E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Wyer Ein Jahr voller Wünsche
19001. Auflage 2019
ISBN: 978-3-492-99125-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-492-99125-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carol Wyer wurde in Münster geboren und verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Deutschland. Bevor sie sich dem Schreiben widmete, leitete sie eine Sprachschule und unterrichtete Boxercise-Kurse. Heute lebt die Journalistin und Autorin, die mit dem People's Book Prize ausgezeichnet wurde, in Staffordshire.
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#2
Charlie blickte Mercedes nach, wie diese davonfuhr. Dann schlenderte sie zu ihrem eigenen Wagen. Ihre bisher zur Schau getragene Zuversicht schwand, als sie erneut an Amy dachte – ihren blonden Engel. Die Wochen nach ihrem Tod waren die schwersten in Charlies Leben gewesen. Die Beziehung zu ihrem Mann Gavin verschlechterte sich rapide, und wenige Monate nach dem Unfall ließen sie sich scheiden. Der Krebstod ihrer Mutter war ein weiterer harter Schlag für Charlie.
Das Krankenhausradio hatte sie vor dem Verrücktwerden und vor schlimmen Depressionen bewahrt. Dort fühlte sie immer noch eine Verbindung zu den beiden Menschen, die sie am meisten geliebt hatte. Denn beide hatten ihre letzten Tage in diesem Krankenhaus verbracht. Bei einer ihrer Runden durch die Stationen, bei denen sie Patienten nach ihren Hörerwünschen fragte, hatte sie Mercedes kennengelernt. Diese erholte sich gerade von einer schweren Operation und fühlte sich elend. Charlies Gesellschaft hatte sie aufgemuntert. Im Laufe der nächsten Wochen wurden sie zu engen Freundinnen. Charlie schätzte sich sehr glücklich, Menschen wie Mercedes in ihrem Umfeld zu haben, und das Radio gab ihrem Leben einen Sinn. Indem sie eine lockere Sendung mit viel Witz und Humor moderierte, versuchte sie, kranke Menschen etwas abzulenken und ihre Lebensgeister zu wecken. Ihren eigenen Lebensgeist hingegen hatte der Tod ihrer Tochter zerstört. Sie wischte sich die verschmierte Wimperntusche aus dem Gesicht, ließ den Motor an und schaltete das Radio zu Sams Sendung ein, weil sie bei seinem Quiz mitraten wollte. Sie lächelte, als sie seine Stimme hörte.
#
Es war ein windiger Tag, als Charlie vor der Kirche St. Peter vorfuhr. Das Gebäude, das ursprünglich im dreizehnten Jahrhundert errichtet worden war, war ein alter gotischer Bau aus Steinen mit einem Schieferdach und einem rechteckigen Turm. Seit Jahrhunderten strömten die Menschen hinein. Hier hielt die örtliche Gemeinde Gottesdienste und regelmäßige Treffen ab. Charlie erinnerte sich an den Tag, an dem Gavin und sie hier geheiratet hatten. Sie sah immer noch die Gesichter von Freunden und Familie vor sich, als sie als frischvermähltes Paar Arm in Arm über den Mittelgang geschritten waren. Sie erinnerte sich, wie sie für den Fotografen posiert hatten, während die alten Glocken ihr fröhliches Lied spielten. Der Weg zum Eingang unter dem Steinbogen war voller lachender Menschen gewesen und mit buntem Konfetti bestreut. Auf der Straße hatte eine weiße Kutsche gewartet, mit der sie nach New Hall zum Festessen gefahren waren. Die Kirche war perfekt für solche Anlässe, ebenso wie das pittoreske Dorf um sie herum mit seinen Antiquitätenläden, Pubs und der entzückenden Dorfschule. Die Schule, die Amy besucht hatte. Sie hatte dort so viele Freunde; Charlie fragte sich, wo die anderen Kinder jetzt wohl waren.
