Yates | Verliebte Lügner | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Yates Verliebte Lügner


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-24715-7
Verlag: DVA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-641-24715-7
Verlag: DVA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zeitlose Geschichten von einem der wichtigsten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts

Richard Yates, der Meister der klaren Worte, prägte eine ganze Generation von Schriftstellern. Seine Kurzgeschichten gehören zum Besten, was je in diesem Genre geschrieben wurde, und er gilt als der wichtigste literarische Chronist des amerikanischen Durchschnittslebens der 1930er- bis späten 1960er-Jahre. In »Verliebte Lügner« zeichnet Richard Yates mit lakonischer Schärfe die Schattenseiten des amerikanischen Traums. Zutiefst einfühlsam, gleichzeitig ehrlich und unsentimental kreisen seine Geschichten um das Streben nach Glück – und um dessen unvermeidbares Scheitern.

Richard Yates wurde 1926 in Yonkers, New York, geboren und lebte bis zu seinem Tod 1992 in Alabama. Obwohl seine Werke zu Lebzeiten kaum Beachtung fanden, gehören sie heute zum Wichtigsten, was die amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts zu bieten hat. Wie Ernest Hemingway prägte Richard Yates eine Generation von Schriftstellern. Die DVA publiziert Yates’ Gesamtwerk auf Deutsch, zuletzt erschien der Roman "Eine strahlende Zukunft". Das Debüt "Zeiten des Aufruhrs" wurde 2009 mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in den Hauptrollen von Regisseur Sam Mendes verfilmt. „Cold Spring Harbor“, zuerst veröffentlicht 1986, ist Yates‘ letzter vollendeter Roman.
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Ein natürliches Mädchen


Im Frühling ihres zweiten Studienjahres, als sie zwanzig war, sagte Susan Andrews ganz ruhig zu ihrem Vater, daß sie ihn nicht mehr liebe. Sie bereute es, oder zumindest ihren Tonfall, nahezu sofort, aber es war zu spät: Er saß ein paar Augenblicke da wie vor den Kopf gestoßen und begann dann zu weinen, tief nach vorn gebeugt, um sein Gesicht vor ihr zu verbergen, mit einer unsicheren Hand versuchte er, ein Taschentuch aus seinem dunklen Anzug zu ziehen. Er war einer der fünf oder sechs angesehensten Hämatologen der Vereinigten Staaten, und seit vielen Jahren war ihm nichts Vergleichbares widerfahren.

Sie waren allein in Susans Zimmer im Studentenwohnheim eines kleinen, berühmten geisteswissenschaftlichen College namens Turnbull in Wisconsin. Sie hatte an diesem Tag ein sittsames gelbes Kleid angezogen, weil es seinem Besuch angemessen schien, aber jetzt fühlte sie sich eingezwängt von seiner Korrektheit und der Art und Weise, wie es sie verpflichtete, ihre schmalen hübschen Knie zusammenzudrücken. Sie hätte viel lieber verwaschene Jeans und ein Männerhemd getragen, die obersten beiden Knöpfe geöffnet, wie an den meisten anderen Tagen. Ihre braunen Augen waren groß und blickten kummervoll, und ihr langes Haar war fast schwarz. In letzter Zeit war ihr viele Male mit Begeisterung und zu Recht gesagt worden, daß sie schön sei.

Sie wußte, daß sie die Worte hätte zurücknehmen können, wenn sie die Erklärung im Zorn oder unter Tränen abgegeben hätte, aber sie bedauerte nicht wirklich, daß sie diese Möglichkeit nicht mehr hatte. Sie kannte den Wert und den Preis von Ehrlichkeit in allen Dingen: Wenn man sich klar verhielt, gab es nichts zurückzunehmen. Aber es war das erste Mal, daß sie ihren Vater weinen sah, und das schnürte auch ihr die Kehle zu.

»Na gut«, sagte Dr. Andrews mit brechender Stimme und hängendem Kopf. »Na gut, du liebst mich nicht mehr. Aber sag mir eins, Liebes. Sag mir warum.«

»Es gibt kein Warum«, sagte Susan und war dankbar, daß ihre Stimme normal klang. »Es gibt ebensowenig einen Grund, warum man nicht liebt, wie es einen Grund gibt, warum man liebt. Ich denke, die meisten intelligenten Menschen begreifen das.«

Er stand langsam auf und sah zehn Jahre älter aus als noch ein paar Minuten zuvor. Er mußte nach Hause nach St. Louis, und die lange Fahrt würde eine Qual werden. »Tut mir leid, daß ich geweint habe«, sagte er. »Wahrscheinlich werde ich zu einem rührseligen alten Mann. Jedenfalls muß ich jetzt los. Tut mir leid. Es tut mir alles sehr leid.«

