Zander | DIE MARXLOH - POWER | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 420 Seiten

Zander DIE MARXLOH - POWER

Integration im Alltag erleben
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-76029-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Integration im Alltag erleben

E-Book, Deutsch, 420 Seiten

ISBN: 978-3-347-76029-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Marxloh-Power - Integration im Alltag erleben Geschichten zum Staunen und Schmunzeln, die vielleicht auch nachdenklich machen. Geschichten über das Ankommen und das Türen-öffnen. Aus dem Alltag. Erzählt von Menschen in Duisburg-Marxloh mit unterschiedlichsten Berufen, darunter Stahlkocher, SchulhausmeisterIn, InhaberInnen von Brautmodengeschäften und Reformhaus, Café, LehrerInnen, Lötmeister, Hotelbetreiber und viele andere. Sie alle meistern mit Fleiß, und Mut, Toleranz und Humor ihren Alltag und öffnen die Türen für alle, die hier leben möchten. Seit mehr als 60 Jahren. Sie haben nie aufgehört, zu träumen. Der Stadtteil verwandelt sich: von 'No-go' zu 'To-go' - daran haben auch die Schulen einen maßgeblichen Anteil. Beeindruckende Geschichten von Menschen, die eines verbindet: Die Marxloh-Power. 'Marxloh ist überall!' sagt Margarete Zander, die den Stadtteil von Kindheit an kennt. 'Nur nirgendwo so schön!' I

Margarete Zander, Dr. phil. ist in Walsum geboren und aufgewachsen, in Duisburgs Norden, einem Stadtteil, der direkt an Marxloh grenzt. In den letzten 33 Jahren arbeitete sie als Journalistin und hat sich als Moderatorin von Sendungen und Konzerten mit klassischer Musik vor allem im norddeutschen Raum und in Berlin einen Namen gemacht. Ihr besonderes Interesse gilt den Menschen und ihren Biografien, die auch Grundlage ihrer Rhetorik-Coachings sind.
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Einleitung

Marxloh, ein Samstagmorgen im August 2022.

Der Sperrmüllwagen der Wirtschaftsbetriebe hallt durch die engen Straßen mit den alten Arbeiterhäuschen beim Hotel Montan. Die Nacht war ruhig. Nur ab und zu ein paar Betrunkene auf dem Weg nach Hause. Ich stehe auf und will erleben, wie Marxloh aufwacht. Heute Mittag werden die Straßen wieder sehr belebt sein – große Familien, oft mit drei oder vier Genrationen, werden aus einem Umkreis von hundert Kilometern anreisen, um gemeinsam etwas Schönes zu erleben. Osnabrück, Emsland, Luxemburg, Köln, Düsseldorf, Moers, Balingen, Dinslaken.

Der Grund: Hier gibt es Luxus: Goldschmuck, Eleganz für die häusliche Einrichtung, traumhafte Hochzeitskleider und Anzüge und schicke Restaurants, die darauf eingestellt sind, dass große Familien kommen und gemeinsam mit vielen Einkaufstüten an großen Tischen sitzen und zusammen essen. Das gemeinsame Shoppen mit der ganzen Familie erinnert besonders die älteren türkischen Frauen und Männer an frühere Zeiten in Istanbul oder Izmir. Und so ein bisschen weht mitten in Marxloh das Flair des Orients durch die Straßen. Schon diese Atmosphäre erleben die Menschen als ein Highlight ihrer Woche, hier gibt es das Lebensgefühl, bei dem sie durchatmen können.

Doch vor elf Uhr tut sich da nichts. Ich gehe los. Gleich an der ersten Straßenecke fegt der bulgarische Besitzer eines kleinen Supermarktes mit einem handlichen, durch die Stille ringsherum heute aber besonders lauten Laubbläser mühsam die Schalen von Pinienkernen zusammen.

„Gar nicht so leicht, diese Teile zu entfernen“, sage ich.

„Geht, ich mach das dreimal am Tag.“ Sein Tonfall sagt: Muss sein. Nervt aber.

