E-Book, Deutsch, Band 2, 624 Seiten
Reihe: Die Pikten-Saga
Zach / Bauer Das Blut der Pikten - Feuersturm
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-21822-5
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 624 Seiten
Reihe: Die Pikten-Saga
ISBN: 978-3-641-21822-5
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Das rhythmische Stampfen der Hufe ließ Harold wie in Trance dahinreiten.
Er liebte dieses Gefühl, wenn er eins war mit seinem Pferd, eins war mit dem Wald, durch den er ritt, eins mit der Welt, die ihn umgab – und die während seiner dreißig Lenze besser zu ihm gewesen war als zu den meisten seiner Landsleute. Er hatte eigentlich immer genug zu essen gehabt, sein Weib war eine arbeitsame, gottesfürchtige Schönheit, und von seinen sechs Kindern hatten immerhin vier die ersten zehn Winter überlebt. Und so wusste Harold, dass der Herr zeit seines Lebens seine schützende Hand über ihn gelegt hatte.
Was er nicht wusste, war, dass der Herr am heutigen Tag anderweitig beschäftigt war und keine Zeit haben würde, ihn zu beschützen. Aber Harold würde dies in Kürze schmerzlich erfahren.
Sein Ziel war die Festung von Torridun, hoch oben im Norden Albas, jenem unwegsamen Gebiet, das einst von den Völkern mit den blauen Bemalungen in der Haut beherrscht wurde und in dem erst seit knapp einhundert Jahren Frieden und Recht herrschten. Harolds Aufgabe als Kurier war das Überbringen einer Nachricht von König Konstantin, Herrscher über Alba, an dessen Neffen Máel Coluim. Dieser residierte wie jedes Jahr kurz vor Einbruch des Winters in dieser Festung, um dem dortigen Fürsten die Macht und Präsenz seines Onkels zu vergegenwärtigen. Denn sonst vergaßen die Grafen und Aldermannen1 allzu schnell, wo ihre Gefolgschaft lag, das wusste Harold.
1 Englisch: Ealdorman, Earl. Adelstitel. Die »Earldormen« oder »Aldermannen« standen im angelsächsischen Britannien an der Spitze einer Grafschaft und verfügten über persönliche, in ihrem Sold stehende Kämpfer.
Doch dies bedeutete nicht, dass er die Strecke im wilden Galopp nahm. In der Ruhe lag die Kraft, da war er sich sicher, und daher war Harold dafür bekannt, nicht der schnellste Bote, aber der zuverlässigste zu sein. Denn von dieser Zuverlässigkeit hing sein Leben ab. Also mied er Straßen ob der hiesigen Wegelagerer, und er wusste, wann es besser war, eine Münze springen zu lassen, statt mit dem Siegel des Königs zu drohen. So ritt er seit Jahren durchs Land, hatte in dem einen Dorf Freunde, mit denen er sich betrank, in dem anderen Dorf ein Liebchen, das ihn verwöhnte. Das Leben meinte es gut mit ihm.
Das Knacken eines Astes riss den Kurier aus seinen Gedanken. War da ein Tier? Ein Bauer, der Holz sammelte?
Mit einem Mal stieg Harold der stechende Geruch von verkohltem Holz in die Nase, als ob er von Dutzenden Lagerfeuern umgeben war. Nun war der Kurier hellwach. Kein Lagerfeuer der Welt würde so einen alles durchdringenden Gestank erzeugen – hier brannte etwas Größeres …
Harold zügelte sein Pferd, bis es stand, legte die Hand auf den Griff seines Schwerts und sah sich um. Rings um ihn ragten braunrote Waldkiefern empor. Ihre Wurzeln versanken in dem mit Moos bedeckten Boden, der ob des morgendlichen Regens, der erst vor Kurzem aufgehört hatte, immer noch dampfte. Alles schien friedlich zu sein.
Trotzdem keimte in Harold ein beklemmendes Gefühl auf, bemächtigte sich rasch seines gesamten Körpers. Sein Atem beschleunigte sich, Schweiß trat ihm auf die Stirn. Sein Blick schnellte hektisch zwischen den Bäumen hin und her.
Mit festem Griff nahm Harold die Zügel in die Hand und wollte seinem Pferd gerade in die Flanken schlagen, als er aus dem Augenwinkel wahrnahm, wie eine absonderliche, mit Laub und Ästen bestückte Gestalt auf ihn zusprang.
Er wurde vom Pferd gerissen, schlug hart auf dem weichen Boden auf. Wirre Eindrücke prasselten auf ihn ein.
Das Geschrei von Kriegern –
Eine Gestalt – eine Frau? –, die sich über ihn beugte –
Ein Schwertgriff, der rasch näher kam –
Ein dumpfer Schlag.
Eine kleine Flamme züngelte auf der verkohlten Oberfläche eines Holzbalkens, reckte sich in den grauen Himmel. Erst in der Nacht zuvor war sie zum Leben erweckt worden, als die Männer und Frauen, die von weithergekommen waren, die Festung angegriffen und das Feuer entfesselt hatten. Gierig hatten die Flammen damit begonnen, alles zu verschlingen, was in greifbarer Nähe gewesen war, hatten sich über Gebälk und Firste, über Dächer und Palisaden gefressen und für einige Zeit den Eindruck erweckt, als könnte nichts und niemand auf der Welt sie aufhalten. Dann fielen die ersten Regentropfen. Abseits des Kampfes zwischen den Angreifern und den Verteidigern der Festung hatte auch im Feuer ein verbissenes Ringen um Leben und Tod begonnen. Doch je mehr Wassertropfen die Flammen verdampften, umso mehr schienen aus der Wolkendecke zu fallen – und der Gegner hatte den Sieg davongetragen.
