Young Aus reiner Notwehr
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-95576-285-8
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
ISBN: 978-3-95576-285-8
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Unfallchirurgin Kate Madison kann sich nicht mehr an die Nacht erinnern, als ihr Vater starb - und der Mörder würde es auch gerne dabei belassen. In letzter Zeit wird Kate jedoch von verstörenden Erinnerungen an die Tragödie heimgesucht. Und irgendjemand versucht alles, um die Vergangenheit zum Schweigen zu bringen.
Weitere Infos & Material
1. KAPITEL
“So ist’s richtig … ja, prima.” Kate Madison nickte zustimmend, als die etwas unsichere Assistenzärztin versuchte, den zerschundenen und blutverschmierten Patienten zu intubieren. “Okay. Umfassen Sie sein Kinn mit der linken Hand, Betsy – schauen Sie her, so. Und nun halten Sie ihn etwas schräg – passen Sie auf, dass Sie den Rachenraum nicht verletzen. So, genau! Sehen Sie! Schon ist er drin!”
“Ich hab’s geschafft!” Die Assistenzärztin stieß einen Seufzer aus, wandte sich dann um und schaute Kate forschend an, als könne sie in deren Gesicht einen Hinweis finden. “Und nun?”
“Sagen Sie’s mir, Betsy.”
“Er muss zur Computertomographie.”
“Richtig.” Der Patient – sechzehn Jahre alt, männlich – hatte sich schwerste Kopfverletzungen zugezogen, als er durch die Frontscheibe eines Autos geschleudert worden war. Seit man ihn zehn Minuten zuvor in die Notaufnahme eingeliefert hatte, befand er sich in einer Art Dämmerzustand, und Phasen von Wachsein und Bewusstlosigkeit wechselten sich ab.
“Aber erst muss sein Zustand stabil sein, ehe wir ihn hochschicken, oder?”
“Ja.” Kate gab einem anderen Assistenzarzt ein Zeichen. “Felix, übernehmen Sie hier mal bitte?”
Sie wandte sich ab, seufzte erschöpft, streifte sich die Einweghandschuhe von den Händen und warf sie auf dem Weg zum Aufenthaltsraum in einen Abfallbehälter. Nicht nur dass den ganzen Abend keine Zeit für eine Tasse Kaffee gewesen war: Seit ihrem Dienstantritt um sieben Uhr früh hatte sie außer einem Schokoriegel noch nichts gegessen.
Der Freitagabend war in der Notaufnahme eines jeden Krankenhauses nervenaufreibend, und das St. Luke Hospital machte da keine Ausnahme. Obwohl es in Boston strenge Waffenkontrollbestimmungen gab, hatten sie und ihr Ärzteteam bereits zwei Patienten mit Schussverletzungen behandelt. Wie Schüsse aus einer Schnellfeuerwaffe folgten dann dicht nacheinander ein vierzehnjähriger Junge, der vom Rottweiler seines Nachbarn angefallen worden war, eine zweiundvierzigjährige Diabetikerin im Zuckerkoma, ein paar Junkies mit einer Überdosis Crack, eine Prostituierte, die von einem impotenten Freier verprügelt worden war, und drei College-Studenten, die man bewusstlos im Park aufgefunden hatte – mit einem Alkoholspiegel, der um das Dreifache über dem gesetzlich zulässigen Limit lag. Gerade wartete ein Team auf die Einlieferung eines Unfallopfers per Rettungshubschrauber – komplizierte Knochenfrakturen unterhalb des Knies, Schnittverletzungen im Gesicht und Schädeltrauma, Kehlkopfquetschung. Geschätzte Ankunft: in sechs Minuten. Bisher war keiner der Patienten gestorben, aber das konnte sich mit dem Verkehrsunfall ändern. Da Felix sich um den Sechzehnjährigen kümmerte, konnte sie sich vielleicht eine Tasse Kaffee genehmigen und kurz die Toilette aufsuchen.