Ich biege in die Kaiser-Wilhelm-Straße ein. Kein Autoverkehr, keine Fahrräder, keine Straßenbahn. Alles leer. Aber vor und in den Geschäften ist es wuselig. Überall werden Schaufenster geputzt, Tische und Stühle gesäubert, gefegt, geschrubbt, aufgeräumt. Eine ältere Frau wienert die Haustüre des Mehrfamilienhauses samt Klingelbrett, obwohl der ganze Eingangsbereich ziemlich lädiert aussieht. Die Stimmung ist gut. Ich atme Kohlenpott.

Viele der vierstöckigen Häuser der Jahrhundertwende sind noch vom Kohlenstaub verdunkelt, einige sind renoviert wie das Haus mit dem Türmchen am Pollmann-Eck. Die Ladenbesitzer setzen ihre Angebote in Szene und versuchen, ihrer Ware im Parterre eine Art magische Anziehungskraft zu geben. Die Luft ist hier mitten im Kohlenpott immer noch dreckiger als woanders, aber so schlimm wie früher, als unsere Fenster in Walsum mindestens dreimal in der Woche von einer roten oder schwarzen Staubschicht bedeckt wurden, ist es wohl nicht mehr.

Coffeeshop

An der Trinkhalle in der Weseler Straße, die hier „Coffeeshop“ heißt und während der Woche die erste Anlaufstelle für die Männer auf dem Arbeiterstrich ist, steht heute noch niemand. Ich schau mir mal in Ruhe die Stellwände voller Tüten mit Chips, Sonnenblumen-, Mais-, Kürbis- und sonstigen Kernen genauer an und auch das Plastikspielzeug – trommelnde Äffchen oder Rad fahrende Bären, meist mit Bonbons gefüllt. Außerdem gibt es eine Reihe von Barbiepuppen mit dicken Zöpfen mit exotischem Charme und kleine schicke Döschen mit Dollarzeichen in Gold und einem aufgesetzten Ring von Plastikdiamanten für das Zerkleinern von Haschisch oder Marihuana, wie mir die Verkäuferin erklärt.

In der Bäckerei des Schnellrestaurants Ali Baba steht schon eine kleine Schlange an der Theke. Überwiegend Familienväter, manche mit einem Kind an der Hand. Sie kaufen frisches Brot und Brötchen fürs Frühstück. Doch der Boom kommt noch, so gegen elf bis zwölf Uhr. Die meisten der Stammkunden schlafen gerne lang. Ich entdecke ein neues Geschäft. Exotische getrocknete Früchte, von Mandarinen-scheiben bis zu Blaubeeren, rustikal schick verpackt, Marmelade ohne Zucker, kaltgepresstes Olivenöl. Vielleicht sogar bio? Das wäre eine neue Nuance. Möchte ich später unbedingt hingehen. Öffnet natürlich auch erst um elf Uhr.

Marxloh wirkt beschaulich. Noch sitzen hier keine Bettler, die sich ihre Plätze strategisch günstig an den Laufstrecken der Kundschaft zwischen den schönsten Geschäften suchen, und noch gibt es keine kleinen Grüppchen von Menschen an den Ecken der vielen schmalen Parkwege, die Marxloh durchziehen, die mit ihren Flachmännern, Bierdosen und Energydrinks in der Hand gefühlt permanent und lautstark miteinander diskutieren. Auf Gott und die Welt schimpfen. Noch sind auch keine Mütter mit Kinderwagen und vielen Kindern im Schlepptau unterwegs. Es ist ruhig. Die Sonne scheint. Die Kirchturmuhr schlägt.

Ich weiß: Über Mittag wird es am Samstag sehr geschäftig und belebt in der Geschäftsmeile rund um das Pollmann-Eck. Überall wird dann angeregt miteinander geredet und gelacht. Männer stehen in kleinen Gruppen im Kreis und reden miteinander, gern an den Eingängen von Spielhallen oder neben Trinkhallen und Coffee-Shops. Frauen ziehen große Einkaufsshopper hinter sich her, sie sind meist zu zweit oder zu dritt und treffen sich gern vor den Discountern und den Lebensmittelgeschäften, die Obst und Gemüse auf großen Stellagen weit in den Bürgersteig hinein ausbreiten.

