E-Book, Deutsch, 224 Seiten, E-Book
Younosi Die große Potenzialverschwendung
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-68951-025-1
Verlag: Haufe
Format: PDF
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Fachkräftemangel und die verborgenen Chancen für Menschen, Unternehmen und die Gesellschaft. Talente finden & fördern in der Personalführung. Spiegel-Bestseller.
E-Book, Deutsch, 224 Seiten, E-Book
ISBN: 978-3-68951-025-1
Verlag: Haufe
Format: PDF
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Cawa Younosi floh im Alter von 13 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland. Nach dem Abitur schlug er sich zunächst als Kioskbetreiber und Handyverkäufer durch, bevor er 2004 in Bonn sein Jurastudium aufnahm. Nach Stationen u. a. bei der Telekom, bei TNT Express und Vodafone, kam er 2009 zu SAP, wo er bis 2023 als Global Head Of People Experience tätig war. Seit September 2024 ist er als Geschäftsführer Charta der Vielfalt e.V. tätig. Zudem sitzt er im Beirat von 'socialbee', einer gemeinnützigen Organisation, die sich für die Integration und Arbeitsvermittlung von Menschen mit Fluchterfahrung einsetzt, und ist im Circle Of Friends bei der UNO Flüchtlingshilfe aktiv. 2020 kürte ihn LinkedIn zur Top-Stimme, im selben Jahr wählte ihn das Fachmagazin 'Personalmagazin' zu 'Deutschlands HR-Influencer Nr. 1' und zeichnete ihn 2023 und 2025 als einen der 40 führenden HR-Köpfe aus.
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Ich kam im Dezember 1975 in Kabul zur Welt, als Ältester von drei Brüdern. An die frühen Kindheitsjahre habe ich, von einigen wenigen Szenen abgesehen, wenig konkrete Erinnerung. Meine Jugendjahre dagegen habe ich deutlich klarer vor Augen, denn sie waren sehr prägend.
In Kabul ging ich Ende der 1980er-Jahre auf die französische Schule. In dieser Zeit wurden wir von einem Chauffeur zur Schule gefahren und auch abgeholt. Das klingt nach Luxus, hatte aber andere – ernstere – Hintergründe: Es war eine Zeit des Übergangs, die sowjetischen Truppen zogen gerade aus Afghanistan ab und die neue afghanische kommunistische Regierung war zunehmend auf sich selbst gestellt. Sie versuchte, sich zu behaupten, während sich auf dem Land der bewaffnete Widerstand der Mudschahedin, der Gotteskrieger, dem Sieg näherte: Das war der Anfang eines blutigen Bürgerkriegs zwischen Anhängern der kommunistischen Regierung und mehrheitlich islamistisch orientierten Gruppierungen.
Die Konflikte wurden zunehmend gewaltsam ausgetragen. Immer offensiver rekrutierte die neue kommunistische Regierung Soldaten – offiziell natürlich Volljährige. Männer ab 18 Jahren mussten ihren Dienst leisten. Aber in der Praxis wurde wahllos jeder, der einigermaßen eine Waffe tragen konnte, von der Straße aufgegriffen und war dann weg – einfach weg. Solche Geschichten gab es zuhauf: dass Jungs nicht mehr nach Hause kamen. Irgendwann kamen sie dann doch zurück – allerdings tot.
Mein Vater wollte verhindern, dass mir das ebenfalls passiert. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann, handelte mit allem, was Afghanistan zu exportieren hatte: Pelze waren damals sehr begehrt, Teppiche natürlich auch. Er hat allerlei aus verschiedenen Ländern importiert – Lebensmittel, Öl, Seife und noch viel mehr.
Eines Tages stand ich vor der Schule und wartete auf unseren Fahrer. Der aber kam und kam nicht. Natürlich gab es keine Handys zu der Zeit. Also ging ich zur Bushaltestelle und wollte – entgegen der Absprache – mit dem Bus nach Hause fahren. Und dann passierte, was nicht hätte passieren dürfen. Ein Militärauto hielt an. Zwei Soldaten stiegen aus. Sie begannen, unsere Ausweise zu überprüfen. Jeder an der Bushaltestelle wurde ausgefragt.
