Zabel-Strzyz | Sucht – Trauer – Trauma (Leben Lernen, Bd. 357) | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 357, 210 Seiten

Reihe: Leben lernen

Zabel-Strzyz Sucht – Trauer – Trauma (Leben Lernen, Bd. 357)

Praxisbuch für Beratung, Therapie und Begleitung
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-608-12460-6
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Praxisbuch für Beratung, Therapie und Begleitung

E-Book, Deutsch, Band 357, 210 Seiten

Reihe: Leben lernen

ISBN: 978-3-608-12460-6
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Vom Suchen, Vertrauen und Sich-Trauen Ein neuer Ansatz zum Verständnis von Sucht, Trauer und Trauma Hilfreiche Reflexionen eröffnen neue Blickwinkel Mit zahlreichen Fallbeispielen und sofort einsetzbaren Therapiematerialien Das Buch eröffnet einen neuen Blick auf die Zusammenhänge von Sucht, Trauer und Trauma. Die Autorin schöpft aus ihrem reichen Erfahrungsschatz in der Suchtarbeit, Trauerbegleitung und traumasensiblen Beratung. Sie verdeutlicht, wie Verlusterfahrungen oft zu Ohnmacht, Hilflosigkeit und Schuldgefühlen führen können. Viele Betroffene suchen im Suchtmittelkonsum einen Ausweg. In ihrem Buch gewährt uns Kerstin Zabel-Strzyz Einblicke in ihre Praxis und stellt effektive Methoden vor, um Betroffenen langfristig zu helfen. Sie erläutert theoretische Zusammenhänge und zeigt, wie Trauer als Lösungsweg und Sucht als Überlebensstrategie nach einem Trauma verstanden werden können. Ein unverzichtbares Werk für alle, die sich mit den komplexen Verflechtungen von Sucht, Trauer und Trauma auseinandersetzen möchten.

Kerstin Zabel-Strzyz ist Dipl.-Sozialpädagogin und Systemische Therapeutin. Sie arbeitete lange Jahre in einer Suchtberatungsstelle in Brandenburg und ist derzeit Therapeutin in einem Wohnprojekt für psychisch erkrankte Frauen. Sie ist außerdem als Supervisorin tätig u.a. für Mitarbeitende in einem Hospizdienst und gibt regelmäßig Fortbildungen in den Bereichen Sucht, Trauma und Trauer.
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Einleitung


Neulich war ich auf einer Feier und da ist mir wieder diese Sache passiert. Ich ging mit einem Stück Himbeersahnetorte an einen der Stehtische. Dort stand bereits eine Frau, die sich für den Schokokuchen entschieden hatte und dazu ein Glas Rotwein trank. Nach ein bisschen Smalltalk fragte sie mich: »Und was arbeitest du denn so?« Da musste ich ein wenig nachdenken, ob ich jetzt erzähle, wo ich beruflich so unterwegs bin oder ob ich es grob umschreibe mit: »Ich bin Sozialpädagogin. Und was machst du so?« Gegenfragen sind oft nicht schlecht, um von sich abzulenken.

Aber ich entschied mich für die etwas genauere Version: »Ich bin systemische Therapeutin und Supervisorin, ich arbeite unter anderem in der Suchtberatung –«. Ich konnte nicht weiterreden, weil meinem Gegenüber fast das Glas Wein aus der Hand fiel. Ich musste kurz in mich hineinschmunzeln, denn diese Reaktionen kenne ich bereits von anderen Feiern. Dabei hatte ich ihr noch nicht erzählt, dass ich auch mit Frauen arbeite, die aufgrund von schweren traumatischen Gewalterlebnissen therapeutische Hilfe brauchen, und Supervision gebe, das heißt, ich coache unter anderem Ehrenamtliche, die Menschen im Sterbeprozess und in der Trauerzeit begleiten.

Während wir unsere Tortenstücke aßen, sagte sie zu mir: »Du hast bestimmt viel zu tun, denn Trinken hat wirklich überhandgenommen. Jeder postet doch irgendwelche Fotos, auf denen man mit einem Glas Wein oder Bier oder so zu sehen ist. Es gibt ja auch bei jedem Anlass Alkohol. Neulich gab meine Kollegin ihren Ausstand und hatte Sekt dabei, dann war ich mit meiner Tochter auf einer Kindergeburtstagsfeier und bekam erst einmal einen Aperol Spritz angeboten und dann eben abends im Garten, wenn man so gemütlich mit den Nachbarn zusammensitzt.« Sie holte kurz Luft und redete weiter:

»Aber weißt du, ich kenne da jemanden, der müsste wirklich mal zu dir in die Suchtberatung kommen. Der ist eindeutig süchtig. Was der so alles trinkt, und dann fährt der auch noch Auto. Ab wann, würdest du sagen, ist man eigentlich ein Alkoholiker?« Und ohne meine Antwort abzuwarten, fragte sie gleich weiter: »Sag mal, deine Arbeit muss doch sehr hart sein? Du hörst bestimmt den ganzen Tag schreckliche Geschichten. Wie hältst du das denn aus? Schaffen deine, wie nennst du die, Patienten oder, denn davon wegzukommen? Ich kannte mal einen, der hat nie wieder einen Schluck Alkohol getrunken, der meinte immer, wenn er je wieder ein Glas trinkt, dann ist er wieder total im Trinken drin. Dann muss er wieder ganz von vorne anfangen.« Sie schaute mich erwartungsvoll an.