Der Kaffee war stark, schwarz und viel zu süß, aber er ließ Adrenalin in ihren allmählich nachlassenden Organismus einströmen, dazu Säure und leere Kalorien. Sie riss eine Packung Salzbrezel auf – nicht, weil sie besonders hungrig gewesen wäre, sondern weil in letzter Zeit ihr Magen rebelliert hatte, da ihre Ernährung überwiegend aus Koffein und Fast-Food-Mahlzeiten bestand. Sie aß lediglich eine, warf den Rest in den Müll und nahm sich vor, wieder etwas Anständiges zu kochen, wenn sie nach Hause kam. Aber Gott allein wusste, wann das sein würde, obgleich sie bereits eine Vierzehn-Stunden-Schicht hinter sich hatte.
Kate blickte auf ihre Armbanduhr und überlegte kurz, ob sie ihren Anrufbeantworter abfragen sollte. Maureen Reynolds, ihre Rechtsberaterin, hatte bereits vier Wochen lang versucht, sich mit Roberts Anwalt zu treffen. Kate war jetzt seit sechs Monaten geschieden, und noch immer hatte sie den Scheck mit der Abfindung aus dem Verkauf ihres gemeinsamen Hauses nicht bekommen. Sie musste außerdem wissen, ob ihre Mutter angerufen hatte. Vor dem Verlassen der Wohnung am Morgen hatte sie zwei Mal versucht, sie zu erreichen, und tags zuvor ebenfalls mehrmals, ohne Erfolg. Ihre Mutter weigerte sich, einen Anrufbeantworter anzuschaffen. Warum sie sich solch einer nützlichen Errungenschaft widersetzte, war Kate ein Rätsel. Allerdings waren ihr viele Dinge ein Rätsel, die ihre Mutter betrafen.
Als sie den Aufenthaltsraum verließ, wurde ihr Blick von hektischer Betriebsamkeit angezogen, die am Eingang zur Notaufnahme herrschte. Pulsierende rote Lichtblitze huschten zuckend über die Wände, als sich ein Rettungsfahrzeug dem Aufnahmetor des St. Luke Hospital näherte.
“Dr. Madison, bitte nach Eins. Dr. Madison, bitte nach Eins.”
Kate senkte den Kopf und massierte sich den Nasenrücken. Dann verdrängte sie ihre innere Unruhe und begab sich zur Schwesternstation.
“Was gibt’s, Ricky?”
Ricky Hall steuerte alle Aufrufe für die Notaufnahme mittels einer komplizierten Telefonanlage in der Rezeption. Mit ihren sinnlichen Augen, ihrer cremefarbenen Haut und ihrer Mähne wilder dunkler Locken schien Ricky eher geeignet, exklusive Kosmetika zu verkaufen, aber niemals hatte Kate sie auch nur mit der Wimper zucken sehen angesichts der schlimmen Fälle, die in die Unfallchirurgie eingeliefert wurden. “Tut mir leid, Dr. Madison, ich weiß, Sie haben heute Abend aber auch keine Minute Ruhe, nur …”
“Schon okay. Ich werd’s überleben.”
“Ehekrach. Mann lebt von Frau getrennt, verprügelt sie. Mehrfache Quetschungen, Nasenbluten, ausgerenkte Schulter. Das Übliche.”
Das Übliche. Kate fasste sich an den Magen. “Jake ist draußen wegen des Verkehrsunfalls, nicht wahr?”
“Ja, Doktor. Muss jeden Augenblick mit dem Rettungshubschrauber eintreffen.”
“Okay, ich übernehme das hier. Schauen Sie mal, ob Sie Eric auftreiben können; er soll Jake assistieren. Das Schädeltrauma sieht nicht gut aus.”
“Wird gemacht.”
Kate schlüpfte rasch in die Damentoilette. Nachdem Sie die Kabine verlassen hatte, wusch sie sich die Hände und verbrachte dann fünfzehn Sekunden damit, ihr Spiegelbild anzustarren. Diese Geschichten von Frauen, die von brutalen Männern tyrannisiert und fast bis zur Unkenntlichkeit verprügelt wurden, gingen ihr schrecklich an die Nieren. Es erstaunte sie, dass sie immer noch nicht gelernt hatte, sich gegen bestimmte Dinge zu wappnen, die ihr Beruf mit sich brachte. Als Ärztin würde sie immer wieder mit misshandelten Frauen konfrontiert werden; in der Unfallchirurgie landeten sie geradezu, als kämen sie durch eine Drehtür. Sie holte tief Luft und begab sich zur Aufnahme.