»Dein Ausweis!«, zischte der eine.
»Habe ich nicht dabei«, sagte ich kleinlaut und blickte zu Boden. »Wie alt bist du?«, fragte er.
Ich sagte, ich sei 13 und auf dem Weg von der Schule nach Hause.
Es interessierte ihn gar nicht. Was wir sagten, war völlig egal. Ein paar Alibi-Fragen später wurde ich gemeinsam mit einigen anderen Jugendlichen in ein Auto verladen und in eine kasernenartige Anstalt gebracht. Da saßen wir, ohne Telefon, ohne Internet natürlich, ohne Kontakt zu unseren Eltern.
Wir warteten – Jung und Alt – in einem engen, vollkommen überfüllten Raum mit nichts als einem kleinen Fenster. Die Szene erlebte ich wie einen Film: als würde ich nur zusehen. Doch ich war mittendrin.
Und ich hatte Glück. Denn in letzter Sekunde, auf dem Weg zur Front sozusagen, erfuhren meine Eltern, wo ich war. Sie holten mich dort heraus und brachten mich nach Hause.
Ich war damals 13 Jahre alt. Ich hatte keine Ahnung vom Krieg. Eine Waffe hatte ich noch nie in der Hand gehabt. Ich verstand gar nicht, was das Militär von mir wollte. Doch mein Vater verstand es.
Nacht und Nebel
»Junge, es wird zu gefährlich hier für dich«, sagte mein Vater, »ich kann nicht mehr auf dich aufpassen.« Ich begriff nicht. Er schaute mich an: »Wir können dich hier nicht mehr schützen, Cawa.«
Was das hieß, wurde mir in den nächsten Tagen klar. Denn es ging alles rasend schnell – so schnell, dass ich die Ereignisse in meiner Erinnerung kaum sortiert bekomme. Zwei, drei Tage später wurden mein Vater, mein mittlerer Bruder und ich nach Indien ausgeflogen. Dort konnte man mit entsprechendem Geld ein Visum erhalten, um sich in Sicherheit zu bringen.
Viele Afghanen waren zu der Zeit nach Indien geflüchtet, auch ein Onkel von mir, ein Arzt. Mein Vater brachte meinen mittleren Bruder und mich bei ihm in Neu-Delhi unter, dann reiste er zurück nach Kabul. Die erste Zeit in Delhi war komplett überwältigend. Zum ersten Mal im Ausland und dann gleich in dieser Riesenstadt. Zig Millionen Menschen, zig Millionen Eindrücke. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich so etwas wie eine Großstadt nur aus westlichen Musikvideos. Entsprechend groß war der Schock.
Ungefähr sechs Monate lebte ich in Indien. Doch bald merkten wir, dass die Situation dort für uns auch unsicherer wurde. Das hatte mit meinem Opa zu tun. Mein Großvater mütterlicherseits war einer der geistigen Führer der Revolution von 1978 und 1979 in Afghanistan gewesen. Er war Schriftsteller und Dichter, ein kluger Geist. Doch wie so oft: Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder. Nach der Revolution wurde er Bildungsminister in Afghanistan. Einige Dinge liefen anders, als er sich das vorgestellt hatte – und er stellte sich dagegen. Als Konsequenz landete er im Gefängnis – das bittere Ende, das viele solche persönlichen Geschichten inmitten großer Umbrüche haben.
Jedenfalls fanden die Afghanen heraus, dass ich – sein Enkel – nach Indien gebracht worden war. Sie wussten bald, wo ich wohnte, der Druck auf meine Familie nahm zu. Es gab verbale Drohungen auf der Straße.
