Zai | Klirrender Tod | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Zai Klirrender Tod

Winter- und Weihnachtskrimis
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7152-7549-9
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Winter- und Weihnachtskrimis

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-7152-7549-9
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Während der Weihnachtstage wird dem Bewohner eines Altersheims klar, wer für die häufigen Todesfälle im Hause verantwortlich ist – und er schmiedet einen Mordkomplott gegen den Kater. Kurz vor Jahresende in Zwangsurlaub geschickt zu werden, weil man zu gute Arbeit leistet – das kann wirklich nur einer Polizistin passieren. Doch Riccardas Chef ist überzeugt, dass sich im südlichsten Bergdorf des Kantons an den Festtagen nichts Spektakuläres ereignet. Der wird sich noch wundern … Paul und Anni, beide verheiratet, treffen sich nur alle vier Jahre. Eines Tages taucht nicht Anni auf, sondern eine jüngere Frau, Anni zum Verwechseln ähnlich, und konfrontiert Paul mit Dingen, die er längst vergessen haben wollte.

Besinnlich ist an Tom Zais Erzählungen höchstens, dass sie an und um Weihnachten spielen. Dafür sind sie urkomisch – auch wenn einem manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt – und voller Phantasie. Entsprechend stimmen wir Zais eigener Aussage zu: »Nur das Leben selbst ist aberwitziger als meine Texte.«

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Warum liegt der Förster tot im Wald?


Kuno Sonderegger und Petra Hofstätter von der lokalen Polizei sowie die Forensikerin Philippa Rothenbühler stehen etwas ratlos im Wald. Es hätte ein friedlicher Ort sein können. Winterlich. Vögel pfeifen. Der Wind bewegt ganz leicht die oberen Äste der Föhren und Tannen. Schnee liegt, wenn auch arg zertrampelt. Die Zertrampelungen im Schnee werden ab sofort »Spurenlage« genannt, die lauschige Stelle im Wald »Fundort« beziehungsweise »Tatort«. Und die Person am Boden »Leiche«, obwohl es doch eigentlich der Oberförster Res Seidelbast ist beziehungsweise war.

Er liegt auf dem Bauch. Die Forensikerin dreht ihn nach einem ersten Augenschein auf den Rücken.

»Oha, der Res«, sagt Petra Hofstätter.

Immer wenn jemand spricht, bilden sich kleine Wolken, die wie aus Datenschutzgründen unkenntlich gemachte Sprechblasen noch eine Weile in der Luft schweben.

»Ja, der Res«, bestätigt Kuno Sonderegger die Faktenlage.

Dort, wo das Gesicht des Toten seitlich auflag, ist der Schnee verfärbt. »Erbrochenes«, konstatiert Philippa Rothenbühler und befiehlt dann: »Sichern!«

Die erste grobe Untersuchung der Leiche ergibt ein Bild, das rätselhaft ist. An ihrer linken Hand weist sie eine starke Verbrennung mit einem eigenartigen Muster auf. Durch die Innenfläche der rechten Hand zieht sich ein langer Schnitt, der notdürftig mit einem Taschentuch verbunden ist. Es hat sich mit Blut vollgesaugt und die Wunde hätte mit Sicherheit noch Probleme gemacht. Doch die Handfläche, wie der Rest des Körpers, macht, wennschon, nur noch der Polizei Probleme. Am Bauch gibt es ebenfalls eine Verletzung: Ein Stich von einem zwar dünnen, aber vermutlich doch stumpfen Gegenstand, der durch Jacke, Pullover, Hemd und Unterhemd gegangen war, aber den Bauch nur oberflächlich im Fettgewebe verletzt hat. Auf der Stirn prangt der Abdruck eines stumpfen Gegenstandes, der den Förster mit Wucht erwischt haben muss. Am eigenartigsten aber mutet an, dass Res Seidelbast keine Schuhe trägt. Der große Zeh des linken Fußes ragt nackt und bloß durch die wollenen Ringelsocken in die klare Winterluft.

Ob das schon ein erstes Motiv sein könnte? Raubmord? Wegen Schuhen?

Kuno Sonderegger weiß: »Der Res trägt doch immer diese Kampfstiefel – beziehungsweise hat sie getragen. Wo die nur sein könnten?«

Später, bei der forensischen Untersuchung der Leiche, wird sich eine weitere Verletzung zeigen. Die Netzhaut des linken Auges von Res Seidelbast wurde beschädigt – vermutlich durch einen starken Laser, so Philippa Rothenbühler.

