Wyer | Glückstausch | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Wyer Glückstausch

Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99451-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-492-99451-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Würdest du dein Leben gegen ein anderes eintauschen, wenn du könntest? Polly ist Anfang dreißig, hat ein paar Pfunde zu viel auf den Hüften und ist als Single unglücklich. Simon befindet sich in der Midlife-Crisis, unterhält ein viel zu teures Haus, kämpft jeden Tag mit seinen pubertierenden Kindern, einer nervigen Schwiegermutter, Maulwürfen, die unschöne Häufchen im Garten hinterlassen, und einer Katze, die ihn nachts zu ersticken versucht. Als den beiden in einer zwielichtigen Bar völlig unabhängig voneinander die Chance auf ihr vermeintliches Traumleben in Aussicht gestellt wird, zögern sie nicht. Polly entscheidet sich für eine Luxusvilla und Day Spas - und Simon mausert sich vom Autohändler zum Chef der Firma. Doch wer sagt, dass ein anderes Leben besser ist - und nicht nur andere Probleme bereit hält? »Glückstausch« ist die perfekte Mischung aus Humor und Herz und besticht genauso wie Carol Wyers Erfolgsroman »Ein Jahr voller Wünsche« mit liebevollen Figuren, inspirienden Lese-Momenten und einem gefühlvollen Happy End. »Wer eine Auszeit vom Alltag sucht und dabei lachen und ein echtes Feel-Good-Erlebnis haben möchte, der sollte diesen Roman lesen!« Being Ann Reading

Carol Wyer wurde in Münster geboren und verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Deutschland. Bevor sie sich dem Schreiben widmete, leitete sie eine Sprachschule und unterrichtete Boxercise-Kurse. Heute lebt die Journalistin und Autorin, die mit dem People's Book Prize ausgezeichnet wurde, in Staffordshire.
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1


Simon


Simon Green ertrank in fluffigen weißen Marshmallows. Er schlug wild um sich, während ihn kräftige Hände immer tiefer in die klebrigen Vanilletiefen drückten und die Marshmallows allmählich seine Atemwege zu verschließen drohten. Irgendein primitiver Instinkt sagte ihm, dass es kein Traum war. Panisch wurde ihm bewusst, dass er weder die Augen öffnen noch atmen konnte. Simon versuchte vergeblich, den Kopf hin und her zu bewegen. Doch ein bleiernes Gewicht drückte ihn weiter nach unten. Ein Wort kam ihm in den Sinn, während die Starre sich langsam löste: Ivan. Schlagartig war er wach, packte zu und zog mit aller Kraft. Ein kühler Luftzug traf seine Wangen, und er holte dankbar Atem, ohne allerdings den Nacken seines Angreifers freizugeben. Der riesige getigerte Kater starrte ihn wütend aus funkelnden grünen Augen an. Schon zum zweiten Mal in dieser Woche hatte ihn das verdammte Vieh im Schlaf fast erstickt. Wollte es ihn kaltmachen? Simon überlegte, ob er Ivan aus dem Schlafzimmerfenster werfen sollte. Der Kater fauchte und zeigte instinktiv die Krallen.

»Ist das mein kleiner Flauscheschatz?«, ertönte eine verschlafene Stimme neben Simon. Der Kater zog sofort die Krallen ein und miaute jämmerlich.

»Simon«, sagte seine Frau Veronica scharf. »Was tust du da? Setz Ivan sofort ab.« Dann fuhr sie mit hoher Kleinmädchenstimme fort: »Komm zu Mummy, Ivan. Daddy wollte versuchen, mein Flauschebaby aus dem Bett zu werfen, nicht wahr? Böser Daddy. Beachte ihn gar nicht. Er ist nur so schlecht gelaunt, weil er gestern zu viel getrunken hat.«

Simon ließ das riesige Tier los. Mit einem dumpfen Geräusch fiel Ivan auf die Bettdecke, unter der Veronicas Arm auftauchte. Sie streckte die Hand nach Ivan aus und wackelte mit den Fingern.

Simon zupfte sich Katzenhaare von der Zunge und sah auf den Wecker neben dem Bett – es war erst sechs Uhr morgens. Verfluchtes Vieh. Er schnaubte verärgert und versuchte dann, sich wieder in die Bettdecke einzukuscheln. Der Kater lag jetzt auf dem Rücken, aalte sich in Veronicas Aufmerksamkeit und warf ihm abfällige Blicke zu. Man sah geradezu das höhnische Grinsen. Das skrupellose Vieh hatte in letzter Zeit eine Abneigung gegen Simon entwickelt – was auf Gegenseitigkeit beruhte. Entweder war das Tier beleidigt, weil Simon es vor ein paar Tagen aus seinem Lieblingssessel vertrieben hatte, oder es war wegen Veronica eifersüchtig auf ihn. Seinetwegen konnte Ivan sie ganz für sich allein haben. Sie nörgelte sowieso immer nur an ihm herum.

