E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Yates Ruhestörung
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-25337-0
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-641-25337-0
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
John Wilder kann sich nicht beklagen: Er ist beruflich erfolgreich und hat ein erfüllendes Privatleben. Seine Abende verbringt er auf Cocktailpartys und die Wochenenden mit der Familie auf dem Land. Alles scheint gut. Doch wenn John ehrlich zu sich ist, dann weiß er, dass tief in ihm schon seit Langem etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist – etwas droht, die Ruhe zu stören ...
Ein eindringlicher und unvergesslicher Blick in die dunkelsten Winkel der Psyche, von einem meisterhaften Erzähler der modernen amerikanischen Literatur.
Richard Yates wurde 1926 in Yonkers, New York, geboren und lebte bis zu seinem Tod 1992 in Alabama. Obwohl seine Werke zu Lebzeiten kaum Beachtung fanden, gehören sie heute zum Wichtigsten, was die amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts zu bieten hat. Wie Ernest Hemingway prägte Richard Yates eine Generation von Schriftstellern. Die DVA publiziert Yates’ Gesamtwerk auf Deutsch, zuletzt erschien der Roman "Eine strahlende Zukunft". Das Debüt "Zeiten des Aufruhrs" wurde 2009 mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in den Hauptrollen von Regisseur Sam Mendes verfilmt. „Cold Spring Harbor“, zuerst veröffentlicht 1986, ist Yates‘ letzter vollendeter Roman.
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1. KAPITEL
Im Spätsommer 1960 begann für Janice Wilder alles schiefzugehen. Und das Schlimmste daran war, sagte sie später immer wieder, das Schreckliche daran war, dass es aus heiterem Himmel zu geschehen schien.
Sie war vierunddreißig und Mutter eines zehnjährigen Jungen. Dass ihre Jugend schwand, bekümmerte sie nicht – es war sowieso nie eine unbeschwerte oder abenteuerlustige Jugend gewesen –, und falls ihre Ehe mehr einem Arrangement gleichen sollte als einer aufregenden Liebesaffäre, dann war auch das in Ordnung. Niemandes Leben war vollkommen. Sie mochte den geordneten Ablauf der Tage; sie mochte Bücher, von denen sie sehr viele besaß; und sie mochte die hohe, helle Wohnung mit dem Blick auf die Wolkenkratzer von Midtown Manhattan. Es war weder eine luxuriöse noch eine elegante Wohnung, doch sie war gemütlich – und »gemütlich« war eines von Janice Wilders Lieblingswörtern. Sie mochte auch die Wörter »gesittet« und »vernünftig« und »Anpassung« und »Beziehung«. Kaum etwas brachte sie aus der Ruhe oder jagte ihr Angst ein: Das gelang nur Dingen, die sie nicht verstand – und das manchmal in einem Ausmaß, dass ihr der Atem stockte.
»Das verstehe ich nicht«, sagte sie am Telefon zu ihrem Mann. »Was meinst du damit, dass du nicht nach Hause kommen kannst?« Und sie blickte beunruhigt zu ihrem Sohn, der auf dem Teppich saß, einen Apfel aß und die CBS-Abendnachrichten schaute.
»Was?«, fragte sie. »Ich kann dich nicht hören. Du bist was? … Warte, ich gehe ins Schlafzimmer.«
Als sie hinter zwei geschlossenen Türen allein am anderen Apparat war, sagte sie: »Also gut, John. Fangen wir von vorn an. Wo bist du? In La Guardia?«
»Gott sei Dank nicht, ich bin endlich weg von diesem Scheißflughafen. Mindestens zwei Stunden bin ich davor herumgelaufen, bis ich ein Taxi gekriegt habe, und dann war der Fahrer so verdammt geschwätzig, und er – «
»Bist du betrunken?«
»Lässt du mich bitte ausreden? Nein, ich bin nicht betrunken. Ich habe etwas getrunken, aber ich bin nicht betrunken. Hör mal, weißt du, wie viel ich in Chicago geschlafen habe? Die ganze Woche? So gut wie gar nicht. Ein, zwei Stunden in der Nacht, und letzte Nacht habe ich überhaupt nicht geschlafen. Du glaubst mir nicht, oder? Wenn etwas der Wahrheit entspricht, glaubst du es nicht.«
»Sag mir doch, von wo du anrufst.«
»Ich weiß es nicht. Ich bin in irgendeiner Telefonzelle, und meine Beine machen gleich – Grand Central. Das Biltmore. Nein, warte, das Commodore. Ich bin im Commodore und genehmige mir einen Drink.«
»Aber, Liebling, das ist doch praktisch um die Ecke. Du musst nur – «
»Verdammt noch mal, hörst du mir nicht zu? Ich habe gerade gesagt, dass ich nicht nach Hause kommen kann.«
Sie beugte sich, auf der Kante des Doppelbetts sitzend, vor, stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel und hielt den Hörer mit beiden Händen fest. »Warum nicht?«, fragte sie.
