Wünsch | Rosies Wunderkind | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Wünsch Rosies Wunderkind

Über die Liebe einer Mutter - Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-641-25546-6
Verlag: Diederichs
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Über die Liebe einer Mutter - Roman

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-641-25546-6
Verlag: Diederichs
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Ja, Almanzo war ein entzückendes Kind. Da war sich die Welt einig. Das Problem war die Mutter.«

Rosie erfährt erst spät von der Behinderung ihres Sohnes. Dabei hat sie schon lange geahnt, dass etwas mit Almanzo nicht stimmt. Die Diagnose wird ihr Leben von da an bestimmen. Und auch die Herausforderungen mit einem autistischen Kind werden von Jahr zu Jahr mächtiger, bis Rosie schließlich zu einer Entscheidung kommt, die das Leben ihrer Familie von Grund auf verändern wird.

Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten und enthält Originaltexte des Autisten Amanzio.

Mit Rosie schafft Lydia Wünsch in ihrem Debut eine beeindruckende Heldin, die bis zur letzten Seite in ihrer Einfachheit Größe und Würde ausstrahlt.
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EIN NORMALER TAG

Wie sehr Rosie dieses Knistern hasst. Jeden Morgen hört sie es aus dem Lautsprecher über dem Tisch, bevor die Stimme ertönt: »Es ist vier Uhr fünfundvierzig, aufstehen«, um diejenigen Insassinnen zu wecken, die in der Bäckerei des Frauengefängnisses arbeiten.

Jeden Morgen macht das Knistern Rosie erneut bewusst, wo sie sich befindet.

Nur noch eine Minute, denkt sie und räkelt sich in ihrem Bett. Durch das Fenster dringen bereits die ersten Strahlen der Junisonne und kitzeln in ihrer Nase, obwohl es erst kurz vor fünf ist. Aber Rosie steht schließlich freiwillig so früh auf, um ihrer Arbeit in der Bäckerei nachzugehen. Sie schielt mit halb offenen Augen zum Fenster und stellt fest, dass heute ein schöner Tag werden wird. Einer dieser Tage, an denen die Atmosphäre draußen erfüllt ist von Kinderlachen und dem Duft nach Sonnencreme. Freilich kann sie sich das hier im Gefängnis nur vorstellen. Leise macht sich eine Erinnerung in ihr breit. Hatte es nicht früher in ihrem Magen gekribbelt, wenn sie sich auf den bevorstehenden Tag freute? Ein kurzes Aufflackern dieser Lebensfreude spürt sie jetzt, ganz zaghaft. Bei dem Gedanken an den morgigen Tag und die bevorstehende Entlassung aus dem Gefängnis wechseln sich Freude und Angst in Rosie so schnell ab wie das Aufprallen eines Balls bei einem Tischtennisspiel. Und dabei ist der Juni eigentlich ein guter Monat, um entlassen zu werden, denkt Rosie nun, während sie sich noch ein letztes Mal genüsslich im Bett ausstreckt. Und überhaupt: Macht es wirklich einen Unterschied, ob man draußen oder drinnen ist? Das Leben findet doch sowieso immer nur dort statt, wo sie ist.

Sie steht endlich auf und stellt den Wasserkocher an, um sich ihren Muckefuck aufzubrühen. Zwei Teelöffel Kaffeepulver, zwei Teelöffel Zucker. Während das Wasser im Kocher heiß wird, sieht sie sich in ihrer fünfzehn Quadratmeter großen Zelle um. Ein Bett, ein Tisch, ein Schrank, ein Waschbecken und eine Toilette. Ein geöffneter Rollkoffer am Fußende des Bettes, genau unter dem Waschbecken. Das ist der einzige Platz, den Rosie in der kleinen Zelle dafür gefunden hat. Die meisten Sachen sind bereits gepackt. Rosie bereitet sich gerne gründlich auf alles vor. Vor allem, wenn es um große Veränderungen in ihrem Leben geht. Sie ist zufrieden mit ihrem Werk. Alles im Griff, bis hierhin, denkt sie.

