E-Book, Deutsch, 248 Seiten, Format (B × H): 137 mm x 216 mm, Gewicht: 350 g
Zapperi Zucker Die Katakombenschule
3. Auflage 2023
ISBN: 978-3-943810-52-3
Verlag: VoG - Verlag ohne Geld
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen aus Südtirol
E-Book, Deutsch, 248 Seiten, Format (B × H): 137 mm x 216 mm, Gewicht: 350 g
ISBN: 978-3-943810-52-3
Verlag: VoG - Verlag ohne Geld
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ada Zapperi Zucker ist in Catania geboren und hat in Rom Klavier und Gesang studiert und dieses Studium an der Musikhochschule Wien beendet. Gleichzeitig hat sie für Dizionario Biografico degli italiani dell'Istituto Treccani, Enciclopedia dello Spettacolo und Enciclopedia Universo De Agostini gearbeitet. Als Opernsängerin war sie hauptsächlich außerhalb Italiens tätig, derzeit unterrichtet sie Gesang in Deutschland und in Südtirol. Von dem südtiroler Maler Gotthard Bonell wurde sie in Malerei unterrichtet. Sie lebt seit vielen Jahren in München, ist mit einem Österreicher verheiratet und hat zwei Kinder.
Zielgruppe
Historisch Interessierte, insbesondere für die Ereignisse in Südtirol im 20. Jahrhundert. Frauenschicksale und bäuerliches Brauchtum.
Weitere Infos & Material
Inhalt
Tresl vom Lärchenhof 15
Die Alte aus der Villa Clara 41
Das Testament 81
Das nackte Leben 107
Der Besuch 153
Die drei Bergphilosophen 179
Ein Leben 203
Die Katakombenschule 227
Tresl vom Lärchenhof
(Übersetzung von Bettina Müller Renzoni)
Wir sind bereits seit einigen Stunden unterwegs; wir haben das Dorf früh am Morgen verlassen, um die vielen Touristen zu meiden, die in den letzten Spätsommertagen in die Stille und Einsamkeit dieser Bergwelt eindringen.
Schweigend sind wir gewandert, ergriffen von der Magie der Landschaft, die wir durchqueren, vom unendlichen Frieden, dem Atem der Erde und Pflanzen, und sind nur hin und wieder mit angehaltenem Atem stehen geblieben, wenn sich im Wald etwas regte: ein aufgeschrecktes Reh, das sofort im Dickicht des Laubwerks verschwindet; ein großer Vogel, der Flügel schlagend lautlos davonfliegt, vielleicht von uns beim Jagen gestört; der entfernte Schrei eines anderen Vogels (ein Signal? Eine Warnung?). Und um uns herum die einzig vom Geräusch unserer Schritte unterbrochene erwartungsvolle Stille. Eine von geheimnisvollem Geraschel, von einem geheimen Leben erfüllte Stille, die wir nicht gewohnt sind.
Aus dem Wald heraus erweitert sich die Aussicht in einen unendlichen Raum zwischen Bergen und Tälern, die sich im Horizont verlieren. Ganz hoch oben, inmitten der Berge erblicken wir einen winzigen Punkt, eine Hütte an einem einsamen unwirtlichen Ort, die sich gleichsam schutzsuchend an eine Felswand lehnt.
Als wir näher kommen, erweist sie sich als halb verfallen, als etwas, was uns als Berghütte gerade noch gut genug erscheint, um einem von Dunkelheit und Schnee überraschten Wanderer Zuflucht zu gewähren. Das Dach des kleinen Stalls daneben wurde vor langer Zeit vom Wind abgedeckt; Schindeln liegen verstreut in einem Umkreis von einigen Metern; Steine, die zum Beschweren dienten, sind weggeflogen wie Strohhalme: ein Zustand allgemeiner Verwahrlosung, und das gewiss nicht erst seit kurzem. Gegen den Wind kann man nichts machen, sagt man im Dorf. Wenn der Nordwind weht, kann man nur warten, bis er aufhört, möglichst an einem geschützten Ort. Allenfalls den Rosenkranz beten.
Der kleine Kamin, der in Felsnähe an einer geschützten Ecke gebaut wurde, vielleicht um zu verhindern, dass er vom Wind weggeblasen wird, lässt auf eine menschliche Anwesenheit schließen: er raucht, wenn auch nur schwach.