»Armes Baby«, säuselte Veronica. »Du sehnst dich nach Georgie, nicht wahr?«

Simon warf dem verwöhnten Kater einen bösen Blick zu, dem sein mürrisches Frauchen, die Teenagertochter der Familie, nicht besonders zu fehlen schien. Simon jedenfalls vermisste Georgina oder ihre in letzter Zeit ständig schlechte Laune nicht. Was war nur aus seiner kleinen Prinzessin geworden? Noch im letzten Jahr war sie eine zufriedene Zwölfjährige gewesen und Simon ihr bester Freund. Er und Georgie hatten immer ein enges Verhältnis zueinander gehabt. Sie teilten denselben albernen Humor, saßen oft gemeinsam auf dem Sofa, sahen Sendungen von Komikern wie Lee Evans oder Harry Hill und prusteten vor Lachen, während Veronica schlecht gelaunt danebensaß. Jetzt ignorierte ihn seine Tochter nur noch oder blaffte ihn genauso an wie Veronica. Vielleicht war sie besserer Stimmung, wenn sie von ihrer Reise zurückkam. Nein, das war genauso wahrscheinlich, wie dass er den Jackpot im Lotto knackte. Er seufzte, hievte sich aus dem Bett und setzte die Schildpattbrille auf. Seine Umgebung wurde klarer.

»Tee, Liebes?«, fragte er wie jeden Morgen. Veronica gab etwas Unverständliches von sich. Simon zog sich seinen Morgenmantel über. Der Kater streckte sich träge auf seiner Betthälfte.

»Vergiss nicht, Georgies Schranktür zu reparieren, bevor sie zurückkommt«, sagte Veronica und drehte sich auf die Seite.

»Ich verstehe immer noch nicht, warum die Schule ausgerechnet China ausgesucht hat«, beschwerte er sich, während er in die Hausschuhe schlüpfte und bemerkte, dass sich eine Sohle ablöste. Er untersuchte die Schuhe näher. Die Spitzen sahen zerkaut aus. Verdammter Kater! Böse funkelte er Ivan an. »Als ich in ihrem Alter war, haben wir uns schon über den jährlichen Tagesausflug nach Boulogne gefreut.«

»Nicht schon wieder, Simon«, murmelte Veronica. »Das ist eine Kulturreise, Himmel noch mal. Denk nur an die Sehenswürdigkeiten, die sie besuchen darf, die Erfahrungen, die sie macht. Es wird ihr die Augen für die Welt öffnen.«

»Vor allem öffnet sie meine Brieftasche – achthundert Pfund! Himmel! Wir können uns nicht einmal eine Woche in Bognor Regis leisten …« Er unterbrach seine Tirade, als er bemerkte, dass Veronica ihn wieder mit diesem ganz bestimmten Blick musterte.

»Halt die Klappe, Simon. Du bist ein jämmerlicher alter Geizkragen. Du musstest sie mitfahren lassen. Sonst wäre sie als Einzige aus ihrem Jahrgang daheimgeblieben. Es wird ihr guttun, und außerdem müssen wir Opfer für unsere Kinder bringen. Das machen Eltern so. Du hast schlechte Laune – wahrscheinlich wegen der zweiten Flasche Wein. Ich habe dir doch gesagt, dass du sie nicht aufmachen sollst. Trink einen Kaffee und reiß dich zusammen. Georgie kommt am Wochenende zurück. Bis dahin muss der Schrank repariert sein.«

»Ja, Liebes.« Simon hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass man mit Veronica am besten zurechtkam, wenn man sich ihren Wünschen beugte. Stellte man sich ihr entgegen, konnte sie einem das Leben zur Hölle machen. Er erinnerte sich an eine bestimmte Situation, in der er sie verärgert hatte – am 3. März 2005. Sie war völlig ausgeflippt und hatte seine wertvolle Sammlung von Oldtimerzeitschriften in die Papiertonne geworfen, ihm Obszönitäten entgegengeschrien, als er sich nach der Arbeit umziehen wollte, ihn dann durch die Hintertür nach draußen gedrängt und ihn aus dem Haus ausgeschlossen. In Unterhose und Socken hatte er die Nacht im Schuppen verbracht, auf einem unbequemen Gartenstuhl unter einer müffelnden Decke. Die Benzindämpfe des Rasenmähers hatten ihm höllische Kopfschmerzen beschert, die durch die lautstarken Vorwürfe, die er einstecken musste, als er endlich wieder zurück ins Haus durfte, noch verstärkt wurden. In den nächsten zehn Jahren hatte er nie wieder ihren Hochzeitstag vergessen.

