E-Book, Deutsch, 212 Seiten
Yuri Broccoli Punch
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98568-182-2
Verlag: Kanon Verlag Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Storys
E-Book, Deutsch, 212 Seiten
ISBN: 978-3-98568-182-2
Verlag: Kanon Verlag Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Für Menschen mit Knoten im Herzen
Ein Freund, dessen Hand zu einem Brokkoli wird. Ein Vater, dessen Asche sich in eine sprechende Pflanze verwandelt. Das plötzliche Auftauchen des toten Exfreunds für eine letzte gemeinsame Kimchi-Mahlzeit. Ein Mann, dessen bester Freund Scott ein wunderschöner Flusskiesel ist. Die Web-Managerin eines K-Pop-Stars, die sich darüber selbst vergisst. Oder eine junge Frau, die unsichtbar wird. – In bester koreanischer Tradition erzählt »Broccoli Punch« von Menschen und ihren Metamorphosen. Die hier versammelten Geschichten sind so fantastisch und gleichzeitig tief verwurzelt in den realen Ängsten und Zwängen unseres Alltags, dass es fast unmöglich ist, sie wieder zu vergessen.Weitere Infos & Material
TREIBENLASSEN
Zwei Lichter leuchteten in der Ferne. Sie wechselten ständig die Farbe, von Rot zu Rosa zu Grün zu Gelb, dann wieder Rot. Ich starrte konzentriert hin, um den Zeitpunkt des Farbwechsels zu erwischen, aber es war vergeblich. Es passierte zu plötzlich. Na ja, auch egal.
Ich sollte mich lieber auf meine Füße konzentrieren. Schon vor einiger Zeit hatte ich jegliches Gefühl von den Schultern abwärts verloren, aber wahrscheinlich strampelte ich gerade mit den Füßen. Um es mit Sicherheit zu wissen, müsste ich meine Füße berühren, aber wenn ich meine Haltung auch nur ein wenig veränderte, würde das das Ende bedeuten. Nichts zu machen. Mir blieb keine andere Wahl, als weiter auf die Lichter zu starren, in dem Glauben, dass meine Füße sich bewegten. Aber die Lichter wurden immer kleiner. Was eben noch die Größe meines Daumennagels gehabt hatte, war jetzt kleiner als der Nagel meines kleinen Fingers. Aber die Farben konnte ich noch unterscheiden. Rot, rosa, grün, gelb, wieder rot. In dieser stockdunklen Nacht beruhigte es mich, dass das Licht immer wieder rot wurde.
Rot war die Farbe von Mok Hyeonggyu.
Es mag verrückt erscheinen, in einer solchen Situation über die Bedeutung der Farbe Rot nachzudenken. Mir war natürlich bewusst, dass es sich bei den Lichtern nicht um Luftballons oder Leuchtstäbe handelte, die Fans in einem Konzertstadium schwenkten, sondern lediglich um zwei Lichter auf den höchsten Pfeilern der Incheon-Brücke, aber wenn man eine rosarote Brille trägt, denkt man in jedem Moment und in jeder Lage an die andere Person. Selbst wenn man in der pechschwarzen Nacht ins Meer gefallen ist und davontreibt.
Ja, richtig. Ich treibe gerade irgendwo im Westmeer herum. Mit einem leuchtend roten 85-Liter-Koffer, den Rimowa in Zusammenarbeit mit Supreme herausgebracht hat, und an dem ich mich wie an einem Rettungsring festhalte.
