E-Book, Deutsch, 500 Seiten
Woolf / Reichert Nacht und Tag
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-490488-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 500 Seiten
Reihe: Virginia Woolf, Gesammelte Werke
ISBN: 978-3-10-490488-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Virginia Woolf wurde am 25. Januar 1882 als Tochter des Biographen und Literaten Sir Leslie Stephen in London geboren. Zusammen mit ihrem Mann, dem Kritiker Leonard Woolf, gründete sie 1917 den Verlag The Hogarth Press. Ihre Romane stellen sie als Schriftstellerin neben James Joyce und Marcel Proust. Zugleich war sie eine der lebendigsten Essayistinnen ihrer Zeit und hinterließ ein umfangreiches Tagebuch- und Briefwerk. Virginia Woolf nahm sich am 28. März 1941 in dem Fluß Ouse bei Lewes (Sussex) das Leben.
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Kapitel I
Es war ein Sonntagabend im Oktober, und gleich vielen anderen jungen Damen ihres Standes schenkte Katharine Hilbery Tee ein. Vielleicht ein Fünftel ihrer Gedanken war damit beschäftigt, der Rest nahm die kleine Hürde zwischen Montagmorgen und diesem eher gebändigten Moment und spielte mit den Dingen, die man freiwillig und normalerweise bei Tage tut. Doch obwohl sie schwieg, war sie offenkundig Herrin einer ihr hinlänglich vertrauten Situation und geneigt, sie ihren Gang gehen zu lassen, zum sechshundertsten Mal vielleicht, ohne eines ihrer ungenutzten Talente einzusetzen. Ein einziger Blick zeigte, daß Mrs Hilbery mit jenen Gaben, die Teegesellschaften älterer, distinguierter Herrschaften gelingen lassen, so reich gesegnet war, daß sie kaum der Hilfe ihrer Tochter bedurfte, vorausgesetzt, man befreite sie vom lästigen Umgang mit Teetassen, Brot und Butter.
In Anbetracht dessen, daß die kleine Gesellschaft noch keine zwanzig Minuten am Teetisch zusammengesessen hatte, machten die lebhaften Mienen und der gemeinsam erzeugte Geräuschpegel der Gastgeberin alle Ehre. Jemand, der in diesem Augenblick die Tür öffnete, schoß es Katharine plötzlich in den Sinn, würde denken, sie amüsierten sich; er würde denken: ›Da komme ich aber in ein ganz besonders nettes Haus!‹ und instinktiv lachte sie und sagte etwas, um den Lärm zu vermehren, zum Ansehen des Hauses vermutlich, denn sie selbst hatte sich nicht in Hochstimmung gefühlt. In ebendiesem Moment wurde, zu ihrem beträchtlichen Vergnügen, die Tür aufgerissen, und ein junger Mann trat ins Zimmer. Als Katharine ihm die Hand schüttelte, fragte sie ihn im stillen: »Nun, denken Sie, daß wir uns köstlich amüsieren?« … »Mr Denham, Mutter«, sagte sie laut, denn sie sah, daß ihre Mutter seinen Namen vergessen hatte.