»Ich wünschte, du würdest dich nicht ständig entschuldigen. Mir tut es auch leid. Warte, ich bringe dich zum Wagen.«

Und auf dem Weg zu dem von der Sonne in blendend helles Licht getauchten Parkplatz, vorbei an sehr alten gepflegten Collegegebäuden und Gruppen laut lachender Jugendlicher – hatte irgend jemand je gedacht, daß es so viele Jugendliche geben würde? – versuchte Edward Andrews sich Abschiedsworte zurechtzulegen. Er wollte nicht noch einmal sagen, daß es ihm leid täte, aber etwas anderes fiel ihm nicht ein. Schließlich sagte er: »Ich weiß, daß deine Mutter gern von dir hören würde, Susan, und deine Schwestern auch. Warum rufst du heute abend nicht zu Hause an, wenn du nicht zu beschäftigt bist.«

»Okay, klar«, sagte sie. »Ich bin froh, daß du mich daran erinnert hast. Also. Fahr vorsichtig.« Dann war sie fort, und er war unterwegs.

Edward Andrews hatte sieben Töchter, und es gefiel ihm, als Familienmensch betrachtet zu werden. Gern und oft dachte er daran, daß alle seine Mädchen hübsch waren und die meisten von ihnen patent: Die Älteste war seit langem mit einem tiefgründigen Philosophieprofessor verheiratet, der furchteinflößend gewirkt hätte, wäre er nicht auch nach Jahren noch ein schüchterner und verletzlicher Junge; die zweite sah er nur selten, weil ihr Mann ein bewundernswert zuverlässiger Anwalt in Baltimore war, der nicht gern reiste, und die dritte war vielleicht zuviel zu Hause – ein süßes einfältiges Mädchen, das in der Highschool schwanger geworden war und eilig einen netten, nuschelnden Jungen geheiratet hatte, für den man ständig Jobs suchen mußte. Und da waren die drei kleinen Mädchen, die noch zu Hause lebten, alle ernsthaft besorgt um ihre Frisuren und ihre Monatszyklen; die Freude, sie im Haus zu haben, brachte einen zur Verzweiflung.

Aber es gab nur eine Susan. Sie war das mittlere Kind, geboren kurz nachdem er aus dem Krieg zurückgekehrt war, und er würde ihre Geburt immer mit der ersten großen Hoffnung auf Weltfrieden in Verbindung bringen. An den Wänden zu Hause hingen gerahmte Fotos von ihr, auf denen sie als ehrfürchtiger Weihnachtsengel mit Flügeln aus Gaze und Draht auf dem Boden kniete oder mit weit mehr Anstand als alle anderen an einem Geburtstagstisch saß. Und er konnte nicht in den Alben mit den Familienschnappschüssen blättern, ohne daß sein Herz stehen blieb, wann immer er diese großen kummervollen Augen sah. Ich weiß, wer ich bin, schienen sie auf jedem Bild zu sagen; weißt du, wer du bist?

»Ich mag Alice im Wunderland nicht«, hatte sie zu ihm gesagt, als sie acht war.

»Nein? Warum nicht?«

»Weil es wie ein Fiebertraum ist.«

Und nie wieder war er in der Lage gewesen, eine Seite in den beiden Büchern zu lesen oder die berühmten Illustrationen von Tenniel zu betrachten, ohne zu verstehen, was sie meinte, und ihr zuzustimmen.

Susan zum Lachen zu bringen, war nie einfach gewesen, außer man hatte etwas wirklich Lustiges zu erzählen, dann lohnte sich die Mühe immer. Er erinnerte sich daran, daß er bis spät im Büro blieb, als sie zehn oder zwölf war – sogar noch, als sie schon in die Highschool ging –, um alle lustigen Geschichten zu sortieren, die ihm einfielen, und es mit der besten bei Susan zu versuchen, wenn er nach Hause kam.

Oh, sie war ein wunderbares Kind gewesen. Und obwohl sie überrascht schien, war es für ihn überhaupt keine Überraschung gewesen, als sie an einem der besten Colleges des Landes angenommen wurde. Sie erkannten eine außergewöhnliche Person, wenn sie auf eine stießen.

Aber niemand wäre auf die Idee gekommen, daß sie sich in ihren Geschichtslehrer verliebte, einen geschiedenen Mann, der doppelt so alt war wie sie, und daß sie anschließend darauf bestand, mit diesem Mann an die staatliche Universität zu gehen, an der er eine neue Stelle hatte, und das Stipendium verfallen zu lassen, das für Turnbull aufgekommen wäre.