Der Koffer war ein Geschenk zu Hyeonggyus einundzwanzigstem Geburtstag. Ein echter Geniestreich. Auch nachdem mein Auto gegen die Leitplanke geprallt und von der Incheon-Brücke gestürzt war, wobei die Scheibe zerbrach und der Koffer herausflog, war er immer noch stabil und robust, ohne Kratzer, und kein einziger Tropfen Wasser drang ein. Die ganze Lauferei und harte Arbeit hatte sich definitiv ausgezahlt. Auch wenn es wahrlich keine leichte Aufgabe gewesen war. In Korea war der Koffer komplett ausverkauft, deshalb musste ich verschiedene Verkäufer in Kanada, den usa und sogar Vietnam per E-Mail kontaktieren, bis ich endlich jemanden mit der Ware ausfindig machen konnte. Ich hatte den Verkäufer angefleht, das Produkt rechtzeitig zu liefern, und hielt es schließlich in den Händen. Auch wenn der Preis exorbitant war. Rimowa-Koffer waren nicht gerade billig, aber mit dem roten Supreme-Logo kostete er ein Vielfaches des normalen Verkaufspreises. Ich will keine genauen Zahlen nennen, es genügt zu sagen, dass es in etwa den Studiengebühren für mehrere Semester an einer Privatuniversität entspricht. Aber bei dem Gedanken an Hyeonggyus vor Freude strahlendes Gesicht war es mir das wert. Sein Millionen-Dollar-Lächeln.
Eine Million Dollar sind etwa 1,2 Milliarden koreanische Won. Ich schuldete Hyeonggyu also 1,2 Milliarden Won und die würde ich noch lange abbezahlen. Obwohl ich mittlerweile – einschließlich des Koffers – wahrscheinlich etwa die Hälfte davon beglichen hatte.
Ich durfte nicht ertrinken, bevor ich Hyeonggyu dieses Geschenk überreicht hatte. Er würde den Koffer schon von Weitem erkennen und vor Freude wie ein Welpe herumhüpfen. »Danke, Nuna! Den wollte ich so gerne haben, woher wusstest du das?«, würde er sagen, und ich würde antworten: »Woher schon? Du hast in deinem letzten Insta Live gesagt, dass du einen neuen Koffer brauchst. Aber mach das nicht noch einmal, okay? Wenn du etwas brauchst, sag es mir einfach. Sonst verlieren wir noch einen Sponsor.« Dann würde ich ihm den Koffer überreichen und mich mit einem kühlen Lächeln abwenden. Wenn ich zu lang verweilte, würde das Geschenk seine Wirkung verlieren. Ich müsste sowieso schnell zurück nach Hause, um mich auf den nächsten Tag vorzubereiten. Sicherstellen, dass der Akku meiner Kamera vollgeladen war, die Speicherkarten leer, dann die U-Bahn-Route zur Konzerthalle noch einmal überprüfen. Ich dürfte mir keine Fehler erlauben. Schließlich war es der erste Tag der Welttournee des Megastars Mok Hyeonggyu. Es war meine Aufgabe, atemberaubende Fotos für seine Fans und die Nachwelt zu machen. Ich würde wie verrückt auf den Auslöser drücken, bis der Rahmen fast zerspränge, und die Bilder in Photoshop so bearbeiten, dass jedes einzelne Haar auf seinem Kopf und jeder Staubpartikel in der Luft gebührend zur Geltung käme.
Obwohl er inzwischen erfahren genug war, um sich von gewöhnlichen Auftritten nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, hatte Hyeonggyu angesichts der Welttournee ziemlich nervös gewirkt. Es war sein erstes internationales Solokonzert, und die Tickets verkauften sich nicht so gut wie erhofft. Die Medien überschlugen sich mit Vorhersagen über den Erfolg oder Misserfolg seiner ersten Welttournee. In einigen Artikeln wurde sogar behauptet, dass seine Karriere am seidenen Faden hing, sollte die Tournee schlecht laufen. Hyeonggyu hatte Screenshots von den Artikeln gemacht und sie mir geschickt mit den Worten: »Nuna, ich werde diesen Reportern das Maul stopfen!« Wann war er so mutig geworden? Ich war so gerührt, dass meine Hände zitterten, als seine nächste Nachricht eintraf. »Dabei brauche ich deine Hilfe. Du hilfst mir doch, oder?«
»Natürlich, sag einfach, was du brauchst«, hatte ich geantwortet.
Das war kein leeres Gerede. Ich war bereit, alles für Hyeonggyu zu tun. Zum Beispiel einen Haufen Schokoladenmuffins bei Costco zu kaufen, sie in zwei Hälften zu schneiden, darin in Plastikfolie eingewickeltes Cannabis zu verstecken – vakuumverpackt, damit der Geruch nicht nach außen drang –, Aufkleber mit der Aufschrift ?mok hyeonggyu? darauf zu kleben, damit es wie ein gewöhnliches Geschenk seiner Fans aussah, und alles in den Koffer zu packen.