Hier oben sinkt die Nachttemperatur wahrscheinlich bereits im Frühherbst auf ein paar Grad unter Null. Das erkennen wir an den vereinzelt gefrorenen Blättern, die an den fast kahlen Ästen hängen, am mit Raureif bedeckten Moos, das unter den Bergschuhen knirscht wie Glasscherben, die zerspringen und sich in Nichts auflösen: Kristallsplitter, strahlend von Licht, die unter der Gewalt unserer Schritte schmelzen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Hier oben ist der Sommer kurz.. Und auch der Herbst. Nur der Winter schlägt Wurzeln.
Der Aufstieg war ziemlich anstrengend. Die letzten Meter, nunmehr über der Baumgrenze, erscheinen uns als die längsten, wir sind außer Atem und können das Keuchen nicht mehr unterdrücken, das wir bis jetzt mit einer Art sportlichem Ehrgeiz unter Kontrolle gehalten haben. Und der leere Magen knurrt (wir haben auf das Frühstück verzichtet, um rasch aufzubrechen) und wartet darauf, dass wir endlich etwas Warmes trinken und das Brötchen essen, das jeder von uns als Proviant mitgenommen hat.
Wir klopfen an die klapprige, von der Zeit und den Unwettern abgenutzte Tür. Kein Geräusch aus dem Innern, niemand antwortet.
»Ist jemand zu Hause? Darf man eintreten?«, ein kleiner Stoß und die Tür geht auf, aber im Raum ist es so finster, dass man nichts sieht: ein schwarzes Loch, weiter nichts. Unsere Augen sind noch vom Licht der Sonne geblendet, das im Hochgebirge heller wirkt als anderswo.
Niemand wagt als erster in die Hütte einzutreten.
»« ruft Mario, der einzige unter uns, der den Südtiroler Dialekt beherrscht, da er halb Deutscher, halb Italiener und in Südtirol aufgewachsen ist. Etwas verunsichert warten wir eine Weile auf ein Geräusch, ein Wort, ein menschliches Zeichen. Nichts, es geschieht nichts. Endlich treten wir, einer nach dem andern ein, vorsichtig, fast ängstlich: Wer, was verbirgt sich in dieser Hütte? Wer lebt hier inmitten dieser schweigenden, bedrohlichen und erhabenen Berglandschaft, die uns Respekt einflößt und in Erstaunen versetzt?
Wer hier wohnt, der Einsamkeit, dem Wind und den Schneestürmen trotzend, muss riesige Kräfte besitzen… oder vielleicht haust hier ein Ungeheuer und unsere Phantasie geht mit uns durch, während das Herz eine Sekunde lang still steht.
Wir brauchen ein paar Minuten, um uns an die Dunkelheit im Hütteninnern zu gewöhnen, denn das Licht fällt nur durch ein kleines Fenster ein, vor dem zum Schutz vor möglichen Dieben zwei gekreuzte Eisenstangen angebracht sind.
In einer Nische zwischen der unglaublich verrußten Wand und dem Ofen, sitzt ein unförmiges Häufchen, das wir im ersten Moment nicht identifizieren können. In dem Sonnenstrahl, der durch das Fensterchen herein leuchtet, erkennen wir zwei unter dem Rock gekreuzte Füße in grob gestrickten Wollsocken, die in zwei von Hand gefertigten Pantoffeln (man nennt sie hier ) stecken. Wir entdecken dann ein dunkel geblümtes Flanellkleid und eine ärmellose, vorn zugeknöpfte Schürze, wie sie alle alten Frauen hier von morgens bis abends tragen und endlich ein helles Baumwollkopftuch, das das Gesicht einer alten Frau halb verdeckt. Runzlig, klein und schmal, mit gebückten Schultern, die knotigen kleinen Hände im Schoß gefaltet, beobachtet sie uns stumm, wie ein überraschtes Tierchen in seiner Höhle.
Unsere Verblüffung ist schwer zu beschreiben.
Mario versucht, ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Er entschuldigt sich, weil wir einfach so in ihr Haus eingedrungen sind...