Das Knacken des Schalters am Wasserkocher reißt sie aus ihren Gedanken. Sie gießt das heiße Wasser in die Tasse und beobachtet, wie das Pulver des löslichen Kaffees aufschäumt. Dann gibt sie einen Schuss Milch hinzu und rührt die braune Brühe um. Mit der dampfenden Tasse in der Hand schlurft sie zu dem kleinen Zellenfenster, das den Blick auf den Innenhof des Frauengefängnisses freigibt. Viel gibt es nicht zu sehen. Ein blauer Himmel. Eine grüne Wiese. Ein Baum. Überwachungskameras. Aber immerhin. Vielleicht würde sie später ein bisschen im Hof spazieren gehen. Rosie nimmt einen ersten Schluck von dem viel zu heißen Kaffee. Wie immer zu schnell, sodass sie das Brennen auf der Zunge gar nicht wahrnimmt und es sich stattdessen sofort in ihrer Kehle ausbreitet. Wie Nadelstiche, die nun langsam die Speiseröhre hinunterwandern, bis sie sich im Inneren ihres Magens auflösen. Jedes Mal nimmt es ihr für einen Moment den Atem. Das ist wirklich das größte Problem an dem Möchtegernkaffee. Man muss ihn heiß trinken können oder warten. Dann lieber heiß. Auch wenn es sie jedes Mal fast von innen verbrennt. Rosie muss dabei an ihre Schwiegermutter, Carmella Pasqualino, denken. Carmella hatte ihr einmal erzählt, wie sie als Kind in Italien immer mit der ganzen Familie aus einem großen Topf gegessen hatte. Fünf Geschwister und die Eltern, da musste man schnell sein. Wer das Essen nicht heiß vertilgen konnte, hatte eben Pech gehabt.

Rosie denkt gerne an ihre Schwiegermutter. Eine einfache italienische Frau, die hart arbeiten konnte und stets einen bitteren Zug um den Mund hatte, obwohl sie im Grunde kein unzufriedener Mensch war. Ernüchtert vielleicht. Für ihre Kinder hat sie alles getan. Darum zog sie schon früh mit ihrer Familie nach Deutschland, um ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen, als es in dem süditalienischen Bergdorf jemals möglich gewesen wäre. Das ständige Heimweh, das die ganze Familie seither mit sich trug, nahm man eben in Kauf.

Rosie hatte lange nur das Bild ihrer eigenen Mutter im Kopf gehabt – und wie sie ihre Gefühle in Alkohol ertränkte. Wenn Carmella Pasqualino hingegen etwas bedrückte, jammerte und weinte sie lauthals. Sie rief dann Gott und Jesus und alle Engel im Himmel um Hilfe an, während sie ihre Hände wehklagend in die Höhe riss. Ein seltsames Verhalten, fand Rosie am Anfang. Viel zu melodramatisch. Beschämt hatte Rosie weggeschaut, wenn ihre Schwiegermutter sich so benahm. Aber Carmella brauchte wenigstens keinen Alkohol, um mit dem Leben fertig zu werden. Erst sehr viel später hatte Rosie das begriffen. Genauso wie sie irgendwann anfing, die eigenartig bellenden Laute der fremden Sprache zu verstehen. Je mehr sie verstand, desto inniger liebte sie ihre neue italienische Familie, die sich zwar lauthals streiten konnte, aber sich genauso leidenschaftlich gegen den Rest der Welt verteidigte.

Das Einschnappen des schweren Schlosses lässt Rosie zusammenzucken. Sie dreht sich zur Zellentür um, die gerade aufgesperrt wird.

»Wenn Sie dann so weit sind«, sagt die Vollzugsbeamtin, die von den Insassinnen nur »Wachtel« genannt wird. Sie geht weiter, ohne eine Antwort abzuwarten.

»Ja, gleich«, murmelt Rosie. Sie schlurft zum Waschbecken am Ende des Bettes, wobei sie mit dem Fuß gegen den Koffer stößt. »Wenn Sie dann so weit sind«, brummt Rosie genervt, während sie spürt, wie ihr großer Zeh pocht. Sie versucht, durch den Schmerz durchzuatmen, wie sie es von Frau Dr. Engelbert gelernt hat, und schmiert Zahnpasta auf die Zahnbürste. Als ob es für irgendwen eine Rolle spielt, ob ich so weit bin? Das hatte es für den Beamten auch nicht getan, als das Urteil gefallen war. Dreieinhalb Jahre Gefängnis.

»Wenn Sie dann so weit sind …«, hatte der Sicherheitsbeamte gesagt und dabei freundlich geklungen. Sehr höflich. Fast entschuldigend hatte er ihr die Handschellen hingehalten. So ein Blödsinn, denkt Rosie, während sie sich die Zähne putzt. Ich wäre doch auch so mit ihm mitgegangen. Was wäre ihr in diesem Moment auch anderes übrig geblieben?

