E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Wringham Das gute Leben
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-23443-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie Sie trotz Ihres öden Jobs glücklich sein können
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-641-23443-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Fortsetzung des Spiegel-Bestsellers Ich bin raus.
Robert Wringham wurde 1982 in Dudley, England geboren und lebt heute in Glasgow. Er ist bekannt für schrägen Humor, literarische Sachbücher, Stand-up-Comedy und Performance Art. Zudem ist er der Herausgeber des Magazins New Escapologist, einem Magazin rund um das Thema Eskapologie, für das auch Autoren wie Luke Rhinehart, Will Self und Tom Hodgkinson schreiben. Als Journalist schreibt er für Trend- und Online-Magazine wie Meat, tMCQ, Verbicide, CACTUS, Side Street Review, Splitsider, und den British Comedy Guide, dazu auch Artikel für größere Zeitschriften wie den Idler und Playboy.
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Das Problem der Arbeit
Das Büro liegt in einem Teil der Stadt, den ich »Betoninsel« nenne, weil es eine Insel ist, die aus Beton besteht. Es ist eine Welt für sich, nur per Auto oder über ein kompliziertes Netzwerk von Brücken erreichbar. Der größte Teil besteht aus unbebauten Betonflächen, die von Unkraut überwuchert sind. Und ausgerechnet dort, mittendrin, befindet sich mein altes Büro.
Die dreieckige Parzelle wird auf der einen Seite von der Autobahn begrenzt, auf der anderen von einer zweispurigen, vielbefahrenen Schnellstraße und an der längsten Seite von einer Fläche aus verrottetem Beton, dem meine Mit-Gestrandeten den Namen »das Ödland« verpasst haben.
Zuerst hatte ich totale Schwierigkeiten, überhaupt wieder dorthin zu finden. Ich dachte, ich würde mich daran erinnern, hoffte, dass meine Zombie-Füße selbstständig den Weg finden würden, aber entweder hatte sich irgendwas verändert (unwahrscheinlich, weil der Ort ziemlich vernachlässigt war), oder meine Erinnerungen an damals waren völlig verzerrt. Ich weiß, das hört sich alles erst mal völlig unglaubwürdig an, aber es war ja wirklich eine Menge passiert, seit ich das letzte Mal hierhergekommen war: Ich hatte gelebt, Mann! Ich hatte im Ausland gelebt, meine Frau kennengelernt, in Florida einen Pinguin zum Haustier gehabt, Kanada in der Eisenbahn durchquert, die schwefelige Lava eines Vulkans auf Hawaii gerochen, einige meiner Helden getroffen, Bücher geschrieben, eine Voodoo-Hühnerkralle in einem Fenster des Parlamentsgebäudes von Budapest hängen sehen … Nichts von alledem war vorgesehen. Vorgesehen gewesen war, hier auf der Betoninsel zu bleiben. Meine Güte, wenn ich an die Leute denke, die aus eigenem Antrieb hiergeblieben waren und denen dabei bewusst war, dass sie etwas Bedeutenderes und Kreativeres hätten tun können, wenn sie nur zum richtigen Zeitpunkt auf die richtige Schule gegangen wären. Eines Tages würde ich für diese Leute ein Buch schreiben. Ich würde es Das gute Leben für Lohnsklaven nennen.
Glücklicherweise kam ich so idiotisch früh an, dass ich genug Zeit hatte, mir darüber Gedanken zu machen, wie ich reinkommen könnte. Dank Google Maps wusste ich wieder, wo die Insel zu finden war – ich hatte das keilförmige Stück Land auf meinem Laptop von oben erkennen können, als ich noch zu Hause war –, aber als ich dort ankam, wurde mir der Zutritt zur Insel von einem dieser Zäune verwehrt, die normalerweise Baustellen eingrenzen. Ich konnte nicht darüberschauen, um herauszufinden, wie ich das Büro erreichen konnte.
Schließlich fiel mir ein, dass Fußgängerbrücken auf Google Maps nicht verzeichnet waren. Ich musste also wieder zurückgehen und die erste Fußgängerbrücke nehmen, ihren Windungen folgen, bis ich auf der Insel angelangt war. In der Mitte der Insel stand das dreistöckige Bürogebäude.