Ich überlegte kurz, was ich darauf antworten sollte, und sagte zu ihr: »Ich mag meine Arbeit. Manchmal ist sie schwer, wenn das Leid oder die Tragik in den Vordergrund rücken. Oft macht sie wirklich Spaß, wenn Veränderung sichtbar wird und etwas in Bewegung kommt. Die Geschichten, die ich höre, belasten mich meistens nicht, denn es sind ja nicht meine eigenen Erfahrungen. Ich darf in meiner Arbeit Menschen dabei begleiten, Lösungen für ihre Probleme zu finden. Das ist doch großartig.«

Auf dem Heimweg ging mir durch den Kopf, wie oft ich diese Situation schon so oder so ähnlich erlebt hatte. Manchmal werde ich sogar gefragt, ob ich mitzähle, wer wie viel trinkt. Oder was ich denke, wer von den Anwesenden ein Alkohol- oder Drogenproblem hätte. Das ist schon seltsam, als so etwas wie eine moralische Instanz angesehen zu werden.

Aber immerhin war ich vielleicht die Einzige auf der Feier, die mal kurz innerlich ausrechnete, wie viel ich getrunken hatte und ab wann ich wieder gefahrlos Auto fahren könnte. Das ist wirklich mal etwas ganz Praktisches, was mir meine Arbeit gebracht hat und was hilfreich für Partys ist.

Für Neugierige: Zwei Gläser Wein à 0,125 Liter entsprechen 24 Gramm reinem Alkohol. Das in Bezug gesetzt zu meinem Körpergewicht und meinem Geschlecht komme ich auf 0,6 Promille. Mein Körper baut ungefähr 0,1 Promille pro Stunde ab (bei Männern ca. 0,15 Promille). Ein motorisiertes Fahrzeug führen darf man bis unter 0,5 Promille. Das heißt, nach zwei Stunden darf ich wieder Auto fahren. Im Anhang finden Sie einen Link zu einem Promillerechner.

Bei meiner Arbeit in der Suchtberatungsstelle stellen mir Betroffene und Zugehörige ebenfalls viele Fragen, allerdings mit dem Unterschied, dass sie nicht nur interessehalber fragen, sondern Hilfe von mir erwarten. Ein Beispiel:

Ein Paar, Herr und Frau Nowak, kommt zu mir in die Beratungsstelle. Kaum angekommen, stellt der Mann mir direkt die Frage: »Ich bin doch kein Alkoholiker, oder? Was muss ich tun, damit ich mein Trinken wieder unter Kontrolle bekomme?« Seine Partnerin fordert mich daraufhin auf: »Können Sie ihm bitte sagen, dass er aufhören soll, zu trinken? Auf mich hört er ja nicht. Was können wir tun, dass er wieder so wird wie früher?«

Ich überlege, wie ich denn dem Paar klarmache, dass sie von mir keine Ratschläge erhalten, sondern ich mit ihnen auf die Suche danach gehen werde, was das Problem hinter dem Trinken ist , wo es meistens auftritt und wo nicht. Was hat das Paar alles schon ausprobiert und was hat davon schon funktioniert?

Also eigentlich bitte ich um Geduld, denn ich gebe nicht gerne schnelle Antworten, weil ich aus meiner Erfahrung weiß, dass sie zu selten hilfreich sind. Ich vertraue lieber auf die Macht der Fragen und des Zuhörens.

Fragen können Veränderungen bewirken und sie hinterlassen im besten Falle das Gefühl, verstanden worden zu sein. Liebe Professionelle, liebe Zugehörige, vielleicht überlegen Sie bitte einmal kurz, wann Sie das letzte Mal gespürt haben, dass Ihr Gegenüber Sie wirklich verstanden hat. Was hat es bei Ihnen bewirkt? Wie geht es Ihnen gerade, wenn Sie daran denken? Während ich das hier schreibe, atme ich gerade ganz tief durch. Wenn ich mich verstanden fühle, rutscht mein Atem gleich in den Bauch. Schönes Gefühl. Geht es Ihnen auch so?

Deshalb wird sich dieses Buch mit Fragen beschäftigen, die mich in den vielen Jahren meines Berufslebens begleitet haben.

Süchtiges Verhalten kann man aus diversen Blickwinkeln betrachten. Man kann sich über mögliche genetische Veranlagungen Gedanken machen, sich die gesellschaftlichen Umstände anschauen, über erlerntes Verhalten sinnieren usw. Darüber wird es in diesem Buch allerdings weniger gehen. Ich werde immer wieder in Beratungssequenzen eintauchen und Ihnen so meine Arbeit mit suchterkrankten Menschen vorstellen. Praxisnah zeige ich therapeutische Methoden und lasse Sie an meinen Erfahrungen teilhaben.