»Herrgott. Es gibt Hunderte von Gründen. Mehr Gründe als ich – als ich überhaupt aufzählen kann. Zum einen habe ich vergessen, Tommy ein Geschenk mitzubringen.«
»Ach, John, das ist doch absurd. Er ist zehn Jahre alt, er erwartet nicht, dass du ihm jedes Mal ein Geschenk mitbringst, wenn du – «
»Okay, hier ist noch ein Grund. Da war eine Frau in Chicago, eine aus der PR-Abteilung einer Whiskey-Brennerei. Ich habe sie im Palmer House fünfmal gevögelt. Wie findest du das?«
Es war nicht das erste Mal – es hatte viele Frauen gegeben –, aber es war das erste Mal, dass er es ihr hinknallte wie ein halbwüchsiger Angeber, der seine Mutter schockieren will. Sie wollte sagen, wie hättest du denn gern, dass ich es finde?, doch sie traute ihrer Stimme nicht: Sie könnte verletzt klingen, und das wäre ein Fehler, oder sie könnte trocken und tolerant klingen, und das wäre noch schlimmer. Zum Glück wartete er nicht lange auf eine Antwort.
»Und was hältst du davon? Auf dem Rückflug habe ich die ganze Zeit die nette kleine Kreditkarte von der Fluglinie angeschaut. Weißt du, was ich mit der Karte jederzeit machen kann, wenn mir danach ist? Ich kann sagen: Schluss, aus. In einen großen silbernen Vogel steigen und zum Beispiel nach Rio fliegen, in der Sonne liegen und trinken und überhaupt nichts tun, absolut nichts, bis – «
»John, hör auf damit. Sag mir jetzt, warum du nicht nach Hause kommen kannst.«
»Willst du es wirklich wissen, Schatz? Weil ich Angst habe, dass ich euch umbringen werde, deswegen. Euch beide.«
Wie der Sohn der Wilders sah auch Paul Borg sich die CBS-Nachrichten an. Er fluchte, weil das Telefon genau in dem Moment klingelte, als Eric Sevareid gerade dabei war, Senator Kennedys Aussichten, Vizepräsident Nixon zu schlagen, zusammenzufassen.
»Ich geh ran«, rief seine Frau aus der dampfenden Küche.
»Nein, nein, ist schon okay. Ich geh ran.« Seine Mandanten riefen ihn manchmal zu Hause an und wollten dann sofort seine Stimme hören und nicht erst nach ihm fragen müssen. Aber es war kein Mandant. »Oh«, sagte er. »Hallo, Janice.«
»Paul, ich störe dich nur ungern um diese Zeit, aber ich mache mir schreckliche Sorgen um John …«
Er hörte zu, unterbrach sie ab und an mit Fragen, und diese Fragen veranlassten seine Frau, langsam aus der Küche zu kommen, den Fernseher auszuschalten und sich so nah wie möglich neben das Telefon zu stellen, die Augen weit aufgerissen, der Blick gebannt. Als er sagte, »… Angst, dass er euch umbringen könnte?«, röteten sich ihre Wangen, und sie hob langsam und unsicher ihre Hand und steckte die Finger in den Mund.
»… Natürlich tue ich, was ich kann, Janice. Ich fahre sofort hin und – rede mit ihm, versuche herauszufinden, worin das Problem besteht. Nimm’s nicht so schwer, und mach dir keine Sorgen, okay? Ich melde mich so schnell wie möglich bei dir … Okay, Janice.«
»Mein Gott!«, sagte seine Frau, nachdem er aufgelegt hatte.