»«, erwidert eine hohe, schrille, unheimliche Stimme... Mario, der nicht nur den lokalen Dialekt perfekt spricht, sondern auch die Fähigkeit hat, mit jedem menschlichen Wesen, gleich welcher Herkunft und welchen Alters, umgehen zu können, und dies mit einer Wärme und Anteilnahme, mit der er sich sofort alle Sympathien erwirbt, versucht, etwas mehr zu erfahren: Wie sie heißt, wie der Ort heißt, an dem wir uns befinden, warum sie ganz allein hier oben lebt, und ob er etwas für sie tun kann. Mario übersetzt nach und nach für uns, doch er versteht nicht immer alles, teils wegen ihrer Sprache, die er als archaisch bezeichnet, teils weil sie fast keine Zähne mehr hat, was eine klare und präzise Aussprache erschwert. Aber wahrscheinlich liegt es auch an der mangelnden Übung: Sie hat in dieser Einsamkeit gewiss nicht oft Gelegenheit, mit Leuten zu plaudern, und die Touristen, die sich hierher verirren, sprechen gewiss kein Wort Südtirolerisch.
Sie heißt Tresl und die Hütte, in der sie lebt, ist der Lärchenhof. Mario fragt sie, ob es hier je Lerchen gegeben habe, auf diesem Hof und in dieser Höhe. Die Alte lacht. Ein Lachen, das einem Gänsehaut verursacht, so schrill und unnatürlich ist es. Es klingt beinahe, als käme es nicht aus einem menschlichen, sondern aus einem metallenen Körper.
Lerchen gibt es hier keine, antwortet die Tresl kichernd. Früher vielleicht einmal. Als der alte Kaiser noch lebte. Als die Welt noch in Ordnung war. Da wagten sich sogar die Lerchen bis hierher! Der Name des Anwesens habe aber nichts mit den Lerchen zu tun, und wieder lacht sie über das Missverständnis, sondern mit den Lärchen... bis vor kurzem habe nämlich eine wunderschöne Lärche unmittelbar neben dem Haus gestanden.
Mario fragt sie, ob wir uns draußen hinsetzen dürften, um etwas zu essen: wir haben einen rustikalen Holztisch mit einer Sitzbank gesehen.
»«, und es ist nicht klar, ob sie uns zum Bleiben oder zum Gehen auffordert.
Noch erstaunt über die unerwartete Begegnung, setzen wir uns auf die baufällige Sitzbank und fallen um ein Haar herunter. Die Bank ist in der Tat wacklig und morsch und die Nägel sind rostig. Wir setzen uns vorsichtshalber auf das Stallmäuerchen, nachdem wir es etwas gesäubert haben, jeder von uns heimlich von dem Wunsch beseelt, diesen Ort so rasch wie möglich zu verlassen.
Ein paar Minuten später erscheint die Alte auf der Schwelle, schließt die Tür mit einem großen Schlüssel ab, der sich erstaunlicherweise im völlig verrosteten Türschloss immer noch drehen lässt, und macht sich, auf einen knorrigen Stock gestützt, auf den Weg, ohne uns eines Blickes zu würdigen (vielleicht denkt sie, wir seien bereits gegangen, oder sie hat uns einfach vergessen).
Sie sieht aus wie die Hexe aus dem Märchen.
Verblüfft blicken wir ihr nach und fragen uns, wie alt sie wohl sein mag und wie sie hier oben allein, in dieser heruntergekommenen Hütte voller Spinnweben und Schmutz hausen kann.
Wovon sie wohl lebt? Nirgends ein Gemüsegarten, nicht einmal ein paar Hühner. Nichts. Wir sehen nur Verlassenheit, Elend. Einsamkeit.
Schweigend machen auch wir uns auf den Weg, der auf der anderen Bergseite ins Tal hinunter führt. Nach einer knappen halben Stunde auf einem schmalen Fußweg...
Vorwort
Geheimgänge des Lebens
Südtirol ist ein rätselhaftes Land. Wenige andere Kleinregionen suchen derart eindringlich nach klaren Abgrenzungen und markantem Profil, nach Sicherheit und Dauer. Die Politik besteht auf Eigenständigkeit und Autonomie im Verhältnis zu Staat und Nachbarn, die Sprachgruppen achten auf sorgsame Wahrung ihrer Rechte, Landschaft und Berge werden als reinster Ausdruck der Alpen präsentiert.
„Unter den Kleinen der Beste“ – so lautet der unausgesprochene Wahlspruch Südtirols, der stille Lehrplan, dem die meisten Bewohner des Landes zu folgen bestrebt sind. Erfolg, Sicherheit, Abgrenzung gegenüber Nachbarn, anderen Sprachgruppen und Kulturen – das sind jene Leitmotive, von denen die Gesellschaften des Ländchens inmitten der Alpen beseelt sind.