Gleich zu Anfang nehme ich Sie mit in ein erstes Beratungsgespräch mit Herrn und Frau Nowak. Sie dürfen gerne mit mir durch eine magische Brille schauen, um zu sehen, wer noch alles an »inneren Begleitern«, das sind die Gefühle der Personen, in diesem Raum Platz genommen hat und beachtet werden sollte. In Kapitel 2 und 3 geht es um die Frage, wie Sucht bzw. Abhängigkeit definiert werden, und ich stelle Ihnen ein interessantes Modell vor, das die Entstehung und Aufrechterhaltung einer Abhängigkeitserkrankung zu erklären versucht. Ich schaue auf die Vor- und Nachteile des Konsums und ebenso auf dessen Reduzierung, gebe einen Überblick, welche Funktionen der Suchtmittelkonsum zu erfüllen versucht, und laden Sie ein, einem Interview mit dem Suchtdruck beizuwohnen. In Kapitel 4 erkläre ich den therapeutischen Rahmen und zeige, was das Besondere am systemischen Ansatz ist und welche Haltung sich dahinter verbirgt.

In Kapitel 5 richte ich den Blick ganz intensiv auf die Trauerarbeit, die so wichtig ist, um mit Verlusten umgehen zu können. Dazu stelle ich Ihnen sechs Trauerfacetten vor, die einem bei Abschieden begegnen, sowie verschiedene Übungen, die hilfreich sein können, um den Trauerweg zu gehen. Die Verbindung zwischen Suchterkrankung und Trauerprozessen erläutere ich in Kapitel 6, denn das ist aus meiner Erfahrung ein Thema, das mehr Beachtung erhalten sollte. Dann werde ich im 7. Kapitel über die Funktion von Schuldgedanken schreiben, und ich gehe der Frage nach, wozu die Schuld da ist und welche guten Gründe es geben kann, dass sie noch eine Weile bleiben sollte. In Kapitel 8 gebe ich einen Einblick in die Traumaarbeit mit suchterkrankten Frauen. Ich erkläre die Auswirkungen von Traumata, den Umgang mit Traumafolgereaktionen und den daraus resultierenden Besonderheiten in der Beratung bzw. Therapie und gebe einen Einblick in die Arbeit mit inneren Anteilen. In Kapitel 9 lasse ich Zugehörige zu Wort kommen und zeige Möglichkeiten, wie man der oft erlebten Not und Hilflosigkeit begegnen kann. Und zum Schluss schaue ich auf die Grenzen meiner Arbeit und berichte Ihnen vom schönen Scheitern.

Die Grundidee meines Buches ist es, das Wissen, die Erfahrung und die achtsame Herangehensweise aus der Suchthilfe, der Trauerbegleitung und der Traumatherapie miteinander zu verbinden. Aber wie hängt nun die Sucht mit Trauer zusammen?

Ich habe in den vielen Jahren über meine verschiedenen Arbeitsbereiche Menschen kennenlernen dürfen, die lernen mussten, mit Verlust und Trauer umzugehen. Dabei war das, was sie trauern ließ, sehr unterschiedlich. Da war die Trauer um einen geliebten Menschen, der verstorben war; der Verlust eines Partners oder einer Partnerin durch Trennung oder Scheidung; das Hinnehmen-Müssen von Brüchen in Biografien durch gesellschaftliche Veränderungen oder das Abhandenkommen von Sicherheit und Schutz durch das Erleben von Gewalt und Vernachlässigung. Diese Erfahrungen von Verlusten ziehen oft Ohnmachtserleben, Hilflosigkeit oder Schuldgedanken nach sich, und das kann einen ganz und gar überwältigen. Viele meiner Klient*innen suchten im Suchtmittelkonsum einen Ausweg, alles dies leichter ertragen zu...


Zabel-Strzyz, Kerstin
Kerstin Zabel-Strzyz ist Dipl.-Sozialpädagogin und Systemische Therapeutin. Sie arbeitete lange Jahre in einer Suchtberatungsstelle in Brandenburg und ist derzeit Therapeutin in einem Wohnprojekt für psychisch erkrankte Frauen. Sie ist außerdem als Supervisorin tätig u.a. für Mitarbeitende in einem Hospizdienst und gibt regelmäßig Fortbildungen in den Bereichen Sucht, Trauma und Trauer.

Kerstin Zabel-Strzyz ist Dipl.-Sozialpädagogin und Systemische Therapeutin. Sie arbeitete lange Jahre in einer Suchtberatungsstelle in Brandenburg und ist derzeit Therapeutin in einem Wohnprojekt für psychisch erkrankte Frauen. Sie ist außerdem als Supervisorin tätig u.a. für Mitarbeitende in einem Hospizdienst und gibt regelmäßig Fortbildungen in den Bereichen Sucht, Trauma und Trauer.



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