Eines Tages stand mein Vater wieder vor der Tür. Er redete mit meinem Onkel. Abends, nach dem Essen, machte er mir klar, dass ich nun auch in Indien nicht mehr sicher war. »Du musst hier weg, Cawa.« Sein Blick war unmissverständlich. Was er meinte, verstand ich trotzdem nicht. Ich traute mich auch nicht nachzufragen.
Doch was ich wusste, war eines – »weg« bedeutete: weit weg.
Abends machten wir uns auf in ein düsteres Gebäude mitten in Delhi. Wir trafen einen Mann. Es hieß, er sei Schmuggler – ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete.
Die Männer redeten, ich saß nur da. Sie verhandelten. Der andere hatte Bedingungen. Irgendwann zog mein Vater Geldscheine aus der Tasche. Viele Geldscheine. Sie zählten das Geld ab: 10.000 Dollar Cash. Ich schwitzte. Der Typ schien zufrieden. Das waren sicher nicht die ersten 10.000 Dollar, die er sich an diesem Tisch hatte abzählen lassen. Er gab meinem Vater einen Wisch – einen Zettel, der anscheinend 10.000 Dollar wert war – und sagte: »Haltet euch bereit. Ihr werdet früh morgens abgeholt.« Viel mehr habe ich nicht mitbekommen, mit mir redeten sie nicht. Mein Vater führte das Wort, ich saß einfach nur da.
Eines Tages, wie angekündigt früh morgens, kam ein Auto. Ein Taxi. Darin der Fahrer und ein anderer Mann. Mein Vater gab mir dieses Papier, das wir in Delhi erhalten hatten. »Pass darauf gut auf, Cawa. Dieser Brief ist sehr wichtig. Du wirst ihn brauchen.«
Ich verabschiedete mich von meinem Vater, von meinem Bruder. Er war noch jung, daher war die Gefahr nicht so groß, dass er eingezogen wurde. Und meine Eltern wollten vermutlich auch nicht gleich zwei Kinder auf einen Schlag auf eine unsichere Reise in die Fremde schicken.
Dann fuhren wir zum Flughafen nach Delhi. Wir wurden mit dem Taxi direkt zum Flugzeug gefahren. Korruption war damals ein großes Thema in Indien. Mit Geld hat man jedenfalls sehr viel bekommen. Und wir – der mir unbekannte Begleiter und ich – bekamen jetzt also diese abenteuerliche Tour mit dem Taxi direkt aufs Rollfeld.
Aus allen Wolken
Wenig später saß ich im Flieger. Neben diesem Menschen, den ich nicht kannte. Diese Szene habe ich noch deutlich vor Augen. Ich trug eine total hässliche 90er-Jahre-Jeansjacke, ausgewaschen, mit Lederflicken. Wirklich hässlich – aber ich fand mich superschick.
Wir sprachen kein Wort. Ich traute mich nicht, zu ihm hinüberzusehen. Und er würdigte mich keines Blickes. So wie sein Kollege es gewohnt zu sein schien, 10.000 Dollar am Küchentisch abzuzählen, war dieser Mann offenbar gerade nicht zum ersten Mal mit einem unbegleiteten, minderjährigen Afghanen in 10.000 Metern Höhe unterwegs nach …
»Wohin fliegen wir eigentlich?«, platzte es aus mir heraus.
Er sah vor sich hin – reglos wie heutzutage ein Sitznachbar, auf den man einredet, während er Airpods trägt.
Ich starrte ihn an, zog an seinem Ärmel. »Hey, Sir – wohin fliegen wir überhaupt?«
In meinem Hirn ratterte es. Es gab nur einen schlüssigen, einen folgerichtigen Ort, an den wir fliegen würden. Nur ein Ziel ergab wirklich Sinn. Ich konnte Englisch, und ein Onkel lebte bereits eine Zeit lang in England. Zwischen Delhi und London herrschte reger Austausch. Für mich war klar: Wir fliegen nach England.
»Wir fliegen nach Deutschland«, sagte er. Dann schwieg er wieder.
Deutschland! Ich fiel aus allen Wolken (zum Glück nur im...