Sie muss immer wieder an Tonis Blick denken, als sie in Untersuchungshaft kam. »Mach dir keine Sorgen, ich kümmere mich um alles«, hatte er gesagt. Überhaupt war er klasse zum Schluss, hat sie regelmäßig besucht. Ihr Geld und Kleidung geschickt. Alles nur freundschaftlich natürlich. Da gibt es ja immer noch Sabine. Sabine mit den blonden gelockten Haaren und den rosigen Wangen. Sabine, die immer eine Duftwolke hinter sich herzieht. Na, Hauptsache, er ist zufrieden, denkt Rosie. Im Gefängnis hat sie Gelassenheit gelernt. Was da draußen los ist, geht sie momentan nichts an. Und es tut gut loszulassen. Irgendwie befreiend. Schon witzig, dass ich es als befreiend empfinde, eingesperrt zu sein, denkt sie belustigt. Aber was, wenn ich morgen entlassen werde? Bin ich schon so weit?

Rosie spukt den Zahnpastaschaum in das Waschbecken. Sie dreht den Hahn auf und lässt das eiskalte Wasser erst über ihre Handgelenke laufen, bevor sie sich damit über das Gesicht fährt. Das Wasser prickelt auf der Haut, wieder fühlt es sich an wie kleine Nadelstiche. Aber Schmerz ist immer noch besser, als gar nichts zu spüren. Außerdem macht es Rosie endgültig wach. Jetzt ist erst einmal die Arbeit dran, denkt sie entschlossen. Heute ist noch ein normaler Tag.

Gemeinsam mit den anderen neun Frauen und der Vollzugsbeamtin verlässt Rosie wenig später ihren Trakt, B24. Die Bäckerei der Justizvollzugsanstalt befindet sich im Erdgeschoss. Dort sind auch die Essensausgabe, ein etwas größerer Aufenthaltsraum mit Küche, Fernseher und Bücherschrank sowie der kleine Gefängnisladen, der alle vierzehn Tage aufgesperrt wird. Viel geredet wird nicht, während die kleine Gruppe den dunklen Gang zur Backstube entlanggeht. Nur das grelle Neonlicht an der Decke flackert ab und zu, während die Schritte der Frauen durch den Gang hallen.

An diesem Tag müssen die zehn Frauen Brot für das ganze Gefängnis backen. An einem massiven Tisch kneten sie den Teig und wirken ihn rund, damit er aufgeht. Es ist ein billiges Mischbrot, das für die Insassinnen der Justizvollzugsanstalt zubereitet wird. Kuchen und andere Süßigkeiten, die sie in der Bäckerei herstellen, werden in eine kleine Filiale außerhalb des Gefängnisses gebracht und dort verkauft. Nur das Brot bleibt für die Gefangenen übrig. Es ist genauso wenig schmackhaft wie der Rest des Essens, das in großen Töpfen zubereitet wird und immer irgendwie nach Urin riecht.

»Nix gut geschlaff«, sagt Francesca zu Rosie und bindet sich ihre schwarzen Locken zu einem Zopf, bevor sie mit dem Kneten beginnt. Sie ist klein und zierlich, so wie viele Italienerinnen, die Rosie kennt. Ihre honigfarbene Haut hat im Laufe der Zeit einen fahlen Ton angenommen. Francesca ist schon seit sieben Jahren im Gefängnis. Weitere acht warten auf sie. Verurteilt zu lebenslänglicher Haft wegen Mordes an ihrem Ehemann. In der Nacht, als er schlief, soll sie ihn erschossen haben, während ihre drei kleinen Jungs im Zimmer nebenan von wilden Abenteuern als Seeräuber und Superhelden träumten.

»Das ich war nix, das Mafia war«, hatte Francesca Rosie einmal erzählt. Wobei sie das Wort Mafia beim ersten Mal gar nicht aussprach. Sie sagte »Cosca« und legte dabei den Finger auf den Mund. Erst als Rosie...


Wünsch, Lydia
Lydia Wünsch ist 1984 in München geboren, wo sie Literaturwissenschaft und Italianistik studiert hat. Als Halbitalienerin lebt sie zwischen den Kulturen. Sie schreibt Kurzgeschichten und ist Mitglied der Autorengruppe Prosathek. 2018 ist ihre Kurzgeschichte Die Erschaffung Adams in der Anthologie Gefangensein. Drinnen und Draußen im Muc Verlag erschienen. Rosies Wunderkind ist ihr erster Roman.



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