Ich musste ihn Hyeonggyu so schnell wie möglich überreichen.
Inzwischen hatte sein Flugzeug wahrscheinlich bereits abgehoben. Mir brach das Herz bei dem Gedanken, wie Hyeonggyu unter dem Druck der Tournee litt und sehnsüchtig auf diese Muffins wartete. Ich wusste, dass es falsch war, aber es war das Einzige, das ihm die Nervosität nahm. Was, wenn er wegen mir das Konzert vergeigte?
Dann könnte ich genauso gut gleich hier ertrinken.
Ich musste mich zusammenreißen, aber ich war so müde. Mein Körper musste wegen des kalten Meerwassers stark ausgekühlt sein. Ich hatte in Filmen gesehen, wie Überlebende eines Schiffbruchs einander zuschrien, dass sie sterben würden, wenn sie einschliefen. Das durfte nicht passieren. Ich sammelte meine letzten Kräfte und begann, Hyeonggyus erstes Soloalbum von Anfang bis Ende zu singen. Na-na-na, Na-na Na-na-na-na, Liebe kommt wie Sommerregen Na-na-na Na-na Na.
Die Lichter der Brücke waren bereits weit entfernt. Genau wie Hyeonggyu. Immer wenn ich etwas in der Ferne betrachtete, musste ich an ihn denken. Meinen Hyeonggyu, der weit entfernt so hell leuchtete, aber für mich unerreichbar war. Nicht, dass ich ihn einfangen wollte. Ich hatte von Anfang an gewusst, dass er immer außerhalb meiner Reichweite bleiben würde. Ich war einfach glücklich, hier zu treiben, wo ich das Licht sehen konnte. Natürlich wäre es besser, wenn ich Hyeonggyu den Koffer lebend übergeben könnte. Ich schlang meine Arme fester um den Koffer und starrte auf das winzige Licht, das jetzt nur noch ein kleiner Fleck in der Ferne war. Jedes Mal, wenn es rot aufleuchtete, sang ich etwas lauter. Na-na-na Na-na Na-na-na-na.
Unser erstes Treffen würde ich nie vergessen.
Es war im Sommer vor sechs Jahren, an einem Tag, der so glühend heiß war, dass der Asphalt schmolz und regelrecht an den Schuhsohlen festklebte. Ich studierte an der Kunsthochschule und war mitten in den Vorbereitungen für meine Abschlussarbeit in westlicher Kunst. An diesem Tag war ich wieder einmal auf dem Weg zum Homi Art Shop in Hongdae, um Materialien zu besorgen. Als ich in eine Seitengasse bog, tanzte ein Junge mitten auf der Straße. Da es so heiß war, waren nicht viele Leute unterwegs, sodass ich ihn schon von Weitem sah. Klein, blondes Haar mit dunklem Ansatz, rote Supreme-Air-Force-Sneaker und silberne Kreuzohrringe, die bei jeder Bewegung klimperten. Aus einem kleinen Lautsprecher vor ihm ertönte Scary Monsters and Nice Sprites von Skrillex, das damals ein Riesenhit war. Der Junge beugte, verdrehte und schüttelte seinen Körper, als wäre er von der Musik besessen. Ich stand wie angewurzelt da und sah ihm beim Tanzen zu. Erst als das Lied zu Ende war und er für einen Moment innehielt, konnte ich sein Gesicht richtig sehen. Es war rot und schweißüberströmt. Als ich sah, wie er nach Luft ringend zu Boden sank, lief ich wie in Trance in einen nahegelegenen Supermarkt, kaufte einen Becher Eis und eine Flasche Wasser, füllte das Wasser in den Becher und rannte zurück.
»Hier, trink das. Sonst kippst du noch um«, sagte ich.
Das nächste Lied ertönte bereits aus dem Lautsprecher, aber der Junge rührte sich nicht. In der prallen Sonne sah er abwechselnd auf den Eisbecher und zu mir. »Ist das für mich?«, fragte er, worauf ich nickte. Für mich war es keine große Sache gewesen, aber plötzlich begann seine Unterlippe zu zittern....