Ein letztes Mal loderte die Flamme an diesem Morgen empor, dann erlosch sie, zischend und endgültig.
Unweit des verkohlten Balkens verharrten Gestalten, schattige Umrisse im morgendlichen Regen, Statuen gleich. Sie hatten gekämpft und obsiegt, haltlos gefeiert und besannen sich nun wieder derer, die nicht mehr unter ihnen weilten. Denn zu ihren Füßen lagen die schwelenden Überreste der im Feuer bestatteten Gefallenen. Krieger einer fernen Insel, die gekommen waren, um zurückzuerobern, was ihren Vorfahren einst geraubt worden war.
Krieger, die in einem Land bestehen wollten, das sie weder kannten noch verstanden, nur um es irgendwann Heimat nennen zu können.
Krieger, die alles gegeben hatten.
Ihr Anführer Kineth, Sohn des Brude, stand noch immer an der Brüstung der Festungsmauer und blickte aufs Meer hinaus. Selbst als Ailean ihn aufforderte, mit ihr und den anderen den Sieg gebührend zu feiern, war er geblieben und seine Stiefschwester alleine gegangen.
Zu viel war in den letzten Tagen geschehen. Dem Krieger war, als wäre er schneller gereist, als seine Seele ihm hatte folgen können, als wäre mehr passiert, als sein Geist zu begreifen vermochte.
Das listreiche Einschleichen in diese Festung.
Die schmachvolle Gefangennahme.
Der Kampf um sein Leben, um ihrer aller Leben, gekrönt vom Verrat seines Stiefbruders Caitt.
Die Euphorie am Ende der Schlacht war schnell verflogen. Zurück blieb eine innere Leere, die mit dem Gefühl einherging, dass womöglich alles umsonst gewesen war. Ja, sie hatten sich in diesem fremden Land behauptet. Ja, sie hatten den Beweis ob ihres rechtmäßigen Anspruchs auf dieses Land gefunden, wie auch den Ring des Königs. Aber sie hatten auch erkennen müssen, dass Papier und Schmuck keinen Anspruch begründen, kein Schwert schlagen und keine Festung halten konnten.
Wofür bist du dann gekommen?
Kineth wischte sich energisch über das regennasse Gesicht, als könnte er damit nicht nur den Ruß und das getrocknete Blut seiner Gegner abwaschen, sondern auch die düsteren Gedanken vertreiben. Einen Moment später zuckte er schmerzverzerrt zusammen – er hatte mit seinem Ringfinger, der nur noch an wenigen Sehnen hing und dick einbandagiert war, sein Ohr berührt, dem seit dieser Nacht ein Stück fehlte. Sein Körper schien innerlich darum zu wetteifern, welche Verletzung schwerer wog – und entschied sich dann stattdessen, einen allumfassenden Schmerz auszustoßen, der durch den gesamten Körper des Kriegers schoss. Nach einer schier endlosen Zeitspanne richtete sich Kineth wieder auf, denn er wollte vor seinen Kameraden keine Schwäche zeigen. Es gab kaum einen unter ihnen, der ohne Verletzung aus der Schlacht um die Festung ihrer Vorfahren hervorgegangen war.
Wofür bist du in dieses Land gekommen?
Erneut die Stimme in seinem Inneren. Seine Gelenke schmerzten vom stundenlangen Ausharren in ein und derselben Position. Kineth wandte sich vom Meer ab. Im kalten Licht des Morgens sah er die Männer und Frauen seines Volkes um die mittlerweile niedergebrannten Scheiterhaufen stehen, die inmitten eines weitläufigen Platzes lagen.
Dessen Ende säumten die Überreste der Befestigungsmauern und der Palisaden, der Ställe und Häuser. Ihre Wände voll Ruß, ihre Dächer nicht viel mehr als rauchendes Sparrenwerk, das wie der dampfende Brustkorb eines ausgeweideten Tieres wirkte. Und überall lagen die Leiber der dahingeschlachteten Feinde, manche scheinbar unversehrt, andere grausam gebrochen, verkohlt wie Holzscheite oder in Stücke gehackt.
Hinter dem Eingangstor der Festung begann der schmale Küstenstreifen, der durch drei Erdwälle gesichert war und das Bollwerk mit dem Festland verband. Diesen Landsteg hatte die Flut nun völlig in Besitz genommen und knietief überspült, sodass jeder, der in die Festung Torridun hinein- oder wieder hinauswollte, warten musste, bis der Weg wieder begehbar war.
Zu Kineth’ linker Hand erstreckte sich das tiefer gelegene Plateau, das die Handwerker und Bauern der Festung beheimatete. Kein Laut drang mehr zu ihm herauf – vermutlich hatten sich die Überlebenden vor dem Feuer und den bemalten Kriegern in die Wälder in Sicherheit gebracht, mutmaßte Kineth und musste sogleich schmunzeln. Nie wäre er auf den Gedanken gekommen, sich am Gesinde zu vergehen. Immerhin waren sie alle bis vor Kurzem noch selbst kaum mehr als Bauern gewesen.
Langsam bemerkte Kineth, wie sich die Blicke seiner Leute ihm zuwandten, wie ihre Gespräche verstummten. Er war es, von dem sie zu erfahren hofften, was sie als Nächstes tun würden – jetzt, da sie scheinbar erreicht hatten, wofür sie losgezogen waren.
Nichts haben wir erreicht. Aber das werden sie nicht hören wollen.
Zu neunundvierzigst waren sie aufgebrochen. Éimhin und Gaeth hatten sie an die See verloren, Heulfryn bei der Schlacht um den Turm. Gair starb bei dem...