Dieser Umstand war für Mr Denham ebenfalls merklich und steigerte noch die Verlegenheit, welche den Eintritt eines Fremden in ein Zimmer voll ungezwungener und sich in Wortschwällen ergehender Menschen unweigerlich begleitet. Zugleich schien es Mr Denham, als hätten sich zwischen ihm und der Straße draußen tausend weichgepolsterte Türen geschlossen. Ein feiner Dunst, die vergeistigte Essenz des Nebels draußen, schwebte deutlich sichtbar in dem weiten und ziemlich leeren Raum des Salons, ganz silbrig dort, wo sich die Kerzen auf dem Teetisch gruppierten, und dann wieder rötlich im Feuerschein. Noch ratterten in seinem Kopf die Omnibusse und Droschken, noch kribbelte sein Körper vom schnellen Gang durch die Straßen und dem Hin und Her zwischen Verkehr und Fußgängern, und so wirkte dieser Salon sehr abgeschieden und still, und die Gesichter der älteren Herrschaften wirkten abgeklärt und ein wenig distanziert voneinander und trugen einen sanften Schimmer, denn blaue Dunstfäden verschleierten die Luft. Mr Denham war eingetreten, als Mr Fortescue, der bedeutende Romancier,[1] eben in der Mitte eines sehr langen Satzes angelangt war. Er beließ diesen in der Schwebe, während der Neuankömmling Platz nahm, und Mrs Hilbery verband flink die zertrennten Teile, indem sie sich zu ihm beugte und bemerkte:
»Also, was würden Sie tun, wenn Sie mit einem Ingenieur verheiratet wären und in Manchester leben müßten, Mr Denham?«
»Sie könnte doch gewiß Persisch lernen«, unterbrach ein dünner, älterer Herr. »Gibt es denn in Manchester keinen pensionierten Schulmeister oder Gelehrten, bei dem sie Persisch studieren könnte?«
»Eine Cousine von uns hat nämlich geheiratet und ist nach Manchester gezogen«, erklärte Katharine. Mr Denham murmelte etwas, mehr wurde von ihm in der Tat auch nicht verlangt, und der Romancier fuhr da fort, wo er aufgehört hatte. Insgeheim verwünschte sich Mr Denham heftig dafür, die Freiheit der Straße mit diesem kultivierten Salon vertauscht zu haben, wo er, von anderen Unannehmlichkeiten ganz abgesehen, bestimmt nicht den vorteilhaftesten Eindruck erwecken würde. Er blickte in die Runde und sah, daß bis auf Katharine alle über Vierzig waren, und der einzige Trost bestand darin, daß Mr Fortescue so berühmt war, daß man sich morgen freuen mochte, ihm begegnet zu sein.
»Waren Sie schon einmal in Manchester?« fragte er Katharine.
»Noch nie«, erwiderte sie.
»Warum haben Sie dann etwas daran auszusetzen?«
Katharine rührte in ihrer Tasse und schien, so dachte Denham, Betrachtungen anzustellen über die Pflicht, jemand anderem Tee nachzuschenken, doch in Wahrheit fragte sie sich, wie sie diesen sonderbaren jungen Mann mit den übrigen Gästen in Gleichklang bringen sollte. Sie bemerkte, wie er seine Teetasse so fest zusammenpreßte, daß das dünne Porzellan eingedrückt zu werden drohte. Sie sah ihm seine Nervosität an; es stand ja zu erwarten, daß ein knochendürrer junger Mann mit vom Wind leicht gerötetem Gesicht und zerzaustem Haar in einer solchen Gesellschaft nervös wurde. Überdies mochte er diese Art Veranstaltung wahrscheinlich gar nicht und war nur aus Neugier gekommen, oder weil ihr Vater ihn eingeladen hatte – gleichviel, er würde nicht leicht mit den übrigen zu verbinden sein.
»Ich könnte mir vorstellen, daß man in Manchester einfach keinen Gesprächspartner findet«, erwiderte sie aufs Geratewohl. Mr Fortescue hatte sie einen oder zwei Augenblicke lang beobachtet, wie Romanciers zu beobachten pflegen, und bei dieser Bemerkung lächelte er und machte sie zum Thema einer weiteren kleinen Spekulation.
»Trotz eines geringfügigen Hangs zur Übertreibung trifft Katharine zweifellos den Nagel auf den Kopf«, sagte er und schilderte, während er sich in seinem Sessel zurücklehnte, den undurchdringlichen, nachdenklichen Blick an die Decke geheftet und die Fingerspitzen aneinandergepreßt, zunächst die Schrecken von Manchesters Straßen, dann die kahlen, endlosen Moore in der Umgebung der Stadt, und dann das schäbige kleine Haus, in dem das Mädchen wohnen würde, und schließlich die Professoren und die armseligen, sich den anstrengenden Werken unserer jüngeren Dramatiker widmenden Studenten, die sie besuchen würden, und wie sich ihr Äußeres allmählich verändern und sie nach London fliehen würde, und wie Katharine sie würde herumführen müssen, so wie man einen gierigen Hund an der Kette an Reihen lärmerfüllter Metzgereien vorbeiführt – das arme Ding.