Zu seiner Verteidigung musste er allerdings sagen, dass er damals unter großem Druck gestanden hatte. Wegen der ausgeschriebenen Prämie von tausend Pfund hatte er den Titel »Verkäufer des Monats« unbedingt ergattern wollen. Sie brauchten das Geld dringend, um weiter die Raten und die Rechnungen abzubezahlen, die seit dem Umzug in ein größeres Haus auf ihnen lasteten – ein Haus, auf dessen Kauf Veronica bestanden hatte. »Das Dorf ist entzückend, Simon. So pittoresk, Simon. In der Nähe gibt es eine großartige Schule – die ist perfekt für die Kinder. Und an der Straße liegt sogar ein Pub, Simon. Ich weiß, dass es ein bisschen unsere Finanzen sprengt, aber ich liebe es. Lass es uns kaufen, Simon. Bitte!« Der Druck war seither übrigens nicht kleiner geworden.

Simon seufzte schwer. Ivan, der immer noch seine Bewegungen verfolgte, leckte sich ein Bein. Für ihn war alles in Ordnung. Die weiblichen Mitglieder des Haushalts überschütteten ihn mit Aufmerksamkeit. Er bekam zu fressen, wenn er danach verlangte, und hatte keine Sorgen. Abgesehen von den Bergen an Futter, die er verschlang, interessierte ihn nur Schlafen. Simon schleppte sich ins Badezimmer, wobei er darauf achtete, die wieder eingeschlafene Veronica nicht zu stören. Er hob seine Brille und blinzelte in den Spiegel. Böser Fehler. Der Mann mit den dunklen Augenringen, der ihn anblickte, schien eher Ende fünfzig als Ende vierzig zu sein. Er berührte die kahl werdende Stelle an seinem Hinterkopf und fluchte. Sie schien über Nacht größer geworden zu sein. Er wagte einen genaueren Blick in den Spiegel und zuckte zurück. Die blutunterlaufenen Augen waren zu viel für diese Uhrzeit. Er hätte früher mit dem Wein aufhören sollen. Normalerweise trank er nicht so viel, und vor allem nicht unter der Woche. Ein lautes Geräusch ertönte aus der Küche im Erdgeschoss. Der Grund, warum er bis weit nach Mitternacht getrunken hatte, war endlich zurückgekehrt. Simon zog nach unten in die Schlacht.

Sein siebzehnjähriger Sohn Haydon stand vor dem offenen Kühlschrank und trank aus einem Milchkarton.

»Muss das sein?«, knurrte Simon.

Haydon zuckte mit den Schultern, wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab und antwortete: »So hast du weniger Abwasch.«

»Quatsch. Du bist nur faul«, sagte Simon. Er ging zum Schrank, holte ein Glas heraus und gab es Haydon. »Nimm das für die Milch. Andere wollen auch noch davon trinken, aber ohne deine Bakterien. Wir müssen uns übrigens unterhalten.«

»Wenn es darum geht, dass ich die ganze Nacht unterwegs war …«

»Das weißt du ganz genau. Wir haben ausgemacht, dass du um halb elf wieder hier bist.«

»Du hast halb elf gesagt, ich nicht. Halb elf ist für Kinder und eine dämliche Zeit, um nach Hause zu kommen. Niemand in meinem Alter geht um zehn.«

»Du hast gesagt, du bist um halb elf hier, komm mir jetzt also nicht so. Du hast nicht zum ersten Mal ignoriert, wann du zu Hause zu sein hast, aber die ganze Nacht warst du noch nie weg.«

»Ich konnte einfach nicht so früh abhauen. Die anderen wollten noch ins Galaxy und hätten mich für den totalen Loser gehalten.«

Simon bezweifelte ernsthaft, dass irgendwer seinen knapp einen Meter neunzig großen Sohn einen Loser nennen würde. Neben Haydon kam er sich wie ein Zwerg vor, und wenn er ehrlich war, war er sogar etwas eifersüchtig auf die Größe und...



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