Ich stand auf dem Beton, der Wind fuhr mir durch die Haare und versuchte, den Ort auf mich wirken zu lassen. Wie viele Nachkriegsgebäude in europäischen Städten war auch dieses Gebäude im brutalistischen Stil erbaut worden, der in den Sechzigerjahren populär gewesen war (zumindest unter Architekten). Es war wuchtig, aber nicht total unattraktiv. Es war einer von diesen »grauen Klötzen«, über die mancher Reaktionär sich grundsätzlich abfällig äußert. Dabei finde ich, dass diese Klötze durchaus eine gewisse melancholische Schönheit ausstrahlen. Das Ganze sah aus wie ein ambitioniertes Pilotprojekt für eine Zukunft, die aufgrund öffentlichen Einspruchs abgesagt worden war. Als wäre es für eine Weltausstellung konzipiert, die nie stattgefunden hat.
Dieses Gebäude sollte also mein Arbeitsplatz für die nächsten zweieinhalb Jahre sein. Genau genommen war der Vertrag, den ich nach meinem Bewerbungsgespräch über Skype bekommen hatte, auf sechs Monate befristet, aber ich wusste genau, dass sie ihn bis in alle Ewigkeit verlängern würden. Das war mir beim letzten Mal passiert.
In Wahrheit war die zeitliche Begrenzung des Vertrags natürlich das Gute daran gewesen. Ich weiß nicht, ob ich mich beworben hätte, wenn er länger befristet gewesen wäre. Ein Vollzeitjob fürs ganze Leben hätte mich auf den totalen Horrortrip gebracht, und ich hätte wahrscheinlich meine Frau bekniet, wieder nach Montreal zurück zu fahren und ihr versprochen, jetzt endlich Französisch zu lernen und den Schnee zu lieben. Aber bei sechs Monaten Laufzeit konnte ich mich noch zu allem überreden. »Es sind ja nur sechs Monate. Die gehen schnell rum. Und du musst noch nicht mal kündigen. Lockere Sache.« Ich sagte mir, dass ich ja gar nicht wirklich ins Arbeitsleben zurückging.
Das war natürlich übelste Augenwischerei. Ich belog mich selbst. Mir war klar, dass sie mich gerne behalten würden, weil sie meine Art, die anstehenden Dinge ohne viel Aufhebens zu erledigen, zu schätzen wussten. So lief das immer. Aber ich wusste auch, dass ich kaum eine andere Wahl hatte, wenn ich das Visum nicht gefährden wollte.
Ich schaute mich weiter auf der Insel um. Sie sah aus wie ein Gemälde von Salvador Dalí. Windgepeitschte Sträucher und die Überreste eines Baums, der vom Blitz getroffen worden war. Daneben das Bürogebäude, kalt, hart und in sich geschlossen mit getönten Scheiben, die einen leer anstarrten. »Fenster wie Augen«, diese Formulierung erinnerte mich an das Haus aus Amityville Horror, nur dass die Augen des Büroklotzes nicht an ausgehöhlte Kürbisköpfe, sondern an breite, kalte faschistische Augenhöhlen erinnerten, so wie bei einem dieser Zylonen-Roboter aus Kampfstern Galactica: unbezwingbar und kühl kalkulierend. Es war unmöglich herauszufinden, ob die Augen mich sehen konnten oder nicht, ob meine Anwesenheit irgendeine Aktivität hervorgerufen hatte. Vielleicht befanden sich andere Lohnsklaven dahinter, saßen an ihren Schreibtischen oder tranken Tee im Gemeinschaftsraum und schauten mich durch diese Augen hindurch an und sagten: »Da draußen im Ödland steht ein Mann.«
Lohnsklave 2: »Im Ödland?«
Lohnsklave 1: »Ja, im Ödland.«
Lohnsklave 2: »Wie ist der denn da hingekommen?«
Lohnsklave 1: »Woher soll ich denn das wissen? Ich fahre immer mit dem Wagen direkt in die Tiefgarage.«