»Oh, Mr Fortescue«, rief Mrs Hilbery aus, als er geendet hatte, »ich habe ihr gerade geschrieben, wie sehr ich sie beneide! Ich dachte an die großen Parks und die netten alten Damen mit Fäustlingen, die nichts als den lesen und die Kerzen putzen. Sind sie denn verschwunden? Ich habe ihr erzählt, sie würde alle Annehmlichkeiten Londons vorfinden, ohne diese gräßlichen Straßen, die einen hier so deprimieren.«
»Es gibt die Universität«, sagte der dünne Herr, der zuvor die Existenz des Persischen kundiger Leute behauptet hatte.
»Ich weiß, daß es dort Moore gibt, weil ich neulich in einem Buch davon gelesen habe«, sagte Katharine.
»Ich bin betrübt und erstaunt über die Ignoranz meiner Familie«, bemerkte Mr Hilbery. Er war ein älterer Mann mit einem Paar ovaler, nußbrauner Augen, die recht leuchtend waren für sein Alter und sein massiges Gesicht milderten. Er spielte unablässig mit einem kleinen grünen Stein, der an seiner Uhrkette baumelte, wobei er lange und sehr sensible Finger sehen ließ, und er besaß die Angewohnheit, den Kopf sehr schnell hierhin und dorthin zu wenden, ohne die Position seines großen und ziemlich ausladenden Körpers zu verändern, so daß er sich bei geringstem Energieaufwand unablässig mit Stoff zur Unterhaltung und zum Nachdenken zu versorgen schien. Man durfte annehmen, daß die Jahre seiner persönlichen Ambitionen hinter ihm lagen oder daß er sie so weit wie möglich befriedigt hatte und seinen beträchtlichen Scharfsinn jetzt eher aufs Beobachten und Nachdenken verwandte, als darauf, irgendein Resultat zu erzielen.[2]Und während Mr Fortescue ein weiteres, abgerundetes Wortgebäude zusammenfügte, entschied Denham, daß Katharine sowohl Ähnlichkeit mit ihrer Mutter als auch mit ihrem Vater besaß, aber diese Elemente waren auf eigenartige Weise vermischt. Sie hatte die schnellen, impulsiven Bewegungen ihrer Mutter, die gleichen Lippen, die sich oft teilten, wie um etwas zu sagen, und sich dann wieder schlossen, und die dunklen, ovalen Augen ihres Vaters, hinter deren Glanz sich eine tiefe Traurigkeit verbarg; weil sie zu jung war, um sich bereits eine sorgenvolle Lebensanschauung erworben zu haben, könnte man sagen, daß weniger Traurigkeit dahintersteckte als vielmehr ein der Kontemplation und Selbstbeherrschung zugetanes Temperament. Ihr Haar, ihr Teint und ihre Züge machten sie bemerkenswert, wenn nicht sogar schön. Entschlußkraft und Gelassenheit prägten sie, eine Kombination von Eigenschaften, die einen sehr markanten Charakter formte, und einen, der nicht sonderlich geeignet schien, einem jungen Mann, der sie kaum kannte, die Befangenheit zu nehmen. Im übrigen war sie groß gewachsen und trug ein Kleid von unauffälliger Farbe mit alten, gelbgetönten Spitzen als Verzierung, dem das Funkeln eines altmodischen Juwels den einzigen roten Schimmer verlieh. Denham fiel auf, daß sie, obwohl sie schwieg, die Situation ausreichend beherrschte, um sofort zu reagieren, wenn ihre Mutter sie um Hilfe bat, und trotzdem merkte er, daß sie nur oberflächlich bei der Sache war. Er sah plötzlich, daß sie es hier am Teetisch, zwischen all diesen älteren Leuten, nicht leicht hatte, und er zügelte seinen Drang, sie oder ihr Verhalten als ablehnend zu empfinden. Das Gespräch hatte Manchester verlassen, nachdem man sich sehr eingehend damit befaßt hatte.
»Was war es doch gleich, die Schlacht bei...