Sie wird bei der Obduktion außerdem feststellen, dass der Tote Pilze zu sich genommen hatte, die in Verbindung mit Alkohol bei gewissen Menschen unverträglich sind. Doch die Reaktion auf den Pilz hat genauso wenig zum Tod des Försters geführt wie das Erbrechen, der Stich in den Bauch, der Schnitt in der Hand, die Verbrennung an der anderen Hand, der Schlag auf den Kopf oder die Verletzung der Netzhaut.

Res Seidelbast ist schlicht und ergreifend erfroren. Es kann der Schlag auf den Kopf gewesen sein, der ihn außer Betrieb gesetzt hat. Aber der Förster hatte 2.3 Promille Alkohol im Blut. Es dürfte für die Staatsanwaltschaft schwer zu beweisen sein, dass Res Seidelbast am Ende nicht einfach seinen Rausch an einem sehr ungeschickt gewählten Ort ausgeschlafen hat – und davon leider nicht mehr erwacht ist.

Die Verdächtigen, beziehungsweise die Beteiligten, können jedoch samt und sonders eruiert, die Geschehnisse, welche indirekt zum Tod von Res Seidelbast führten, rekonstruiert, verstanden, protokolliert und abgelegt werden – was erst den langwierigen nächsten Prozess in Gang setzen wird: jenen des Vergessens und Verdrängens.

Der Förster war ein pedantischer Mensch mit einem Hang zur Akribie, versehen mit ausgeprägter Engstirnigkeit, sturer als jeder Esel und flexibel nur, wenn es um die Auslegung der Treuepflicht als Ehemann ging. Mit seiner Smartwatch zeichnete er alles auf, was eine smarte Watch aufzeichnen kann. Sein Handy trackte nicht nur seine eigenen Bewegungen, sondern zeichnete auch sämtliche Bluetooth-Geräte auf, die sich in seinem Empfangsbereich befanden.

Die Auswertung aller Daten führt zu den Beteiligten, die allesamt geständig sind, wenn auch letztlich nicht zweifelsfrei schuldig. Die Rekonstruktion der Ereignisse ergibt eine Geschichte, die, hätte sie sich ein drittklassiger Krimiautor aus den Fingern gesaugt, als vollkommen unglaubwürdig, ja geradezu hanebüchen, abgetan worden wäre.

Folgendes hat sich zugetragen:

Am Freitagnachmittag gilt es noch ein paar Bäume zu fällen. Das Trüppchen des Forstamtes Überkirchen steht missmutig im Wald. Es könnte längst fertig sein, schon fast im Feierabend eigentlich – was gerade heute praktisch wäre. Der Weihnachtsmarkt ruft. Aber es läuft schlecht. Nicht schlechter als sonst. Aber schlecht. Es läuft immer schlecht, wenn der Chef dabei ist. Die Akribie, mit der er Abstände zwischen den Bäumen misst – messen lässt, wenn man es genau nimmt – haben alle so satt, dass sie noch nicht mal Vergleiche für den Sattheitsgrad heranziehen. Bloß keine Energie verschwenden! Energie, die es braucht, um die Selbstkontrolle nicht zu verlieren. Um dem Pedanten keine reinzuhauen oder ihn zumindest anzuschreien. Alle sind auf ihren Job angewiesen.

Oberförster Res Seidelbast will Struktur im Wald. Regelmäßige Struktur. Wann immer es das Gelände zulässt, bildet er gleichseitige Dreiecke aus möglichst gerade gewachsenen Bäumen. Deswegen spielen sich beim Auslichten der Jungtannen Dramen ab.

An diesem Freitagnachmittag ist es René Bissegger, der das Distanzmessgerät bedienen muss. Er wird vom Förster rumgescheucht, mal hierhin, mal dahin, muss ausmessen, nachmessen, vermessen, bis es in René Bissegger erst langsam köchelt, dann aber so richtig kocht. Um nicht auf der Stelle seinen Chef mit dem Stativ des Messgeräts aufzuspießen und dann totzuschlagen – oder umgekehrt – baut René Bissegger Adrenalin ab, indem er, wie durch Zufall, den Laser über das Gesicht des Oberförsters gleiten lässt. Der Förster wettert, jede verdammte Handpeilung sei besser, als das, was der Bissegger da mit seinem Laser abliefere. Res Seidelbast tritt gleich den Beweis an, indem er sich an den Stamm einer Tanne lehnt, das rechte Auge schließt und über den ausgestreckten Daumen der linken Hand die Winkel und Abstände zwischen den Bäumen prüft. Da verpasst ihm René Bissegger den Laser direkt ins weit aufgerissene linke Auge.