“Kelly Mareno hat Bereitschaft, falls Sie sie brauchen sollten”, sagte Ricky, als Kate ankam.
“Ist der Verkehrsunfall von Jake schon da?”, wollte Kate wissen.
Ricky machte eine bejahende Kopfbewegung in Richtung auf eine gerade besetzte Behandlungskabine, wo ein Team aus Ärzten und Krankenschwestern dabei war, einen blutenden Mann zu versorgen. “In 6A hat Dr. Grissom alles unter Kontrolle.”
“Gut.” Kate betrat die Kabine und schaute einen Moment zu. Jake Grissom untersuchte gerade den Schädelbereich, mit dem der Patient gegen die Frontscheibe geschleudert war. Er agierte mit sorgfältigen und methodischen Bewegungen, unbeeindruckt von der Aufgeregtheit der anderen, und Kate ging weiter.
Der Personalausschuss stand vor der Entscheidung, wer von ihnen beiden die ausgeschriebene Oberarztstelle erhalten sollte. Kate hatte sich seelisch auf die Beförderung eingestellt, als das Gremium in der vorigen Woche zusammengekommen war, doch die Entscheidung war vertagt worden. Erst in einem weiteren Monat würde eine neue Sitzung anberaumt werden. Die Warterei an sich war schon schwierig genug. Noch schwieriger war es, die Entscheidung mit stoischem Gleichmut hinzunehmen. Kate wollte den Posten dringender als Jake, der ihre alles verzehrende Hingabe an ihren Beruf nicht teilte. Er konnte den Stachel der Ablehnung eher verschmerzen als sie. Und für sie bedeutete die Beförderung mehr als nur eine Sprosse auf der Leiter nach oben; seit ihr Privatleben ein Scherbenhaufen war, lebte sie nur noch für ihre Karriere.
“Alles in Ordnung, Doktor?”
Kate zwang sich zu einem Lächeln. “Ja, alles okay.” Sie warf einen Blick auf die Wanduhr über Rickys Kopf. “Es war eine lange Nacht.”
“Wem sagen Sie das.”
Beide fuhren herum, als die Doppeltür aufflog und zwei Rettungssanitäter eine fahrbare Krankentrage hereinschoben. Pete Renfroe, ein erfahrener Spezialist für Unfallverletzungen, hastete neben ihr her und hielt den Behälter mit der IV-Lösung. Sein Kollege manövrierte die Trage, auf der eine Patientin lag. Ihr bleiches Gesicht war auf groteske Weise verunstaltet durch eine hässliche Beule auf der rechten Wange, ein zugeschwollenes Auge und eine aufgequollene Lippe, aus der Blut sickerte. Eine verängstigt aussehende Frau folgte und hielt ein kleines Mädchen an der Hand. Kate vermutete, dass es sich um eine Verwandte oder Nachbarin handelte. Das Gesicht des Mädchens war blass und ausdruckslos. Die Sohlen seiner kleinen Turnschuhe quietschten leise auf den blanken Bodenfliesen, während es in einer Hast mitgezerrt wurde, der seine kurzen Beinchen nicht gewachsen waren.
Pete spulte Hinweise für Kate herunter, seine Augen weiter auf die Patientin gerichtet. “Weiblich, Alter zweiunddreißig. Gestauchte Rippen, die Lungen sind in Ordnung, glaube ich. Ich habe ihre Schulter wieder eingerenkt, aber sie verursacht ihr noch Schmerzen. Blutdruck einhundert zu siebzig. War ein paar Minuten ohne Bewusstsein, sagt ihre Schwester, jetzt ist sie jedoch stabil. Im Einsatzwagen hat sie ein bisschen geredet. Macht sich...