Der Wunsch nach klaren und stabilen Verhältnissen ist das Produkt einer schwierigen Vergangenheit, die das tiefe Bedürfnis nach Sicherheit lebendig erhält. Südtirol hat im Verlauf des 20. Jahrhunderts eine problematische Geschichte mit erstaunlichem Erfolg bewältigt, auf einem oft steinigen Weg, der über die Trennung von Österreich, durch Diktaturen, Armut und das Ringen um Selbstbehauptung geführt hat. Umso stärker ist die Sehnsucht nach Eindeutigkeit, Klarheit und Sicherheit auf vielen Ebenen. Dazu gehört auch der Wunsch nach gefestigten Lebensverhältnissen und Beziehungen, nach wohl geordnetem Familienleben, einem sicheren Horizont von Traditionen, Werten und Verhaltensformen.
Die Wirklichkeit fügt sich freilich nur selten solchen Wünschen, unterhalb des Südtiroler Selbstbildes ist der Boden schwankend. Das Leben der Einzelnen, von Männern und Frauen verläuft nicht linear, sondern folgt oft genug krummen Pfaden, es ist gezeichnet von Brüchen und unerwarteten Wendungen. Die Geschichtsbücher glätten diese Windungen zugunsten großer Erzählungen von Krise, Niedergang und Fall, von Aufstieg und Behauptung. Hinter den breiten Trassen des geschichtlichen Verlaufs verschwinden die Widersprüche und Wellen des Lebens im Fluss der geschichtlichen Darstellungen.
Hier setzen die Möglichkeiten und Aufgaben von Literatur an, die das Widerspenstige und quer Liegende, das Vertraute und Vertrackte in Lebensläufen von Menschen zur Geltung bringt. So liegen auch unter der offiziellen Erfolgsgeschichte von Südtirol Tausende von Einzelbiografien, deren stille Dramatik und Widersprüche sich gegen einfache Deutungen sperren. Diese Leben geben verstörende Rätsel auf, die einfühlsames Erzählen zwar nicht zu lösen, aber sorgsam zu erhellen vermag.
Die Erzählungen von Ada Zapperi Zucker handeln von der Geschichte Südtirols, sie meiden aber ihre großen, grell ausgeleuchteten Gemeinplätze, um verborgenere Orte aufzusuchen. Die Autorin erzählt von Geheimnissen im Leben der Menschen, von ihrem Allerpersönlichsten, das aber in Zusammenhang mit allgemeineren Zeitläuften steht. So ist denn auch der Titel ihres Erzählbands, „Die Katakombenschule“, glücklich gewählt, da er ein grundlegendes Leitmotiv aufgreift: Nur im Abstieg in die unterirdische Welt der Katakomben erschließen sich die geheimen Nischen des Lebens, deren Passage in uns ein Gespür dafür entwickelt, was Leben sein kann: Das Leben von Menschen ist gezeichnet von Schmerz und Entbehrung, aber auch erhellt von Momenten intensiven Glücks, getragen vor allem durch die Fähigkeit, eigenes Scheitern zu erkennen und anzunehmen. „Wieder versuchen / Wieder scheitern / Besser scheitern“, hat der Schriftsteller Samuel Beckett eindringlich formuliert.
„Die Katakombenschule“ – darunter begreift die Südtiroler Geschichtsschreibung jene Geheim- und Notschulen, die Südtiroler Kindern zur Zeit des Faschismus den offiziell streng verbotenen Unterricht in der Muttersprache ermöglichten. Abseits der offiziellen Schule, wohl verborgen vor dem Auge und dem Zugriff der Obrigkeit, erteilten in Bauernhäusern und Scheunen, sogar in der freien Natur meist junge Frauen notdürftigen Deutschunterricht, wobei sie erheblichen Risiken ausgesetzt waren. Es drohten Verhaftung, mitunter auch jahrelange Gefängnisstrafen.
Im Buch von Ada Zapperi Zucker wird der Weg durch die Katakomben, die verborgenen Schutz- und Leidensräume, zur Schule des Lebens und ist damit mehr als ein Kapitel der Südtiroler Schulgeschichte.