Lohnsklave 2: »Was macht er denn da?«
Lohnsklave 1: »Wer?«
Lohnsklave 2: »Der Mann im Ödland.«
Lohnsklave 1: »Oh, er steht einfach da, mit Anzug und Krawatte.«
Lohnsklave 2: »Mit Anzug und Krawatte?«
Lohnsklave 1: »Ja, mit Anzug und Krawatte.«
Lohnsklave 2: »Das ist ja merkwürdig. Vielleicht ist er ja gekommen, um den ganzen Laden dichtzumachen.«
Lohnsklave 1: »Da ist der Wunsch wohl Vater des Gedankens, Omar.«
Lohnsklave 2: »Ich weiß, Paul. Gibst du mir einen Kuss?«
Lohnsklave 1: »Pardon?«
Lohnsklave 2: »Ach, nichts.«
Ich hatte mir für den ersten Tag tatsächlich einen Anzug angezogen. Das hatte ich mir genau überlegt, denn mir war durchaus bewusst, dass es in der Zeit, in der ich fort gewesen war, eine Liberalisierung der Bürokultur gegeben hatte. Das war wahrscheinlich der Einfluss von Skandinavien oder des Silicon Valley. Alle lockerten jetzt den Kragen und taten lässig. Aber als ich zuletzt für meinen Lebensunterhalt gearbeitet hatte, trugen wir alle Anzüge mit Krawatten, also entschied ich mich dafür. Abgesehen davon fand ich diese neue Arbeitskultur unheimlich. So sehr ich auch die Formalitäten der letzten Dekade verabscheut hatte, war mir doch auch klar, dass diese neue Kultur auf der Annahme beruhte, die Firma sei dein Freund. Und deshalb hieß es nun: »Komm einfach, wie du bist.« So etwa: Wir sind ja alle Kumpels hier. Auch wenn einer von diesen Kumpels alle anderen dafür bezahlte, ihm Gesellschaft zu leisten, und sie bis zu einer vereinbarten Uhrzeit in Geiselhaft hielt. »Totaler Mist«, dachte ich, und zurrte meinen Krawattenknoten fest.
Ich holte tief Luft und ging weiter, auch wenn ich überhaupt keine Lust hatte, das Gebäude zu betreten. Ich schaute auf meine Schuhe – übertrieben schicke Oxfords mit vielen Löchern, auch nicht gerade angemessen – und befahl ihnen, mich auch gegen meinen Willen weiter vorwärtszubewegen. Ich stellte fest, dass ich über einem Riss im Beton stand, in dem eine kleine Distel wuchs, mit winzigen Blättern, gezackt wie Sägeblätter. Irgendwie schaffte ich es weiterzugehen, meine Angst vor den mich weiterhin anstarrenden oder ignorierenden Augen zu überwinden und zwang mich, das Gebäude durch eine Drehtür zu betreten. Die Alternative wäre gewesen, die Distel langsam durchs Innere meines Hosenbeins nach oben wachsen zu lassen.
Das Großraumbüro war so, wie solche Dinge nun mal sind, jedenfalls von innen betrachtet. Es gab die üblichen Reihen von Leuchtstofflampen unter der Decke, identische Schreibtische, die die individuellen Arbeitsplätze darstellen sollten, und schläfrige Menschen mit offenen Kragen, die sarkastische Scherze über ihre Lebensqualität machten. Neu war für mich, dass es außerdem zahlreiche »Breakout Rooms« gab, kleine abgeschlossene Nischen, in denen man allein oder in Gruppen abgeschirmt von den Übrigen arbeiten konnte. »Das könnte meine Rettung sein«, dachte ich mir, weil ich schon total nervös wurde bei der Aussicht, stundenlang mit geschwätzigen Fremden in einem Riesenraum sitzen zu müssen.
Schon bald wurde ich Prince Chunk vorgestellt. Auch für ihn war das heute der erste Tag auf der Betoninsel. Er schien glücklich darüber zu sein. Er war jünger als ich und musste erst noch lernen, wie langweilig das Büroleben sein konnte und wie sehr dies seiner armen...




