strahlen, schimmernde Silberplatten. Die herbstlichen Bäume, zerzaust vom Wind, glänzen nun wie zerfetzte Fahnen, die im Dämmerlicht kühler Gewölbe unter den Kathedralen schimmern, wo Goldbuchstaben auf Marmortafeln vom Schlachtentod erzählen und von Gebeinen, die fern im indischen Sand bleichen und dörren. Die herbstlichen Bäume leuchten im gelben Mondlicht, im Licht herbstlicher Monde, das die harte Mühsal mildert, die starrenden Stoppelfelder lindernd überglänzt und die Woge in leuchtendem Blau zum Gestade trägt.

Da schien es nun, als hätte, gerührt durch die Buße der Menschen und all ihre Beschwerden, die göttliche Güte den Vorhang geteilt und dahinter, einzeln und deutlich, enthüllt, was, wenn wir dessen wert wären, uns zu jeder Zeit gehören würde: den männchenmachenden Hasen; die niederfallende Woge; das schaukelnde Boot. Aber ach, die göttliche Güte zieht an der Schnur und schließt den Vorhang wieder; es beliebt ihr nicht; sie deckt ihre Schätze mit einem Hagelschauer zu, zerbricht sie und wirft sie so durcheinander, daß es unmöglich scheint, sie könnten je wieder Ruhe finden oder wir aus den Scherben je wieder ein Ganzes fügen und von den wüst verstreuten Bruchstücken die klaren Worte der Wahrheit ablesen. Denn unsere Reue verdient nur einen flüchtigen Schimmer, unsere Mühsal nur einen Aufschub.

In den Nächten herrschen nun Sturm und Zerstörung; die Bäume schwanken und beugen sich, und ihre Blätter wirbeln kopfüber, kopfunter nieder, bis der Rasen mit ihnen bedeckt ist und sie zuhauf in den Rinnsteinen liegen, die Dachtraufen verstopfen und die regennassen Wege überstreuen. Auch das Meer bäumt sich auf und brandet; und wenn etwa ein Schläfer meint, daß er am Strand eine Antwort auf seine Zweifel, einen Gefährten für seine Einsamkeit findet, wenn er die Bettdecke von sich wirft und hinuntergeht, um einsam über den Sand zu wandern, so wird nicht etwa dienstfertig und mit göttlicher Pünktlichkeit ein Wunschbild zur Stelle sein, das Ordnung in das nächtliche Chaos bringt und die Welt dem Kompaß der Seele dienstbar macht. Die Hand zergeht in seiner Hand; die Stimme gellt ihm ins Ohr. Fast möchte es nutzlos scheinen, inmitten solcher Wirrnis an die Nacht jene Fragen nach dem Was und Warum und Wozu zu richten, die den Schläfer aus seinem Bett lockt, um die Antwort zu suchen. [Mr. Ramsay streckte an einem dunklen Morgen, durch einen Gang stolpernd, die Arme aus; da Mrs. Ramsay in der vergangenen Nacht aber ganz plötzlich gestorben war, so streckte er die Arme vergeblich aus. Sie blieben leer.]

4

Da das Haus nun leer war, die Türen verschlossen und die Matratzen zusammengerollt, so fegten die schweifenden Lüfte, Vorhuten großer Windheere, herein; sie strichen über kahle Dielen, sie nagten und fächelten, stießen in Schlaf- und Wohnzimmer auf nichts, was ihnen kräftig widerstand, sondern nur auf flatternde Tapeten, ächzendes Holz, nackte Tischbeine, auf Tiegel und Porzellan, abgenutzt, fleckig, gesprungen. Was die Bewohner fallen und zurückgelassen hatten – ein Paar Schuhe, eine Jagdmütze, verblichene Röcke und Jacken in Schränken –, nur das bewahrte noch die menschliche Gestalt und erinnerte in dieser Leere daran, daß es einmal mit Leben gefüllt und bewegt worden war; wie sich einst Hände mit Haken und Knöpfen geplagt hatten; wie einst der Spiegel ein Gesicht aufgefangen hatte, in einem runden Bild eine Welt umschlossen hielt, in der eine Gestalt sich hin und her drehte, eine Hand plötzlich sichtbar wurde, eine Tür sich auftat und Kinder hereinsprangen und purzelten und wieder hinausrannten. Jetzt warf Tag um Tag das Licht, wie eine im Wasser gespiegelte Blume, seinen klaren Widerschein auf die Wand gegenüber. Nur die Schatten der Bäume, die im Wind schwankten, machten auf der Wand ihre Verneigungen, dann verdunkelte sich einen Augenblick das Rund, in dem das Licht sich selbst spiegelte; oder fliegende Vögel ließen eine zarte Spur langsam über den Fußboden des Schlafzimmers flattern.

So herrschten Schönheit und Stille, und sie fügten sich, vereint, zu einem Bild der Schönheit selbst, einer Form, aus der das Leben gewichen war; einsam wie ein ferner Weiher, den man abends aus dem Fenster des fahrenden Zuges erblickt und der so rasch entschwindet, daß er, der abendblasse Weiher, kaum seiner Einsamkeit beraubt ist, wenn auch das Auge ihn sah. Schönheit und Stille reichten sich die Hände im Schlafzimmer, und inmitten der verhüllten Krüge und der zugedeckten Stühle störten nicht einmal der neugierige Wind und die weiche Spürnase der feuchten Seelüfte, die umherstrichen, schnüffelten und stets und ständig ihre Fragen wiederholten: »Werdet ihr bleichen? Werdet ihr vergehen?«, den Frieden, den Gleichmut, die Atmosphäre reiner Lauterkeit, als bedürften die Fragen, die gestellt wurden, kaum der Antworten: Wir dauern.

Nichts, so schien es, konnte dieses Bild zerstören, die Unschuld entweihen oder den wehenden Mantel der Stille zerreißen, der Woche um Woche in dem leeren Raum die niederfallenden Rufe der Vögel, das Tuten der Dampfer, das Brummen und Summen der Felder, ein Hundegebell, den Ruf einer Männerstimme in...



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