Amy war auch in St. Peter getauft worden. Sie hatte nicht geweint, als der kurzsichtige Pfarrer das Weihwasser über ihren Kopf und in ihren Mund gespritzt hatte, sondern zufrieden gegurgelt und gekräht. Dieser Moment war eine von Charlies schönsten Erinnerungen.
Doch die Kirche rief ihr auch kaum zu ertragende Bilder ins Gedächtnis: der kleine weiße Sarg auf dem von Pferden gezogenen schwarzen Glaswagen. Die Kränze und Blumen, die den Weg zum Kirchenportal säumten. Ein Dorf in Trauer, alle in Schwarz gekleidet, mit ernstem Gesichtsausdruck. Charlie sah alles so deutlich vor sich, als wäre es erst vor wenigen Wochen geschehen.
Sie kam oft am Wochenende und manchmal auch unter der Woche hierher, um bei ihrer Tochter zu sein oder sich um das Grab zu kümmern. Sie achtete darauf, dass die kleine Vase auf dem Grab immer frische Blumen enthielt. Der Friedhof war idyllisch und gut gepflegt. Im Frühling blühten überall strahlend gelbe Narzissen. Heute an diesem grauen Nachmittag leuchtete eine weihnachtliche Lichterkette in der großen Kiefer am Eingang des Friedhofs.
Charlie stieg aus dem Wagen und ging den Weg entlang am Kirchenportal nach hinten zu den Gräbern, wobei sie einen kleinen rosafarbenen Porzellanteddy fest umklammert hielt. Gavin wartete am Grab auf sie, einen Strauß Freesien in der Hand. Er trug einen langen schwarzen Mantel und einen gestreiften Schal. Charlie bemerkte graue Strähnen in seinem Haar. Er wirkte müde, sah aber immer noch so gut aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Der Verlust hatte ihnen beiden viel abverlangt. Gavin zog sie in eine enge Umarmung, als sie neben ihm stand. Sie waren zwar geschieden, doch keiner gab dem anderen die Schuld. Es war einfach passiert. Zwei Menschen hatten sich geliebt, einen Verlust erlitten und sich voneinander entfernt. Doch sie wusste, dass es tatsächlich zu einem großen Teil ihre Schuld gewesen war. Schließlich hatte sie sich zurückgezogen und zugelassen, dass alles auseinanderzubrechen begann. Gavin war mittlerweile mit Tessa verheiratet, einer Lehrerin. Er hatte sich ein neues Leben aufgebaut. Charlie beneidete ihn um diese Fähigkeit.
Schweigend standen sie nebeneinander, versunken in die Erinnerungen an ihr kostbares Kind. Nach einer Weile kniete sich Gavin hin und steckte die süßlich riechenden Blumen in die Vase vor dem Grabstein.
Charlie bückte sich und stellte den Bären neben den Grabstein. »Alles Gute zum Geburtstag, mein Schatz«, flüsterte sie ergriffen. Dann ließ sie den Kopf in die Hände sinken und schluchzte laut auf.
Gavin hielt sie fest, während sie weinte. Als ihre Schluchzer langsam versiegten, blickte sie mit rot unterlaufenen Augen zu ihm auf. Auch ihm liefen die Tränen über die Wangen. »Wenn wir ihren achtzehnten Geburtstag doch nur richtig hätten feiern können«, sagte sie.
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»Also, was hast du so getrieben?«, fragte Gavin, als sie im Pub gegenüber der Kirche saßen.