Wenige Autorinnen haben so wie Ada Zapperi Zucker mit größter Aufmerksamkeit Südtiroler Lebensgeschichten in ihrer Normalität und Ungeheuerlichkeit registriert. Es sind Biografien und Schicksale, die auf realer Grundlage, auf Erfahrenem und Erzähltem beruhen, aber dank der literarischen Bearbeitung keine Einzelfälle mehr sind. Sie greifen vielmehr allgemeinere Befindlichkeiten des Landes, ja der conditio humana insgesamt auf. Der große Vorzug der Autorin ist ihr doppelter Blick: Zum einen ihre Fähigkeit, als Auswärtige, die nicht in Südtirol, sondern in Catania, Rom und Wien aufgewachsen ist, Distanz und Fremdwahrnehmung aufzubieten. Zum anderen aber vermag es Ada Zapperi Zucker, dank erhöhter Achtsamkeit für ihre zweite Heimat Südtirol, oft übersehene Geschichten aufzugreifen und sie in schmerzlich genauer Sensibilität eindringlich auszugestalten. Ihre Lehrtätigkeit in Südtirol und ihr Gespür für Menschen befähigen die Autorin zu Beobachtungen von seltener Eindringlichkeit, die die Härte des Lebens ebenso erfassen wie die vielfältigen Öffnungen und Chancen, die die menschliche Existenz stets auch ermöglicht. Die Erzählungen sind recht eigentlich Novellen, da sie hinter einer zunächst schlicht anmutenden Oberfläche das Unerhörte hervortreten lassen - die erschreckende Grausamkeit des Alltags, die über viele Jahrzehnte vertieften Abgründe und die Schmerzen, die die Protagonisten einander und sich selbst zufügen.
Die Orte, an denen die Erzählungen handeln, sind meist die Hochtäler des Landes, die Einsamkeit von Dörfern und Höfen, deren Abgeschiedenheit aber eng verflochten ist mit der größeren Geschichte. Ada Zapperi Zucker lässt sich nicht ein auf jene Erzählmuster, die auswärtige Beobachter dem ländlichen Raum und seinen Menschen allzu gerne überstülpen: Aus der Sicht von Städtern sind ländliche Räume oft nur primitive Welten, deren Menschen, getrieben von Instinkten, Traditionen und Hörigkeit, durch ihren brutalen und banalen Alltag taumeln. Solche Darstellungen, die Lebensvollzüge holzschnittartig vereinfachen, sind nichts weiter als voyeuristische Projektionen städtischer Beobachter, Ausweis ärmlicher, oft erbärmlicher Insensibilität. Schriftsteller wie Franz Innerhofer haben in Romanen wie „Schöne Tage“ (1974) diese Welten aus eigener Erfahrung eindringlich und böse seziert, die Epigonen der „Negativen Heimatliteratur“ produzierten hingegen bestenfalls Karikaturen dieser groß- und bösartigen Romane.
Ada Zapperi Zucker spart Härten und Grausamkeit nicht aus, erfasst aber die handelnden Personen in großer Einfühlung, durch genaue Beschreibung ihrer Lebensumstände, vor allem aber in Dialogen, die Umstände und Vorgeschichten entfalten und in denen die Akteure aufleben. Es sind Dialoge, die Leben und Umfeld blitzartig erhellen, zugleich oft auch wie Duelle wirken, in denen Kräfte und Bedürfnisse hervorbrechen und sich große, lange zurückgestaute Gefühle entbinden. Am Ende stehen Scheitern und der denkbar schlimmste Ausgang, aber auch das Aufleuchten von später Hoffnung und großer Gelassenheit. Und es geht stets auch um die oft unversöhnte Beziehung zwischen Menschen unterschiedlicher Sprachgruppen, um Fremdheit und Feindschaft, aber auch um die Chancen der Annäherung, um Verständnis und die aufschließende Kraft der Liebe.
„Die Schule der Katakomben“ ist auch eine Bilanz des 20. Jahrhunderts und seiner Nachwirkungen, das über den Zugang von Familien- und Generationenerfahrungen erschlossen wird. Es ist bezeichnend, dass für Südtirol jüngst vor allem Frauen wie Giovanna Melandri, Sabine Gruber oder Astrid Kofler die Geschichte des Landes in literarischer Form aus der Sicht und Erfahrung von Frauen neu erzählen. Sie unterlaufen die Deutungen der Geschichtsschreibung durch einen anderen, oft eindringlicheren Fokus. Ada Zapperi Zucker zielt ins Herz dieses neuen Erzählens, mit großer Überzeugungskraft und in einer Sprache, die einführt in die Irrgänge des Lebens, um sie sorgsam zu erhellen.