»Wo ist meine Krawatte?«
Sie holte sie und zog sein Jackett so heftig aus dem Garderobenschrank, dass der Drahtbügel klappernd zu Boden fiel. »Hat er wirklich gedroht, sie umzubringen?« Sie strahlte über das ganze Gesicht.
»Ach, um Himmels willen, Natalie. Nein, natürlich hat er nicht ›gedroht‹. Offenbar macht er gerade eine Art nervlicher oder emotionaler – ich erzähle es dir, wenn ich zurück bin.«
Er ließ die Tür hinter sich zufallen, doch sie öffnete sie wieder und folgte ihm ein paar Schritte zum Aufzug. »Paul, was ist mit dem Abendessen?«
»Iss du ruhig, ich hole mir etwas in der Stadt. Und hör mal, komm ja nicht auf die Idee, Janice anzurufen. Ich möchte, dass die Leitung frei ist, damit ich sie anrufen kann. Okay?«
Sie wohnten in einem von den neuen großen Gebäuden im nordwestlichen Village; Borg schätzte, dass er nicht mehr als zehn Minuten bis zum Commodore brauchen würde, und als er vom Parkplatz fuhr und dann die Hudson Street entlang Richtung Norden, freute er sich über die Effizienz seines Wagens und seine geschickte, geschmeidige Fahrweise. Er freute sich zudem darüber, dass Janices anfänglich verzweifelte Stimme am Schluss wieder stark und hoffnungsvoll geklungen und dass sie ihn überhaupt angerufen hatte. An einer Ampel warf er rasch einen Blick in den Rückspiegel, um sich zu vergewissern, dass Frisur und Krawatte saßen, und um den nüchternen, reifen Ausdruck seines Gesichts zu bewundern. Erst als hinter ihm gehupt wurde, sah er, dass die Ampel auf Grün geschaltet hatte.
Er entdeckte seinen Mann sofort, als er die Bar im Erdgeschoss betrat. John Wilder saß allein an einem Tisch an der rückwärtigen Wand und starrte in sein Glas, die Stirn auf die Hand gestützt. Doch es war wichtig, das Ganze wie eine zufällige Begegnung aussehen zu lassen, was allerdings nicht schwer sein sollte: Sowohl Johns als auch sein Büro waren ganz in der Nähe; auf dem Weg nach Hause trafen sie sich hier oft auf einen Drink. Um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, es handele sich um eine Verschwörung, schob er eine Hinterbacke auf einen Barhocker und bestellte einen Scotch mit Soda – »viel Soda« – und zählte lautlos bis hundert, bevor er einen weiteren Blick zu Wilder hinüber riskierte. Keine Veränderung. Sein Haar war von nervösen Fingern zerzaust (was an sich schon merkwürdig war, denn normalerweise war er, was seine Frisur anbelangte, penibel bis zur Eitelkeit), und da sein Gesicht im Schatten lag, war unmöglich zu erkennen, ob er betrunken war oder erschöpft oder – was auch immer. Abgesehen vom Kopf sah er aus wie immer: ein kleiner, gelassener, wohlproportionierter Mann in einem gut geschnittenen Geschäftsanzug, das Hemd frisch, die Krawatte dunkel, auf dem Boden neben sich ein teurer Koffer.
Borg wandte sich wieder der Bar zu in der Hoffnung, dass Wilder ihn sehen würde; er zählte noch einmal bis hundert, dann schlenderte er beiläufig, so hoffte er zumindest, mit dem Drink in der Hand durch den Raum und sagte: »Hallo, John. Ich dachte, du bist in Chicago.«
Wilder blickte auf, und er sah schrecklich aus: blass, Schweißperlen auf der Stirn, die Augen scheinbar unfähig zu fokussieren.
»Gerade zurück?«, fragte Borg und zog einen Stuhl zu sich heran, um sich zu ihm zu setzen.
»Seit einer Weile schon. Was machst du um diese Uhrzeit noch hier?« Zumindest schien er zu wissen, wie spät es war.
»Ich bin erst um sieben aus dem Büro rausgekommen....