Das habe er mit Absicht gemacht, schreit der Förster im Wald rum, und das werde noch Konsequenzen haben und überhaupt, er habe es satt, mit lauter Stümpern zu arbeiten. Eine verschworene Bande sei das, die einem dahergelaufenen Laserterroristen auch noch passiv-aggressiv zugrinse, jawoll. Und sie sollten sich alle zum Teufel scheren. Das würde er ihnen dann vom Lohn abziehen.

Also wird es dem Trüppchen zu blöd mit ihrem Chef, und sie lassen ihn zurück im Wald, wo er wie Rumpelstilzchen herumstampft und flucht, bis ihm klar wird, dass ihm niemand mehr zuhört.

Als er zu Hause aufschlägt, ist seine Laune nicht besser geworden. Aber immerhin lässt er sie nicht wie sonst an seiner Frau Vroni aus, die von den Allüren ihres Mannes dermaßen die Schnauze voll hat, dass sie ihm eine weitere Lektion erteilen will. Sie erteilt ihm immer wieder Lektionen – die ihn allesamt nicht zur Vernunft bringen. Seit er sie gezwungen hat, ihren drei Töchtern Blumennamen zu geben – Hortensia, Hyazintha und Viola – hat sie unzählige Male erfolglos versucht, ihn durch Schaden klug zu machen. Im Laufe der letzten Jahre haben sich ihre pädagogischen Maßnahmen immer mehr zu eigentlichen Racheaktionen entwickelt. Heute ist es mal wieder Zeit für eine Pilzsuppe. Pilze, von ihrem Göttergatten im Herbst höchstselbst gepflückt – er würde niemals fremdgepflückten Pilzen trauen –, hat er in großem Stil eingefroren und seiner Frau für später zur weiteren Verarbeitung überlassen. Er weiß nichts vom zweiten Vorrat an Netzstieligen Hexenröhrlingen. Die meisten Menschen vertragen diesen Pilz problemlos, selbst, wenn sie Alkohol dazu trinken. Ihr Mann allerdings gehört zu einer kleinen Gruppe, welche die »Netzhexe« nicht mit Alkohol verspeisen darf. Dürfte, um genau zu sein. Denn er selber hat keine Ahnung, dass die Magendarmgeschichten, die ihn immer mal wieder außer Gefecht setzen, irgendwas mit dem Verzehr von Pilzen zu tun haben. Vroni, welche nun mal für die Zubereitung zuständig ist, hat das vor ein paar Jahren eher zufällig entdeckt, weil Res – der Unfehlbare! – zu den Flockenstieligen Hexenröhrlingen, der »Flockenhexe«, versehentlich zwei Netzstielige ins Körbchen gelegt hatte. Oh, wie der ein paar Stunden später gereihert hatte. Und dann praktisch 24 Stunden nicht mehr aus dem Klo rausgekommen war. Herrlich.

Nun also Pilzsuppe. Ohne Alk. Der würde später fast wie von alleine in reichlichen Mengen den Weg zum Pilz finden und dann dem über den Zaun grasenden geilen Bock von einem Ehemann, diesem in fremdgestrickte Ringelsocken stinkenden, pedantischen, rechthaberischen Nichtsnutz nach der Zechtour über den Weihnachtsmarkt und dem Stelldichein bei der Fremdstrickerin die Nacht zur Hölle machen.

»Das gibt Boden«, sagt Vroni zum Förster, als sie das zweite Mal für beide nachschöpft. Ihr Mann ist so von sich selber...


Zai, Tom
Tom Zai, geboren 1965 in Bad Ragaz, ist Autor und Verleger. Er hat zwei Romane, diverse Kurzgeschichten und Jugendbücher veröffentlicht. Zu schreiben begann er, sobald er das Alphabet beherrschte, und als Jugendlicher versuchte er sich erstmals als Liedermacher. Zai lebt in Walenstadt, arbeitet als Primarschullehrer und bastelt in seiner Freizeit im Keller an Progressive Rock Songs. An der Schule verbindet er seine Leidenschaft für Musik und Sprache.



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