Charlie sah aus dem Fenster. »Ach, du weißt schon. Hatte viel zu tun. Ich arbeite fünf Tage die Woche im Café, außerdem habe ich noch jeden Abend und am Sonntagnachmittag meine Sendung im Krankenhaus. Ich habe überlegt, ehrenamtlich im Wohltätigkeitsladen für das St. Chad’s Hospiz zu arbeiten. Alle Einkünfte gehen an das Hospiz.« Sie blickte auf ihren Orangensaft und zögerte kurz, bevor sie wieder aufsah und gezwungen lächelte. »Es geht mir gut, Gavin. Wirklich. Alles ist in Ordnung. Was ist mit dir? Genießt du das Leben in Devon?«
»Es ist auf jeden Fall anders«, antwortete er. »Ich habe mit dem Surfen angefangen. Kannst du dir das vorstellen? Ein vierzigjähriger Surfer? Immerhin sage ich noch nicht ›Kumpel‹ zu jedem.«
Charlie lachte. »Ich kann mir dich nicht so recht in einem Surfanzug oder Shorts vorstellen. Der Umzug hat wohl deine rebellische Seite hervorgebracht.«
»Der Umzug war definitiv sinnvoll. Tessas Familie lebt in Bideford, was praktisch ist, wenn …« Er unterbrach sich errötend und holte tief Luft. »Hör mal, jetzt ist weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort, aber …«
Charlie sah ihm in die Augen. Sie wusste, was er ihr gleich erzählen würde. Alle Kraft verließ sie.
»Tessa und ich, wir … bekommen ein Baby. Es ist völlig ungeplant und ein Schock, aber …« Er verstummte.
Charlie kniff fest die Augen zusammen und holte tief Luft. »Herzlichen Glückwunsch«, sagte sie und drückte seine Hand. »Das meine ich ernst. Ich wünsche euch alles Gute und viel Freude. Es ist eine ziemliche Überraschung. Doch ich freue mich wirklich für euch.«
Danach wussten sie nicht mehr, über was sie noch sprechen sollten. Sie hatten sich zu sehr voneinander entfernt. Amy hatte ihre Ehe zusammengehalten, und jetzt war nur noch diffuse Zuneigung und Trauer übrig.
»Das Dorf hat sich ganz schön verändert, nicht wahr?«, meinte Gavin nach einer Weile. »Sie haben die alte Autowerkstatt abgerissen und Häuser gebaut. Der Supermarkt ist auch weg. Was wohl mit Mrs Pepper passiert ist, der Besitzerin?«
»Sie ist nach Schottland zu ihrer Tochter gezogen, was man so hört. Vor einem halben Jahr etwa habe ich unseren alten Nachbarn Ted gesehen. Er hat einen Freund im Krankenhaus besucht und kurz bei mir im Studio vorbeigeschaut. Dolly, den Terrier, hat er immer noch.«
»Was? Dolly muss doch mindestens fünfzehn Jahre alt sein.«
»Ja. Weißt du noch, Amy hat Dolly geliebt …« Charlie unterbrach sich. Sie wollte Amy nicht aus ihrem Herzen oder Kopf verbannen, doch es hatte keinen Sinn, Gavin ständig an ihren Verlust zu erinnern. Es war nicht seine Schuld, dass er in dieser schrecklichen Nacht am Steuer gesessen hatte. Doch der Gedanke ließ sie nicht los, dass der Unfall vielleicht nicht passiert wäre, wenn sie Amy von ihrer Freundin abgeholt hätte. Sie hätte sich bestimmt länger mit Sarahs Mutter unterhalten, und infolgedessen wären sie in dem schicksalshaften Moment nicht auf der Straße gewesen.
Sie warf Gavin einen Blick zu. Er dachte dasselbe. Gedanken, die sie viel zu viele Jahre geteilt hatten. Die Narbe unter seinem linken Auge, die an jene Nacht erinnerte, war verblasst, aber noch zu sehen. Die Narben auf seiner Seele waren jedoch viel tiefer. Er würde sich den Unfall nie verzeihen. Der Reifen eines Lastwagens platzte genau in dem Moment, in dem Gavin ihn überholte. Der Lkw scherte aus und kollidierte mit dem Wagen. In den ersten Monaten nach dem Unfall steckten sie alle Energie in den Wunsch, Amy möge aus dem Koma erwachen und ins Leben zurückfinden. Als sie jedoch starb, verwandelte sich Charlies Schmerz in Wut, und selbst sie gab Gavin für eine Weile die Schuld an ihrem Verlust. Erst stritten sie die ganze Zeit, dann mieden sie einander und trennten sich schließlich, beide gebrochen, voller Trauer und des Streitens...