»Liebes, schau mal«, hatte er in ihrem Studentenheim heute nachmittag gesagt und versucht, sie zur Vernunft zu bringen, »ich möchte, daß du es verstehst: Es geht nicht ums Geld. Das ist nicht wichtig, nur ein bißchen verantwortungslos. Es ist nur so, daß deine Mutter und ich der Meinung sind, daß du zu jung bist, um so eine Entscheidung zu treffen.«

»Warum ziehst du Mutter mit hinein?« sagte sie. »Warum führst du immer Mutter zu deiner Unterstützung an, wenn du etwas willst?«

»Das tue ich nicht«, sagte er. »Das tue ich nicht. Aber wir machen uns beide große Sorgen – oder, wenn dir das lieber ist: Ich mache mir große Sorgen.«

»Warum?«

»Weil ich dich liebe. Liebst du mich?«

Und so war er in die Falle gegangen wie ein Komiker, der einer fliegenden Torte entgegenläuft.

Er wußte, daß sie es vielleicht nicht so gemeint hatte, auch wenn sie es glaubte. Mädchen in ihrem Alter wurden ständig von Liebe und Sex so überwältigt, daß sie die Hälfte der Zeit nicht wußten, was sie sagten. Dennoch, sie hatte es gesagt – das letzte, was er erwartet hatte, von seinem Lieblingskind zu hören.

Und beinahe wäre er wieder zusammengebrochen und hätte geweint, während er sich auf der Autobahn an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielt, aber er bekämpfte die Tränen, weil er auf den Verkehr achten mußte und weil seine Frau und seine jüngeren Mädchen zu Hause auf ihn warteten, und weil alles andere, was seinem Leben Sinn verlieh, ebenfalls dort auf ihn wartete; und außerdem brach ein zivilisierter Mann nicht zweimal am selben Tag zusammen.

Kaum war sie allein, eilte Susan in David Clarks Wohnung und in seine Arme, wo sie lange weinte – zu ihrer eigenen Überraschung, denn sie hatte überhaupt nicht weinen wollen.

»Oh, Baby«, sagte er und streichelte ihren bebenden Rücken. »Oh, Baby, so schlimm kann es doch gar nicht gewesen sein. Komm, wir trinken etwas und reden darüber.«

David Clark war weder kräftig noch gutaussehend, aber der verwunderte Blick, der seine Jugend vermasselt hatte, war inzwischen einem Ausdruck gewichen, der auf Intelligenz und Humor schließen ließ. Über Jahre hinweg war es ihm eine Sache der Ehre gewesen, nicht mit den Mädchen aus den Klassen, die er unterrichtete, anzubändeln. »Es ist unsportlich«, erklärte er den anderen Lehrern. »Es ist unfair, als würde man im Aquarium angeln. Erfolg garantiert.« Es lag auch an seiner Schüchternheit und der schrecklichen Angst, zurückgewiesen zu werden, aber diese Aspekte erwähnte er für gewöhnlich nicht.

Seine Argumente hatten sich allerdings ein paar Monate zuvor in Luft aufgelöst, als er feststellte, daß er eine Vorlesung nur hinter sich bringen konnte, wenn er den Blick immer wieder, wie ein Mann, der Nahrung suchte, zu Miss Andrews in der ersten Reihe schweifen ließ.

»Oh, Herr im Himmel«, sagte er zu ihr in ihrer ersten gemeinsamen Nacht. »Oh, Baby, so jemandem wie dir bin ich noch nie begegnet. Du bist wie – du bist wie – ach, Gott, du bist außergewöhnlich.«

Und sie erzählte ihm flüsternd, daß er ihr eine ganz neue Welt eröffnet habe. Sie erzählte ihm, daß er sie zum Leben erweckt...


Yates, Richard
Richard Yates wurde 1926 in Yonkers, New York, geboren und lebte bis zu seinem Tod 1992 in Alabama. Obwohl seine Werke zu Lebzeiten kaum Beachtung fanden, gehören sie heute zum Wichtigsten, was die amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts zu bieten hat. Wie Ernest Hemingway prägte Richard Yates eine Generation von Schriftstellern. Die DVA publiziert Yates’ Gesamtwerk auf Deutsch, zuletzt erschien der Roman "Eine strahlende Zukunft". Das Debüt "Zeiten des Aufruhrs" wurde 2009 mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in den Hauptrollen von Regisseur Sam Mendes verfilmt. „Cold Spring Harbor“, zuerst veröffentlicht 1986, ist Yates‘ letzter vollendeter Roman.



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