Die Straßencafés werden sich füllen und auch dort werden nur wenige Pärchen sitzen, dafür umso mehr große Familien und Freundeskreise, die sich samstags gern verabreden. Und je später der Tag, umso mehr große Einkaufstüten und prall gefüllte Taschen werden um sie herum stehen. Man hat den Eindruck, die Geschäfte florieren.

Politessen laufen dann herum und schreiben die auf, die die Parkbucht nicht genau getroffen haben und mit einem Rad auf dem Bürgersteig stehen. Es gibt viele dicke Autos und wenig Parkraum. Hier sieht man die neuesten Modelle der gängigen Nobelfabrikate – Mercedes, BMW, ab und zu auch einen Maserati oder Jaguar. Viele SUVs. Und neue Mittelklassewagen. Meist Toyota. Die Autos haben bulgarische, rumänische, polnische, niederländische, belgische und deutsche Kennzeichen. Eine verrückte Mischung aus Familienautos und Geschäftskarossen, die Erfolg demonstrieren. Dazwischen große weiße Lieferwagen mit getönten Scheiben, in denen Arbeiter und Baumaterialien transportiert werden. Das regt die Fantasie an. Krimiautoren, Romanschriftsteller: Hier liegen die Storys auf der Straße!

Ich schlendere zurück ins „Montan“. Frühstücken. Luzie ist da. Wie sie das Buffet herrichtet, ist es eine herzliche Einladung, ein echtes Willkommen. Sie hat ein Händchen für Gastlichkeit. So kann der Tag beginnen.

Warum ich über Marxloh schreibe? Das erzähle ich in meiner ersten der vielen Marxloh-Geschichten, die ich in der Straßenbahn erlebt habe. Und diese hat mich so aufgewühlt, dass ich einfach mehr erfahren wollte. Und anfangen musste, zu erzählen.

Marxloh hat viel Potenzial

Straßenbahn Linie 903:
Schockierende Selbsterkenntnis

Ein extrem heißer Sommertag. Ich fahre mit der Straßenbahn 903 von Duisburg-Walsum zum Hauptbahnhof. Die Bahn ist mehr als voll besetzt, jeder bewegt sich so wenig wie möglich. Auf den Kinderwagen im Tiefeneinstieg türmen sich grellbunte Picknickdecken mit Einhörnern und Rennwagen, riesige Kühltaschen, XXL-Flaschen mit Softdrinks, Wasserpistolen im Maschinengewehr-Design, Plastikeimer und Schaufeln für den Sandkasten, Roller und Dreiräder. Die Menschen hängen schlaff auf den dunkelroten Plastikdoppelsitzen, es ist ungewöhnlich ruhig.

Mein Blick streift über viel nackte Haut mit Tattoos, die über gewölbtem Fleisch zu zerfließen scheinen, über weiße Söckchen in Paillettensandalen, die unter gemusterten Röcken hervorblitzen, über Badiletten mit Plüschknöpfen, riesige dünne Kopftücher und bodenlange bunte Sommerkleider mit langen Ärmeln über Jeans getragen. Ich sehe fleckig bedruckte kurze Baumwoll-Shorts und graue Socken in Sandalen, verschwitzte T-Shirts mit Motiven von Rennwagen und Statements wie „Big is beautiful“ und „New York“. Ob dieser Mann in den mittleren Jahren schon mal in New York war? Oder ob diese Stadt sein großer Traum ist? Wer weiß. Zwischen das gleichmäßige Rattern der Straßenbahn und die Stationsansagen „Heckmann“ und „Wolfstraße“ mischt sich ein mauliges Lamento zweier junger, schmächtiger, sportlich durchtrainierter Männer. Sie tragen weiße T-Shirts mit japanisch anmuten-den Mustern und schwarze, locker fließende Polyesterhosen. Die Gespräche und ihre Sporttaschen lassen darauf schließen, dass sie auf dem Weg zum Boxtraining sind.

Im Gelenk zwischen den Wagen steht ein gutaussehender junger Mann um die Fünfundzwanzig, dunkler Teint, dichte,...



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